Am Horn von Afrika brechen alte Territorialkonflikte unter neuen Vorzeichen auf. Ein Zusammenschluss äthiopischer Rebellen verschärft den Konflikt mit Eritrea um den Zugang zum Roten Meer. Die USA suchen eine Annäherung an Eritrea, das seinerseits die Beziehungen zum Iran ausbaut und gegenüber Ansarallah einen eigenständigen Kurs verfolgt. So könnte der Krieg in Äthiopien die Machtverhältnisse am Roten Meer verändern

Der Beitrag erschien am 7. Oktober 2026 auf Englisch bei The Cradle

Von Aidan J. Simardone

Aidan ist Rechtsanwalt für Einwanderungsrecht und Autor. Er verfügt über einen Master in Internationalen Angelegenheiten

Ein neues Bündnis bewaffneter äthiopischer Gruppen hat eine weitere Front gegen Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed Ali eröffnet. In Tigray sind erneut Kämpfe ausgebrochen. Äthiopien und Eritrea haben ihre diplomatischen Beziehungen abgebrochen. Die äthiopische Regierung wirft Eritrea vor, ihre Gegner zu unterstützen. Die USA haben die Sanktionen gegen Eritreas Militär und Regierungspartei aufgehoben und streben eine Annäherung an das Land an, dessen Beziehungen zum Iran und dessen Haltung zum Jemen zunehmend Anstoß erregen. 

In Israel organisieren sich eritreische Exilanten für eine Rückkehr in ihre Heimat. Damit erhält der Machtkampf, der sich bereits vom Sudan bis zur Meerenge Bab al-Mandab erstreckt, eine weitere Dimension. Dem Bündnis dürfte es schwerfallen, aus seiner Gründungserklärung eine gemeinsame militärische Kampagne zu entwickeln. Dennoch zwingt es die äthiopische Regierung, Truppen an den Fronten im Norden und Westen des Landes einzusetzen. Die Regierung fördert angeblich die von den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) unterstützten Rapid Support Forces (RSF) im benachbarten Sudan. Die erneuten Kämpfe drohen das Pretoria-Abkommen zunichtezumachen, das den Tigraykrieg beendete – einen der tödlichsten Konflikte dieses Jahrhunderts.

Äthiopiens innenpolitische Schwierigkeiten könnten den Druck auf Eritrea verringern. Dessen Häfen am Roten Meer stehen im Mittelpunkt äthiopischer Forderungen nach einem Zugang zur Küste. Der Krieg könnte aber auch – wie während des Tigraykrieges – auf Eritrea übergreifen. Der Kampf um Äthiopiens Zukunft ist damit untrennbar mit den rivalisierenden Interessen am Roten Meer, im Sudan und am Golf von Aden verbunden.

Umkämpfte Wasserstraßen am Horn von Afrika

Seit Jahrtausenden versuchen Imperien, ihre Macht am Horn von Afrika auszudehnen. Die Region grenzt an das Rote Meer und den Golf von Aden, miteinander verbunden durch die Meerenge Bab al-Mandab, und liegt der Arabischen Halbinsel gegenüber. Der Schiffsverkehr durch diese Passage verbindet die asiatischen Märkte über den Suezkanal mit Europa. Das äthiopische Hochland speist den Nil und macht das Horn von Afrika zum Schauplatz eines weiteren Konflikts um Wasser und Souveränität.

Äthiopien ist der größte Staat am Horn von Afrika. Neben Liberia bewahrte es als einziges Land während der kolonialen Aufteilung Afrikas seine formelle Unabhängigkeit, auch wenn die italienische Besatzung von 1936 bis 1941 diese Kontinuität unterbrach. Seine Herrscher beschafften sich europäische Waffen und Militärberater und dehnten ihre Herrschaft auf die Gebiete der Oromo und Somali aus. Die Kontakte zu Israel bestanden unter dem marxistisch-leninistischen Derg-Regime fort. 2006 marschierte Äthiopien mit Unterstützung der USA in Somalia ein. Diese Intervention trug zur Entstehung jener Aufstandsbewegung bei, aus der die mit Al-Qaida verbundene Al-Shabaab hervorging.

Die amerikanischen Sanktionen gegen äthiopische und eritreische Akteure im Tigraykrieg veranlassten die äthiopische Regierung, sich für militärische Unterstützung zunehmend den VAE zuzuwenden. Eritrea schlug nach seiner Unabhängigkeit von Äthiopien im Jahr 1993 einen anderen Weg ein. Die eritreische Regierung suchte zunächst die Annäherung an den Westen und bot den USA Einrichtungen für den „Krieg gegen den Terror“ an. Die Beziehungen verschlechterten sich aber, und Eritrea ordnete 2005 an, dass die amerikanische Entwicklungsbehörde USAID ihre Tätigkeit einzustellen habe.

Nach der Gründung des US-Afrikakommandos AFRICOM im Jahr 2007 verweigerte Eritrea die Zusammenarbeit. Der UN-Sicherheitsrat verhängte 2009 Sanktionen gegen Eritrea wegen Vorwürfen der Unterstützung von Al-Shabaab und eines Grenzstreits mit Dschibuti, 2018 wurden sie aufgehoben. Später verhängten die USA eigene Sanktionen wegen der Rolle eritreischer Streitkräfte im Tigraykrieg. Diese Maßnahmen wurden im September 2026 aufgehoben.

Aus Kriegsverbündeten werden Rivalen am Roten Meer

Trotz ihrer unterschiedlichen außenpolitischen Ausrichtungen und langjährigen Feindschaft näherten sich Eritrea und Äthiopien zwischenzeitlich an. Ihr Friedensabkommen von 2018 sollte einen Grenzstreit beilegen, der zwei Jahrzehnte zuvor zum Krieg geführt hatte. Von 2020 bis 2022 kämpften eritreische Streitkräfte an der Seite der äthiopischen Bundesarmee gegen die Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF). Der Krieg hinterließ ein Erbe massiver Gewalt und ungelöster Gebietsansprüche.

Die Annäherung war nach dem Grenzkrieg von 1998 bis 2000 und zwei Jahrzehnten gegenseitigen Misstrauens bemerkenswert. Abiy erhielt für die Aussöhnung den Friedensnobelpreis. Der formelle Frieden löste aber weder die politischen Konflikte in Tigray noch die Frage des äthiopischen Zugangs zur eritreischen Küste. Diese ungelösten Probleme traten nach Ende der gemeinsamen Kampagne gegen die TPLF erneut hervor.

Das Bündnis zerbrach, nachdem Äthiopien und die TPLF im November 2022 das Pretoria-Abkommen ohne Beteiligung Eritreas unterzeichnet hatten. Die eritreische Regierung hatte die vollständige Zerschlagung der TPLF angestrebt. Eritreische Streitkräfte hielten weiterhin Gebiete in Tigray besetzt. Im Sudan rückte Äthiopien durch seine Annäherung an die VAE näher an die RSF heran. Eritrea bildete dagegen Kämpfer aus, die mit den sudanesischen Streitkräften (SAF) verbündet waren. Abiys wiederholtes Beharren auf einem äthiopischen Zugang zum Roten Meer – mit dem Hafen Assab im Mittelpunkt der Debatte – alarmierte die eritreische Regierung zusätzlich.

Das Pretoria-Abkommen begann zu scheitern, weil einzelne Fraktionen innerhalb der TPLF seine Bedingungen nicht akzeptierten. Äthiopien stellte zudem den humanitären Zugang nicht vollständig wieder her. Die Fano-Miliz, die mit der Bundesregierung verbündet war, hielt weiterhin West-Tigray besetzt. 2024 spaltete sich die TPLF in zwei Fraktionen unter Getachew Reda und dem Hardliner Debretsion Gebremichael. Im März 2025 putschte Debretsion in Tigrays Hauptstadt Mekelle. Laut Guardian erhielt er dabei Unterstützung vom Geheimdienst Eritreas – also jenes Landes, das die TPLF wenige Jahre zuvor noch hatte vernichten wollen.

Eritrea weitete seine Kontakte über das Horn von Afrika hinaus aus. Außenminister Osman Saleh nahm 2024 an der Amtseinführung von Irans Präsidenten Masoud Peseschkian teil. Die eritreische Regierung verurteilte sogar die Ermordung des Hamas-Führers Ismail Haniyeh in Teheran. 2025 erörterten die Außenminister beider Länder eine engere Zusammenarbeit. Äthiopische Analysten behaupten, der Iran habe Eritrea mit Drohnen beliefert und eritreisches Territorium sei als Transitroute für Waffenlieferungen in den Sudan genutzt worden.

Eritrea schloss sich den westlichen Verurteilungen der Operationen der mit Ansarallah verbundenen jemenitischen Streitkräfte (YAF) im Roten Meer nicht an. Behauptungen, Eritrea unterstütze die Bewegung in Sanaa, sind allerdings unbewiesen. In Äußerungen zum Jemen erklärte Saleh, die von Saudi-Arabien unterstützte Regierung habe „keine Kontrolle“ über den Jemen, und warnte, ausländische Mächte könnten das Land nicht unterwerfen. Auf die Frage, ob Eritrea Mautgebühren für die Passage durch das Rote Meer erheben werde, antwortete Saleh, dies sei „eine neue Idee, ein neues Konzept“. Er fügte aber hinzu, dass er sich dazu nicht äußern könne, solange im Jemen Krieg herrsche.

Alte Feinde in einem neuen Bündnis

Am 20. September verkündeten sieben bewaffnete Gruppen die Gründung der Ethiopian Peoples’ Forces Alliance for Survival. Dieses Bündnis strebt den Sturz der Regierung Abiy an. Zu seinen Mitgliedern gehören die TPLF und die Amhara Fano National Movement, die im Tigraykrieg gegeneinander gekämpft hatten, sowie die Oromo Liberation Army und kleinere Organisationen aus mehreren Regionen. Ob sie zusammenarbeiten können, insbesondere in Fragen umstrittener Gebiete, bleibt ungewiss. 

Das Bündnis vereint Gruppen aus verschiedenen Regionen, deren Verhältnis zur äthiopischen Bundesregierung von unterschiedlichen historischen Konflikten geprägt ist. Seine Gründungserklärung stellt die Regierung zunächst auf dem Papier vor eine Herausforderung. Die militärischen Führungen in Tigray, Amhara, Oromia und Afar verfolgen aber weiterhin eigene Ziele. Insbesondere West-Tigray bleibt zwischen ehemaligen Feinden umstritten, die nun unter einem gemeinsamen Banner kämpfen sollen. Mehrere Entwicklungen haben zu dieser Situation geführt. 

Erstens wandten sich die Fano 2023 gegen die Bundesregierung, nachdem diese versucht hatte, sie in die nationale Armee einzugliedern. Im Januar 2026 schlossen sich verschiedene Fraktionen zur Amhara Fano National Movement (AFNM) zusammen. Im folgenden Monat begann die AFNM einen Überraschungsangriff. Dabei nutzte sie die Verlegung äthiopischer Streitkräfte (ENDF) aus der Region Amhara nach Tigray aus. Zweitens festigte Abiy Ahmed seine Macht, nachdem er bei den Wahlen im Juni 2026 insgesamt 486 der 547 Parlamentssitze gewonnen hatte. Damit wurde die Möglichkeit eines politischen Machtwechsels versperrt. 

Tigray nahm nicht an den Wahlen teil, und in Amhara und Oromia blieben einige Wahllokale geschlossen. Aus Sicht der Rebellen war das Ergebnis deshalb illegitim. Schließlich bekam Äthiopien die Folgen seiner Intervention im Sudan zu spüren. Im Februar 2026 half Äthiopien den RSF, im benachbarten sudanesischen Bundesstaat Blauer Nil eine neue Front zu eröffnen. Die sudanesischen Streitkräfte hatten zuvor im Westen Geländegewinne erzielt. Im Mai fand im Sudan ein Treffen verschiedener Rebellenfraktionen statt, aus dem vier Monate später die Allianz für das Überleben hervorgehen sollte.

Für eine Bewertung der Rebellenoffensive ist es noch zu früh. Die TPLF eroberte zunächst mehrere von der Bundesregierung kontrollierte Flughäfen. Kurz darauf verlor sie aber die Stadt Alamata, die sie seit Januar 2026 kontrolliert hatte. Es folgte der Verlust von Süd-Tigray und Mekelle. Eine ähnliche Entwicklung hatte sich im November 2020 ereignet, als die TPLF bis 2021 nahezu ihr gesamtes Territorium verlor. Damals gelang es ihr aber, die ENDF durch einen Aufstand zu zermürben. Bis Juli 2021 eroberte sie sämtliche verlorenen Gebiete zurück und begann wenige Monate später sogar eine Offensive in Richtung Addis Abeba. Ob ihr dies erneut gelingen kann, bleibt offen.

Die Afar Revolutionary Democratic Unity Front (ARDUF) war zunächst erfolgreich und eroberte mehrere Städte östlich von Tigray, wurde inzwischen aber zurückgedrängt. Die Fano wiederum waren nur begrenzt aktiv und nahmen einige Städte ein. Die äthiopische Regierung wirft Eritrea vor, die Rebellen zu unterstützen. Der Gouverneur der Afar-Region beschuldigte Eritrea, die Straße nach Dschibuti unterbrechen zu wollen, über die 97 Prozent des äthiopischen Außenhandels abgewickelt werden.

Am 1. Oktober brach die äthiopische Regierung die Beziehungen zu Eritrea ab und warf dem Nachbarland vor, an „Aktivitäten beteiligt zu sein, die eine unmittelbare Bedrohung für die nationale Sicherheit Äthiopiens darstellen“. Bislang sind die Belege für eine eritreische Unterstützung schwach. Äthiopiens Zersplitterung könnte Eritrea vom Druck im Hinblick auf den Rotmeerhafen Assab entlasten. Ein Konflikt, der sich auf die gemeinsame Grenze ausweitet, könnte könnte auf Eritrea übergreifen und Äthiopien einen Vorwand für eine Invasion liefern.

Einige Beobachter befürchten, dass Äthiopien Eritrea angreifen will, sobald die Bedrohung durch die Rebellen beseitigt ist. Eritrea sieht sich außerdem einer Opposition gegenüber, die sich in der Diaspora organisiert. Ein Bericht von Haaretz schildert eritreische Exilanten, die sich in einer Lagerhalle in Tel Aviv auf ihre Rückkehr vorbereiten, um Präsident Isaias Afwerki herauszufordern. Ihre Aktivitäten auf israelischem Boden dürften bei der eritreischen Regierung Fragen über Israels Haltung aufwerfen, insbesondere nachdem Saleh Israel vorgeworfen hatte, seinen Einfluss entlang des Roten Meeres ausdehnen zu wollen.

Für Israel verursacht eine Störung des Schiffsverkehrs am Bab al-Mandab unmittelbar strategische Kosten. Eritreas Küste liegt dem Jemen gegenüber, dessen Streitkräfte ihre Position an der Meerenge genutzt haben, um den Schiffsverkehr mit Verbindungen zu Israel und dessen Verbündeten anzugreifen. Salehs Äußerungen über Mautgebühren haben Fragen darüber aufgeworfen, welche Rolle Eritrea bei einer künftigen Regelung spielen könnte. Eine engere Zusammenarbeit über die Meerenge hinweg bleibt aber eine Möglichkeit. 

Eritrea und die Regierung in Sanaa haben keinen gemeinsamen Plan bekannt gegeben. Die USA haben einen anderen Kurs eingeschlagen. Amerikanische Regierungsvertreter hatten bereits seit Monaten eine Annäherung an Eritrea sondiert. Am 18. September, noch vor Salehs Äußerungen zur Mautfrage, hob die Trump-Regierung die Sanktionen gegen Eritreas Militär und Regierungspartei auf.

Das amerikanische Außenministerium erklärte, die Entscheidung diene den regionalen Interessen der USA. Sie könnte Washington einen Zugang zur eritreischen Regierung im Wettbewerb um das Rote Meer eröffnen. Aus dem zeitlichen Zusammenhang allein lässt sich allerdings nicht ableiten, dass die Lage im Jemen für die Entscheidung ausschlaggebend war.

Ein Krieg mit Folgen weit über Äthiopien hinaus

Die Rebellenoffensive in Äthiopien wirkt sich bereits auf das gesamte Horn von Afrika aus. Am 27. September wurde der Luftwaffenstützpunkt Harar Meda von einer Langstreckenrakete getroffen, dabei kamen mehrere Angehörige der äthiopischen Luftwaffe ums Leben. 

Der Stützpunkt ist eine wichtige Zwischenstation für Waffenlieferungen der VAE an die mit Khalifa Haftar verbundenen Kräfte in Libyen und an die RSF im Sudan. Die RSF erleiden im Sudan bereits erhebliche Rückschläge, die sich mit der Fortsetzung des Konflikts in Äthiopien noch verstärken dürften. Weniger Nachschub für Khalifa Haftar könnte das Kräfteverhältnis in Libyen zugunsten der international anerkannten Regierung der Nationalen Einheit verschieben.

Äthiopien erwägt inzwischen, seine Truppen aus Somalia abzuziehen. Dies könnte das Land weiter destabilisieren, wie Kämpfe in der Region Bay zeigen, in der äthiopische Truppen stationiert sind. Zugleich könnte sich für andere Staaten die Gelegenheit eröffnen, eine wichtigere Rolle zu übernehmen, etwa für die Türkei, die ihren Einfluss in Somalia seit zwei Jahrzehnten ausbaut.

Auch zwischen Äthiopien und Ägypten haben sich die Spannungen verschärft. Beide Länder wiesen gegenseitig Diplomaten aus, nachdem die äthiopische Regierung Ägypten vorgeworfen hatte, sich in ihre inneren Angelegenheiten einzumischen. Ägypten und Äthiopien streiten seit Langem über den Großen Äthiopischen Renaissance-Staudamm (GERD), von dem Ägypten befürchtet, dass er den Wasserzufluss des Nils verringern wird. Wie sich die Lage langfristig entwickelt, hängt vom Erfolg der Rebellenoffensive ab. 

Sollte die Allianz für das Überleben weitere Gebiete erobern oder den Angriffen der ENDF auch nur standhalten, müsste Äthiopien weiterhin Kräfte aus dem Sudan und Somalia abziehen. Würde die Fernstraße nach Dschibuti unterbrochen, verlöre Äthiopien seinen Zugang zum Meer, was die wirtschaftliche Lage und die Ernährungssicherheit verschlechtern würde. Dschibuti wiederum könnten Gebühreneinnahmen von bis zu zwei Mrd. Dollar entgehen – ein schwerer Schlag für eine Volkswirtschaft mit einer Wirtschaftsleistung von 4,6 Mrd. Dollar.

Auch regionale Mächte würden versuchen, die Situation zu ihrem Vorteil zu nutzen. Ägypten und Sudan lehnen den GERD entschieden ab. Ägypten hat verdeckte Drohungen ausgesprochen, den Staudamm zu zerstören, der weniger als zehn Kilometer von der sudanesischen Grenze entfernt liegt. Sollte die TPLF ihre Verluste wettmachen und nach Westen vordringen, während die ARDUF nach Osten vorstößt, entstünde für Eritrea eine Pufferzone gegenüber Äthiopien. Die anhaltenden Kämpfe Äthiopiens gegen die Rebellen würden zudem die Gefahr eines äthiopischen Angriffs auf Eritreas Hafenstädte verringern.

Eine Einmischung in Äthiopien wäre aber riskant, falls die Rebellenoffensive niedergeschlagen wird. Äthiopien könnte seine gesamte Aufmerksamkeit auf den Sudan richten und mit Drohnen und Raketen ägyptische Schiffe im Roten Meer angreifen. Eritreas Unterstützung für Rebellengruppen würde Äthiopien den benötigten Vorwand liefern, eritreische Hafenstädte einzunehmen. Zudem besteht die Gefahr, dass sich eine erstarkte TPLF gegen ihren früheren Rivalen wendet. 

Möglicherweise haben Ägypten, Eritrea, Somalia und Sudan deshalb eine gemeinsame Erklärung abgegeben, in der sie zu einer friedlichen Lösung des Konflikts aufrufen. Eritreas Führung hat Sanktionen, Grenzkriege und eine Militärmeuterei im Jahr 2013 überstanden. Die in Israel organisierten Exilanten haben bislang nicht gezeigt, dass sie innerhalb Eritreas eine wirksame Herausforderung darstellen können. Ihr Auftreten verstärkt in Eritrea das Gefühl der Einkreisung. Hinzu kommen Äthiopiens Ansprüche auf einen Zugang zum Roten Meer und die Verschiebung des Kräfteverhältnisses an der Meerenge.

Auch die amerikanische Annäherung bleibt in ihren Folgen ungewiss. Die Aufhebung der Sanktionen könnte Eritrea dazu bewegen, Abstand zur Regierung in Sanaa zu halten oder andere Beziehungen zu vertiefen – je nach dem, was die USA anbieten. Eritrea hat seine Unabhängigkeit von ausländischen Militärarrangements seit Langem verteidigt. Aus den bisherigen diplomatischen Signalen lässt sich daher weder auf die Einrichtung eines amerikanischen Militärstützpunkts noch auf ein formelles Bündnis Eritreas mit dem Jemen oder Iran schließen.

Das Rote Meer nach Äthiopiens Bruch mit Eritrea

Das Horn von Afrika hat die Menschheitsgeschichte geprägt, von den frühesten Wanderungen des Homo sapiens bis zur ersten Zuflucht von Muslimen in Abessinien. Heute verbinden seine Häfen und Meerengen den Handel zwischen den Kontinenten. Der Nil verknüpft die Region mit Ägypten und Sudan. Aufgrund dieser Verbindungen hat ein erneuter Krieg in Äthiopien Folgen, die weit über die Landesgrenzen hinausreichen.

Wenige Wochen nach Verkündung des Bündnisses kam es im Norden Äthiopiens zu Kämpfen zwischen Regierungstruppen und ihren Gegnern. Die Beziehungen zu Eritrea brachen ab, und die äthiopische Regierung erwog einen Rückzug ihrer Truppen aus Somalia. Durch den diplomatischen Streit mit Ägypten ist auch der Konflikt um den Nil Teil der Krise geworden. Die USA suchen eine engere Zusammenarbeit mit Eritrea. 

Die Regierung in Sanaa setzt ihre Angriffe auf den Schiffsverkehr im Roten Meer fort. Äthiopiens Krieg gibt seinen Nachbarn zusätzliche Gründe, sich einzumischen, und droht zugleich auf deren Territorien überzugreifen. Der Ausgang hängt davon ab, ob die Allianz ihre Kräfte koordinieren kann, wie die Bundesarmee reagiert und welche Entscheidungen die Regierungen Eritreas, Sudans und Ägyptens treffen. 

Selbst ohne einen Vormarsch auf Addis Abeba würde ein langwieriger Feldzug Äthiopien dazu zwingen, Ressourcen von seinen anderen Fronten abzuziehen, und den Kampf um die Küste des Roten Meeres verschärfen. Die alten Territorialkonflikte der Region werden unter neuen Vorzeichen ausgetragen. Dabei stehen auch die Schifffahrtswege und die Kriege in den Nachbarländern auf dem Spiel.

Titelbild: Karte: Eric Gaba (Sting), deutsche Beschriftung: Titus Groan, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/. Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Red_Sea_topographic_map-de.svg