Ansar Allah ist ein Musterbeispiel für die Gestalt des Partisanen. Die Kämpfer der Bewegung sind in den Bergen des zaiditischen Imamats verwurzelt. Ihren Kampf mit der Erde haben sie zur Kontrolle über das Meer ausgeweitet. Die Erhebung mit dem Schwert (Qiyam bi-l-Sayf) überträgt die Entscheidung des Imams zur Erhebung gegen den Tyrannen zyklisch in die Gegenwart. Der Sieg wird nicht gemessen in Wahlzyklen, sondern in Jahrhunderten. Die Abschreckung am Bab al-Mandab schreibt einen entstehenden Großraum in die Landkarte ein. Aber seine Entstehung ist nicht frei von Gefahren

Der Beitrag erschien am 13. September 2026 auf Englisch bei Multipolar Press

Von Ali-Mohammad Mohajer Nasser

Ali-Mohammad Mohajer Nasser hat Politikwissenschaft an der Shahid-Beheshti-Universität in Teheran und Global Governance an der Universität Jena studiert

Einleitung: Der dritte Rückzug der maritimen Hegemonie

Am 10. September 2026 haben die Kräfte von Ansar Allah, jener im Ausland ungenau Huthi genannten Bewegung, nach wochenlangen schweren Kämpfen entlang der jemenitischen Westküste die vollständige Kontrolle über den strategisch wichtigen Hafen von Mokka erlangt. Einheiten des „Nationalen Widerstands“ und der „Riesenbrigaden“, die beide mit der saudisch-emiratischen Koalition verbündet sind, haben sich nach schwerem Artilleriebeschuss zurückgezogen, nachdem ihr Versuch gescheitert war, den Vormarsch der Huthi aufzuhalten. Sie formieren ihre Frontlinie nun andernorts neu. 

Mokka liegt nur 70 Kilometer von der Meerenge Bab al-Mandab entfernt, durch die rund 12 Prozent des weltweiten Seehandels verlaufen. Wer den Hafen kontrolliert, verfügt über die Fähigkeit, eine der folgenreichsten Engstellen der Weltwirtschaft zu überwachen, zu bedrohen und – falls erforderlich – zu sperren. Zum dritten Mal innerhalb von weniger als 18 Monaten ist eine Militärmacht mit offenkundiger technologischer Überlegenheit daran gescheitert, Ansar Allah zu unterwerfen. 

Zuerst führten die Vereinigten Staaten zwischen März und Mai 2025 mehr als 1.100 Luftangriffe zum Preis von mindestens zehn Milliarden Dollar durch, ohne dass es ihnen gelang, die Führung der Bewegung auszuschalten oder ihre Raketenfähigkeiten entscheidend zu schwächen. Schließlich stimmten sie einem Waffenstillstand zu, aus dem Washington und nicht Sanaa als Verlierer hervorging. Auch die saudisch-emiratische Koalition hatte die seit 2015 erzielten Geländegewinne nicht dauerhaft halten können.
Und nun, im September 2026, geschieht es zum dritten Mal.

Die strategische Bedeutung Ansar Allahs sollte aber nicht allein in dieser jüngsten Episode gesucht werden. Während des Zwölftagekriegs zwischen Israel und Iran im Juni 2025 und im größeren Krieg des Frühjahrs 2026, der mit dem amerikanisch-israelischen Angriff auf den Iran am 28. Februar begann und fast 40 Tage dauerte, gehörte Ansar Allah zu den wenigen regionalen Akteuren, die tatsächlich und nicht nur in Erklärungen in den Kampf eintraten. Ab dem 28. März 2026 feuerte die Bewegung ballistische Raketen auf Israel ab und erklärte: Unser Finger zieht ab, wann immer die Entwicklungen es erfordern. Der Jemen hatte seit 2015 unter Bombardements und Blockade gelebt, in dieser entscheidenden Stunde war er das einzige Land, das nicht mit einer Erklärung, sondern mit Feuer antwortete. 

Um diese Widerstandsfähigkeit zu verstehen, muss man weiter zurückblicken. Ansar Allah hat seine Wurzeln in einer Wiederbelebung des Zaidismus, eines Zweigs des schiitischen Islam, der den Norden des Jemen – einschließlich der gebirgigen Provinz Saada – mehr als tausend Jahre lang beherrscht hatte, bis die republikanische Revolution von 1962 dem zaiditischen Imamat ein Ende setzte. Die Bewegung Ansar Allah nahm in den 1990er-Jahren unter Hussein Badreddin al-Huthi Gestalt an, als Reaktion auf die Marginalisierung der zaiditischen Identität und die Ausbreitung des von Saudi-Arabien unterstützten wahhabitischen Einflusses. Hussein wurde 2004 getötet, aber die Bewegung eroberte unter der Führung seines Bruders Abdul-Malik al-Huthi 2014 Sanaa und hat sich seit der Intervention der saudisch geführten Koalition im Jahr 2015 behauptet. 

Im Folgenden soll versucht werden, diese dreifache Widerstandsfähigkeit – gegenüber den Vereinigten Staaten, der arabischen Koalition und nun bei Mokka – nicht anhand des vertrauten Gegensatzpaares „Land gegen Meer“ zu verstehen, das in Diskussionen über tellurische und thalassokratische Macht so häufig bemüht wird, sondern mithilfe dreier weiterer Instrumente aus dem Werk Carl Schmitts. Zusammen mit der zaiditischen politischen Theologie gelesen, ermöglichen sie eine präzisere Deutung des Phänomens: die Theorie des Partisanen, die Zeitlichkeit des „Qiyam bi-l-Sayf“ (Erhebung mit dem Schwert) und das Konzept des Großraums. 

Die Gestalt des Partisanen – der irreguläre tellurische Feind

1963 versuchte Carl Schmitt in seiner Theorie des Partisanen, ein theoretisches Porträt jenes Kämpfers zu entwerfen, der die Kriege der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt hatte, von Spanien bis Vietnam. Der wahre Partisan besitzt nach Schmitt vier Merkmale: 1. Irregularität: Er ist kein Soldat einer formal konstituierten Armee. 2. Außergewöhnliche taktische Beweglichkeit. 3. Eine außergewöhnliche Intensität des politischen Engagements 4. Einen tellurischen Charakter, eine organische Bindung an den heimischen Boden, an ein Land, das er kennt, bewohnt und verteidigt. Diese Eigenschaft ist wichtiger als die drei anderen.

Dieses vierte Merkmal unterscheidet den Partisanen vom kosmopolitischen Revolutionär leninistischen oder maoistischen Typs. Der kosmopolitische Revolutionär betrachtet Grenzen als bloße horizontale Trennlinien und versucht, die Revolution an jeden Ort der Welt zu exportieren. Der tellurische Partisan dagegen führt seinen Krieg an einem bestimmten Ort und zur Verteidigung eben dieses Ortes.

Ansar Allah ist beinahe ein Musterbeispiel für diese Gestalt. Die Bewegung ist keine reguläre Armee mit den Uniformen und der klassischen Hierarchie einer solchen, auch wenn ihre militärische Struktur in den vergangenen Jahren erheblich formalisiert worden ist. Noch verfolgt sie das Projekt, die Revolution über die Grenzen des Jemen hinaus zu exportieren. Einen solchen Anspruch hat sie nie erhoben. Ihre Kämpfer sind in genau jenen Tälern und Bergen Saadas verwurzelt, über die Generationen zuvor das zaiditische Imamat herrschte. In mehr als einem Jahrzehnt Krieg wurden Raketenwerfer und Kommandozentralen in eben diesem unwegsamen Gelände verborgen, gegen das sich die absolute Luftüberlegenheit der Vereinigten Staaten und der arabischen Koalition als weitgehend nutzlos erwies, weil ihr jene Kenntnis gegenüberstand, über die nur der Bewohner eines Landes verfügt. 

Carl Schmitt schreibt, der Partisan „kämpft mit der Erde, nicht gegen sie“. Genau darin liegt der Unterschied zwischen dem amerikanischen Soldaten, der vom Deck eines Flugzeugträgers oder aus 10.000 Metern Höhe operiert und keinem bestimmten Ort über seine funktionale Aufgabe hinaus verpflichtet ist, und dem jemenitischen Kämpfer, für den der Berg die Heimat ist. Die jüngste Schlacht um Mokka deutet allerdings darauf hin, dass sich dieser Partisanencharakter inzwischen von der Verteidigung der Berge hin zur territorialen und sogar maritimen Kontrolle ausgeweitet hat – ohne seine politische Intensität oder seine tellurische Bindung eingebüßt zu haben. 

Darin liegt zugleich eine Antwort auf einen von Schmitt selbst geäußerten Zweifel an der Zukunft des Partisanen im Zeitalter der Technik: Kann der Partisan in einem voll technologisierten Krieg bestehen? Die jemenitische Erfahrung gibt eine bedingt bejahende Antwort. Jede Partisanenbewegung, die von der territorialen Verteidigung zur territorialen Herrschaft überging, sah sich – von Tito bis zum Vietcong – der Gefahr der „Normalisierung“ ausgesetzt: der Gefahr, dass sie im Prozess der Konsolidierung ihrer Macht ebenjene Verwundbarkeiten einer regulären Armee annimmt, gegen die sie zuvor immun gewesen war. Ob Ansar Allah eine Ausnahme von dieser Regel darstellt, wird nicht im Text der Theorie, sondern auf dem Feld der Praxis entschieden werden.

Die Zeit des Qiyam bi-l-Sayf – eine Gegenkonzeption zur westlichen Zeitlichkeit

Das Prinzip des Qiyam bi-l-Sayf, des Erhebens mit dem Schwert, muss vor einer theoretischen Deutung an seinem genauen Ort innerhalb der zaiditischen Theologie verortet werden. Anders als die imamitische (zwölferschiitische) Tradition, die das Imamat auf göttliche Bestimmung (nass) und erbliche Weitergabe durch die Linie der unfehlbaren Imame gründet, und anders als die sunnitische Tradition, die es über den Treueid (bay’a) und den Konsens (ijma’) versteht, vertritt die zaiditische Rechtslehre – mindestens seit ihrer Systematisierung durch al-Qasim ibn Ibrahim al-Rassi im dritten islamischen Jahrhundert – die Auffassung, dass das Imamat an eine Reihe von Voraussetzungen gebunden ist. Neben der Abstammung von Hasan oder Husain ibn Ali und der Befähigung zur selbstständigen Rechtsfindung (ijtihad) gehört dazu die Forderung nach dem Qiyam bi-l-Sayf selbst:

Wer Anspruch auf das Imamat erhebt, muss sich persönlich und durch sein Handeln gegen das Unrecht erheben, damit dieser Anspruch gültig werden kann. Wilferd Madelung behandelt in seiner klassischen Studie über das zaiditische Imamat gerade dieses Merkmal als das entscheidende Unterscheidungsmerkmal des Zaidismus gegenüber anderen schiitischen Richtungen: Anders als das imamitische Imamat, das durch die Lehre von der Verborgenheit suspendiert wurde, war das zaiditische Imamat niemals vom offenen politischen Handeln getrennt. Neuere Forschungen zur zeitgenössischen zaiditischen Wiederbelebung, darunter die Arbeiten von Bernard Haykel und Najam Haider, zeigen ebenfalls, dass Ansar Allah selbst in seiner modernen Neuinterpretation des zaiditischen Erbes an dieser klassischen Achse festgehalten hat: Legitimität wird nicht von außen verliehen, sondern durch Handeln bewiesen.

Diese Struktur lässt sich über ihren streng rechtswissenschaftlichen Rahmen hinaus als eine Theorie der Legitimität lesen, die eine echte theoretische Verwandtschaft mit Schmitts politischer Theologie aufweist. Schmitts politische Theologie geht von einer grundlegenden Analogie aus: Die zentralen Begriffe der modernen Staatslehre sind säkularisierte theologische Begriffe. So wie der allmächtige Gott durch das Wunder die natürliche Ordnung außer Kraft setzen kann, begründet oder erneuert der politische Souverän im Ausnahmezustand die Ordnung durch Entscheidung – und nicht durch Rückgriff auf eine bereits bestehende Regel. Legitimität ist in dieser Lesart das Produkt von Handlung und Entscheidung und nicht bloß die Fortsetzung eines bereits etablierten Verfahrens. 

Das Prinzip des Qiyam bi-l-Sayf formuliert innerhalb einer von Schmitt völlig unabhängigen und erheblich älteren Tradition genau dieselbe Logik: Der Imam schafft sein eigenes Imamat durch die Entscheidung, sich zu erheben, und nicht allein durch seine Abstammung. Was diese beiden Traditionen verbindet, ist nicht die Annahme einer gegenseitigen Beeinflussung, für die es keine Grundlage gibt, sondern ihre strukturelle Konvergenz in einer gemeinsamen Frage: Woher stammt Legitimität, wenn die bestehende Ordnung sich nicht mehr aus sich selbst heraus rechtfertigen kann? Aus dieser Struktur ergibt sich eine eigenständige Konzeption politischer Zeit. 

Die Zeitlichkeit des modernen liberalen Westens ist linear und entwicklungsorientiert. Geschichte wird als fortschreitender Prozess begriffen, der sich in berechenbaren Intervallen messen lässt. Der Zeithorizont eines amerikanischen politischen Entscheidungsträgers reicht allenfalls bis zum nächsten Wahlzyklus oder bis zum Ende der jährlichen Haushaltsperiode für die Verteidigung. Konzepte wie Shock and Awe oder Regime Change sind innerhalb dieses kurzen Zeithorizonts entworfen. Die Zeit des Qiyam bi-l-Sayf ist dagegen zyklisch und revivalistisch: Ein zaiditischer Imam kann sich tausend Jahre nach dem Untergang des letzten Imamats „erheben“, weil das gegenwärtige Ereignis innerhalb dieser Konzeption die unmittelbare Fortsetzung einer tausendjährigen Erzählung und nicht die Reaktion auf eine zeitgenössische Krise darstellt. 

Wenn ein Kämpfer Ansar Allahs gegen die Vereinigten Staaten und Saudi-Arabien zu den Waffen greift, wiederholt er innerhalb seines eigenen zeitlichen Bezugsrahmens denselben Gründungsmoment: den gerechten Imam mit dem Schwert, der dem ungerechten Tyrannen entgegentritt. Diese Zeitlichkeit, die Ereignisse in Generationen und Jahrhunderten statt in Wahlzyklen misst, verleiht dem Widerstand eine Geduld, die keine Shock-and-Awe-Kalkulation brechen kann: Die Vereinigten Staaten wurden im Jemen nicht besiegt, weil ihre Armee vernichtet worden wäre. Sie wurden besiegt, weil sie „Sieg“ innerhalb ihres eigenen zeitlichen Bezugsrahmens definiert hatten, während im Bezugsrahmen ihres Gegners das Maß des Sieges von Anfang an ein völlig anderes war. 

Vom Nomos der Erde zum Großraum des Widerstands

Die Beziehung zwischen dem Iran, Ansar Allah und der Hisbollah wird gemeinhin anhand des vertrauten Gegensatzpaares tellurisches Land gegen thalassokratisches Meer verstanden. Dasselbe Schema wurde im vorherigen Abschnitt auf das Verhältnis des Partisanen zum Boden angewandt. Dieses Gegensatzpaar mag geeignet sein, um die Beziehung des Kämpfers zum Boden zu erfassen, ist aber zu grob, sobald man sich der größeren Struktur der sogenannten Achse des Widerstands zuwendet: Es sagt uns nur, dass diese Achse „im Land verwurzelt“ ist, ohne zu bestimmen, welche konkrete politische und rechtliche Ordnung diese Verwurzelung hervorbringt. Für eine Analyse auf dieser Ebene liefert Schmitt ein präziseres Instrument: den Großraum.

Der Großraum ist bei Schmitt weder nur ein altmodisches Imperium noch eine bloße geografische Einheit, sondern ein dreigliedriges Verhältnis zwischen einer Zentralmacht, einer führenden politischen Idee und einem Raum, der durch diese Idee geordnet wird und für sich beansprucht, von der Intervention raumfremder Mächte frei zu sein. Jenes Prinzip bezeichnet Schmitt als „Interventionsverbot für raumfremde Mächte“. Schmitts paradigmatisches Beispiel für diese Struktur ist die amerikanische Monroe-Doktrin: eine Zentralmacht, die mittels einer politischen Idee einen Raum ordnet und die Intervention von Mächten untersagt, die diesem Raum „fremd“ sind.

Die Achse des Widerstands lässt sich in diesen Begriffen verstehen – nicht als loses militärisches Bündnis nichtstaatlicher Akteure, sondern als entstehender Großraum. Seine Zentralmacht ist der Iran, seine führende Idee ist der Widerstand gegen die westlich-israelische Hegemonie in Westasien. Und nun hat dieser Raum mit Ansar Allahs Kontrolle über Mokka und den Bab al-Mandab erstmals eine praktisch durchsetzbare Grenze für ebenjenes Interventionsverbot erhalten – nicht auf der Ebene der Theorie, sondern auf der Ebene von Raketen und Radar. 

Die iranische Abschreckung in der Straße von Hormus bildet gemeinsam mit den Fähigkeiten Ansar Allahs am Bab al-Mandab die beiden Enden eines einzigen Bogens. Er erhebt den Anspruch, dass zwei der weltwichtigsten Engstellen für Energie und Handel keine ihm fremden Räume sind, die der Intervention amerikanischer und europäischer Streitkräfte offenstehen. Was diese Lesart vom einfachen Land-Meer-Gegensatz unterscheidet: Der Großraum stellt – anders als der Nomos der Erde, der nur ein ontologisches Verhältnis zum Ort beschreibt – eine operative und rechtlich-politische Struktur bereit: Wer bildet die Zentralmacht, was ist die führende Idee, und wo verläuft die tatsächliche Grenze des Interventionsverbots? 

Aus dieser Perspektive ist der Fall Mokkas nicht bloß eine taktische Episode. Er ist der Augenblick, in dem die theoretische Grenze eines entstehenden Großraums erstmals greifbar in die Landkarte eingeschrieben wird. 

Dieser entstehende Großraum ist allerdings nicht frei von inneren Spannungen. Erstens könnten taktische und strategische Rivalitäten zwischen seinen Bestandteilen – Iran, Ansar Allah, Hisbollah und den irakischen Gruppierungen – langfristig seinen Zusammenhalt schwächen, insbesondere wenn einer dieser Akteure sein eigenes nationales Interesse über die führende Idee des gesamten Raums stellt. Zweitens ist die innere Legitimität der Zentralmacht innerhalb dieses Raums nicht überall gleich ausgeprägt. Konfessionelle Unterschiede – Zaiditen gegenüber Imamiten – und historische Gegensätze könnten sich zu latenten Bruchlinien verhärten. 

Drittens kehrt hier auf struktureller Ebene das Risiko der Normalisierung wieder, das bereits im Zusammenhang mit dem Partisanen angesprochen wurde: Der Großraum läuft mit zunehmender Institutionalisierung Gefahr, sich in ein bürokratisches Imperium zu verwandeln – ein Schicksal, vor dem Schmitt selbst mit Blick auf die Sowjetunion warnte. Keine dieser Herausforderungen widerlegt die Realität des Großraums. Vielmehr bilden sie die Bedingungen seines Fortbestehens. 

Feind der Menschheit – der Mechanismus des Terrorismus-Etiketts

Warum bezeichnet der Westen Ansar Allah nicht als bewaffnete politische Bewegung, sondern als terroristische Organisation? Die konventionelle Antwort – ideologische Differenz oder geopolitisches Interesse – reicht nicht aus. Schmitt schlägt in seiner Kritik des angloamerikanischen Imperialismus einen präziseren Mechanismus vor. Wenn eine Macht sich nicht bloß als einen Staat unter anderen darstellt, sondern als Repräsentant der „Menschheit“ selbst – wie die Vereinigten Staaten durch die Sprache der Menschenrechte, der Demokratie und der „regelbasierten internationalen Ordnung“ –, hört ihr politischer Gegner nach Schmitt auf, bloß ein politischer Gegner zu sein, und wird stattdessen zum „Feind der Menschheit“. Diese Verschiebung hat eine bedeutsame Konsequenz. 

Im klassischen Rahmen des Politischen ist der Feind eine legitime Konfliktpartei, mit der Frieden geschlossen und Verträge vereinbart werden können oder gegen die im äußersten Fall innerhalb bestimmter Regeln Krieg geführt wird. Wird der Feind aber zum Feind der Menschheit herabgesetzt, löst sich die Feindschaft aus dem begrenzten Rahmen des Politischen und wird moralisch und unbegrenzt. Denn eine Feindschaft, die sich gegen die gesamte Menschheit richtet, ist ihrem Wesen nach schrankenlos und außerhalb jeder umgrenzten Ordnung. Deshalb ist das Ansar Allah angeheftete Terrorismus-Etikett trotz äußerem Anschein kein (straf-)rechtliches Urteil, sondern die Erklärung, dass die Bewegung aus dem Kreis legitimer politischer Akteure ausgeschlossen worden ist. Jeder Dialog mit ihr erscheint von vornherein als illegitim und jedes Mittel zu ihrer Vernichtung – von der Seeblockade bis zur Bombardierung ziviler Infrastruktur – entsprechend als „gerechtfertigt“. 

Ein konkretes Beispiel für diesen Mechanismus lässt sich in der Entscheidung der Trump-Regierung vom Januar 2025 erkennen, Ansar Allah auf die Liste ausländischer Terrororganisationen (Foreign Terrorist Organizations, FTO) zu setzen. Vordergründig handelte es sich um einen rechtlich-administrativen Akt. In der Praxis sandte er eine politische Botschaft an die gesamte Region: Ansar Allah war keine Konfliktpartei mehr, mit der man verhandeln konnte, sondern ein Feind der Menschheit, den es zu vernichten galt. Die Folge dieser Einstufung war nicht bloß die Schließung diplomatischer Kanäle, sondern die Rechtfertigung praktisch jeder militärischen Maßnahme. Hier wird die Verbindung zwischen dem Terrorismus-Etikett und dem Großraum sichtbar: 

Die Etikettierung zum Terroristen ist ein Instrument, mit dem die maritime Hegemonie einem rivalisierenden Großraum die Legitimität entzieht. Indem sie einen politischen Feind in einen Feind der Menschheit verwandelt, erklärt sie im Voraus jeden Anspruch für ungültig, den dieser Feind auf einen Großraum und ein Interventionsverbot erheben könnte. Doch diese Strategie erweist sich, wie die Erfahrung des Jemen gezeigt hat, gegenüber einem Großraum, der im Qiyam bi-l-Sayf und im tellurischen Charakter gründet, als wirkungslos. Denn seine Legitimität leitet sich nicht aus äußerer Anerkennung ab, sondern aus dem inneren Akt des Widerstands selbst.

Schluss: Der Partisan des Großraums

Was sich in Mokka, am Bab al-Mandab und im Frühjahr 2026 am Himmel über Israel ereignet hat, besitzt drei Ebenen. Scheinbar sind sie voneinander getrennt, tatsächlich aber untrennbar miteinander verwoben. Auf der Ebene des Kämpfers begegnet uns die Gestalt des tellurischen Partisanen – irregulär, beweglich, hochpolitisch und im heimischen Boden verwurzelt. Sie hat sich inzwischen von der Verteidigung der Berge zur territorialen und maritimen Kontrolle ausgeweitet, ohne (zumindest bislang) ihre tellurische Bindung aufzugeben. Auf der Ebene der Legitimität sehen wir die wiederholte Zeitlichkeit des Qiyam bi-l-Sayf: die Gründungsentscheidung des Imams, die nicht in der linearen Zeit des Fortschritts, sondern in der zyklischen Zeit der Wiederbelebung verortet ist. Und auf der strukturellen Ebene erkennen wir einen entstehenden Großraum, der durch seine Kontrolle über zwei der wichtigsten Energieengstellen der Welt gegenüber der maritimen Hegemonie erstmals einen praktisch durchsetzbaren Anspruch auf ein Interventionsverbot erhebt. 

Die Vereinigten Staaten und die arabische Koalition haben dieses Phänomen nacheinander in der Sprache vom Feind der Menschheit erklärt, gerade um sich jeder Verpflichtung zu entziehen, mit ihm zu verhandeln. Aber ein Feind, mit dem man nicht verhandeln kann, ist nicht zwangsläufig ein Feind, den man besiegen kann. Dreimal wurde diese These auf die Probe gestellt – gegen die Vereinigten Staaten, gegen die arabische Koalition und nun in Mokka – und für unzureichend befunden. Was der überlegenen Luft- und Seemacht standhielt, war keine Armee, die auf einem einzigen Schlachtfeld besiegt werden konnte. Es war eine Gestalt, die zugleich Partisan, Imam und Gründer eines entstehenden Raums war. 

Diese Gleichzeitigkeit sollte allerdings nicht als dauerhafter oder ewiger Zustand verstanden werden. Jede der drei Ebenen, die diese Analyse herausgearbeitet hat, birgt ihr eigenes Risiko: Der Partisan riskiert bei seinem Übergang zur territorialen Macht die Normalisierung; der Großraum riskiert mit seiner Institutionalisierung die Verwandlung in ein bürokratisches Imperium. Und die Zeitlichkeit des Qiyam bi-l-Sayf bedarf, so widerstandsfähig sie sich gegenüber Shock and Awe erwiesen hat, einer ständigen Erneuerung gegen die allmähliche Zermürbung – die langfristige Waffe der maritimen Hegemonie. 

Was im Jemen geschehen ist, bedeutet keinen endgültigen Sieg. Es ist eine historische Öffnung. Über ihre Fortsetzung wird nicht in der Theorie, sondern in der täglichen Praxis des Widerstands entschieden werden. 

Titelbild: Ali ibn Husain Zain al-Abidin verteidigt seinen Vater Husain in Gegenwart des Kalifen Yazid. Miniatur aus dem Hadikat us-suada, Ende 16./Anfang 17. Jahrhundert. Künstler unbekannt. British Library, Or. 12009, fol. 269v / Wikimedia Commons, Public Domain. Ausschnitt.