Hendrik Wüst reist in die Türkei — und die deutsche Berichterstattung darüber verrät womöglich mehr über unsere Ehrfurcht vor Erdoğan als über die Kanzlerfähigkeit des Besuchers. Wie aus einem politischen Gespräch eine Beförderung wurde – eine deutsche Medienkritik

Der Beitrag erschien zuerst am 29. September 2026 auf dem Substack des Autors trderandereblick.substack

Von Ozan Demircan

Ozan Demircan ist Analyst und Berater. Von 2015 bis 2024 war er Türkei-Korrespondent des Handelsblatts. Heute ist er Herausgeber des Newsletters „Türkei – Der andere Blick“

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident ist für drei Tage mit Wirtschaftsvertretern und Journalisten unterwegs. Anlass sind die wirtschaftlichen Beziehungen und der 65. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens. Am Montag kommt ein zunächst nicht öffentlich angekündigter Termin hinzu: Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan empfängt den CDU-Politiker zu einem rund 50-minütigen Gespräch in Ankara.

Schon rückt in Deutschland das Kanzleramt näher. Der Tagesspiegel begleitet den „Reservekanzler“ auf einer „erstaunlichen Türkei-Reise“, die Frankfurter Rundschau sieht Wüst den „Außenkanzler“ geben. Die ZEIT titelt: „Was heißt Kanzlertausch auf Türkisch?“ Erdoğan hat einen Termin vergeben. Die deutsche Presse vergibt die höheren Ämter.

Kanzler Friedrich Merz steht unter Druck, Wüst wird als möglicher Nachfolger gehandelt. Für einen Wechsel jedoch müssten sich entscheidende Teile der Union auf Wüst verständigen und eine parlamentarische Mehrheit organisieren; gegen Merz’ Willen wäre dafür ein konstruktives Misstrauensvotum nötig. Und Erdoğan verfügt im Bundestag, bei aller ihm zugeschriebenen Macht, über keine Stimme.

Im WDR-Radio wird der Empfang am Montagabend dennoch zur ersten Meldung, verbunden mit der Behauptung, Wüst sei der „erste Ministerpräsident überhaupt“, der von Erdoğan empfangen worden sei. In dieser pauschalen Form stimmt das nicht: Niedersachsens Ex-Ministerpräsident Stephan Weil traf Erdoğan bereits am 9. Mai 2014 in Ankara. Erdoğan war damals türkischer Regierungschef. Am selben Tag empfing ihn auch Staatspräsident Abdullah Gül. Das dokumentiert die niedersächsische Landesregierung, einschließlich Fotos.

Erdoğans Aufmerksamkeit als Auszeichnung

Auch Winfried Kretschmann hatte während seiner Türkei-Reise im Oktober 2012 mit Staatspräsident Gül gesprochen. Die protokollarischen Konstellationen unterscheiden sich. Aber gerade wer eine historische Premiere verkündet, sollte diese Unterschiede benennen.

Interessanter als die Übertreibung ist die Autorität, die Erdoğan dabei zugeschrieben wird. Seine Aufmerksamkeit erscheint als Auszeichnung, seine Einladung als Beleg politischer Größe. Wer bei ihm vorgelassen wird, muss offenbar jemand sein. Eine beträchtliche symbolische Macht für einen Politiker, dessen Herrschaftsverständnis in Deutschland gewöhnlich mit Distanz betrachtet wird.

Natürlich kann man Erdoğans Regierungsweise kritisieren und einen kompetenten Umgang mit ihm für notwendig halten. Genau so stellte es Wüst nach dem Treffen selbst dar. In der schnellen Kanzlerdeutung deutscher Journalisten erhält Erdoğan dagegen eine prüfende Funktion. Die unausgesprochene Annahme lautet: Dieser Mann weiß, wer wirklich zählt. Wenn er sich für Wüst Zeit nimmt, wird er in ihm etwas erkannt haben. Für den Nachweis deutscher Führungseignung genügt vorläufig, dass der türkische Präsident seinen Terminkalender öffnet.

Die Sprache passt dazu. Das ZDF schreibt von einem Termin, der Wüst „gestattet worden ist“. Die Financial Times beschreibt Wüst vorsorglich als „Germany’s potential next leader“. Der Gastgeber gewährt Gunst, der Besucher gewinnt an Rang. Die höfische Atmosphäre entsteht auch am deutschen Redaktionsschreibtisch.

Ein NRW’ler dürfte alles eingefädelt haben

Ein Blick in Erdoğans Terminkalender könnte die Ehrfurcht etwas dämpfen. Am 12. März 2026 empfing er Außenminister Johann Wadephul im Präsidialkomplex, am 16. Juni die Vizepräsidentin des spanischen Verfassungsgerichts, Inmaculada Montalbán Huertas. Am 6. Juni war der Gouverneur der irakischen Provinz Kirkuk, Mehmet Seman Ağa, im Präsidialbüro in Istanbul zu Gast. Und am 2. Juli 2025 traf Erdoğan in Ankara Rustam Minnichanow, das Oberhaupt der russischen Teilrepublik Tatarstan. Ob dieser damit zu Putins Nachfolger aufsteigen wird, wäre nach der deutschen Deutungslogik zumindest eine Nachfrage wert.

Spaß beiseite: Wer aus Wüsts Einladung einen politischen Ritterschlag ableitet, müsste erklären, was sie dazu macht. Dafür gäbe es eine konkrete Vorgeschichte zu recherchieren. Akif Çağatay Kılıç, Erdoğans außen- und sicherheitspolitischer Chefberater, wurde in Siegen geboren. Auch der AKP-Politiker Zafer Sırakaya stammt aus Nordrhein-Westfalen, aus Herne. Die Verbindungen zwischen Ankara und NRW haben eine biografische Dimension, die in der großen Kanzlerdramaturgie leicht untergeht.

Vor allem hatte Kılıç bereits im Juni persönlichen Kontakt zu Wüst. Der türkische Staatssender TRT berichtete am 12. Juni über ein Gespräch in der NRW-Landesvertretung in Berlin. Bei demselben Besuch nahm Kılıç auch an einer gemeinsam mit der Konrad-Adenauer-Stiftung organisierten Veranstaltung teil. Seine Verbindungen ins Umfeld der NRW-CDU sind dokumentiert. Beim jetzigen Empfang durch Erdoğan waren beide ebenfalls dabei.

Die besondere Ökonomie mitreisender Journalisten

Dass Kılıç den Termin vermittelt oder dafür geworben hat, ist eine plausible Vermutung. Eine kurzfristige Zusage kann am Ende längerer Vorbereitungen stehen. Was für mitreisende Reporter überraschend ist, muss für die beteiligten Berater keineswegs überraschend sein. Überraschung beschreibt zunächst den Informationsstand der Beobachter.

Hier liegt das Problem deutscher Journalisten im Umgang mit Informationen aus dem politischen Umfeld: Eine Quelle kann zuverlässig über einen Termin informieren und zugleich ein Interesse daran haben, diesen Termin zu überhöhen. Das Umfeld liefert die Zutaten — überraschend, außergewöhnlich, höchste Ebene — und die Redaktion bereitet daraus eine vermeintlich eigenständige Analyse zu.

Hinzu kommt die besondere Ökonomie solcher Reisen. Redaktionen investieren Zeit, Geld und Aufmerksamkeit; Reporter erhalten Zugang, ihre Leser erwarten Einblicke. Die Reise soll etwas hergeben. Ein ordentliches Gespräch über Wirtschaftsbeziehungen erfüllt diese Erwartung nur bedingt. Ein möglicher Kanzler auf internationaler Bewährungsprobe schon eher. So kann der Aufwand der Berichterstattung selbst das Bedürfnis erzeugen, das Erlebte für besonders bedeutend zu halten.

Dazu braucht es keine Absprache. Das politische Umfeld Wüsts möchte seinen Chef aufgewertet sehen, die Redaktion möchte eine herausragende Geschichte. Beide Interessen können ineinandergreifen, während alle Beteiligten überzeugt bleiben, lediglich ihrer Arbeit nachzugehen.

Die Beförderung übernimmt die deutsche Presse

Gerade deshalb müsste die Nähe der mitreisenden Journalisten zur Delegation durch zusätzliche Distanz in der Recherche ausgeglichen werden. Mehrere Berichte aus demselben Umfeld ergeben noch keine unabhängigen Bestätigungen. Man kann hervorragend darüber informiert sein, wie Wüsts Mitarbeiter den Empfang bewerten, und trotzdem wenig darüber wissen, weshalb die türkische Seite zugesagt hat. Man fährt bis Ankara und betrachtet die Welt dort durch die Augen der Düsseldorfer Staatskanzlei.

Das führt zurück zu unserem Erdoğan-Bild. Wer ihn als nahezu alles entscheidenden Herrscher zeichnet, liefert die Dramaturgie seiner Audienzen gleich mit. Selbst scharfe Kritik kann den Mythos persönlicher Macht vergrößern: Moralische Distanz und Ehrfurcht vor Macht können erstaunlich gut nebeneinander bestehen.

So verstärkt eine Berichterstattung, die autoritäre Selbstinszenierung kritisch betrachtet, möglicherweise deren Wirkung. Sie schreibt Erdoğan die Fähigkeit zu, durch bloße Aufmerksamkeit deutsche Politiker aufzuwerten. Dabei hat vielleicht ein gut vernetzter Siegener einen Termin organisiert.

Erdoğan muss Wüst gar nicht zum Kanzler erklären. Er muss ihn nur empfangen. Die Beförderung übernimmt die deutsche Presse.

Titelbild: Land NRW / Marcel Kusch