Israel will nach dem Ende der UNIFIL-Mission eine internationale Truppe im Südlibanon – aber nicht unter Führung der Vereinten Nationen, sondern der USA. Washington soll damit eine Mission führen, die notfalls auch die Hisbollah gewaltsam entwaffnet. Doch die USA wollen keine eigenen Soldaten entsenden, während Europa auf eine Koalition der Willigen setzt, falls die USA eine neue UN-Mission im Sicherheitsrat blockieren. Mit welchem Ziel?

Der Beitrag erschien auf Englisch am 28. September 2026 bei Responsible Statecraft

Von Anchal Vohra

Anchal Vohra ist eine in Brüssel lebende Kolumnistin von Foreign Policy und beschäftigt sich mit den Auswirkungen der US-Außenpolitik im Nahen Osten und in Europa sowie mit der europäischen Außenpolitik

Aus Sorge vor einem Sicherheitsvakuum nach Abzug der UN-Friedenstruppen aus dem Südlibanon zum 31. Dezember bemüht sich Libanons Regierung mit Nachdruck darum, die Interimstruppe der Vereinten Nationen im Libanon (UNIFIL) zu verlängern oder an ihre Stelle eine europäisch geführte multinationale Truppe zu setzen. Israel hält seit seiner jüngsten Invasion des Landes Anfang dieses Jahres Dutzende Dörfer südlich des Litani besetzt, es kann den Abzug der Blauhelme kaum erwarten. Seit Langem wendet sich Israel gegen eine Verlängerung des UNIFIL-Mandats und bezeichnet die Mission als wirkungslos bei der Eindämmung und Entwaffnung der vom Iran unterstützten Hisbollah. 

Tel Aviv lehnt eine internationale Truppe nach Abzug der UNIFIL aber nicht grundsätzlich ab. Es will nur keine, die den Vereinten Nationen untersteht. Israel setzt sich für eine US-geführte Truppe ein, während Libanons Regierung eine europäisch geführte Mission bevorzugt, die der libanesischen Armee zur Seite steht, falls das UNIFIL-Mandat nicht erneuert oder verlängert wird. Noch schwerer wiegt die Frage, wie eine solche Truppe die kampferprobte Hisbollah, die mächtigste bewaffnete Kraft des Landes, überhaupt bezwingen soll. Die Organisation genießt längst breite Unterstützung in der schiitischen Gemeinschaft, die etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung ausmacht. 

Wenige Tage vor der Sitzung der UN-Generalversammlung in New York traf Libanons Präsident Joseph Aoun in Paris mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Jordaniens König Abdullah zusammen. Sie sprachen darüber, warum ausländische Truppen im Libanon bleiben müssten und wie sie Präsident Donald Trump davon überzeugen könnten. Israel besetzte fünf strategisch wichtige Punkte im Südlibanon, nachdem sich die Hisbollah 2023 dem Krieg zwischen Israel und der Hamas angeschlossen hatte. Israel bombardierte massiv die überwiegend von schiitischen Libanesen bewohnte Region und zwang die Bewohner zur Flucht in andere Teile des Landes. 

Im November vergangenen Jahres wurde zunächst ein Waffenstillstand geschlossen, wenn auch Israel seine Bombardierungen nie vollständig eingestellt hat. Im März brachen erneut Kämpfe aus, nachdem die USA und Israel Irans Obersten Führer Ayatollah Khamenei getötet hatten und die Hisbollah daraufhin Israel angriff. Dies bot Israel den benötigten Vorwand, den Krieg fortzusetzen, und eine Rechtfertigung dafür, das besetzte Gebiet zu halten. Die libanesischen Streitkräfte (LAF) sind nicht ausreichend ausgerüstet, um den israelischen Streitkräften (IDF) im Süden entgegenzutreten. Die Bevölkerung fürchtet dort, ein Abzug der UNIFIL könnte sie einer langen oder dauerhaften israelischen Präsenz aussetzen.

Mit dem Abzug der UNIFIL ginge auch eine neutrale Instanz verloren – und damit die „Augen und Ohren der Welt“ in einer Region, in der Missverständnisse rasch in bewaffnete Konflikte münden können. Rund 7.500 Soldaten aus 46 Ländern überwachen Verletzungen des Luftraums und Einfälle am Boden und dienen seit dem Krieg zwischen Israel und der Hisbollah 2006 als wichtiges Bindeglied zur Deeskalation. Zudem sind die UNIFIL-Truppen zur Lebensader geworden für Bewohner libanesischer Dörfer, die ihre Häuser nicht verlassen, seit israelische Truppen eingerückt sind und ihre „Sicherheitszone“ eingerichtet haben. 

So passieren UN-Soldaten israelische Kontrollpunkte, um die Bewohner des christlichen Rmeich mit Hilfsgütern, Medikamenten und Lebensmitteln zu versorgen. Ihr Abzug könnte diese Lieferungen zum Erliegen bringen und die betroffenen Dörfer vom Rest des Landes abschneiden. Unter diesen Umständen erscheint eine Verlängerung um sechs Monate bis ein Jahr als vernünftig. Israel konzentriert sich aber auf die Entwaffnung der Hisbollah und scheint sich wenig um die innenpolitischen Verhältnisse im Libanon zu kümmern. Es bezeichnet die UNIFIL als wirkungslos und wartet auf deren Abzug. Im vergangenen Jahr erreichte es sein Ziel, als der UN-Sicherheitsrat unter amerikanischem Druck das UNIFIL-Mandat nur noch bis zum Ende dieses Jahres verlängerte. Seit ihrer Einrichtung 1978 nach der ersten israelischen Invasion des Libanon war die UNIFIL für Israel stets ein Ärgernis. Nach dem Krieg von 2006 wurde sie auf Grundlage der UN-Resolution 1701 verstärkt. 

Die Resolution sah vor, dass das Gebiet zwischen der Blauen Linie – der faktischen Trennlinie zwischen Israel und dem Libanon – und dem Litani vollständig demilitarisiert sein sollte, abgesehen von dort stationierten Kräften der libanesischen Armee und der UNIFIL. 
Israel sollte seine Truppen aus diesem Gebiet abziehen, während die libanesische Armee und die UNIFIL dort Stellung bezogen. Israel wirft den Friedenstruppen vor, die Resolution nie vollständig durchgesetzt zu haben. Die UNIFIL hält dagegen, dass es nie ihre Aufgabe gewesen sei, die Hisbollah gewaltsam zu entwaffnen. Dies ist eine Quelle der Spannungen zwischen Israel und den Vereinten Nationen und damit zwischen Israel und dem Libanon. 

Nun will Israel eine Truppe, die befugt ist, die Hisbollah notfalls mit militärischer Gewalt zu entwaffnen, und bevorzugt dafür einen von den USA geführten Mechanismus. Das Problem mit diesem Plan ist allerdings, dass Washington keine eigenen Truppen entsenden will. Die Europäer wären dagegen wie schon in der Vergangenheit bereit, Soldaten zu stellen, wollen diese aber unter einem UN-Mandat einsetzen. Sollte es Israel gelingen, Washington davon zu überzeugen, die Vereinten Nationen herauszuhalten – was die USA mit ihrem Vetorecht im Sicherheitsrat durchsetzen können –, würden die Europäer wahrscheinlich auf das Modell einer „Koalition der Willigen“ zurückgreifen: Eine Gruppe von Staaten würde Truppen stellen und die libanesische Armee auf multilateraler Grundlage unterstützen. 

Mehrere europäische Länder haben bereits eine von Italien geführte technische Unterstützungsgruppe für die libanesische Armee eingerichtet, um deren Fähigkeiten auszubauen. Die Europäische Union erklärte, mehr als zehn Staaten seien dazu bereit, Soldaten für eine internationale Truppe nach dem Ende der UNIFIL bereitzustellen. Die Vereinten Nationen selbst haben drei Optionen vorgelegt, die sich hinsichtlich der Zahl der eingesetzten uniformierten Kräfte unterscheiden. Diese würden zusätzlich von bewaffneten Soldaten zu ihrem eigenen Schutz begleitet. Außerdem haben die UN Anforderungen an Überwachungstechnik wie Radarsysteme, Hubschrauber und Satellitenbilder formuliert. Je nach gewähltem Modell sieht der Vorschlag zwischen 2.000 und 5.000 Soldaten vor. 

Nach der ersten Option könnten UN-Truppen gemeinsam mit der libanesischen Armee sogar nördlich des Litani, näher an Beirut, Operationen durchführen. Die zweite sieht „einige“ gemeinsame Einsätze mit der libanesischen Armee ausschließlich südlich des Litani vor, erlaubt aber in begrenztem Umfang auch die Überprüfung möglicher Verstöße gegen die Resolution 1701 nördlich des Flusses. Die dritte Option würde über geringere Mittel und eingeschränkte Möglichkeiten zur Koordination zwischen den israelischen und libanesischen Streitkräften verfügen. Die entscheidende Frage bleibt allerdings unbeantwortet: Zu welchen gemeinsamen Operationen an der Seite der libanesischen Armee sind die europäischen Staaten überhaupt bereit?

Israel vertraut weder auf den Willen noch auf die Fähigkeit der libanesischen Armee, die Hisbollah zu entwaffnen. Für jede internationale Truppe wäre dies allerdings ein riskantes Unterfangen. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas erklärte, Ziel einer solchen Truppe sei es, „die libanesischen Streitkräfte und die Fähigkeit des libanesischen Staates zu stärken, auf seinem gesamten Territorium für Sicherheit zu sorgen“. Damit dürften weniger gefährliche Aufgaben wie Ausbildung und die Bereitstellung wichtiger Ausrüstung gemeint sein. 

Wie eine internationale Truppe nach Ende der UNIFIL letztlich aussehen würde, ist noch völlig offen. Mehrere Pläne könnten aber miteinander verbunden werden: Die USA könnten sich an einer von den UN geführten Mission beteiligen, die sich aus europäischen Truppen zusammensetzt. Israel hofft, dass Washington zumindest seine hochmodernen satellitengestützten Überwachungssysteme zur Verfügung stellt, um die Einhaltung der Resolution 1701 durch die Hisbollah zu kontrollieren. Zugleich fordert Israel, dass jede Nachfolgetruppe ein wesentlich robusteres Mandat und weitreichendere Befugnisse erhält, als EU oder UN bislang vorgeschlagen haben. 

Doch die von Israel gewünschte Truppe – eine Streitmacht, die von Haus zu Haus zieht, um die Hisbollah zu entwaffnen – wäre für die libanesische Regierung ein Albtraum. Ein großer Teil der schiitischen Bevölkerung des Landes unterstützt die Hisbollah. Eine solche Truppe könnte gezwungen sein, deren Anhängern entgegenzutreten. Das könnte zivile Opfer fordern und sogar einen Bürgerkrieg auslösen. Zudem dienen auch Schiiten in den libanesischen Streitkräften, eine gewaltsame Entwaffnung könnte daher zu Meutereien führen. Sollte Israel beabsichtigen, den Südlibanon auf unbestimmte Zeit zu besetzen, wie einige hochrangige israelische Vertreter andeuten, riskiert Tel Aviv, die Hisbollah und ihre Aufrufe zum Widerstand zu stärken und zugleich die staatlichen Institutionen zu schwächen. Eine Verbesserung der Beziehungen zu Beirut bietet Tel Aviv die beste Aussicht auf eine für beide Seiten akzeptable Regelung, die einen tragfähigen Frieden ermöglicht. 

Die Entwaffnung der Hisbollah ist nicht allein eine militärische Aufgabe. Sie erfordert einen mühsamen innerlibanesischen politischen Prozess, der die Sorgen der Schiiten über ihre Stellung in einer stark konfessionell geprägten Gesellschaft berücksichtigt. Auch regionale Akteure wie die Türkei und Saudi-Arabien werden mitreden wollen. Und irgendwann muss auch der Elefant im Raum angesprochen werden. Der Iran wird die Hisbollah als seinen Verbündeten nicht einfach fallen lassen – erst recht nicht zu einem Zeitpunkt, an dem er den Eindruck hat, den von den USA und Israel begonnenen Krieg zu gewinnen. 

Titelbild: UNIFIL und italienische Entwicklungszusammenarbeit im südlibanesischen Chamaa, 2019. Foto: RomanDeckert / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/