Auf der jüngsten Tour von Turning Point USA, der Organisation des ermordeten Irankriegsgegners Charlie Kirk, warb Netanjahu-Unterstützer Ben Shapiro für die noachidischen Gebote, für deren Befolgung die Nichtjuden unter Juden als gerecht anerkannt werden. Hinter dem Redner und auf dem Pult war der Titel der Tour zu sehen: „America: Love It or Leave It“, das „A“ in Form eines ausgreifenden Sterns.
Die sieben noachidischen Gebote entstammen dem Talmud und stehen im Traktat Sanhedrin 56a. Noahs Nachkommen sind dazu verpflichtet, Gottes nicht zu lästern, nicht zu morden, nicht zu stehlen, keine Unzucht zu treiben, nicht von lebendigen Tieren zu essen und Gerichte einzurichten. Die einflussreiche chassidische Gruppierung Chabad-Lubawitsch missioniert für diese Gebote als Mittel zum harmonischen Zusammenleben von Juden und Nichtjuden. Und auch in der Politik ist Gottes Bund mit Noah, der die ganze Menschheit umfasst, bereits gewürdigt worden.
Wer sollte etwas gegen universale Werte haben? – Kritiker wenden ein, dass auf Verstöße die Todesstrafe steht. Wir sollten den Talmud aber ebenso wenig wörtlich fürchten wie den Koran, rabbinische Richtsprüche so wenig wie Schariarichter. Der Stein des Anstoßes liegt schon früher auf dem Pfad zur humanitären Harmonie. Warum sollte mich interessieren, welche Gebote eine Religion für mich vorsieht, der ich nicht folge und angehöre?
Die Vorschriften im Pakt von Umar galten für Christen unter dem Kalifen, weil sie Dhimmis waren, Schutzbefohlene. Wenn der Kalif mich bestrafen kann, ist es sinnvoll, seinen Geboten zu folgen. Wenn nicht, können mir seine Gebote egal sein. Die Abstufung einer höheren und einer niedrigeren Ebene religiöser Gebote schafft eine Zweiklassenmenschheit mit zwei Ebenen von Wahrheit: einer vollen Wahrheit und einer abgeleiteten. Und zum Leben des Christen und des Europäers gehört, möglichst volle Wahrheit für sich zu beanspruchen.
Die politische Rechte jedoch hat sich in der Nische der Zweiklassen-Civitas über Jahre mehr oder weniger bequem eingerichtet. Am Anfang ihres Wiederaufstiegs stand ja die Annahme, dass ein gutes Verhältnis zu Israel niemandem schaden könne. Diese Herangehensweise hat die Wähleransprache erleichtert, weil sie naheliegende Ängste abzubauen geeignet war. Ein Verhältnis auf Augenhöhe hat sich daraus nicht ergeben. Stets wurde von der Rechten erwartet, Forderungen vollumfänglich zu übernehmen, zum Iran wie zu neuen Siedlungen.
Diese Ausrichtung durchsetzt die Ideologie der Rechten in Europa und Lateinamerika. Wir sind für einen Regime Change im Iran, weil der Iran angeblich Terroristen unterstützt, auch wenn Irans Satelliten den Islamischen Staat bekämpften. Wir erklären Muslime zum Feindbild und erzählen von einer islamischen Verschwörung, auch wenn der Islam politisch überhaupt nicht geeint ist. Diese Wahrheiten sind nicht wahr im Sinne eines realen Gegenstandsbezugs, sondern wahr im Sinne einer abgestrahlten Erleuchtung zweiter Klasse. Dieser Lichtreflex leuchtet die spirituelle Leerstelle in Rechtspopulismus und Neuer Rechter aus. Sturm auf Ceuta? Muslime! Epstein-Files? Rotherham! Souveränität? Remigration!
Ihre Urständ hat die noachidische Rechte beim NatCon-Gipfel in Jerusalem gefeiert. Dort tagte Anfang Oktober ein Nationalismus, der eigentlich nur noch eine Nation kennt. Reagans und Bushs jüdischstämmiger Redenschreiber John Podhoretz sagte dazu, Gründer Yoram Hazony verfolge mit seinem Gipfel einen esoterischen und einen exoterischen Zweck. Der exoterische Zweck sei die Verbindung zwischen Israel und der konservativen Welt, der esoterische hingegen Zustimmung für Großisrael und die Annexion des Westjordanlands.
Wer rechts optiert, kann nicht sicher sein, das zu bekommen, was ihm angeboten wurde. In Europa so wenig wie in Amerika. Aus America First wurde im Handumdrehen der Irankrieg. Remigration kann Europa in Spannungen verwickeln. Spirituell entkernt lässt sich Großes nicht erreichen. Ab integro saeclorum nascitur ordo. Mit der Geburt des Knaben endet das eiserne Geschlecht und erhebt sich das goldene, so schreibt Vergil in seiner vierten Ekloge.