2004 schickte Südkorea Soldaten in den Irak, um Einfluss auf Washingtons Nordkorea-Politik zu gewinnen. Heute drängen die USA Seoul zur Unterstützung im Irankrieg. Aber unter Trump ist Washington ein weit weniger berechenbarer Bündnispartner. Für Südkorea wäre ein Einsatz gegen Iran ein riskantes Geschäft ohne Gegenleistung

Der Beitrag erschien am 25. September 2026 bei Responsible Statecraft

Von James Park

James Park ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Ostasienprogramm des Quincy Institute. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die südkoreanische Außen- und Innenpolitik, chinesische Sicherheitsfragen sowie die US-Politik gegenüber Ostasien

Seit der Krieg der USA gegen den Iran Anfang dieses Jahres begonnen hat, drängt Washington seine Verbündeten in Europa und Asien dazu, mehr militärische Unterstützung zu leisten, um den Vereinigten Staaten bei der Wiederöffnung der Straße von Hormus zu helfen. Trotz anhaltenden Drucks von Präsident Donald Trump und Vertretern seiner Regierung zögern die meisten Verbündeten der USA. Die Unterstützung leisten, tun es weitgehend indirekt, etwa indem sie begrenzten Zugang zu Militärstützpunkten bieten.

Südkorea war ein wichtiges Ziel dieses Drucks. Im August kündigte Trump unvermittelt in den sozialen Medien an, Washington werde die gemeinsamen Militärübungen der USA und Südkoreas „erheblich reduzieren“. Diese Entscheidung brachte er mit Seouls anhaltender Weigerung in Verbindung, seine Kriegsanstrengungen gegen den Iran zu unterstützen. Trumps offenkundige Vergeltungsmaßnahme löste in Seoul Besorgnis und eine ernsthafte Debatte darüber aus, ob die südkoreanische Marine in die Straße von Hormus entsandt werden soll.

Auf einer Pressekonferenz am 18. September beantwortete Südkoreas Präsident Lee Jae-myung die Frage und schloss die Entsendung von Truppen oder militärischen Mitteln in die Straße von Hormus aus, sofern dies Südkorea in den Krieg der USA gegen den Iran hineinziehen würde. Zugleich ließ er die Möglichkeit offen, die Aufgaben der bereits im Nahen Osten stationierten südkoreanischen Antipiraterieeinheit auszuweiten, um südkoreanische Schiffe, Öllieferungen und Staatsbürger zu schützen. Das ist eine nachvollziehbare Entscheidung für Seoul. Die Entsendung südkoreanischer Streitkräfte in die Straße von Hormus wäre mit erheblichen Risiken verbunden, denen kein klarer Nutzen gegenüberstünde.

Einige Beobachter meinen, Seoul solle militärische Mittel entsenden, um die Freiheit der Schifffahrt in der Straße von Hormus zu schützen – schließlich handele es sich nicht einfach um das Problem eines fremden Landes, sondern um Südkoreas elementares wirtschaftliches Interesse. Tatsächlich dürfte südkoreanische Unterstützung aber den Verlauf des Irankriegs oder das grundlegende strategische Kräfteverhältnis in der Straße von Hormus kaum wesentlich verändern. Selbst wenn Südkorea militärische Kräfte entsendet, die angeblich ausschließlich mit nicht kämpfenden Missionen betraut sein sollen, dürfte die Grenze zwischen „Unterstützung“ und „Beteiligung“ schwer aufrechtzuerhalten sein, sobald südkoreanische Streitkräfte ein aktives Kriegsgebiet betreten. 

Was als Mission zur Unterstützung der „Freiheit der Schifffahrt“ beginnt, kann schnell außer Kontrolle geraten, sobald die entsandten Soldaten Angriffen ausgesetzt sind und die Gefahr entsteht, tiefer in den Konflikt hineingezogen zu werden. Die öffentliche Meinung in Südkorea teilt diese Bedenken. Einer jüngsten Umfrage zufolge lehnen 52 Prozent der Südkoreaner – und 69 Prozent der Anhänger der regierenden Minjoo-Partei – eine Entsendung in die Straße von Hormus ab. Diese Stimmung in der Bevölkerung kann Seoul nur schwer ignorieren, zumal Lees Zustimmungswerte in den vergangenen Monaten aufgrund wirtschaftlicher Probleme, Kontroversen um neue Kabinettsmitglieder und anderer innenpolitischer Schwierigkeiten gesunken sind.

Innenpolitischer Widerstand hat Seoul allerdings nicht immer davon abgehalten, Washingtons umstrittenen und riskanten strategischen Forderungen entgegenzukommen. Südkorea hat dies in der Vergangenheit mehrfach getan und dabei auch Truppen zur Unterstützung der Vereinigten Staaten in einem laufenden Krieg entsandt. 2004 entsandte die Regierung Roh Moo-hyun trotz erheblichen Widerstands in der Bevölkerung zur Unterstützung der USA im Irakkrieg Truppen, die vor allem medizinische und technische Aufgaben übernahmen. Für Roh war es eine problematische Entscheidung. Während der Auseinandersetzung fiel seine Zustimmung zeitweise auf 25 Prozent. 

Letztlich sah Seoul im Einsatz aber eine Möglichkeit, ein zentrales strategisches Interesse voranzubringen: das Vertrauen innerhalb des Bündnisses zu vertiefen und dieses Vertrauen zu nutzen, um Washingtons Politik gegenüber Nordkorea zu beeinflussen. Die Regierung George W. Bush hatte zunächst eine harte Linie gegenüber Nordkorea verfolgt und unter anderem Militärschläge erwogen, um das nordkoreanische Atomwaffenprogramm zurückzuwerfen. Schließlich wandte sich Washington aber einem stärker diplomatischen Ansatz zu, wie ihn Roh bevorzugte: Statt ausschließlich auf Druck und Zwang zu setzen, suchten die USA im Rahmen der Sechs-Parteien-Gespräche den Dialog mit Pjöngjang.

Auf den ersten Blick ähnelt die Lage heute derjenigen von 2004. Es gibt einen aktiven Krieg weit entfernt von der koreanischen Halbinsel, den Washington einseitig begonnen hat. Und Washington verlangt von Seoul Unterstützung. Zugleich setzt wieder eine südkoreanische Regierung gegenüber Nordkorea auf Diplomatie setzt und hofft, Washington ebenfalls in diese Richtung bewegen zu können. Zwischen beiden Fällen bestehen aber deutliche Unterschiede, die Seoul zusätzlich Gründe liefern, heute nicht die gleiche Entscheidung zu treffen wie 2004.

Iran ist offensichtlich nicht Irak. Während der Irak den US-Streitkräften kaum ernsthaften Widerstand entgegensetzen konnte, verfügt der Iran tatsächlich über erhebliche Möglichkeiten, ihnen in der Straße von Hormus und darüber hinaus Kosten aufzubürden. Südkorea hat außerdem langfristige wirtschaftliche, energiepolitische und diplomatische Interessen daran, ein feindseliges Verhältnis zu Iran zu vermeiden. Anders als Roh hat Lee es zudem nicht mit einem Weißen Haus zu tun, das Nordkorea offiziell dem „Bösen“ zurechnet und Diplomatie grundsätzlich pessimistisch gegenübersteht. Trump ist bereits dreimal mit Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un zusammengetroffen und hat in Wort und Tat erkennen lassen, dass er Kim als ernstzunehmenden diplomatischen Gesprächspartner betrachtet. 

Was Seoul heute von Washington benötigt, ist also nicht bloß Interesse an einem Dialog mit Pjöngjang. Es geht vielmehr um eine grundlegende Neuausrichtung der amerikanischen Nordkorea-Politik. Wie Lee kürzlich in einem Interview mit den New York Times betont hat, dürfte Pjöngjang den Dialog weiterhin verweigern, solange es keine grundlegende Verringerung der Feindseligkeit in der amerikanischen Nordkorea-Politik durch konkrete politische Veränderungen erkennt. Dazu gehören Lockerung der Sanktionen und Koexistenz statt Denuklearisierung eines nuklear bewaffneten Nordkorea.

Das Dilemma für Seoul: Kann es darauf vertrauen, dass Trump eine so weitreichende politische Neuausrichtung in enger Abstimmung mit seinem Verbündeten vollzieht? Hätte Seoul größeres Vertrauen in Trump als Bündnispartner, dürfte es eher bereit dazu sein, die Entsendung südkoreanischer Streitkräfte in die Straße von Hormus als Hebel zu nutzen, um Washingtons Nordkorea-Politik zu beeinflussen. Aber Trump ist alles andere als ein verlässlicher Bündnispartner. Das erschwert Seoul, heute Risiken einzugehen wie 2004.

2004 hatte Seoul eine relativ berechenbare, konventionelle US-Regierung als Gegenüber. Erfahrene außen- und sicherheitspolitische Fachleute waren für die Koordinierung des Bündnisses verantwortlich. Heute hat Seoul es mit Trump zu tun, der Verbündete nicht als Partner mit gemeinsamen Zielen betrachtet, sondern als Trittbrettfahrer, für die Washington viel opfert, ohne angemessen entschädigt zu werden. 

Für Trump hat die Abstimmung innerhalb von Bündnissen nur geringe Bedeutung. Immer wieder verkündet er wichtige Entscheidungen über Bündnisfragen ohne vorherige Konsultation überraschend in den sozialen Medien und ändert seine Haltung zu politischen Entscheidungen oder diplomatischen Vereinbarungen über Nacht. Kurz gesagt: Die Entsendung südkoreanischer Streitkräfte zur Unterstützung des US-Krieges gegen Iran wäre schlicht ein zu gefährliches Glücksspiel. 

Real und hoch ist das Risiko, tiefer in einen Krieg hineingezogen zu werden, dessen geografische Ausdehnung sich in den vergangenen sieben Monaten vergrößert hat. Der mögliche Nutzen hingegen ist bestenfalls ungewiss, womöglich inexistent. Aus rationaler strategischer Sicht ist es daher mehr als verständlich, dass Seoul eine solche Entsendung ausgeschlossen hat.

Titelbild: Donald Trump und Lee Jae-myung beim G7-Gipfel in Évian, 17. Juni 2026. Foto: Daniel Torok/The White House, Public Domain (PD-USGov-POTUS), via Wikimedia Commons.