Die USA wollen mit China einen „anständigen Frieden“ erreichen und zugleich ihre militärische Abwehr entlang der Ersten Inselkette ausbauen. Das Pentagon betrachtet militärische Stärke in unmittelbarer Nähe Chinas nämlich als Voraussetzung für Stabilität. Aber die beiden Ziele widersprechen sich: Die amerikanische Militärpräsenz treibt Chinas Aufrüstung voran und erhöht das Risiko eines Krieges. Ein Rückzug auf die Zweite Inselkette könnte diesen Widerspruch auflösen

Der Beitrag erschien auf Englisch am 5. Oktober 2026 bei Responsible Statecraft

Von Jennifer Kavanagh

Jennifer Kavanagh ist Senior Fellow und Leiterin der Militäranalyse bei Defense Priorities, einem Think Tank mit Sitz in Washington D.C. Zuvor war sie Senior Fellow bei Carnegie Endowment for International Peace und leitende Politikwissenschaftlerin bei der RAND Corporation. Sie doziert an der Georgetown University

Ende vergangenen Monats machte Japans Verteidigungsministerium eine beunruhigende Ankündigung. Ein bodengestütztes amerikanisches Raketensystem namens Typhon, das Tomahawk-Marschflugkörper abfeuern kann, werde nach seinem Einsatz bei Militärübungen in Japan nicht in die Vereinigten Staaten zurückkehren. Stattdessen solle es zumindest vorübergehend auf dem Luftwaffenstützpunkt Kadena auf Okinawa eingelagert werden.

Tokio versuchte, die Bedeutung des Schrittes herunterzuspielen, und erklärte, die Entscheidung diene der Ausbildung und nicht der Kriegführung. Außerdem würden keine Einheiten des US-Heeres zusammen mit dem Raketensystem stationiert. Aber diese beschwichtigenden Worte dürften die negativen Folgen der veränderten militärischen Aufstellung kaum verhindern: eine Zunahme der militärischen Spannungen entlang der Ersten Inselkette in Ostasien.

Der Zeitpunkt der Entscheidung – kurz nach dem Besuch von Chinas Präsident Xi Jinping in Washington – mag nicht recht zu Donald Trumps taubenhaftem Kurs gegenüber Peking passen. Aber dieser Widerspruch ist kein Fehler, sondern ein Merkmal der Asienpolitik der Regierung Trump. Indem Trump einen „anständigen Frieden“ fordert, zugleich aber eine Abwehrstrategie entlang der Ersten Inselkette aufbaut – einer Region, die sich über Japan, Taiwan und die Philippinen erstreckt –, droht er seine eigenen Bemühungen um eine Stabilisierung der amerikanisch-chinesischen Beziehungen zu untergraben und mittelfristig sogar das Risiko eines Konflikts zwischen den beiden Weltmächten zu erhöhen.

Das Paradox im Asienkurs der Regierung Trump kommt am deutlichsten in der Anfang dieses Jahres veröffentlichten Nationalen Verteidigungsstrategie zum Ausdruck. Sie formuliert zwei Ziele. Erstens soll das US-Militär „die Voraussetzungen für ein Machtgleichgewicht im Indopazifik schaffen, das es uns allen – den Vereinigten Staaten, China und anderen Staaten der Region – ermöglicht, einen anständigen Frieden zu genießen“. Zweitens erklärt sie die Absicht der Vereinigten Staaten, „entlang der Ersten Inselkette eine starke Abwehr aufzubauen, um […] sicherzustellen, dass die vereinigten Streitkräfte jederzeit in der Lage dazu sind, verheerende Schläge und Operationen gegen Ziele überall auf der Welt durchzuführen“.

Nach der strategischen Logik des Pentagon ist das zweite Ziel eine Voraussetzung für das erste. Das ist falsch. Vielmehr sind beide Ziele grundsätzlich unvereinbar. Um zu verstehen, warum, lohnt sich ein genauerer Blick darauf, was eine solche Abwehrstrategie in Asien erfordert und welche praktischen Auswirkungen sie aus Pekings Sicht hat.

Das Interesse der Vereinigten Staaten am Aufbau einer Abwehrstrategie (denial defense) in Ostasien ist nicht erst unter der Regierung Trump entstanden. Tatsächlich bildet die Erste Inselkette seit langem den Schwerpunkt der amerikanischen Militärpräsenz in Asien. Rund 80.000 amerikanische Soldaten sind auf Stützpunkten in Japan, Südkorea, den Philippinen und sogar Taiwan stationiert. Hauptzweck dieser Streitkräfte ist es, China von einem Vorgehen gegen seine Nachbarn – insbesondere Taiwan – abzuschrecken, indem die mutmaßlichen Kosten eines solchen Vorgehens für Chinas Militärplaner und politische Führung erhöht werden. Zu diesem Zweck haben die Vereinigten Staaten auf ihren Stützpunkten entlang der Ersten Inselkette Dutzende Kampfflugzeuge, Kriegsschiffe, Artillerie, Raketensysteme größerer Reichweite und Luftabwehrsysteme stationiert.

Die Regierung Trump konzentriert sich darauf, diese Abwehr entlang der Ersten Inselkette zu verstärken. Neben dem neuen, in Japan eingelagerten Raketensystem plant Washington eine Modernisierung der auf Stützpunkten im Land stationierten Kampfflugzeuge. Zudem baut es neue militärische Infrastruktur auf Luzon, der Taiwan am nächsten gelegenen Insel der Philippinen, und verändert die Zusammensetzung der an strategisch wichtigen Standorten in Japan, den Philippinen und sogar Südkorea stationierten Streitkräfte. Künftig sollen diese Einheiten mit neuen Schiffsabwehr- und Flugabwehrraketen ausgerüstet werden, die China daran hindern sollen, militärische Macht über den Pazifik hinweg zu entfalten.

Washington beschreibt diese militärische Aufstellung zwar als defensiv. Aus chinesischer Sicht wirkt die amerikanische Position entlang der Ersten Inselkette allerdings provokativ und bedrohlich. Es ist nicht schwer zu verstehen, warum.

Mittelstreckenraketen in unmittelbarer Nähe des chinesischen Festlands, Kampfflugzeuge auf nur wenige hundert Meilen entfernten Stützpunkten und Kriegsschiffe, die in Gewässern vor Chinas Küste patrouillieren, können auf Chinas Führung kaum anders als aggressiv wirken. Zumindest scheint eine solche Militärpräsenz darauf abzuzielen, Chinas Macht einzudämmen und seine Ambitionen in seinem unmittelbaren Umfeld zu behindern – also genau jene Art von Ambitionen, die Washington mit der Donroe-Doktrin für die Westliche Hemisphäre selbst beansprucht. 

Im schlimmsten Fall verfolgen diese Streitkräfte feindliche Absichten und sollen Chinas Sicherheitsinteressen entgegenwirken. Es sollte also nicht überraschen, dass China seinen militärischen Aufbau beschleunigt, während die Vereinigten Staaten ihre Investitionen entlang der Ersten Inselkette ausweiten: Peking stationiert mehr Raketen auf chinesischem Gebiet gegenüber Taiwan und verstärkt seine Patrouillen im Südchinesischen Meer und in Japans Nähe. Das Ergebnis ist nicht Washingtons „anständiger Frieden“, sondern eine Region, die von einem Wettrüsten erfasst wird, unsicherer ist und einem Krieg näher kommt.

Die Vereinigten Staaten können einen anständigen Frieden mit China erreichen. Dazu müssten sie jedoch bereit sein, ihre regionale Militärstrategie anzupassen, den Anspruch auf regionale Vorherrschaft aufzugeben und einen Ansatz des Machtgleichgewichts zu akzeptieren, der räumliche und strategische Distanz zwischen der amerikanischen Militärpräsenz und dem chinesischen Festland schafft. Ein solches Gleichgewicht ließe sich erreichen, indem der Schwerpunkt der amerikanischen Militärpräsenz in Ostasien von der ersten auf die Zweite Inselkette verlagert wird, die aus amerikanischen Territorien und den Staaten des Compact of Free Association besteht.

Konkret würden die Vereinigten Staaten ihre militärische Präsenz verringern und sowohl Personal als auch Material auf Stützpunkten in Guam, Palau, Mikronesien, Tinian und anderen Orten konzentrieren. In Japan und auf den Philippinen bliebe allenfalls eine geringe Zahl rotierend eingesetzter Streitkräfte zurück. Mit dieser Veränderung der militärischen Präsenz müsste zugleich eine Begrenzung der amerikanischen militärischen Verpflichtungen einhergehen. Weitreichende Verträge zur gegenseitigen Verteidigung würden durch eine tragfähigere Reihe enger gefasster Sicherheitspartnerschaften ersetzt. Für eine solche Neuordnung sprechen mehrere Gründe.

Am wichtigsten: Der Ausgang des amerikanischen Krieges gegen den Iran hat deutlich gezeigt, dass die gegenwärtige amerikanische Präsenz entlang der Ersten Inselkette weder dauerhaft aufrechterhalten werden kann noch im Konfliktfall überlebensfähig ist. Verteidiger des Status quo argumentieren, die Stützpunkte entlang der Ersten Inselkette seien unverzichtbar, um amerikanische Streitkräfte und militärisches Gerät für mögliche Krisenfälle – etwa einen Krieg um Taiwan – zu verteilen. Aber Stützpunkte in Japan und auf den Philippinen können diesen Zweck nicht erfüllen, wenn sie sich nicht wirksam verteidigen lassen. Ein Rückzug der Streitkräfte auf die Zweite Inselkette würde sie nicht unangreifbar für China machen, aber besser zu verteidigen. Das Risiko eines Konflikts mit China würde erheblich sinken.

Eine Strategie der Zweiten Inselkette hätte weitere Vorteile. Sie entspräche stärker den zentralen nationalen Sicherheitsinteressen der Vereinigten Staaten. Sie würde ausreichen, um den amerikanischen Zugang zu den Wirtschaftsmärkten der Region gegen eine physische Abriegelung zu sichern und Chinas Macht in Ostasien auszubalancieren – insbesondere, wenn sie durch eine kohärente amerikanische Wirtschaftsstrategie ergänzt würde.

Die Abwehrstrategie entlang der ersten Inselkette birgt hingegen die Gefahr, dass die Vereinigten Staaten in unnötige Kriege – darunter einen Krieg um Taiwan – hineingezogen werden, für die das amerikanische Militär gegenwärtig offenbar nicht gerüstet ist. Zugleich verringert sie für Amerikas Verbündete den Anreiz, in ihre eigene Verteidigung zu investieren und diplomatisch auf China zuzugehen. Schließlich könnte der größere räumliche Abstand zwischen der amerikanischen Militärpräsenz und dem chinesischen Festland das Kriegsrisiko zwischen beiden Staaten erheblich senken und damit eine Dynamik zugunsten jenes anständigen Friedens erzeugen, den Washington nach eigenen Angaben letztlich anstrebt.

Kritiker sagen, das Gegenteil sei der Fall: Zögen sich die Vereinigten Staaten auf die Zweite Inselkette zurück, würde dies Peking dazu ermutigen, Taiwan einzunehmen, anschließend seine Vorherrschaft über Japan und andere Staaten der Region durchzusetzen und schließlich die Vereinigten Staaten vollständig aus Asien zu verdrängen. Für solche düsteren Prognosen gibt es aber kaum Belege. Als vom Handel abhängiges Land hat China wenig Anreiz, die Vereinigten Staaten aus den wirtschaftlichen Netzwerken der Region auszuschließen. Zudem verfügt es nicht über die militärischen Fähigkeiten, zum alleinigen Hegemon der Region aufzusteigen – besonders dann nicht, wenn Länder wie Japan und Südkorea in ihre eigene militärische Entwicklung investieren und daran arbeiten, Chinas Macht auszubalancieren.

Natürlich würde ein amerikanischer Rückzug auch neue Risiken mit sich bringen. Dazu gehören mögliche Bestrebungen Japans und Südkoreas, eigene nukleare Fähigkeiten aufzubauen, oder übermäßige Investitionen in offensive militärische Fähigkeiten, die zumindest vorübergehend die Unsicherheit in der Region erhöhen könnten. Mit einer sorgfältigen amerikanischen Wirtschafts- und Diplomatiestrategie wären diese Risiken allerdings beherrschbar. Veränderungen der amerikanischen Militärpräsenz und Verpflichtungen könnten beispielsweise schrittweise erfolgen, um Ländern wie Japan Zeit zu geben, in ihre eigene Verteidigung zu investieren, und zugleich Ängste vor einem Rückzug der USA zu vermeiden, die ein überstürztes oder sogar ein Wettrennen um eine Nuklearwaffe auslösen könnten.

Die Vereinigten Staaten könnten ihre Sicherheitspartnerschaften mit den heutigen Verbündeten fortsetzen. Dazu könnten zeitweise Truppenstationierungen, Unterstützung in militärischen Krisen, gemeinsame Rüstungsprojekte und wirtschaftliche Investitionen gehören. Zugleich müsste Washington Peking deutlich machen, dass der militärische Rückzug keinen Abschied aus dem Pazifik bedeutet, sondern eine Begrenzung der eigenen Rolle.

Es stimmt, dass China eine geringere amerikanische Militärpräsenz in Asien begrüßen würde, insbesondere in unmittelbarer Nähe seiner Küsten. Das bedeutet aber nicht, dass eine geringere Präsenz nicht zugleich den Interessen der Vereinigten Staaten dienen würde. Langfristig sollte die Verantwortung für die Stabilität der Region nicht in erster Linie auf den Schultern der Vereinigten Staaten liegen. Vielmehr sollten die Mittelmächte der Region darauf hinarbeiten, mit China einen Modus Vivendi zu finden, der Pekings Sicherheitsinteressen berücksichtigt und ein Wettrüsten überflüssig macht.

Titelbild: Erste und Zweite Inselkette im Westpazifik. U.S. Department of Defense, Public Domain / Wikimedia Commons, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Geographic_Boundaries_of_the_First_and_Second_Island_Chains.png