Haben Russland und der Iran Syrien verraten? Viele Syrer glauben das. Aber der Vorwurf des Verrats hindert uns daran, eine unbequemere Lehre zu ziehen: Die Syrer selbst haben zugelassen, dass die Existenz ihres Staates am Ende von ausländischen Mächten abhing. Als sich die Lage verändert hatte und diese Mächte zu eigenen Kriegen rüsteten, waren sie nicht mehr dazu willens oder fähig, Assad zu dessen eigenen Bedingungen zu stützen
Der Beitrag erschien am 25. August 2026 auf Englisch bei kevorkalmassian.substack
Von Kevork Almassian
Kevork Almassian ist syrischer Geopolitik-Analyst und Gründer von @SyrianaAnalysis
Vor Kurzem fragte mich Jamarl Thomas, ob Russland Syrien verraten habe. Meine erste Reaktion war, dass ich schon den Begriff „Verrat“ problematisch finde. Verrat gibt es unter Freunden oder zumindest zwischen Menschen, die davon ausgehen, dass sie einander moralisch verpflichtet sind. Staaten funktionieren jedoch nicht auf diese Weise.
Staaten haben Interessen. Wir Syrer aber behandelten Russland, Iran und die Hisbollah nicht einfach als Verbündete, deren Interessen sich mit unseren überschnitten, sondern als Freunde, manchmal sogar als Familie. Weil sie Syrien während des Krieges zur Seite gestanden und dafür einen hohen Preis gezahlt hatten, glaubten wir, dass diese Beziehung gewisse Dauerhaftigkeit erlangt habe. Aber so funktioniert Politik nicht.
Russische Regierungsvertreter sitzen nicht im Kreml und machen sich Gedanken darüber, wie sie Syriens Ziele verwirklichen können. Iranische Regierungsvertreter treffen ihre Entscheidungen in Teheran nicht mit dem Ziel, das politische System Syriens um jeden Preis zu erhalten. Sie sind dazu da, die Interessen Russlands bzw. des Iran zu schützen. Und als diese Interessen nicht mehr mit unseren übereinstimmten, veränderte sich die Beziehung.
Jahrelang lehnte Assad politische Lösungen ab, die ihm von Moskau und Teheran vorgeschlagen wurden. Er wollte die Verfassung nicht ändern, um den Kurden Autonomie zu gewähren. Er wollte die Beziehungen zu Erdoğan nicht normalisieren, solange türkische Truppen noch immer syrisches Territorium besetzt hielten. Auch der Vorstellung, von der Türkei unterstützte Oppositionelle in das politische System einzubinden, stand er äußerst misstrauisch gegenüber, weil viele dieser Akteure ideologisch oder politisch mit der Muslimbruderschaft und damit mit der Türkei und Katar verbunden waren.
Aus syrischer Sicht waren diese Einwände nachvollziehbar. Syrien war noch immer ein unabhängiges und souveränes Land. Und von Assad wurden Zugeständnisse verlangt, die den politischen Charakter des Staates dauerhaft hätten verändern können. Russland betrachtete die Lage jedoch aus einem anderen Blickwinkel. Moskau befand sich in der Ukraine in einer weitaus größeren strategischen Auseinandersetzung. Und die Türkei hatte erheblich an Bedeutung gewonnen, weil die Russen verhindern wollten, dass Ankara vollständig ins amerikanische und NATO-Lager wechselt.
In diesem größeren russischen Kalkül besaß eine Aussöhnung zwischen Damaskus und Ankara geopolitischen und geoökonomischen Wert. Syrien verlangte jedoch, dass Erdoğan sich vor einer Aussöhnung zum Rückzug aus dem Land verpflichtete. Russland wiederum wollte die Syrienfrage auf eine Weise stabilisieren, die seine Beziehungen zur Türkei nicht zerstörte. Assad wollte so viel wie möglich vom zentralisierten syrischen Staat bewahren. Moskau war zunehmend bereit, Regelungen hinzunehmen, die der Türkei größeren Einfluss in Nordsyrien verschafften, sofern sich dadurch der Konflikt beenden und das übergeordnete Verhältnis zu Ankara erhalten ließ.
Ich werfe Assad nicht vor, dass er diese Forderungen zurückwies, denn vom Standpunkt der syrischen Souveränität gab es sehr gute Gründe dafür. Wir müssen uns aber auch ehrlich vor Augen führen, in welcher Lage sich Syrien befand. Wenn ich ein geschwächtes Land bin, dessen gesamte Sicherheit vom Schutz durch Russland und Iran abhängt, kann ich nicht davon ausgehen, dass diese Mächte auf unbegrenzte Zeit für mein Wunschergebnis kämpfen werden, wenn sich ihre eigenen strategischen Prioritäten verlagern.
Noch schwieriger wurde die Lage, als sich Russland tief in den Ukrainekrieg verstrickte. Als Aleppo erneut fiel und Assad sich noch immer der von Moskau gewünschten Form einer politischen Regelung verweigerte, hätte Russland einen großen neuen Militäreinsatz in Syrien aufbauen, zusätzliche Kräfte mobilisieren und Ressourcen verlegen müssen – und sich möglicherweise gleichzeitig auf eine wesentlich direktere Konfrontation mit der Türkei einlassen müssen, während es in der Ukraine bereits einen Krieg gegen die NATO führte.
Ich weiß nicht, was bei dem Treffen zwischen Assad und Putin während der letzten Krise genau geschah. Aber wenn ich mich in Putins Lage versetze, hätte die militärische Wiederherstellung der Situation Monate, wenn nicht Jahre dauern können. Es gab keine Garantie dafür, dass Aleppo unter den veränderten Bedingungen hätte zurückerobert werden können. Und die direkte Beteiligung der Türkei machte das Risiko viel größer als Jahre zuvor.
Irgendwann gelangte Moskau meiner Ansicht nach zum Schluss, dass es die strategischen Kosten nicht länger wert war, Assad zu Assads Bedingungen an der Macht zu halten. Man kann das Verrat nennen, wenn man will. Ich würde sagen: Russland verfolgte russische Interessen. Der Iran setzte Assad ebenfalls unter Druck, sich mit Erdoğan zu arrangieren. Zeitweise stellte die iranische Seite sogar monatelang die Treibstofflieferungen an Syrien ein, obwohl das Land stark von iranischem Treibstoff abhängig war, während die Vereinigten Staaten die Hälfte der syrischen Ölfelder besetzt hielten.
Ich habe diesen Druck scharf kritisiert. Und als Syrer kann ich sagen, dass er einer ohnehin erschöpften Bevölkerung und Wirtschaft großes Leid zufügte. Aber ich glaube nicht, dass die Iraner moralisch dazu verpflichtet waren, Syrien auf unbegrenzte Zeit kostenlos mit Treibstoff zu versorgen. Sie gingen davon aus, dass sich die regionale Lage auf eine größere Konfrontation zubewegte, wollten den syrisch-türkischen Konflikt beigelegt sehen und warnten Assad, dass die Ereignisse außer Kontrolle geraten könnten, wenn Damaskus sich nicht bewegt.
Russland vermittelte im Wesentlichen dieselbe Botschaft. Beide Verbündeten setzten ihre Druckmittel gegen Syrien ein. Denn sie waren zum Schluss gelangt, dass Assads bevorzugter Kurs nicht länger mit ihren eigenen strategischen Interessen vereinbar war. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Lösung, die sie Assad präsentierten, gut gewesen wäre. Meiner Ansicht nach war sie aus syrischer Sicht eine Falle.
Assad wollte den panarabischen politischen Charakter Syriens bewahren. Die Aufnahme einer großen Zahl türkeinaher Oppositioneller in die Regierung hätte dagegen einen dauerhaften Kanal für türkische Einflussnahme innerhalb des Staates geschaffen. Wenn man politischen Akteuren, die sich als Teil eines an der Muslimbruderschaft orientierten regionalen Projekts verstehen, erhebliche exekutive und legislative Macht überträgt, demokratisiert man nicht einfach die Regierung. Man verändert den politischen Charakter des Systems und verschafft der Türkei und Katar über etwas, das man als fünfte Kolonne bezeichnen könnte, dauerhaften Einfluss auf das Land.
Die Kurdenfrage war ein weiteres Beispiel dafür, dass das Wünschenswerte und das politisch Mögliche nicht länger deckungsgleich waren. Ich bin nicht dafür, Syrien in voneinander getrennte politische Einheiten aufzuteilen. Wenn wir aber ehrlich analysieren wollen, was geschehen ist, müssen wir versuchen, uns in die Lage der anderen Seite hineinzuversetzen. Zu diesem Zeitpunkt verfügten die kurdischen Kräfte über Zehntausende Kämpfer, kontrollierten bedeutende Gebiete und standen unter dem Schutz der Vereinigten Staaten.
Damaskus hätte keinen großen Krieg gegen sie begonnen, denn das hätte bedeutet, eine direkte Konfrontation mit den Amerikanern zu riskieren. Und weder Russland noch der Iran wollten einen solchen Zusammenstoß. Unter diesen Umständen war ein substantielles politisches Entgegenkommen notwendig geworden. Nach zehn Jahren Krieg lediglich Unterricht in kurdischer Sprache anzubieten, war zu wenig und kam zu spät. Der syrische Staat verhandelte noch immer, als bestünde das alte Kräfteverhältnis fort. Dabei hatte sich die Realität vor Ort bereits dramatisch verändert.
Wenn die Leute fragen, was Assad in den letzten Monaten hätte tun sollen, setzen sie mit ihrer Erzählung zu spät an. Katastrophen wie diejenige, die Syrien widerfuhr, werden gewöhnlich nicht durch eine einzelne Entscheidung verursacht. Sie entstehen durch die Anhäufung vieler falscher Entscheidungen über Jahre hinweg, von denen jede die noch verfügbaren Handlungsmöglichkeiten weiter einschränkt, bis schließlich keine guten Optionen mehr übrig sind.
Als Aleppo während der letzten Offensive fiel, hatte Assad keine guten Optionen mehr. Die früheren Entscheidungen hatten ihm nur noch verschiedene Formen der Niederlage gelassen. Einer der größten Fehler bestand darin, den Konflikt einzufrieren, solange Idlib außerhalb der Kontrolle von Damaskus blieb.
Als Russland 2015 in den Krieg eingriff, veränderte sich die militärische Lage schnell. Die syrische Armee gewann Gebiete zurück, die Moral verbesserte sich, die Hisbollah und iranische Kräfte waren massiv beteiligt. Und mehrere Jahre lang lag die Initiative bei der Regierung. Es gab Situationen, in denen die syrische Armee – selbst gegen den Willen der Türkei – Tatsachen vor Ort schaffen konnte, einschließlich Vorstößen über türkische rote Linien hinweg. Russland und der Iran mussten anschließend mit der neuen Lage umgehen.
Die Bedingungen waren nicht ideal, aber Syrien besaß weiterhin die militärische Initiative. Als die Assad-Regierung der Einfrierung des Konflikts und dem Astana-Prozess zustimmte, veränderte sich der Charakter des Krieges. Assad ging davon aus, dass sich die verbliebenen Gebiete später auf politischem Wege wieder unter die Kontrolle von Damaskus bringen ließen. Die Gegenseite verbrachte diese Jahre aber nicht damit, auf eine politische Lösung zu warten.
Die Türkei nutzte die Zeit, um in Idlib einen Parallelstaat aufzubauen. Das Gebiet wurde wirtschaftlich in die Türkei integriert, türkische Waren und die türkische Währung zirkulierten. Infrastruktur und Handel wurden zunehmend von der türkischen Seite der Grenze abhängig. Und die in der Provinz operierenden bewaffneten Takfiri-Gruppen hatten Jahre Zeit, sich zu organisieren, auszubilden und zu konsolidieren. Auch ausländische Geheimdienste hatten Jahre Zeit, Netzwerke und Beziehungen aufzubauen.
In Damaskus vollzog sich unterdessen der entgegengesetzte Prozess. Gegen Syrien wurden härtere Sanktionen verhängt. Wichtige Öl- und Gasvorkommen blieben außerhalb der Kontrolle der Regierung. Der Staat musste Geld drucken. Die Inflation vernichtete die Gehälter, Treibstoff wurde knapp und die Wirtschaft wurde allmählich ausgehöhlt. Während sich Idlib unter türkischer Schirmherrschaft stabilisierte, wurde der syrische Staat demontiert.
Deshalb sage ich, es war ein strategischer Fehler, den militärischen Konflikt mit al-Qaida einzufrieren. Als die syrische Regierung die militärische Option in Idlib wieder auf den Tisch bringen wollte, war Russland nicht mehr zu einer großen Konfrontation mit der Türkei bereit, und der Iran verfolgte seine eigenen Interessen. Europa fürchtete eine weitere Flüchtlingswelle. Das gesamte politische Umfeld hatte sich verändert. Das Zeitfenster, das 2017 oder 2018 offen gestanden hatte, war sechs Jahre später geschlossen.
Ich glaube außerdem, dass die syrische Führung den psychologischen Charakter des Sanktionskriegs nie ganz verstanden hat. Während der aktiven militärischen Phase des Konflikts konnten die Syrer den Feind sehen. Radikale Bewaffnete griffen syrische Städte an, zerstörten Infrastruktur und kämpften gegen die nationale Armee, während syrische Soldaten sichtbar den Staat verteidigten. Der Konflikt war konkret. Die Menschen wussten, wer auf sie schoss.
Als die Fronten aber weitgehend zur Ruhe kamen und sich der Wirtschaftskrieg verschärfte, war der Feind sehr viel schwerer erkennbar. Ein syrischer Familienvater, dessen Gehalt wertlos geworden war, der keinen Treibstoff finden konnte, nur zwei Stunden am Tag Strom hatte und nicht mehr genügend Lebensmittel für seine Familie kaufen konnte, wachte nicht jeden Morgen auf und dachte über Sanktionsgesetze in Washington nach. Er schaute auf seine Regierung und machte sie dafür verantwortlich, dass sie nicht einmal mehr Brot bereitstellen konnte.
Das war eine außerordentlich wirksame Form wirtschaftlicher Kriegführung, weil die Sanktionen den Staat materiell schwächten und zugleich die politische Verantwortung für die Folgen auf eben diesen Staat abwälzten. Die Regierung konnte Grundbedürfnisse nicht länger subventionieren oder die Infrastruktur wiederaufbauen. Und schließlich richtete eine Bevölkerung, die sich einst auf die Seite von Damaskus gegen bewaffnete Takfiri-Gruppen gestellt hatte, ihren Zorn zunehmend gegen Assad. Denn die bewaffneten Gruppen standen nicht mehr vor der eigenen Haustür – die Armut dagegen schon.
Gegenüber Jamarl habe ich diese Unterscheidung hervorgehoben. Meiner Ansicht nach ist sie entscheidend, um zu verstehen, wie die syrische Regierung ihre gesellschaftliche Unterstützung verlor. Der militärische Feldzug konnte den Staat nicht zerstören, doch der Wirtschaftskrieg veränderte die Psychologie der Bevölkerung.
Soweit ich es beurteilen kann, scheint Assad darauf gesetzt zu haben, dass die Zeit ihm irgendwann eine günstigere Gelegenheit verschaffen würde. Syrien hatte seine Beziehungen zu Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten wiederhergestellt. Assad reiste wieder in die Hauptstädte der Golfstaaten. Es bestand die Erwartung, dass die Saudis und Emiratis Washington möglicherweise dazu bewegen könnten, die Sanktionen aufzuheben oder zu lockern, falls Trump ins Amt zurückkehrte – im Gegenzug für kosmetische Zugeständnisse Syriens.
Würden die Sanktionen aufgehoben und erhielte Damaskus wieder Zugang zu Ressourcen, könnte Assad mit dem Wiederaufbau des Landes und der Wiederherstellung staatlicher Autorität beginnen. Diese Strategie war nicht völlig irrational. Das Problem bestand darin, dass auch die Türkei sah, was vor sich ging. Wenn Assad lange genug überlebte, um Sanktionserleichterungen und eine wirtschaftliche Rehabilitation zu erreichen, würde Ankaras Einfluss auf Syrien drastisch schwinden. Ich vermute, dass der türkische Geheimdienst diese Gefahr erkannte und noch vor Trumps Amtseinführung handelte. Ich kann nicht jedes Detail dieses Kalküls beweisen, aber so interpretiere ich den Zeitpunkt.
Kommen wir nun zur Verantwortung. Zu viele Menschen im Internet suchen nach einem einzigen äußeren Akteur, dem sie die Schuld geben können. Menschen, die Syrien liebten und wollten, dass der syrische Staat fortbesteht, sind wütend. Und wenn etwas zusammenbricht, suchen wir ganz natürlich nach jemandem, der uns verraten hat. Manche geben Russland die Schuld. Andere dem Iran. Wieder andere Assad. Manche machen einen bestimmten Militärkommandeur oder eine bestimmte politische Entscheidung verantwortlich.
Wenn wir eine Liste derjenigen erstellen wollen, die Verantwortung für das tragen, was unserem Land widerfahren ist, müssen die Syrer selbst ganz oben auf dieser Liste stehen. Es waren Syrer, die gegeneinander kämpften. Syrer setzten Panzerabwehrraketen gegen Panzer der syrischen Armee ein. Syrer zerstörten die syrische Luftverteidigung. Syrer verkauften Informationen und Stellungen für Geld. Syrer schlossen sich Terrororganisationen an, die den Staat zerlegten und öffentliche Infrastruktur zerstörten, die nicht Assad gehörte, sondern dem Land.
Ausländische Staaten finanzierten, bewaffneten und förderten dies und nutzten es für ihre Zwecke aus. Ich will ihre Verantwortung keine Sekunde lang kleinreden. Katar, die Türkei, Saudi-Arabien, Israel, die Vereinigten Staaten und andere Akteure spielten eine gewaltige Rolle bei der Zerstörung Syriens. Aber sie brauchten Syrer, die vor Ort die Arbeit erledigten. Auch innerhalb des Staates gab es Korruption. Und je länger die Sanktionen anhielten und je ärmer die Menschen wurden, desto leichter wurde es für Beamte, Offiziere und gewöhnliche Bürger, mit ausländischen Mächten zusammenzuarbeiten.
Wenn es Verrat gab, dann haben die Syrer Syrien verraten, bevor Russland es tat. Ich weiß, es schmerzt, das zu hören. Aber ich glaube, die Syrer müssen aufhören, sich Geschichten zu erzählen, in denen jede Katastrophe, die uns widerfährt, die Schuld eines anderen ist. Wir können die russische Politik ablehnen. Wir können den Iran kritisieren. Wir können sagen, dass Moskau Damaskus im empfindlichsten Moment des Krieges im Stich gelassen hat – denn genau das tat es. Wir können sagen, dass Teheran wirtschaftlichen Druck auf Syrien ausübte, als die syrische Bevölkerung ohnehin bereits litt.
Aber weder Russland noch der Iran waren Syrien. Es waren ausländische Staaten, die ihre eigenen Interessen verfolgten. Wir waren diejenigen, die für den Erhalt unseres eigenen Landes verantwortlich waren. Der größte Fehler war zuzulassen, dass der syrische Staat derart abhängig von äußeren Mächten wurde, dass deren Entscheidungen schließlich darüber bestimmen konnten, ob der Staat überlebte.
Syrien räumte Russland enormen Einfluss auf militärische Entscheidungen ein. Einige Einheiten der syrischen Armee wurden eng in die russische Militärpräsenz eingebunden. Syrien wurde von iranischem Treibstoff und iranischer Finanzhilfe abhängig. Iranische Berater und Kräfte der Hisbollah wurden auf dem Schlachtfeld unverzichtbar. Damals war ein Großteil dieser Unterstützung notwendig, weil der Staat um sein Überleben kämpfte. Doch Abhängigkeit schafft immer Einflussmöglichkeiten. Sobald die eigene Armee, Wirtschaft oder Energieversorgung von einem anderen Land abhängig ist, erhält dieses Land die Möglichkeit, politischen Druck auszuüben – ob es einem gefällt oder nicht.
Russland intervenierte nicht in Syrien, weil Wladimir Putin irgendeine emotionale Bindung zu Baschar al-Assad hatte. Moskau hatte strategische Interessen daran, den syrischen Staat zu erhalten. Es wollte einen weiteren vom Westen unterstützten Regimewechsel verhindern. Es wollte seine militärische Position am Mittelmeer bewahren. Es wollte dschihadistische Kräfte bekämpfen, bevor diese russische Interessen anderswo bedrohen konnten. Und es wollte demonstrieren, dass es eine verbündete Regierung vor dem Zusammenbruch bewahren kann.
Viele Jahre lang überschnitten sich diese russischen Interessen mit Syriens Interessen, und diese Überschneidung war für Damaskus außerordentlich wertvoll. Ohne die russische Intervention von 2015 wäre der syrische Staat möglicherweise schon viel früher zusammengebrochen. Aber irgendwann änderte sich Russlands Kalkül. Die Ukraine wurde wichtiger. Die Türkei wurde wichtiger. Die Vermeidung eines weiteren großen militärischen Engagements wurde wichtiger. Und Assad war nicht bereit, jene Art von Übereinkunft zu akzeptieren, von der Moskau glaubte, dass sie Syrien stabilisieren könne, ohne Russland in einen weiteren langen Krieg zu zwingen.
Hat Russland Syrien also im Stich gelassen? Ja. Hat Russland russische Interessen über syrische Interessen gestellt? Natürlich. Hat Moskau Assad zu Regelungen gedrängt, von denen viele Syrer glaubten, dass sie die syrische Souveränität beschädigen würden? Absolut.
Trotzdem halte ich „Verrat“ für die falsche Lehre aus dem Geschehen. Denn dieser Begriff rettet die Vorstellung, alles hätte weitergehen können wie bisher, wäre Putin nur loyal geblieben.
Ich glaube nicht, dass Syrien sich am Ende noch in einer solchen Lage befand. Der Staat war durch mehr als ein Jahrzehnt Krieg, Korruption, Sanktionen, territoriale Zersplitterung, wirtschaftlichen Zusammenbruch und die Abhängigkeit von ausländischen Verbündeten geschwächt. Idlib hatte sich jahrelang unter türkischem Schutz entwickeln können. Die kurdischen Gebiete gediehen unter amerikanischem Sicherheitsschirm. Russland war in einen großen Krieg in der Ukraine eingetreten. Der Iran bereitete sich auf seine eigene Konfrontation mit Israel vor. In der letzten Phase war der Handlungsspielraum äußerst eng.
Die eigentliche Lehre ist härter als die Behauptung, Putin habe Assad verraten. Syrien behandelte Verbündete wie Freunde, ließ Abhängigkeiten entstehen, verschleppte politische Entscheidungen, während sich das Kräfteverhältnis veränderte. Und dabei glaubte es, dass ausländische Mächte, deren Interessen sich einst mit den eigenen gedeckt hatten, weiterhin jeden Preis für den Erhalt des syrischen Staates zahlen würden.
Das taten sie nicht. Und vielleicht hätten wir es nie von ihnen erwarten dürfen.