Pakistan und die Türkei verlegen Streitkräfte und militärische Fähigkeiten in die Region am Roten Meer und am Golf von Aden. Der Aufmarsch könnte sich nicht nur gegen die Huthi richten, sondern auch Sudan, Somaliland und Äthiopien unter Druck setzen. In einem Szenario ist die militärische Drohkulisse ein Bluff, der Äthiopien von einem Übergreifen seiner Gegenoffensive auf Eritrea abschrecken soll
Der Beitrag erschien am 6. Oktober 2026 auf Englisch bei korybko.substack
Von Andrew Korybko
Andrew Korybko ist amerikanischer Politologe, der sich auf den globalen Systemwandel zur Multipolarität spezialisiert hat. Er lebt in Moskau
Saudi-Arabiens Verbündete Pakistan und Türkei, die gemeinsam mit dem Königreich dem als „Islamische NATO“ bekannten Mekka-Pakt angehören, haben sich auf eine „rasche Verlegung“ ihrer „Streitkräfte und militärischen Fähigkeiten“ nach Saudi-Arabien verständigt. Dies geschieht vor dem Hintergrund der von Riad geführten Gegenoffensive gegen die Huthi, die von Saudi-Arabiens lokalen Verbündeten getragen wird. Im vergangenen Monat habe ich die Einschätzung vertreten, dass das Kräftemessen der Huthi die Substanzlosigkeit der islamischen NATO offengelegt habe. Je nachdem, welche Schritte Pakistan und die Türkei als Nächstes unternehmen, ist diese Schlussfolgerung nun zu überdenken.
Reuters hat neulich berichtet, Pakistan habe Saudi-Arabiens lokalen Verbündeten im Jemen Ausrüstung geliefert. Zudem seien pakistanische Militärberater gemeinsam mit ihren saudischen Kollegen vor Ort. Das Königreich soll außerdem türkische Drohnen über dem Jemen eingesetzt haben. Ihre Beteiligung an dem Konflikt könnte sich darauf beschränken. Unabhängig davon, was in dieser Hinsicht als Nächstes geschieht, ist die „rasche Verlegung“ ihrer „Streitkräfte und militärischen Fähigkeiten“ in die Region am Golf von Aden und am Roten Meer für Afrika von Bedeutung.
Pakistans Außenminister Ishaq Dar hat kürzlich erklärt, mehr als sechs Länder wollten der islamischen NATO beitreten. Es gibt zwar Spekulationen, dass weitere westasiatische Staaten und möglicherweise sogar Bangladesch dem Bündnis bald beitreten könnten. Es lässt sich aber nicht ausschließen, dass auch Ägypten, Sudan, Eritrea, Dschibuti und Somalia zu den nächsten Beitrittskandidaten gehören oder zumindest um militärische Unterstützung der islamischen NATO ersuchen könnten. Ägypten unterhält bereits enge Beziehungen zu allen drei Gründungsmitgliedern und hat sein faktisches Regionalbündnis mit Eritrea und Somalia gerade um den Sudan erweitert.
Dieses von Kairo geführte Bündnis gilt als Gegengewicht zu Äthiopien, dem traditionellen Rivalen Ägyptens. Äthiopien schlägt derzeit die Rebellen zurück, die kürzlich den zweiten Konflikt im Norden ausgelöst haben und nach Darstellung Addis Abebas von Ägypten, Eritrea und Sudan unterstützt werden. Wie bereits erläutert, wirft der Sudan Äthiopien vor, die RSF-Rebellen zu unterstützen. Eritrea wiederum stellt eine mögliche äthiopische Gegenoffensive auf seinem Territorium als „unprovozierten Angriff“ dar. Somalia nimmt Äthiopien seine strategische Partnerschaft mit dem faktisch unabhängigen Somaliland übel, das Mogadischu weiterhin für sich beansprucht.
Auch Pakistan und die Türkei haben ihre militärischen Beziehungen zu Sudan und Somalia ausgebaut. Pakistan soll Anfang dieses Jahres mit dem Sudan über ein Rüstungsgeschäft im Wert von mehr als einer Milliarde Dollar verhandelt und im Sommer anschließend eine Absichtserklärung zur Verteidigungszusammenarbeit mit Somalia unterzeichnet haben. Die Türkei wiederum soll im Sudan eng mit Ägypten zusammenarbeiten und hat unter Verweis auf die Terrorismusbekämpfung F-16-Kampfflugzeuge nach Somalia verlegt. Die Stationierung pakistanischer und türkischer Kräfte in der Region am Golf von Aden und am Roten Meer könnte daher auf einen künftigen Einsatz gegen die RSF, Äthiopien und/oder Somaliland hindeuten.
Dazu könnte es unabhängig von einer direkten Beteiligung am Krieg im Jemen zunächst in Form einer „Machtdemonstration“ kommen. Ein solches Szenario wäre auch denkbar, wenn Ägypten der islamischen NATO beitritt und anschließend entsprechende Unterstützung anfordert oder wenn alle vier Staaten – Ägypten, Sudan, Eritrea und Somalia – dem Bündnis zu diesem Zweck beitreten. Dschibuti könnte ebenfalls hinzukommen. Damit wären sämtliche Staaten an der südlichen Küste des Roten Meeres und des Golfs von Aden in dem Bündnis vertreten. Die Huthi sind wesentlich stärker als die RSF und Somaliland. Eine erfolgreiche Operation gegen sie könnte daher Einsätze gegen diese beiden Akteure nach sich ziehen.
Äthiopien ist allerdings um ein Vielfaches stärker als alle drei zusammen. Die islamische NATO könnte davor zurückschrecken, Äthiopien anzugreifen, sollte dessen Gegenoffensive auf Eritrea übergreifen. Zumindest die Türkei und Saudi-Arabien, die enge Partnerschaft zu Äthiopien pflegen, könnten vor einem solchen Schritt zurückschrecken. Bei Pakistans „Söldnern“ dürfte die Sache anders liegen.
In diesem Szenario könnte der rasche militärische Aufmarsch des Bündnisses in der Region am Golf von Aden und am Roten Meer ein Bluff sein, mit dem Äthiopien abgeschreckt werden soll. Er könnte aber einer direkten Intervention gegen die RSF und/oder gegen Somaliland vorausgehen. Und sei es nur als Machtdemonstration – um das Gesicht zu wahren, falls die Huthi das Bündnis demütigen sollten.