Saudi-Arabiens Herrscherhaus ist für sein Überleben auf die amerikanische Sicherheitsarchitektur im Nahen Osten angewiesen. Ein Sieg Ansar Allahs im Jemen und ein gestärkter Iran könnten diese Ordnung ins Wanken bringen. Mit dem Haus Saud würde eine Säule amerikanischer Macht in der arabischen Welt wegbrechen. Im Iran und im Jemen geht es darum, wer die Zukunft der Region gestaltet

Der Beitrag erschien auf Englisch am 6. Oktober 2026 bei kevorkalmassian.substack

Von Kevork Almassian

Kevork Almassian ist syrischer geopolitischer Analyst und Gründer von Syriana Analysis

Saudi-Arabiens Konfrontation mit Ansar Allah lässt sich nicht vom umfassenderen Krieg der USA und Israels gegen den Iran trennen. Sollte der Jemen standhalten, werden die Folgen weit über Bab al-Mandab hinausreichen. Der Jemen ist nicht einfach ein weiteres Land an der Peripherie des Nahen Ostens. Historisch gilt er als Ursprungsland der Araber. 

Im gegenwärtigen geopolitischen Konflikt ist aber vor allem seine Lage an einem der wichtigsten Nadelöhre der Weltwirtschaft von Bedeutung: am Bab al-Mandab und am Golf von Aden. Wer dort den Schiffsverkehr stören kann, verfügt über Einflussmöglichkeiten, die weit über den Jemen hinausreichen. Deshalb ist Ansar Allah nicht nur für Saudi-Arabien, sondern auch für Israel und die Vereinigten Staaten zu einem so großen strategischen Problem geworden.

Fast ein Jahrzehnt lang haben Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und ihre Verbündeten versucht, Ansar Allah zu vernichten und den Jemen aus der Achse des Widerstands herauszubrechen. Sie bombardierten das Land, verhängten eine Blockade, zerstörten die Infrastruktur und trugen zu einer der schlimmsten humanitären Katastrophen unserer Zeit bei. Hunderttausende Jemeniten wurden durch Krieg, Hunger, Krankheiten und die Zerstörung der Grundversorgung direkt oder indirekt getötet. 

Trotz alledem scheiterten sie. Ansar Allah überlebte. Der Jemen überlebte. Und heute verfügt der Jemen nach allem, was dem Land angetan wurde, über größeren regionalen Einfluss als vor Beginn des von Saudi-Arabien geführten Krieges. Im gegenwärtigen Krieg geht es nicht nur darum, wer Sanaa regiert. Es geht um die Frage, ob die Achse des Widerstands weiter dazu in der Lage sein wird, dem regionalen Projekt der USA und Israels wirtschaftliche Kosten aufzuerlegen. 

Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Israel und die Vereinigten Staaten versuchen seit Jahren, dieser Achse eben diese Möglichkeit zu nehmen. Aufgrund seiner geografischen Lage kann der Jemen den Schiffsverkehr im Roten Meer, den Zugang zum Suezkanal und den Warenverkehr zwischen Asien, Europa und dem Mittelmeer beeinflussen. Das macht den Jemen weitaus bedeutender, als seine konventionelle militärische Stärke vermuten ließe. 

Nun versucht Saudi-Arabien, die Konfrontation auszuweiten, indem es den Mekka-Pakt aktiviert und die Türkei und Pakistan in den Krieg gegen Ansar Allah hineinzieht. Ob das gelingen wird, weiß ich nicht. Wir werden sehen. Die wichtigere Frage ist meines Erachtens, warum Riad bereit ist, so viel Energie gegen den Jemen zu mobilisieren, während es sich zugleich als Führungsmacht der arabischen und islamischen Welt präsentiert.

Schauen wir nach Palästina. Seit drei Jahren erleben die Palästinenser eine der schlimmsten humanitären Katastrophen ihrer jüngeren Geschichte. Zehntausende wurden von den israelischen Besatzungstruppen getötet. Gaza ist verwüstet. Die Palästinenser fordern weiterhin Souveränität, Staatlichkeit, Freiheit und die Befreiung von der Besatzung. Saudi-Arabien verfügt über enormen Reichtum, gewaltigen diplomatischen Einfluss und eine enorme religiöse Autorität in der gesamten islamischen Welt.

Wo also bleibt die konkrete Unterstützung Saudi-Arabiens für die Befreiung Palästinas? Warum steht Saudi-Arabien bei entscheidenden geopolitischen Auseinandersetzungen in der Region immer wieder strategisch auf derselben Seite wie die Vereinigten Staaten und Israel? Ist das wirklich ein Zufall? Ich denke nicht.

Das Haus Saud weiß, dass sein Überleben an die amerikanische Sicherheitsarchitektur in der Region gebunden ist. Israel weiß das ebenfalls. Washington wiederum weiß, dass Saudi-Arabien eine der zentralen Säulen jener Ordnung bildet, die es in den vergangenen Jahrzehnten im Nahen Osten errichtet hat. Ansar Allah stellt diese Ordnung unmittelbar infrage, weil die Bewegung bewaffnet und ideologisch gefestigt ist, mit dem Iran verbündet ist und der regionalen Wirtschaft Kosten auferlegen kann.

Damit kommen wir zur entscheidenden Frage. Was geschieht, wenn Ansar Allah gewinnt? Was geschieht, wenn Saudi-Arabien im Jemen erneut scheitert? Was geschieht, wenn der Iran den gegen ihn geführten aggressiven Krieg übersteht und gestärkt daraus hervorgeht? Und was geschieht schließlich, wenn das Haus Saud selbst die Kontrolle über Riad verliert?

Ich sage nicht voraus, dass die saudische Monarchie morgen zusammenbrechen wird. Sollte ein solches Szenario aber jemals eintreten, wären die Folgen gewaltig. Das Kräfteverhältnis würde sich dramatisch zugunsten der Achse des Widerstands verschieben. Eine der wichtigsten Säulen amerikanischer Macht in der arabischen Welt würde verschwinden oder entscheidend geschwächt werden, während Iran und seine Verbündeten vom Persischen Golf bis zum Roten Meer strategische Tiefe gewinnen würden.

Deshalb bin ich überzeugt, dass Saudi-Arabien, Israel und die Vereinigten Staaten die Kriege im Jemen und gegen den Iran zunehmend als existenziell betrachten. Sie kämpfen nicht um eine einzelne Regierung in Sanaa oder eine einzelne Regierung in Teheran. Sie kämpfen darum, wer den Nahen Osten der Zukunft gestalten wird.