In der Straße von Hormus und am Bab al-Mandab zeigen sich die Grenzen westlicher Seemacht. Trotz gewaltiger militärischer Überlegenheit gelingt es den USA immer weniger, strategische Seewege zu kontrollieren und ihre politischen Ziele durchzusetzen. Die beiden Meerengen werden zu Schauplätzen eines historischen Umbruchs: Die westlich dominierte Weltordnung weicht nach 500 Jahren einer multipolaren Ordnung, deren wirtschaftliches und industrielles Gewicht sich zunehmend nach Asien verlagert. Während Israel dabei zunehmend zur Belastung für die globale Stellung der USA wird, eröffnet die neue Machtverteilung der Türkei geopolitische Spielräume

Der Beitrag erschien am 22. September 2026 auf Englisch im Substack des Autors

Von Cem Gürdeniz

Cem Gürdeniz ist Publizist und Vizeadmiral im Ruhestand. Er gründete 2015 das maritime Forum an der privaten Koç-Universität (KÜDENFOR) und 2021 die Stiftung Hamit Naci Mavi Vatan. Gürdeniz ist ein Vordenker der Idee Mavi Vatan (Blaue Heimat), in der die Türkei als Seemacht gedacht wird

Bestimmte Wendepunkte der Weltgeschichte haben Folgen, die weit über die Epoche hinausreichen, in der sie sich ereignen. Die Eroberung Istanbuls durch unsere Vorfahren im Jahr 1453 war ein solcher Wendepunkt. Historiker beschreiben 1453 im Allgemeinen als das Ende des Byzantinischen Reiches, den Abschluss des Mittelalters und den Beginn der Neuzeit. Der historische Bruch, der sich damals vollzog, war aber von weitaus größerer Tragweite. Die Eroberung Istanbuls setzte einen viel umfassenderen Prozess in Gang, dessen Folgen fast 500 Jahre lang bis in die Gegenwart hineinreichen. 

Die Eroberung Istanbuls und die anschließende Ausdehnung der osmanischen Herrschaft über den Balkan, das Schwarze Meer, das östliche Mittelmeer, Ägypten und das Rote Meer bildeten eine wichtige Schwelle bei der Transformation der alten geoökonomischen Ordnung zwischen Europa und Asien. Jahrhundertelang war der Reichtum Asiens, insbesondere Chinas und Indiens, über die Seiden- und Gewürzrouten nach Westen transportiert worden. Istanbul und das östliche Mittelmeer waren wichtige Knotenpunkte dieses Systems. Seerepubliken wie Venedig und Genua hatten beträchtlichen Reichtum aus dem mediterranen Abschnitt dieses Handels angehäuft. Die neuen geopolitischen Bedingungen veranlassten die Europäer aber dazu, nach alternativen Routen nach Asien zu suchen.

Für das christliche Europa, das während der 1095 begonnenen und etwa zwei Jahrhunderte andauernden Kreuzzüge wiederholt mit den Türken konfrontiert gewesen war, löste die türkische Eroberung Istanbuls im Jahr 1453 einen großen geopolitischen und psychologischen Schock aus. Dass die Hauptstadt des Oströmischen Reiches unter osmanische Herrschaft geriet, bedeutete nicht nur das Ende eines Reiches, aus europäischer Sicht bedeutete es auch eine grundlegende Veränderung des Kräfteverhältnisses entlang der traditionellen Handelswege, die durch das östliche Mittelmeer und das Schwarze Meer nach Asien führten.

Eine Antwort des Westens auf diese Veränderung war geografisch. Das Ziel bestand darin, Asien über alternative Seewege zu erreichen und dabei die unter osmanischer Kontrolle stehenden Gebiete zu umgehen. Gewiss war die Eroberung Istanbuls nicht der einzige Grund für Europas Expansion auf die Weltmeere. Fortschritte in Navigation und Schiffbau, die Akkumulation von Kapital, die außergewöhnliche Profitabilität des Gewürzhandels und die Konkurrenz zwischen den europäischen Staaten trugen ebenfalls zu dieser Entwicklung bei. Dennoch wurde das wachsende Gewicht der osmanischen Macht im östlichen Mittelmeer und entlang der traditionellen Ost-West-Handelswege zu einem der bedeutenden geopolitischen Faktoren, die die Suche nach alternativen Routen beschleunigten.

Die Portugiesen drangen entlang der afrikanischen Küste nach Süden vor, umrundeten das Kap der Guten Hoffnung und gelangten über den Indischen Ozean nach Indien. Die Spanier segelten bei ihrem Versuch, Asien zu erreichen, nach Westen und gelangten stattdessen nach Amerika. Europas wirtschaftlicher und militärischer Horizont weitete sich damit über die Grenzen des Mittelmeers hinaus auf den Atlantik und den Indischen Ozean aus. Darauf folgte die Grundlegung der Kolonialreiche, während sich das Gravitationszentrum der Weltwirtschaft im Laufe mehrerer Jahrhunderte allmählich vom Mittelmeer zum Atlantik verlagerte.

Das atlantische System und der Aufstieg des Westens

Diese Transformation bedeutete nicht nur die Entdeckung neuer Handelsrouten. Während Portugal und Spanien die ersten großen ozeanischen Reiche errichteten, integrierten die Niederlande im 17. Jahrhundert Handel, Seefahrt, Versicherungswesen und Finanzwirtschaft in ein weitaus ausgefeilteres System. Amsterdam wurde zu einem der wichtigsten Zentren des Welthandels und der globalen Finanzwirtschaft. Die in den Seerepubliken des Mittelmeers entstandene und angesammelte Expertise in Handel, Kreditwesen, Versicherungen und Seefahrt wurde innerhalb der atlantischen Welt in größere Strukturen der staatlichen Macht und des Kapitals integriert. Als sich in einer späteren Phase das Zentrum nach London verlagerte, stieg Großbritannien zur dominierenden Macht des Weltsystems auf. Im 20. Jahrhundert verlagerte sich dessen Gravitationszentrum über den Atlantik nach New York und Washington.

In der Epoche des Merkantilismus ergänzten der Staat, der Kaufmann und die Marine einander. Die Marine schützte die Handelswege und öffnete sie, wenn nötig. Kapital drang in neue Regionen vor, und der Staat unterstützte diese wirtschaftliche Expansion durch politische und militärische Macht, insbesondere durch Seemacht. Die Industrielle Revolution trieb diesen Mechanismus noch sehr viel weiter. Mit dem wachsenden Bedarf der europäischen Industrie an Rohstoffen, Energie und Märkten verband sich der Kapitalismus mit dem Imperialismus. Im 19. Jahrhundert stand Großbritannien im Zentrum dieser Ordnung. Die Royal Navy war nicht nur eine Flotte zum Schutz der britischen Küste, sie war eine globale Streitmacht, die die Sicherheit der internationalen Handelswege gewährleistete und, wenn nötig, die Kontrolle über sie ausübte. Londons Finanzsystem, Versicherungsnetzwerke, Häfen, Seeverkehrsrouten, Kohlebunkerstationen und strategische Meerengen wurden zu Bestandteilen derselben globalen Architektur.

Damit waren die Grundlagen für eine westlich zentrierte Weltordnung gelegt, die etwa fünf Jahrhunderte Bestand haben sollte. Der Staat im Zentrum des Systems wechselte im Laufe der Zeit. Zunächst traten Portugal und Spanien, dann die Niederlande, Großbritannien, Frankreich und schließlich die Vereinigten Staaten in den Vordergrund. Der grundlegende Charakter des Systems blieb aber weitgehend unverändert. Innerhalb dieses Systems verschafften der Zugang zu Seewegen, die Akkumulation von Kapital, technologische Überlegenheit und militärische Macht den Staaten, die das Zentrum der Weltwirtschaft kontrollierten, außergewöhnliche Vorteile. Die Tatsache, dass beide industriellen Revolutionen im Westen stattfanden, beschleunigte zusammen mit dem Übergang beim Schiffsantrieb vom Segel zur Kohle und von der Kohle zum Öl, der über die Ozeane und Meere die Kontrolle des Zugangs zu allen Kontinenten ermöglichte, den historischen Übergang vom Merkantilismus zum Kapitalismus, vom Imperialismus zur Globalisierung.

1945: Der Kolonialismus endete, die Hierarchie blieb

Während die beiden Weltkriege die Macht der Pax Britannica erschöpften, stiegen die Vereinigten Staaten zum neuen Zentrum des westlichen Systems auf. Im selben Zeitraum begannen sich die klassischen Kolonialreiche aufzulösen. Von Indien bis Indonesien, von Algerien bis in weite Teile Afrikas erlangten Dutzende Länder ihre Unabhängigkeit. Politische Unabhängigkeit bedeutete aber nicht immer wirtschaftliche und strategische Unabhängigkeit.

Als die Kolonialgouverneure abzogen, wurde die direkte Herrschaft durch neue Mechanismen der Einflussnahme und Abhängigkeit ersetzt. Von den USA geführte Militärbündnisse, das globale Netz von Militärstützpunkten, die NATO, das Bretton-Woods-System, das dollarzentrierte Finanzsystem, der Internationale Währungsfonds und die Weltbank wurden zu den wichtigsten Institutionen der neuen Ordnung. Während die Vereinten Nationen das Prinzip der souveränen Gleichheit verkörperten, spiegelte das Vetosystem des Sicherheitsrats die tatsächliche Hierarchie unter den Großmächten wider.

Das Jahr 1945 markierte auch den Beginn des Kalten Krieges zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion. Die beiden Supermächte vermieden eine direkte Konfrontation, ihre Rivalität spielte sich in Kriegen, Staatsstreichen und Stellvertreterkonflikten ab, die von Korea bis Vietnam, von Laos und Kambodscha bis Afghanistan, Afrika und Lateinamerika reichten. Zur Durchsetzung ihrer Interessen setzten die Vereinigten Staaten nicht nur militärische Interventionen ein, sondern auch Regime-Change-Operationen, verdeckte Geheimdienstaktivitäten und die Unterstützung lokaler Kräfte. Allein in den Kriegen in Korea und Indochina verloren Millionen Menschen ihr Leben. Bezieht man weitere Konflikte ein, die von der Rivalität des Kalten Krieges beeinflusst wurden, fällt die Zahl der Opfer erheblich höher aus.

Kurz gesagt: Der klassische Kolonialismus ging zu Ende, die Großmachtpolitik aber verschwand nicht. Sie veränderte ihre Form. Die direkte Herrschaft wurde durch Einflusssphären, Militärstützpunkte, Bündnisse, finanzielle Abhängigkeit und Stellvertreterkriege ersetzt. Etwa ein halbes Jahrhundert lang bildete die Sowjetunion ein militärisches und ideologisches Gegengewicht zum westlichen System. Mit der Auflösung der Sowjetunion 1991 sollte dieses Gleichgewicht verschwinden und die Welt in eine völlig andere Epoche eintreten.

Die Ära nach dem Kalten Krieg: Das neue amerikanische Jahrhundert

Mit der Auflösung der Sowjetunion erreichten die Vereinigten Staaten ein beispielloses Maß an militärischer, wirtschaftlicher und technologischer Überlegenheit, ohne dass eine Macht verblieben wäre, die ihnen auf globaler Ebene ein Gegengewicht hätte bieten können. Auf das Ende des Kalten Krieges folgte aber keine neue Ära des Friedens. Neokonservative Kreise gewannen in den 1990er-Jahren an Bedeutung und wurden später unter der Regierung von George W. Bush besonders einflussreich. Sie traten dafür ein, die amerikanische Militärmacht nicht zur Herstellung von Zustimmung, sondern als Instrument des Zwangs einzusetzen – mit dem Ziel, nicht nur die amerikanische Vorherrschaft zu bewahren, sondern auch Israels geopolitische Ziele voranzutreiben. 

Das 1997 von führenden Neokonservativen gegründete Project for the New American Century (PNAC) nannte ausdrücklich als strategische Ziele, die globale Führungsrolle der USA zu bewahren und ihre militärische Überlegenheit aufrechtzuerhalten. Die neue Ära, die mit dem Golfkrieg von 1991 begann, setzte sich mit den Interventionen in Jugoslawien und im Kosovo, den Kriegen in Afghanistan und im Irak nach den Anschlägen vom 11. September sowie anschließend mit Militäroperationen in Libyen, Syrien, Jemen und weiteren Teilen der Welt fort. Insbesondere der 11. September stellte einen bedeutenden Wendepunkt dar, er erweiterte den Spielraum für den Einsatz amerikanischer Militärmacht auf globaler Ebene.

Zwischen 2001 und 2023 wurden in den Kriegen im Irak, in Afghanistan, Syrien, Jemen und Pakistan mehr als 940.000 Menschen unmittelbar durch Kriegsgewalt getötet, darunter mehr als 432.000 Zivilisten. Bezieht man die geschätzten 3,6 bis 3,8 Millionen indirekten Todesfälle infolge des Zusammenbruchs von Gesundheitssystemen, Volkswirtschaften und Infrastruktur sowie die massenhafte Vertreibung von Flüchtlingen mit ein, wird die Gesamtzahl der Opfer auf mindestens 4,5 bis 4,7 Millionen geschätzt. Trotz all dieser Angriffe gelang es den Vereinigten Staaten nicht, den Orten, an denen sie intervenierten, Frieden und Stabilität zu bringen. Mit Ausnahme des Ersten Golfkriegs konnten sie keinen militärischen Sieg erringen. In den meisten Fällen zogen sie sich – wie in Vietnam – letztlich zurück. Ihr einziger Erfolg war die Erweiterung der NATO um europäische Länder.

Während dieser destruktiven Strategie beruhte die Überlegenheit der USA nicht allein auf militärischer Macht. Ihre globale Militärpräsenz verband sich mit der zentralen Stellung des Dollars, dem Finanzsystem, Technologie, Kapital und ihrem Bündnisnetzwerk. Deshalb untergruben selbst die strategischen Fehlschläge im Irak und in Afghanistan – im Gegensatz zu Vietnam – zunächst nicht die Grundlagen des Systems. Die Vereinigten Staaten konnten Kriege verlieren und gleichzeitig ihre zentrale Stellung innerhalb des Weltsystems bewahren. Darin lag die grundlegende Stärke hinter dem neuen amerikanischen Jahrhundert.

Der Unterschied zwischen Vietnam und heute

Beim Vergleich der gegenwärtigen Transformation mit der Niederlage in Vietnam muss der grundlegende Unterschied zwischen beiden Perioden analysiert werden. Die Vereinigten Staaten beendeten ihre direkte militärische Rolle in Vietnam weitgehend 1973, während Saigon 1975 fiel. Dennoch behielten die Vereinigten Staaten ihre Position im Zentrum der Weltwirtschaft, der Dollar dominierte weiterhin das internationale Finanzsystem und das westliche Bündnis blieb intakt. Die Sowjetunion war ein militärischer und ideologischer Rivale, konnte aber keine Alternative zum US-zentrierten globalen Wirtschaftssystem von vergleichbarem Umfang anbieten. Vietnam bedeutete den Verlust eines Krieges, aber nicht den Verlust des amerikanisch zentrierten Weltsystems.

Genau hier wird der Unterschied zur Gegenwart deutlich. Zu einem Zeitpunkt, an dem die Fähigkeit amerikanischer Militärmacht, politische Ergebnisse zu erzielen, auf die Probe gestellt wird, hat sich das Gravitationszentrum der Weltwirtschaft nach Asien verlagert. 1945 war das Bild nahezu das Negativ von heute. Am Ende des Zweiten Weltkriegs entfielen auf die Vereinigten Staaten 27 Prozent des globalen Nationaleinkommens und 50 Prozent der weltweiten Industrieproduktion. Die entsprechenden Werte für China betrugen fünf beziehungsweise zwei Prozent. Bis 2026 haben sich diese Zahlen jedoch grundlegend verändert. Auf China entfallen etwa 32 Prozent der weltweiten industriellen Wertschöpfung, auf die Vereinigten Staaten etwa 18 Prozent. 

Bei der Produktion von Stahl, Elektrizität, Automobilen, Werkzeugmaschinen, Industrierobotern und industriellen Vorprodukten liegt China inzwischen weit vor den Vereinigten Staaten. Auch im Ingenieurswesen, in wissenschaftlichen Publikationen und der Zahl der STEM-Absolventen besitzt es einen deutlichen Vorteil. Darüber hinaus verfügt China hinsichtlich seiner männlichen Bevölkerung im wehrfähigen Alter über einen erheblichen demografischen Vorteil. Zusammengenommen zeigen diese Indikatoren, dass Chinas Vorteil gegenüber den Vereinigten Staaten nicht auf die Größe seiner Wirtschaft beschränkt ist. China verfügt über eine sehr starke materielle Grundlage in Industrieproduktion, Energie, Stahl, Maschinenbau, Ingenieurswesen und Humanressourcen – jene Kapazitäten, auf denen eine langwierige Großmachtkonkurrenz und ein möglicher Abnutzungskrieg beruhen würden.

Gleichzeitig wird der Handlungsspielraum der nach dem Kalten Krieg entstandenen unipolaren Ordnung eingeschränkt durch das entstehende Beziehungsnetz zwischen China, Russland, Indien und anderen aufstrebenden Mächten, die Erweiterung der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) und der BRICS, Initiativen zur Abwicklung des Handels in nationalen Währungen und die Entwicklung alternativer Finanzinstitutionen. Die Frage lautet daher nicht nur, ob die Vereinigten Staaten ihre militärischen Ziele im Iran, in der Straße von Hormus oder an einer anderen Front erreichen können. Der grundlegende historische Bruch besteht darin, dass der Fähigkeitsschwund der amerikanischen Militärmacht, politische Ergebnisse zu erzielen, mit einer Verlagerung des wirtschaftlichen, industriellen und technologischen Gewichts aus dem Westen heraus einhergeht. 

In der Vietnam-Ära war ein Krieg verloren worden, das System aber blieb stark. Heute steht die Transformation des Systems selbst zur Debatte.

Epic Fury und das veränderte Kräfteverhältnis

Der Krieg gegen den Iran und die US-Operation Epic Fury sind in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung. Die militärischen Fähigkeiten, die die Vereinigten Staaten gegen den Iran einsetzen können, bleiben gewaltig. Der Einsatz militärischer Macht in diesem Umfang garantiert aber nicht mehr, dass der politische Wille des Gegners gebrochen wird oder der Krieg zu den von Washington gewünschten Bedingungen endet. 

Eine im September 2026 veröffentlichte Analyse des Office of Inspector General des US-Verteidigungsministeriums enthält Daten zu den Kriegskosten und zum Munitionsverbrauch. Sie zeigt, dass Epic Fury mehr als 42 Milliarden Dollar gekostet, Engpässe bei strategischen Munitionsbeständen verursacht und zu einem besonders hohen Verbrauch von Abfangmunition für die Luft- und Raketenabwehr geführt hat. Darüber hinaus kommt der Bericht zu dem Schluss, dass die Vereinigten Staaten ohne angemessene Planung und Voraussicht in den Krieg eingetreten sind. Der Bericht erkennt offiziell einen strategischen Fehler an und zeigt indirekt, wie schwierig es für die Vereinigten Staaten geworden ist, moderne hochintensive Kriegsführung über längere Zeit aufrechtzuerhalten.

Hier wird der Unterschied zwischen Vietnam und der Gegenwart erneut deutlich. Während des Vietnamkriegs gehörten die Vereinigten Staaten zu den weltweit führenden industriellen, finanziellen und militärischen Zentren und behielten diese Position trotz der Niederlage im Krieg bei. Heute hingegen fallen durch Militäroperationen verursachte Kosten und Munitionsverbrauch zusammen mit Debatten über die Tragfähigkeit der industriellen US-Kapazitäten und darüber, ob ihre globalen Verpflichtungen gleichzeitig erfüllt werden können. 

Verändert hat sich nicht nur die relative Schwächung des US-Militärs, sondern auch die Durchsetzungskraft dieser Macht innerhalb des globalen Systems – das heißt ihre Fähigkeit, Zustimmung zu erzeugen. Auch heute behauptet die amerikanische Militärpräsenz ihre Stellung durch ein gewaltiges Verteidigungsbudget und umfangreiche militärische Fähigkeiten und Waffensysteme. Dennoch ist sie nicht dazu in der Lage, gegenüber Akteuren, die im wirtschaftlichen, technologischen und diplomatischen Bereich Widerstand leisten können, die gewünschten Ergebnisse hervorzubringen.

Die Botschaft von Hormus und Bab al-Mandab

Einer der auffälligsten Indikatoren dieser Transformation zeigt sich auf See. Der 500-jährige Aufstieg des Westens wurde in erheblichem Maße durch seine Expansion auf die Weltmeere, seine Kontrolle über maritime Handelsrouten und seine Fähigkeit ermöglicht, seinen politischen Willen bei Bedarf mithilfe von Seemacht auf diesen Routen durchzusetzen. Heute offenbaren die Entwicklungen in der Straße von Hormus, am Bab al-Mandab, im Roten Meer und auf der Nördlichen Seeroute im Arktischen Ozean die Grenzen desselben Systems. 

Der militärische Druck, den der Iran in Hormus und die Huthi (Ansar Allah) am Bab al-Mandab und im Roten Meer ausüben, sollte nicht nur regional betrachtet werden. Russlands Einrichtung einer neuen Seeverkehrsroute durch das nördliche Eurasien (arktische NSR) und die Unfähigkeit der Vereinigten Staaten, dort einzugreifen, müssen gesondert bewertet werden. Diese Entwicklungen tragen die Zeichen einer umfassenden Transformation. Obwohl der Westen weiterhin über äußerst beträchtliche See- und Luftstreitkräfte verfügt, gewährleistet diese Macht offenbar keine uneingeschränkte Handlungsfreiheit an kritischen maritimen Engpässen mehr. 

Raketentechnologien, unbemannte Systeme, landgestützte Waffen und relativ kostengünstige asymmetrische Fähigkeiten schränken die operative Freiheit großer und teurer Seestreitkräfte ein. Der entscheidende Faktor ist hier nicht, über wie viele Flugzeugträger oder U-Boote ein Staat verfügt. Entscheidend ist, zu welchen Kosten, wie lange und für welches politische Ergebnis diese Kräfte eingesetzt werden können. Die Präsenz einer Flugzeugträger-Kampfgruppe in einer Region und die Fähigkeit, politische und militärische Kontrolle über einen Seeweg auszuüben, sind nicht mehr gleichbedeutend.

Die Entwicklungen in Hormus haben in dieser Hinsicht Symbolcharakter. Trotz des Einsatzes beträchtlicher militärischer Macht ist es den Vereinigten Staaten nicht gelungen, den Druck des Iran auf den Seeverkehr in der Region – insbesondere durch die Straße von Hormus – vollständig zu beseitigen. Noch wichtiger ist, dass Länder wie Kanada, Japan, Australien und Südkorea nicht direkt an der Seite der Vereinigten Staaten in den Krieg eingetreten sind, um die Straße von Hormus mit militärischer Gewalt zu öffnen, obwohl Washington bei seinen NATO-Verbündeten und traditionellen Partnern Unterstützung für die Bewältigung der schwierigen strategischen Herausforderung in Hormus gesucht hat.

Am Bab al-Mandab zeigt sich aus saudischer Sicht ein ähnliches, in diesem Fall aber besonders bemerkenswertes Bild. Riad ist es nicht gelungen, in seiner Konfrontation mit dem Jemen die erwartete militärische Unterstützung der Vereinigten Staaten und Europas zu erhalten. Auch die erwartete Unterstützung Großbritanniens ist ausgeblieben. Trotz der engen Sicherheits- und Bündnisbeziehungen, die Saudi-Arabien mit Pakistan und der Türkei aufgebaut hat, war das Land weitgehend dazu gezwungen, die strategische Last vor Ort selbst zu tragen. Weitgehend isoliert, ist Saudi-Arabien von israelischer Unterstützung abhängig geworden und sieht sich massivem, an Erpressung grenzendem Druck ausgesetzt, den Abraham-Abkommen beizutreten.

Hormus und Bab al-Mandab werden damit zu zwei unterschiedlichen Laboratorien derselben historischen Transformation. In Hormus fällt es den Vereinigten Staaten, dem militärisch mächtigsten Staat der Welt, und am Bab al-Mandab Saudi-Arabien, einem der größten Energieexporteure der Welt, trotz ihrer gewaltigen materiellen Macht schwer, ihren politischen Willen im gewünschten Maß vor Ort in Ergebnisse umzumünzen. Die traditionelle Verbindung zwischen militärischer Überlegenheit und der Fähigkeit, politischen Willen durchzusetzen, wird schwächer.

Der wirtschaftliche und finanzielle Aufstieg des Globalen Südens

Es reicht nicht aus, die Transformation der postkolonialen Ordnung ausschließlich anhand der militärischen Beschränkungen zu interpretieren, mit denen der Westen konfrontiert ist. Die grundlegende Transformation findet im wirtschaftlichen und finanziellen Bereich statt. Während die Schwellen- und Entwicklungsländer gemessen an der Kaufkraftparität inzwischen den größten Teil der globalen Wirtschaftsleistung erbringen, spiegeln die Quoten-, Stimmrechts- und Governance-Strukturen von Institutionen wie IWF und Weltbank noch immer weitgehend die Machtverteilung wider, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist. 

Die Forderung der BRICS nach mehr Repräsentation und die Entstehung alternativer Institutionen wie der New Development Bank sind Folgen dieser wirtschaftlichen Gewichtsverschiebung. Das bestimmende Merkmal der neuen Ära besteht nicht unbedingt darin, dass der Globale Süden antiwestlich wird, sondern darin, dass seine Abhängigkeit vom Westen abnimmt. Während China Alternativen in Handel, Industrie und Finanzwesen und Russland bei Energie und Militärtechnologie anbietet, erweitert Indien seine strategische Autonomie. Die Golfstaaten wiederum vertiefen ihre wirtschaftlichen Beziehungen zu Asien und erhalten gleichzeitig ihre Beziehungen zum Westen aufrecht. Dadurch erweitert sich der Raum, in dem Staaten zwischen verschiedenen Machtzentren manövrieren können, ohne von einem einzigen geopolitischen und finanziellen Zentrum abhängig zu sein.

Diese Transformation zeigt sich auch im Finanzsystem. Der Handel in lokalen Währungen, alternative Zahlungssysteme und zunehmende Goldkäufe der Zentralbanken haben kurzfristig kein neues System geschaffen, das den Dollar ersetzen könnte, sie eröffnen den Staaten aber neue Möglichkeiten. Insbesondere die Möglichkeit, dass Reservevermögen als Instrument von Sanktionen eingesetzt werden kann, hat Gold erneut zu einem Instrument finanzieller Sicherheit und Souveränität gemacht. China ist eines der auffälligsten Beispiele für diesen Trend. Die Verringerung seiner Bestände an US-Staatsanleihen bei gleichzeitiger Erhöhung seiner Goldreserven ist Teil eines umfassenderen Trends zur Diversifizierung der Reserven. 

Gleichzeitig erhöhen die wachsende Staatsverschuldung der USA, große Haushaltsdefizite und steigende langfristige Anleiherenditen den Druck auf das dollarzentrierte System. Es geht nicht um einen Zusammenbruch des Dollars oder ein unmittelbar bevorstehendes Verschwinden des amerikanischen Finanzsystems. Der grundlegende historische Wandel besteht darin, dass Staaten zunehmend über Alternativen verfügen, mit denen sie ihre Abhängigkeit von einem einzigen Finanzzentrum verringern können. 

Goldkäufe, BRICS-Initiativen mit lokalen Währungen, alternative Zahlungssysteme und die Diversifizierung von Reserven sind unterschiedliche Erscheinungsformen desselben Trends. Die nach 1945 errichtete Ordnung bleibt mächtig. Sie verfügt aber nicht mehr über eine alternativlose Stellung.

Von der postkolonialen Ordnung zur Multipolarität

Die Zeichen der globalen Transformation lassen sich auch an Washingtons eigenen strategischen Prioritäten ablesen. Die stärkere Betonung der inneren Sicherheit und der westlichen Hemisphäre durch die Vereinigten Staaten sowie der Abzug von Truppen aus Europa und Westasien deuten darauf hin, dass Washington die Kosten seines globalen Engagements neu bewertet. 

Während China im Zentrum des langfristigen strategischen Wettbewerbs bleibt, sieht sich Washington gleichzeitig mit den Kosten der Eindämmung Russlands in Europa, der Aufrechterhaltung militärischer Überlegenheit in Westasien, der Einhegung Chinas im Indopazifik und der Last für die Sicherung globaler Seewege konfrontiert. Die Hegemonialmacht muss heute nicht nur die Fähigkeiten ihrer Rivalen berücksichtigen, sondern auch die Grenzen ihrer eigenen Ressourcen.

Dieser Prozess deutet nicht auf eine neue unipolare Ordnung, in der China einfach den Westen ersetzt. Während die Vereinigten Staaten und Europa mächtige Akteure bleiben, gewinnen China, Indien, Russland, die Türkei und die Zentren des Globalen Südens größeren Handlungsspielraum. Das ist die eigentliche Bedeutung von Multipolarität: die Entstehung eines neuen Gleichgewichts, in dem kein einzelnes Zentrum das Weltsystem einseitig gestalten kann und sich die Macht auf eine größere Zahl von Akteuren verteilt.

Der Faktor Israel: Die Legitimitätskrise der amerikanischen Hegemonie

Es griffe zu kurz, den globalen Niedergang der Vereinigten Staaten, der eine wichtige Rolle beim Zusammenbruch des Postkolonialismus gespielt hat, ausschließlich mit dem Aufstieg Chinas, der Stärkung Russlands, der Erosion des dollarzentrierten Systems oder den Grenzen amerikanischer Militärmacht zu erklären. Insbesondere im Globalen Süden ist die nahezu bedingungslose strategische Beziehung Washingtons zu Israel einer der Faktoren, die diesen Niedergang beschleunigen. 

Diese Beziehung, die sich nach 1973 vertiefte und nach dem 11. September 2001 innerhalb des Paradigmas des „Kriegs gegen den Terror“ eine neue Dimension annahm, verknüpft die militärische, wirtschaftliche und diplomatische Macht der USA zunehmend mit den Sicherheitsprioritäten Israels. Lange Zeit zwangen amerikanische Stützpunkte, Luftstreitkräfte, Seestreitkräfte, Sanktionen und das Finanzsystem die Staaten der Region dazu, gegenüber Washington vorsichtig und häufig unterwürfig zu agieren. Im Laufe der Zeit wich die Zustimmung zur amerikanischen Führung aber der Angst vor amerikanischer Macht. Hegemonie lässt sich aber nicht allein durch Angst aufrechterhalten, sie erfordert auch Legitimität und Zustimmung.

Die massive humanitäre Verwüstung im Gazastreifen nach dem 7. Oktober 2023 beschleunigte zusammen mit den Entwicklungen im Westjordanland und im Libanon diese Legitimitätskrise auf globaler Ebene. Die politischen Kosten von Israels Handlungen wurden zunehmend auch Washington zugerechnet, da Israels Fähigkeit, einen Krieg in diesem Umfang und mit dieser Dauer zu führen, unmittelbar mit amerikanischen Waffen, Munition, Finanzhilfen und diplomatischem Schutz verbunden ist. Israel begann sich damit von einem bloßen Kraftmultiplikator amerikanischer Macht in der Region zunehmend zu einer Belastung für die Soft Power und globale Legitimität der USA zu entwickeln. 

Proisraelische Lobbygruppen in der amerikanischen Innenpolitik, die ideologische Unterstützung evangelikaler Bewegungen und die institutionalisierte proisraelische Ausrichtung innerhalb der Medien, Denkfabriken und außenpolitischen Eliten erschweren es Washington, sich von dieser Politik zu distanzieren. Gleichzeitig hat der Völkermord in Gaza – sowohl in den Vereinigten Staaten als auch weltweit – erheblichen öffentlichen Widerstand gegen Israel erzeugt. Neben Militäroperationen besteht eine der größten Herausforderungen für die israelische Regierung derzeit darin, dieses Bild Israels zu verändern.

Der Krieg mit dem Iran, der am 28. Februar 2026 begann, machte die militärischen Grenzen dieser Beziehung deutlicher sichtbar. Israels auf fortschrittlicher Technologie, Geheimdienstfähigkeiten und insbesondere Luftmacht beruhende Überlegenheit erwies sich allein als unzureichend, um gegenüber einem Staat wie dem Iran mit seiner gewaltigen geografischen Ausdehnung, großen Bevölkerung, seinen Raketenfähigkeiten und seiner strategischen Tiefe entscheidende politische Ergebnisse zu erzielen. 

Der Jemen liefert ein ähnliches Beispiel. Während der Druck der Huthi auf das Rote Meer und den Bab al-Mandab den Schiffsverkehr zum und vom Hafen Eilat schwer beeinträchtigte, gelang es der amerikanischen und israelischen Luftmacht nicht, diese Bedrohung auszuschalten. Die übermäßige Abhängigkeit beider Länder von Luftmacht, weitreichenden Präzisionsschlägen und technologischer Überlegenheit begrenzt zusammen mit ihrer Vermeidung von verlustreichen Bodenkriegen ihre Fähigkeit, durch militärische Überlegenheit politische Ergebnisse hervorzubringen.

Hier zeigt sich die eigentliche Bedeutung des Faktors Israel für den amerikanischen Niedergang. Israel war viele Jahre lang der vorgeschobene Außenposten und Kraftmultiplikator der Vereinigten Staaten in Westasien, heute wird es zu einer der wichtigen Ursachen für Washingtons Legitimitätsverlust im Globalen Süden. Ein Teil der Unterstützung für den Iran entspringt nicht einer Identifikation mit der Ideologie des iranischen Regimes, sondern der Wahrnehmung Teherans als einer Macht, die dem Druck der israelisch-amerikanischen Achse Widerstand leisten kann. 

Die amerikanische Hegemonie nähert sich damit einer gefährlichen Schwelle. Zunächst erodierte die Zustimmung und wurde durch Angst ersetzt. Nun beginnt die Angst selbst zu erodieren, wie die Beispiele Iran und Jemen zeigen.

Das Ende der 500-jährigen Ära

Eine der bemerkenswerten Ironien der Geschichte besteht darin, dass sich der Aufstieg des Westens und die heutige Transformation erneut entlang der Seewege überschneiden. Vor 500 Jahren wagten sich die Europäer über das Mittelmeer hinaus auf die Weltmeere, um den Reichtum Asiens zu erreichen. Nach Portugal und Spanien globalisierten die Niederlande und Großbritannien den Seehandel, während die Vereinigten Staaten das System im 20. Jahrhundert mit dem Dollar, mit Flugzeugträgern und einem weltweiten Netz von Militärstützpunkten auf seinen Höhepunkt führten.

Heute verlagert sich das wirtschaftliche Gewicht erneut nach Asien, die Straße von Hormus, der Bab al-Mandab, das Rote Meer, das Schwarze Meer, der Indische Ozean, das Südchinesische Meer und der westliche Pazifik werden zu den wichtigsten Schauplätzen geopolitischer Konkurrenz in der Weltpolitik. Der Irankrieg, der Ukrainekrieg, die Entwicklungen im Schwarzen Meer, die Krise im Roten Meer und die Spannungen um Taiwan sind keine voneinander unabhängigen Entwicklungen. Sie bilden die Kontaktlinien zwischen der alten Ordnung und der entstehenden Machtverteilung. 

Vor 500 Jahren lautete Europas grundlegende Frage, wie es Asien erreichen könne. Heute lautet die grundlegende Frage, ob der Westen angesichts eines aufsteigenden Asiens und eines zunehmend autonomen Globalen Südens das Weltsystem weiterhin so lenken kann wie früher. Der Kolonialismus ging im 20. Jahrhundert zu Ende. Nun beginnt auch die danach entstandene postkoloniale Hierarchie zu zerfallen. 

Das bedeutet nicht den Zusammenbruch des Westens oder der Vereinigten Staaten. Der Westen verschwindet nicht, aber er verliert seine Stellung als ein Zentrum, das über den Rest der Welt privilegiert ist. Die entstehende Welt wird eine komplexere Struktur haben. Der Übergang zur Multipolarität kann weitere Krisen, Kriege und Unsicherheit hervorbringen. Während sich die alte Ordnung auflöst, müssen die Regeln der neuen Ordnung erst noch geschrieben werden.

Als Istanbul 1453 fiel, wusste niemand, dass dieses Ereignis zu einem der historischen Ausgangspunkte einer atlantisch zentrierten Epoche westlicher Vorherrschaft werden würde, die etwa fünf Jahrhunderte andauern sollte. Auch 2026 wissen wir nicht, welche endgültige Gestalt das neue System annehmen wird. Die Richtung wird aber zunehmend deutlich.

Fazit

Während die Ära des Postkolonialismus zu Ende geht, lautet die grundlegende geopolitische Frage des 21. Jahrhunderts nicht mehr: Wie wird der Westen die Welt beherrschen? Sondern: Wie wird er in einer Welt leben, die er nicht mehr allein beherrschen kann? Während sich die fünf Jahrhunderte alte westlich zentrierte Ordnung wandelt, befindet sich die Türkei erneut an einem entscheidenden Scheideweg – in eben jener Geografie, die 1453 den Lauf der Weltgeschichte veränderte.

Die Macht der Türkei beruht nicht auf einem einzelnen Faktor, sondern auf dem Zusammenspiel ihrer geostrategischen Lage, der türkischen Meerengen, ihrer starken und einsatzfähigen militärischen Kapazitäten, ihrer sich entwickelnden Rüstungsindustrie, ihres weitreichenden diplomatischen Netzwerks, ihrer industriellen Basis, ihrer Beziehungen zur turksprachigen Welt und ihrer zentralen Stellung entlang von Energie- und Verkehrskorridoren. Die Türkei ist daher nicht nur eine Brücke zwischen Osten und Westen, sondern ein Zentrum, das die Kräfteverhältnisse auf dem Balkan, im Schwarzen Meer, im Kaukasus, im östlichen Mittelmeer, in Westasien und in Afrika beeinflussen kann.

Geopolitischer Einfluss allein stellt aber keine dauerhafte Macht dar. Gegenwärtig bilden wirtschaftliche Instabilität, Polarisierung, Schwächen des parlamentarischen Systems – einschließlich der Gewaltenteilung und der gegenseitigen Kontrolle der Staatsgewalten –, unzureichender Zugang zu Finanzierung und Kapital, die Politisierung der Rechtsstaatlichkeit, Einkommensungleichheit, die Abhängigkeit von externen Quellen bei kritischen Technologien sowie Herausforderungen bei qualifiziertem Humankapital, Energie, Logistik und institutioneller Leistungsfähigkeit die wichtigsten Beschränkungen für die Türkei. 

Die entscheidende Frage für die Türkei in der kommenden Periode lautet: Kann sie diese Herausforderungen überwinden und ihr bestehendes geopolitisches Gewicht in dauerhafte staatliche Handlungsfähigkeit umwandeln? Die Türkei, die heute in einem großen geografischen Raum militärische, diplomatische und politische Ergebnisse erzielen kann, wird diesen Einfluss langfristig nur durch eine starke produktive Struktur, eine robuste wissenschaftliche und technologische Infrastruktur, Kapitalakkumulation, hochqualifizierte Humanressourcen und widerstandsfähige Institutionen aufrechterhalten können.

Titelbild: Die Belagerung Konstantinopels 1453. Miniatur, Philippe de Mazerolles zugeschrieben, um 1460. Bibliothèque nationale de France / Wikimedia Commons, Public Domain.