Brasilien steht vor einer Richtungswahl zwischen Präsident Lula und seinem Herausforderer Flávio Bolsonaro. Während Bolsonaro die Nähe zu Trump sucht, macht Lula den Widerstand gegen Washington zum Wahlkampfthema. Der Druck der USA hat in Brasilien einen nationalistischen Reflex ausgelöst. Und selbst unter einem Präsidenten Bolsonaro dürfte das Land kaum auf Distanz zu seinem wichtigsten Wirtschaftspartner China gehen
Der Beitrag erschien auf Englisch am 2. Oktober 2026 bei Responsible Statecraft
Von Nick Cleveland-Stout
Nick Cleveland-Stout ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Programm „Democratizing Foreign Policy“ des Quincy Institute. 2023 forschte er als Fulbright-Stipendiat an der Bundesuniversität von Santa Catarina zu den Beziehungen zwischen den USA und Brasilien
Am Sonntag entscheiden Brasiliens Wähler darüber, ob der linke Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva eine historische vierte Amtszeit erhält. Sein Herausforderer ist Flávio Bolsonaro. Er präsentiert sich als gemäßigtere Version seines Vaters, des früheren Präsidenten Jair Bolsonaro, der wegen eines versuchten Staatsstreichs eine 27-jährige Haftstrafe verbüßt.
Der knappe Wahlkampf wird von Wirtschaft, Kriminalität und mehreren Skandalen bestimmt. Ermittlungen gegen einen prominenten inhaftierten Banker brachten ans Licht, dass dieser auf Flávio Bolsonaros Wunsch einen neuen, hagiografischen Film über dessen Vater finanziert hatte. Erhält am Sonntag keiner der Kandidaten mehr als 50 Prozent der Stimmen, kommt es am 25. Oktober zu einer Stichwahl. Das gilt als nahezu sicher. Einer am Dienstag veröffentlichten Umfrage von AtlasIntel und Bloomberg zufolge käme Bolsonaro in einer möglichen Stichwahl auf 47,7 Prozent, Lula auf 47,6 Prozent.
Doch in den letzten Tagen des Wahlkampfs rückt eine andere Frage in den Vordergrund: Was werden die USA tun? Trump hat Bolsonaro zwar nicht offiziell unterstützt. Dennoch gilt er als Washingtons bevorzugter Kandidat. Die US-Regierung hat Streit mit Lulas Regierung wegen Handel, Kuba und Venezuela. Hinzu kommt das amerikanische Interesse an Brasiliens Vorkommen an Seltenen Erden.
Trump steht der Familie Bolsonaro zudem persönlich nahe. Auf Drängen der Bolsonaros haben die USA wiederholt versucht, Lulas Regierung unter Druck zu setzen und zu schwächen. In Brasilien wächst deshalb die Sorge, Washington könnte sich weiter in die Politik des Landes einmischen.
Washington erhöht den Druck
Trumps Einmischung in Brasiliens Politik intensivierte sich im vergangenen Sommer. Flávios Bruder Eduardo überzeugte die Trump-Regierung davon, Zölle von 50 Prozent auf brasilianische Importe zu verhängen und einen Richter des Obersten Bundesgerichts mit Sanktionen zu belegen. Damit sollte die brasilianische Justiz dazu gebracht werden, das Verfahren gegen Jair Bolsonaro einzustellen.
Trump bezeichnete den Prozess als „Hexenjagd“. Karoline Leavitt, Sprecherin des Weißen Hauses, deutete sogar an, die USA könnten wegen Bolsonaros Strafverfolgung militärische Gewalt gegen Brasilien anwenden. Die Sanktionen und Zölle wurden später zurückgenommen. Im Juli verhängten die USA allerdings erneut Zölle auf brasilianische Importe, diesmal in Höhe von 37,5 Prozent.
Zur Begründung verwies Washington auf unfaire Handelspraktiken und nahm insbesondere „Pix“ ins Visier. Das weitverbreitete brasilianische Bezahlsystem ist amerikanischen Kreditkartenkonzernen wie Visa und Mastercard ein Dorn im Auge, weil ihnen dadurch Transaktionsgebühren entgehen. Im Mai stufte das US-Außenministerium außerdem zwei brasilianische Verbrecherorganisationen als Terrororganisationen ein: das Comando Vermelho (CV) und das Primeiro Comando da Capital (PCC). Washington begründete die Entscheidung unter anderem mit dem Kampf gegen den „Narkoterrorismus“ in der Region.
Flávio Bolsonaro war zuvor selbst im Oval Office gewesen und hatte Trump dazu gedrängt, PCC und CV als Terrororganisationen einzustufen. „Wir müssen diesen Leuten helfen“, sagte Trump damals zu seinen Mitarbeitern. Die Entscheidung löste bei vielen Beobachtern Sorgen aus. Trump hat die Bedrohung durch den „Narkoterrorismus“ nämlich wiederholt zur Rechtfertigung tödlicher Luftangriffe auf mutmaßliche Drogenschmugglerboote und der Entführung von Venezuelas Präsident Nicolás Maduro herangezogen.
James Green, emeritierter Professor für portugiesische und brasilianische Studien an der Brown University, äußerte gegenüber Responsible Statecraft, die amerikanischen Maßnahmen seien in Brasilien mit Besorgnis aufgenommen worden. Sie hätten gezeigt, dass Trumps Drohungen nicht bloß Rhetorik seien. „Brasilien war gegen die Entscheidung der USA, diese kriminellen Organisationen als Terrororganisationen einzustufen. Denn damit eröffnen sich der Trump-Regierung zahlreiche Möglichkeiten, sich in Brasiliens Innenpolitik einzumischen“, sagt Green. Trump habe zwar Flávio Bolsonaro nicht ausdrücklich zu seinem Kandidat erklärt, so Green: „Aber sie haben all diese Signale ausgesandt, um deutlich zu machen, wen die Vereinigten Staaten gewählt sehen wollen.“
Gunther Rudzit, Assistenzprofessor für Internationale Beziehungen an der privaten Universität ESPM in São Paulo, weist darauf hin, dass nicht jede jener Maßnahmen ausdrücklich darauf abziele, Bolsonaros Kandidatur zu unterstützen. In ihrer Gesamtheit wirkten sie aber wie der „Versuch, das politische Umfeld der Wahl in Brasilien zu beeinflussen.“ Sollte Lula gewinnen, stellt sich daher die Frage, ob Washington seinen Sieg anerkennen wird. Bei einer Pressekonferenz vor dem US-Außenministerium im September erklärte Eduardo Bolsonaro, die USA könnten sich „ohne Weiteres weigern, die brasilianischen Wahlen anzuerkennen“.
Sollten die Vereinigten Staaten diesen Weg einschlagen, könnte Trump Unterstützung von neuen Verbündeten in der Region erhalten. Rechte Parteien erleben in Lateinamerika derzeit einen Aufschwung und haben Wahlen in Argentinien, Chile, Ecuador, Peru und Bolivien gewonnen. Trump unterstützte offen Kandidaten in Kolumbien und Honduras, die anschließend jeweils ihre Wahlen gewannen. „Es gibt eine ganze Reihe von Leuten, denen ich zum Wahlsieg verholfen habe – in Argentinien und anderswo“, sagte Trump vergangenen Monat.
Brasilien hat rasch reagiert. Der brasilianische Nachrichtendienst Abin warnte wichtige Regierungsbehörden bereits im August vor einer möglichen Einmischung der USA in die Wahl. Brasilianische Behörden verweigerten zudem zwei Mitarbeitern des US-Außenministeriums die Einreise. Sie erklärten, der Zweck des geplanten Besuchs habe darin bestanden, Zweifel an der Integrität des brasilianischen Wahlsystems zu säen. Auch auf anderen Wegen haben die USA den Druck auf Lulas Regierung erhöht.
Im Juli lud das US-Konsulat in São Paulo konservative Influencer zu einer Gesprächsrunde über „Meinungsfreiheit und das digitale Umfeld“ ein – ein ungewöhnlicher Schritt. Der Guardian berichtete am Donnerstag, das US-Außenministerium wolle Gruppen in Brasilien eine Million Dollar zur Verfügung stellen, um gegen „richterliche Kompetenzüberschreitungen und Zensur durch Brasiliens Obersten Gerichtshof“ vorzugehen. Die Formulierung bezieht sich auf Washingtons Sanktionen gegen Alexandre de Moraes, Richter und Vizepräsident des Obersten Bundesgerichts.
Lulas Arbeiterpartei hat ihrerseits den Obersten Gerichtshof dazu aufgefordert, eine mögliche Einmischung der Organisation Rockbridge in den Wahlkampf zu untersuchen. Rockbridge ist eine wenig transparente politische Lobbyorganisation, die von Investoren aus dem Silicon Valley wie Peter Thiel unterstützt wird. Personen aus Bolsonaros Umfeld versuchten, Rockbridge für Investitionszusagen zu gewinnen. Außerdem brachten sie die Einrichtung eines „Technologierats“ ins Gespräch, in dem Persönlichkeiten wie Palantirs Shyam Sankar und Joe Lonsdale den Kandidaten beraten sollten. Ein Sprecher von Rockbridge erklärte gegenüber Intercept Brasil, keines dieser Vorhaben sei umgesetzt worden.
Geht Trumps Kalkül nach hinten los?
Ob der amerikanische Druck Bolsonaro tatsächlich hilft, ist alles andere als sicher. Viele Brasilianer könnten die Maßnahmen als Angriff auf die nationale Souveränität und wirtschaftliche Unabhängigkeit ihres Landes verstehen. Lula setzt sich für beides bereits seit seiner Zeit als Gewerkschaftsführer in den 1970er- und 1980er-Jahren ein. Nachdem die Trump-Regierung im vergangenen Juli Zölle gegen Brasilien verhängt hatte, stiegen Lulas Zustimmungswerte auf mehr als 50 Prozent. Im Monat zuvor hatten sie noch bei 47 Prozent gelegen.
Camila Feix Vidal ist Professorin für Internationale Beziehungen an der Bundesuniversität von Santa Catarina. Sie erklärte gegenüber Responsible Statecraft, die amerikanischen Maßnahmen gegen Brasilien hätten zumindest anfangs nationalistische Reaktionen hervorgerufen. Das gelte insbesondere für die Zölle, das Interesse an den Vorkommen Seltener Erden und die Kritik am Bezahlsystem Pix.
Lula hat Washingtons Vorgehen inzwischen zu einem zentralen Thema seines Wahlkampfs gemacht. In einem neuen Wahlwerbespot, der am Freitag ausgestrahlt werden soll, heißt es: „Flávio Bolsonaro ist Trumps Kandidat. Trump will Brasilien kolonisieren, sich unsere Reichtümer aneignen, unsere Zukunft stehlen und uns im Staub zurücklassen.“ In einem Interview sagte Lula diese Woche: „Ich habe Trump gesagt: Misch dich nicht in die brasilianischen Wahlen ein, sonst wirst du die Wahl verlieren.“
Gunther Rudzit weist darauf hin, dass Flávio Bolsonaro inzwischen selbst eine Aussetzung der amerikanischen Zölle gefordert hat. Offenbar fürchtet er die nationalistische Gegenreaktion. „Je enger der äußere Druck mit der Familie Bolsonaro in Verbindung gebracht wird, desto leichter kann Lula sich nicht nur als Amtsinhaber präsentieren, der seine Regierung verteidigt, sondern als Präsident, der für nationale Autonomie eintritt“, sagt Rudzit. Der wirtschaftliche Druck könnte Lula kurzfristig nutzen, weil er nationalistischen Widerstand hervorruft. Langfristig könnten die wirtschaftlichen Folgen seine Wahlchancen aber ebenso beeinträchtigen, fügt Rudzit hinzu. Entscheidend sei, wem die Wähler die Kosten letztlich anlasteten: Washington, der Familie Bolsonaro, Lulas Regierung oder mehreren Seiten zugleich. Selbst ein Wahlsieg Bolsonaros würde Trump allerdings keinen Gefolgsmann in Brasília garantieren.
Innenpolitische Zwänge und Brasiliens Eigeninteressen würden auch einem Präsidenten Bolsonaro Grenzen setzen. André Pagliarini und Feliciano de Sá Guimarães vom Quincy Institute kommen in einer aktuellen Studie zu dem Schluss, dass Bolsonaro den Wünschen Washingtons womöglich weniger bereitwillig folgen würde, als Trump hofft. Das gilt vor allem für die Beziehungen zu China. „Auch eine brasilianische Regierung, die den Vereinigten Staaten erkennbar zugeneigt wäre, wäre politischen und wirtschaftlichen Zwängen ausgesetzt“, schreiben Pagliarini und Guimarães: „Diese Erfahrung hat bereits Flávio Bolsonaros Vater während seiner Präsidentschaft gemacht. Seine anfänglich feindselige Haltung gegenüber Peking wich den praktischen Erfordernissen, ein Land zu regieren, dessen wirtschaftliche Beziehungen zu China sich nicht einfach ideologischen Vorstellungen unterordnen ließen.“
Unabhängig davon, wer gewinnt: Der Abstand zwischen den Kandidaten dürfte gering sein. Damit sind die Voraussetzungen für eine umstrittene Wahl gegeben.
Titelbild: Luiz Inácio Lula da Silva und Xi Jinping beim BRICS-Gipfel 2023 in Johannesburg. Foto: Ricardo Stuckert/PR / Lula Oficial, CC BY-SA 4.0, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de, via Wikimedia Commons