Mit dem absehbaren Ende der UNIFIL-Mission beginnt im Libanon ein Ringen um die Ordnung danach. Die Türkei baut ihren Einfluss im Norden aus, Israel knüpft seinen Rückzug im Süden an immer neue Bedingungen, während Frankreich, Jordanien und Saudi-Arabien auf eine Stärkung des libanesischen Staates setzen. Dabei geht es nicht nur um die Hisbollah, sondern um die Frage, wer künftig Sicherheit, Wiederaufbau und politische Macht im Land organisiert. Die Gefahr einer Teilung ergibt sich aus diesen unterschiedlichen Strategien
Der Beitrag erschien auf Englisch am 24. September 2026 bei The Cradle
Von Malek al-Khoury
Malek al-Khoury ist geopolitischer Autor und Journalist und war zuvor für die führende libanesische Tageszeitung As-Safir tätig
Der Libanon steuert auf eine Teilung zu, die keine Regierung ausrufen und keine Karte aufzeigen wird. Sie nimmt Gestalt an durch festgefahrene Diplomatie und den ausbleibenden Wiederaufbau im Süden. Denn rivalisierende Mächte konkurrieren darum, den verbleibenden Staat zu dominieren.
Am 17. September kamen im Hôtel des Invalides, dem historischen Pariser Militärkomplex, Militäroffiziere und Regierungsvertreter zusammen, um darüber zu beraten, wie der libanesische Staat die Kontrolle über den Süden übernehmen könnte, wenn die Interimstruppe der Vereinten Nationen im Libanon (UNIFIL) abzieht. Die Türkei und Zypern saßen gemeinsam mit Saudi-Arabien und den USA am Tisch. Zwei Tage zuvor hatten sich die Botschafter des Libanon und Israels in Washington im US-Außenministerium getroffen, nachdem die nächste formelle Verhandlungsrunde auf Oktober verschoben worden war. Vier Tage später empfing der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan Libanons Ministerpräsidenten Nawaf Salam zu Gesprächen hinter verschlossenen Türen in New York.
Zusammen offenbaren die drei Treffen mehr als einen Wettstreit um Einfluss auf ein erschöpftes Land. Ankara und Tel Aviv folgen zwei unterschiedlichen strategischen Logiken, von denen jede einen anderen Libanon voraussetzt. Die eine braucht einen souveränen Staat, der Abkommen unterzeichnen, Projekte genehmigen und sein Territorium kontrollieren kann. Die andere knüpft einen Rückzug an Bedingungen, die eben dieser angeschlagene Staat nicht erfüllen kann. Auf dem Spiel steht damit die Struktur des Libanon selbst.
Ankaras „Blaue Heimat“ legt in Beirut an
Die türkische Doktrin der „Blauen Heimat“ behandelt den maritimen Raum als souveräne Erweiterung des Festlands, Ankaras rascher Ausbau seiner Seestreitkräfte verleiht diesem Anspruch materielles Gewicht. Jede Regelung im östlichen Mittelmeer, die die Türkei ausschließt, wird als Einkreisung verstanden.
Im Juni übertrug Erdogan diese Logik auf das Festland, als er erklärte, die Sicherheit der Türkei beginne nicht in Hatay, sondern in „Aleppo, Damaskus und Beirut“. Damit hatte er Beirut in den türkischen Sicherheitsraum einbezogen. Aber Ankaras Instrumente im Libanon führen weiterhin über den Staat. Nur eine souveräne Regierung kann ein Abkommen über die Abgrenzung von Seegebieten unterzeichnen. Die Arbeit der Türkischen Agentur für Zusammenarbeit und Koordination (TİKA) im Hafen von Tripolis bedarf der Zustimmung der Regierung. Auch die militärische Ausbildung beruht auf einem Rahmenabkommen von 2010. Der wiederbelebte Flughafen Qlaiaat, dessen erste geplante Verbindungen nach Istanbul und Mersin führen sollen, wird vom libanesischen Staat ausgebaut und zugelassen.
Als Erdogan den libanesischen Präsidenten Joseph Aoun am 30. Juli in Ankara empfing, erklärte er, die Türkei wolle an „allen Initiativen“ beteiligt sein, die nach Abzug der UNIFIL auf den Weg gebracht werden. Jede derartige Rolle würde eine Einladung Beiruts und irgendeine Form internationaler Rückendeckung voraussetzen. Zudem wäre mit israelischem Widerstand zu rechnen, ähnlich wie Ankara von der Stabilisierungstruppe für Gaza ausgeschlossen wurde.
Das türkische Modell unterscheidet sich grundlegend vom iranischen. Teherans Einfluss wuchs in den Leerstellen des Staates. Ankaras wirtschaftliche und diplomatische Projekte benötigen dagegen funktionierende Institutionen, weil Häfen, Flughäfen, Schifffahrtsrouten und maritime Abkommen nicht über eine nicht anerkannte Enklave abgesichert werden können.
Die Führungselite, die im Norden bereitsteht
Unterhalb der zwischenstaatlichen Ebene liegt ein über Jahre aufgebautes Netzwerk. Ankara hat die Einbürgerung von Libanesen türkischer Herkunft und Angehörigen der turkmenischen Gemeinschaften im Norden und in der Bekaa-Ebene beschleunigt. Halboffiziellen Zahlen zufolge, die Carnegie anführt, sind bis 2019 mehr als 9.600 von fast 18.000 Antragstellern eingebürgert worden. Carnegie warnte Ende 2025, diese Bevölkerungsgruppe könnte unter dem libanesischen Verhältniswahlrecht Einfluss auf die sunnitische Repräsentation gewinnen.
Verstärkt wird dieses Netzwerk durch osmanische Restaurierungsprojekte und die Schiffsverbindung Mersin–Tripolis, über die jede Woche mehr als 100 Lastwagen befördert werden. Eine zweite Ebene lässt sich schwerer erfassen und sollte nicht überbewertet werden. Religiöse Strömungen mit radikalen Wurzeln haben gelernt, über Kommunalpolitik, Interessenvertretung der eigenen Gemeinschaft und soziale Dienstleistungen voranzukommen. In ihrem Umfeld haben sich zivilgesellschaftliche Organisationen die Sprache des Regierens angeeignet und werden durch ausländische Finanzierung getragen.
Wie stark koordiniert sie handeln und wer letztlich hinter ihnen steht, bleibt unklar. Zusammengenommen bilden sie ein Umfeld, aus dem eine regierungsfähige Kaderstruktur hervorgehen könnte, falls die sunnitische Gemeinschaft des Libanon führungslos bleibt und sich der Staat weiter zurückzieht. Die nordwestsyrische Stadt Idlib bietet den nächstliegenden regionalen Präzedenzfall. Die sogenannte Syrische Heilsregierung wuchs unter Hayat Tahrir al-Sham (HTS) über lokale Verwaltungen, Gerichte und Dienstleistungseinrichtungen, während verbundene Organisationen ihren Einfluss auf Treibstoff, Kommunikation und Transport ausweiteten.
Ihre führenden Funktionäre und Bürokraten wechselten nach Dezember 2024 nach Damaskus. Idlib wurde zu einem administrativen Labor, dessen Personal anschließend auf die staatliche Ebene übertragen wurde. Der Nordlibanon ist von einem solchen Zustand weit entfernt, aber die politische Logik verdient Aufmerksamkeit. Einfluss wird zu Macht, wenn die Institution, die Dienstleistungen bereitstellt, zugleich die Befugnis erlangt, darüber zu entscheiden, wer tätig sein darf.
Natürlich hat der Vergleich seine Grenzen. Tripolis und Akkar verfügen weiterhin über eine Armee, Sicherheitsdienste und Kommunalverwaltungen und über eine sunnitische Gemeinschaft, in der Dar al-Fatwa (die höchste sunnitische Religionsbehörde des Libanon), traditionelle politische Familien, Golfstaaten und lokale Akteure miteinander konkurrieren.
Auch die gemischte christliche und alawitische Bevölkerungsstruktur erschwert eine einfache Wiederholung des Idlib-Modells. Es gibt keine Belege für ein Kantonsprojekt im Norden. Die entscheidendere Frage lautet, ob ein lokal verwurzeltes Netzwerk darauf vorbereitet wird, über Kommunen und Parlament bis in die Exekutive in Beirut vorzudringen.
Washingtons Lähmungsmaschinerie
Der trilaterale Rahmen zwischen den USA, Israel und dem Libanon vom 26. Juni bewegt sich in die entgegengesetzte Richtung. Washington beschreibt einen Stufenprozess, bei dem die libanesische Armee die „effektive souveräne Autorität über das gesamte libanesische Territorium“ wiederherstellt, während Israel sich nach und nach zurückzieht. Damit dient der Rahmen einem Ziel, das Beirut offiziell übernommen hat: sämtliche Waffen unter staatliche Kontrolle zu bringen.
Die Abfolge macht den Rückzug allerdings von einer verifizierten Entwaffnung abhängig. Die Armee kann die Hisbollah nicht gewaltsam entwaffnen, ohne einen Bürgerkrieg zu riskieren, und sie kann keine neue Sicherheitsordnung etablieren, solange israelische Truppen libanesisches Territorium besetzt halten und weiterhin an dessen Rändern operieren. Damit kann jede Seite auf die Nichterfüllung der Bedingungen durch die andere verweisen. Libanons Schwäche liefert Israel eine zeitlich unbegrenzte Begründung für dessen Verbleib.
Die erste Pilotzone in Zawtar al-Gharbiyah hat diese Falle aufgedeckt. Der Plan sah Räumung, Überprüfung durch Dritte, Sicherung und Wiederaufbau vor und sollte später auf Srifa und Frun ausgeweitet werden. Nach der Verhandlungsrunde zwischen Beirut, Tel Aviv und Washington Anfang August in Rom kam der Prozess ins Stocken, weil Israel eine Überprüfung in den ersten Gebieten verlangte, bevor das Modell ausgeweitet werden sollte.
Am 14. September warf der israelische Sender Channel 14 der libanesischen Armee vor, innerhalb der Zonen mit der Hisbollah zusammenzuarbeiten, und zitierte eine politische Quelle mit der Aussage, der Mechanismus sei gescheitert. Zwei Tage später erklärte Israels Generalstabschef Eyal Zamir, die Hisbollah könne nur dann aus dem Gebiet südlich des Litani verdrängt werden, wenn die libanesische Armee ihre Leistungsfähigkeit erheblich steigere. Jedesmal, wenn Beirut kurz davorsteht, die Bedingungen zu erfüllen, erhöht Tel Aviv die Schwelle für einen Rückzug.
Der diplomatische Prozess wird im selben Schwebezustand gehalten. Die nächste formelle Runde in Rom wurde auf Oktober verschoben, wenn in Israel Wahlen stattfinden. Das Treffen der Botschafter am 15. September in Washington hielt einen Gesprächskanal offen, gab aber keine Entscheidung bekannt. Der Rahmen funktioniert administrativ, eine politische Einigung steht weiter aus. Diese Lähmung hält den Staat schwach und begrenzt Ankaras Möglichkeiten weit über den Süden hinaus.
Israel muss nicht unmittelbar mit der Türkei in Tripolis konkurrieren, solange der libanesische Staat zu schwach ist, um die dort von Ankara aufgebauten Netzwerke und Investitionen in seine Strukturen einzubinden. Der Kampf dreht sich darum, ob der libanesische Staat überhaupt funktionieren kann. Das Streben nach einer Pufferzone im Südlibanon folgt der räumlichen Logik, die Netanjahu am 29. März dargelegt hat, als er sich mit „drei Sicherheitszonen tief im Feindesland“ im Libanon, in Gaza und in Syrien brüstete.
Athen tritt der antitürkischen Achse bei
Am 22. Februar skizzierte Netanjahu das, was er als „ein vollständiges System, eine Art Sextett von Bündnissen“ in Westasien bezeichnete. Er ordnete Indien, Griechenland, Zypern, nicht näher bezeichnete arabische und afrikanische Staaten sowie weitere asiatische Partner diesem System zu und stellte sie der durch israelische Angriffe geschwächten „schiitischen Achse“ sowie einer „entstehenden radikalen sunnitischen Achse“ gegenüber.
Der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis empfing Aoun am 31. August in Athen und bezeichnete einen starken Staat als Voraussetzung für einen starken Libanon. Am selben Tag unterzeichneten Griechenland und Israel einen Vertrag über drei Milliarden Euro für das Luftverteidigungssystem Achilles Shield. Athen präsentiert sich als historischer Freund des Libanon und der arabischen Welt und vertieft zugleich seine strategische militärische Partnerschaft mit Israel. Außerdem will Griechenland während seiner EU-Ratspräsidentschaft in der zweiten Hälfte des Jahres 2027 eine Partnerschaft zwischen der EU und dem Libanon auf die Tagesordnung setzen. Der Abzug der UNIFIL tritt dann in seine letzte Phase.
Europas Weg nach Beirut führt damit über eine Hauptstadt, die Netanjahu seiner geplanten Gegenachse zugerechnet hat. Unabhängig von Athens Absichten steht diese Konstellation Ankaras Strategie im östlichen Mittelmeer entgegen. Denn die griechisch-türkische Konfrontation verläuft bereits über Zypern, Seegrenzen und die Kontrolle des Meeres.
Ein Staat, den alle brauchen – außer Israel
Der Widerspruch war bereits in das von Frankreich und Jordanien im Rahmen des Akaba-Prozesses einberufene Pariser Treffen eingebaut, das der Vorbereitung einer internationalen Konferenz zur Unterstützung der libanesischen Armee und Sicherheitskräfte diente. Paris knüpfte umfangreiche Unterstützung an einen glaubwürdigen Einsatzplan, wohingegen libanesische Kommandeure warnten, dass die Hilfe von ungelösten politischen Bedingungen abhängig bleibe und der Einsatz keine interne Konfrontation auslösen dürfe.
Auch Riad hat seit Aouns Wahl vor allem mit dem Staat und seinen verfassungsmäßigen Institutionen zusammengearbeitet und finanzielle Unterstützung an Reformen und an das Ziel geknüpft, Waffen ausschließlich unter staatliche Kontrolle zu stellen. Das gemeinsame Verteidigungsabkommen von Mekka zwischen Saudi-Arabien, der Türkei und Pakistan hat die frühere Logik saudisch-türkischer Rivalität in der sunnitischen Gemeinschaft des Libanon abgeschwächt. In einem Interview mit Al-Mashhad erklärte Syriens selbsternannter Präsident Ahmad al-Sharaa, der frühere Al-Qaida-Führer Abu Mohammad al-Julani, der Libanon brauche eine „dritte Option, statt zwischen Bürgerkrieg und Krieg mit Israel zu wählen“.
Ankara, Athen, Riad, Paris und Damaskus brauchen alle einen handlungsfähigen libanesischen Staat, wenn auch für gegensätzliche Zwecke. Der einzige Mechanismus, der vor Ort bereits funktioniert, beruht dagegen darauf, dass der Libanon nicht zu einem solchen Staat werden kann.
Teilung nach Zeitplan
Keine äußere Macht verfügt derzeit über die Mittel, den Libanon zu besetzen und zu verwalten. Eine Fragmentierung würde Ankara gerade das verwehren, was es auf See anstrebt, denn eine nördliche Enklave kann kein international anerkanntes Abkommen über Seegrenzen unterzeichnen. Dennoch entsteht de facto eine Teilung, bei der sich jeder Teil des Landes nach einem anderen Zeitplan entwickelt. Der Wiederaufbau im Süden wird aufgeschoben, bis die Entwaffnung überprüft ist – nach einem Krieg, der Dutzende Dörfer zerstört hat und Vertreibung verstetigt.
Der Norden orientiert sich wirtschaftlich über den Hafen von Tripolis, die Schiffsverbindung nach Mersin und die geplanten Flugverbindungen von Qlaiaat zur Türkei. Beirut wartet auf Geld aus den Golfstaaten und Europa, das an Reformen geknüpft ist. Wie Ministerpräsident Salam am 15. September vor dem Parlament erklärt hat: „Ohne Finanzierung kann es keinen nachhaltigen Wiederaufbau geben, ohne Vertrauen keine Finanzierung und ohne einen handlungsfähigen Staat kein Vertrauen.“
Bleibt der Staat gelähmt und werden Wiederaufbaumittel nach geografischen Kriterien rationiert, könnte sich der Norden, in dem Ankara seine Netzwerke aufbaut, zu einem alternativen Machtzentrum verfestigen. Die Kader, die Ankara nach Beirut bringen wollte, könnten sich stattdessen in der Lage wiederfinden, den Norden faktisch zu verwalten. Eine anhaltende Lähmung würde dann jene Teilung hervorbringen, die die Türkei eigentlich vermeiden will – durch die Erosion eben jenes Staates, auf den ihre Strategie angewiesen ist.
Zypern und die Dauerhaftigkeit des Provisorischen
Der Libanon und Zypern unterzeichneten am 26. November 2025 ein Abkommen über eine ausschließliche Wirtschaftszone, was umgehend auf Ablehnung in Ankara und Nordzypern stieß. Das Abkommen behandelte die Republik Zypern als alleinige Vertreterin der Insel, seine Ratifizierung blieb im Libanon politisch umstritten.
UN-Generalsekretär António Guterres erklärte im Juli, ein weiteres Treffen im Format 5+1 bedürfe weiterer Vorbereitung. Bis Ende September war noch kein Termin festgelegt worden. Jede künftige Regelung, die den türkischen Zyprern ein effektives Mitspracherecht bei Entscheidungen über die ausschließliche Wirtschaftszone einräumt, könnte die rechtliche und politische Grundlage des libanesischen Abkommens erneut zur Debatte stellen. Über Beiruts Anteil am Erdgas des Mittelmeers könnte letztlich sowohl in der Pufferzone von Nikosia als auch in Baabda entschieden werden.
Die Erfahrung Zyperns zeigt, wie aus einem Provisorium mit der Zeit ein Dauerzustand werden kann. Mehr als ein halbes Jahrhundert ohne Einigung verwandelte eine provisorische Ordnung in ein dauerhaftes System aus Garantiemächten und Pufferzonen. Dem Libanon droht eine ähnliche Gefahr. Das Mandat der UNIFIL läuft am 31. Dezember 2026 aus, doch ihr Abzug soll voraussichtlich bis September 2027 andauern. Beirut und seine Partner beraten noch immer darüber, was – wenn überhaupt – danach kommen soll.
Aoun hat die Verhinderung eines Vakuums zur Priorität erklärt und gesagt, eine Nachfolgetruppe solle nur so lange bleiben, bis die Armee ihre Stellungen beziehen kann. Libanesische Militärvertreter lehnen eine Beobachtermission ab, die befugt wäre, der Armee ihre Operationen vorzuschreiben, die israelischen Wahlen machen eine Zustimmung Tel Avivs zu einer neuen internationalen Truppe in naher Zukunft unwahrscheinlich.
Die UN-Truppe, die 1964 als vorübergehende Maßnahme nach Zypern entsandt wurde, befindet sich noch immer auf der Insel. Diese Warnung darf der Libanon nicht ignorieren.
Der Kampf nach UNIFIL
Sharaas „dritte Option“ existiert theoretisch und hängt von jenem handlungsfähigen libanesischen Staat ab, den die meisten regionalen Akteure nach eigenen Angaben wollen. Ankara braucht eine souveräne Küste, die maritime Abkommen unterzeichnen kann. Athen will ein Bollwerk gegen die türkische Expansion. Riad finanziert eher Institutionen als Fraktionen, während Damaskus sich keinen fragmentierten Nachbarn leisten kann, der seine eigene Krise reproduziert.
Fünf Prüfsteine werden zeigen, ob ein solcher Staat entsteht: die Gespräche in Rom im Oktober; die Höhe der auf der internationalen Konferenz für die Armee zugesagten Mittel; die Frage, welche Kräfte nach dem Abzug der UNIFIL an ihre Stelle treten und welche Rolle die Türkei dabei spielen wird; die geografische Verteilung der Wiederaufbaugelder; und schließlich die Frage, ob sich im Norden eine lokale Macht herausbildet, die selbst darüber entscheidet, wer dort tätig werden darf.
Die nächste Teilung des Libanon braucht vielleicht weder eine von ausländischen Mächten vermittelte Vereinbarung noch neue Linien auf einer Landkarte. Sie wird entstehen, wenn die vermeintlich vorübergehenden Regelungen von heute zu einer dauerhaften Ordnung erstarren. Das Land wird durch die Zeit geteilt.
Titelbild: UNIFIL, „Blue Line“ im Südlibanon, 2021. Foto: United Nations Interim Force in Lebanon / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/