Heute vor drei Jahren griff die Hamas in der Operation Al-Aqsa-Flut verschiedene Ziele in Israel an. Enthüllungen (etwa zu Warnungen im Vorfeld) haben nicht verhindert, dass das Ereignis mit Pathosformeln in die Ritualpraxis der Bundesrepublik übernommen wurde. Die Frage, wer was wusste und was tat, rankt sich um jeden wichtigen Kriegsbeginn. Sie entlastet den Angreifer ebenso wenig wie der Umstand, dass er von der Gegenseite hochgepäppelt sein könnte. In der Detailarbeit des Politischen verwischen die Grenzen.

Am 11. Oktober 2023 habe ich gefragt, welche Position im Konflikt im deutschen Interesse sei. Meine Antwort: Perspektivisch müsse das Ziel eine Einigung zwischen dem Iran und Saudi-Arabien sein, die dem Petrodollar und somit der US-Vorherrschaft im westlichen Eurasien ein Ende bereitet. Ich brachte den Krieg in Zusammenhang mit dem geopolitischen Konflikt um die Wege und Korridore in der Region. Als Gaza in weiten Teilen dem Erdboden gleichgemacht war, erstreckte sich der Flächenbrand auf den Iran, dann auf die Golfregion und jetzt besonders Saudi-Arabien. Was sind die Lehren daraus?

Ein Konflikt in Westasien läuft auf die Gegner Israel und Iran hinaus. Der Iran trotzt in einer Kriegssituation mit Antifragilität den Angriffen. Aufgrund seiner geografischen Lage und seiner politischen Kultur überragt er die Golfstaaten qualitativ. Inwieweit sich das Regime im Kriegsverlauf – gewollt oder ungewollt – gewandelt hat, wird sich nach und nach zeigen. Israel hingegen kann die Vereinigten Staaten von Amerika für seine Ziele besser mobilisieren als je zuvor. Die Türkei und Saudi-Arabien versuchen sich Freiräume innerhalb ihrer je eigenen Westbindung zu erobern, werden aber im Zweifelsfall von Zielkonflikten gebremst.

Die Ordnungsbemühungen der Volksrepublik China halten mit der Aggression des Trumpismus momentan nicht mit. Intensiviert sich die Spannung zwischen Freund und Feind, gehen Ansar Allah und irannahe Milizen im Irak gegen Saudi-Arabien vor, obwohl China seit Jahren das Verhältnis von Iran und Saudi-Arabien zu befrieden versucht. Die BRICS wirken geschwächt, sie sind gerade kein Großraum, sondern Streumultilateralität, gefährdet durch jeden Regimewechsel. Indien schwankt, Brasilien pendelt nach Westen. Zahlt sich Chinas Geduld aus? Oder muss es seine flüssige Dialektik verlassen und klare Kante zeigen?

Die Bindung der USA an Israel war kaum je so breit sichtbar wie in der Trump-Präsidentschaft. Der Irankrieg – ein eingelöstes Wahlversprechen? In seiner Rede vor der Knesset sprach Trump am 13. Oktober 2025 offenherzig über das „sehr aggressive“ Lobbying der Großspender Adelson. Im Zuge der Epstein-Files gingen ungeheuerliche Enthüllungen durch die – sozialen – Medien. Ein groß angelegter Erpressungszusammenhang schien auf, bevor das Thema stillschweigend der Aufmerksamkeit entzogen wurde. Der Popanz MAGA wird in Memes und Vibes künstlich am Leben erhalten.

Europas Establishment hat im Westasien-Konflikt mehr oder weniger schüchterne Anzeichen gezeigt, sich strategische Eigenständigkeit zu erkämpfen. Im Hinblick auf die Ukraine tat es das Gegenteil. Das implizit gegen China gerichtete Handelspapier von Merz und Macron lässt befürchten, dass über Freund und Feind noch immer über dem Atlantik entschieden wird. Unterboten wurde das Establishment europaweit von der Rechten. Sie hat sich den strategischen Fragen unserer Zeit nicht gewachsen gezeigt und sich sogar in eine verschärfte Ritualpraxis einpassen lassen. Lichtblicke leuchteten gelegentlich von links.

Trump hat sich Lateinamerika mit seiner Donroe-Doktrin eindrucksvoll zurückgeholt. Das kann sich wieder ändern. Wir sehen aber: Es braucht in Europa, dieser unnatürlichen Ausbeulung der Westlichen Hemisphäre, schon mehr als Lippenbekenntnisse einer Kompradorenbourgeoisie, um Anschluss an die multipolare Weltordnung zu finden. Es braucht eine Ordnungsidee. Und diese Idee sollte keine Rechte sein, die der lateinamerikanischen Rechten mit ihrer Exaltiertheit nachgeknetet ist. Sondern eine Zivilisation, die das europäische Erbe in die Zukunft übersetzt.