Während sich die Vereinigten Staaten aus ihrer Rolle als Manager des Nahen Ostens zurückziehen, verschiebt sich das regionale Kräfteverhältnis. Israels politische Lager unterscheiden sich in der Frage territorialer Expansion eher in Tempo und Taktik als im strategischen Ziel. Der Iran ist der einzige Staat, der über die militärische Tiefe und das Netzwerk regionaler Partner verfügt, um eine Abschreckungsarchitektur gegen die israelische Expansion aufzubauen

Der Beitrag erschien auf Englisch am 29. September 2026 bei kevorkalmassian.substack

Von Kevork Almassian

Kevork Almassian ist syrischer geopolitischer Analyst und Gründer von @SyrianaAnalysis

Israels Finanzminister Bezalel Smotrich hat kürzlich in einem Podcast gefordert, Israel müsse im besetzten Westjordanland Krieg führen und „dort tun, was wir in Gaza getan haben“. Er verlangte die Auflösung der Palästinensischen Autonomiebehörde, die Annexion des von Israel kontrollierten Gebiets östlich der sogenannten Gelben Linie in Gaza und die Ausdehnung der israelischen Kontrolle im Südlibanon bis zum Litani. Das sind keine Behauptungen eines antiisraelischen Kommentators. Er selbst hat es in einem israelischen Podcast gesagt.

Die unmittelbare Reaktion der westlichen Mainstream-Presse war vorhersehbar. Smotrich ist „rechtsextrem“. Ben-Gvir ist „rechtsextrem“. Netanjahu ist in die Hände der „Rechtsextremen“ geraten. Wenn doch nur die gemäßigten Israelis wieder an die Macht kämen, so heißt es, könnte vielleicht der Friedensprozess wiederbelebt werden und all dieser zionistische Extremismus verschwinden. Diese Sichtweise lehne ich ab. 

Smotrich und Ben-Gvir stehen sicherlich für eine extreme und besonders hässliche Ausprägung der israelischen Politik, aber der Siedlungsbau im Westjordanland begann nicht mit Smotrich. Die Besetzung der Golanhöhen begann nicht mit Smotrich. Die Besetzung des Westjordanlands begann nicht mit Netanjahu. Die Verweigerung eines palästinensischen Staates kam nicht erst nach dem 7. Oktober auf. Israelische Regierungen unterschiedlicher politischer Zusammensetzung haben Siedlungen ausgebaut, territoriale Kontrolle aufrechterhalten und die Frage der palästinensischen Staatlichkeit nach Israels sicherheitspolitischen und demografischen Kalkülen behandelt. 

Der Unterschied zwischen israelischen Regierungen bestand eher in Tempo, Sprache und Taktik als in einer grundlegenden Uneinigkeit über das strategische Ziel. Darauf hat Baschar al-Assad vor vielen Jahren bei einem Gipfeltreffen der Arabischen Liga hingewiesen. Ich erinnere mich an seine Äußerung, weil sie meiner Ansicht nach gut wiedergab, wie Damaskus Israel betrachtete. Sinngemäß sagte er, aus syrischer Sicht gebe es keine israelische Linke und Rechte in dem Sinne, wie Europäer sich das vorstellten. Es gebe die Rechte, die extreme Rechte und dann noch etwas weiter rechts davon. Ich gebe ihn nur sinngemäß wieder, weil ich mich weder an den genauen Wortlaut noch an das genaue Jahr erinnere – ich glaube, es war um 2002 oder 2003 –, aber der Punkt dürfte klar sein. 

Eine israelische Regierung verhandelt vielleicht, während eine andere bombardiert. Die eine spricht vom Frieden, die andere von Annexion. Betrachtet man aber die jahrzehntelange Ausweitung der Siedlungen, die dauerhafte Kontrolle über palästinensisches Gebiet, die Besetzung der syrischen Golanhöhen und die wiederholte militärische Expansion Israels im Libanon und in Syrien, muss man sich fragen, ob die Unterscheidung zwischen „gemäßigten“ und „extremen“ Projekten nicht für ein westliches Publikum konstruiert wurde. 

Die Knesset selbst lieferte dafür ein anschauliches Beispiel. 2024 stimmte Israels Parlament mit 68 zu neun Stimmen für eine Resolution gegen die Errichtung eines palästinensischen Staates westlich des Jordan. Es waren nicht neun Abgeordnete, die gegen einen palästinensischen Staat stimmten, während 68 die Resolution ablehnten. Es war genau umgekehrt. Der Antrag erhielt Unterstützung über die religiös-nationalistischen Parteien hinaus und erklärte, ein palästinensischer Staat stelle eine Gefahr für Israel dar und belohne „Terrorismus“. Wenn man uns also weiterhin erzählt, die Zweistaatenlösung warte nur auf eine gemäßigtere israelische Regierung, sollte man meiner Ansicht nach erklären, wo genau die parlamentarische Mehrheit für palästinensische Souveränität herkommen soll. 

Anders als andere Politiker versteckt sich Smotrich nicht hinter diplomatischen Formeln. Wenn er von der Annexion von Teilen Gazas und des Südlibanon spricht und das Westjordanland als Judäa und Samaria bezeichnet, stellt er die territoriale Frage ganz unmittelbar. Schon Jahre zuvor sprach er in einem Dokumentarfilm von einem jüdischen Staat, der sich nach den von ihm angeführten religiösen Vorstellungen künftig bis nach Damaskus erstrecken werde. Die israelische Armee wird nicht morgen früh aufwachen und versuchen, das Gebiet vom Nil bis zum Euphrat zu besetzen. Staaten verwirklichen ideologische Landkarten nur selten in einem einzigen großen Feldzug. Sie rücken vor, wenn die Umstände es zulassen, und halten an, wenn die Machtverhältnisse sie dazu zwingen.

Wenn ich betrachte, was in Gaza, im Westjordanland, im Südlibanon und im Süden Syriens geschehen ist, wird das Bild meiner Ansicht nach deutlicher. Die Sprache ändert sich je nach Front. In Gaza lautet die Rechtfertigung Hamas. Im Libanon ist es die Hisbollah. In Syrien waren es der Iran, die Hisbollah und Assad, und inzwischen sind es zunehmend die Türkei – oder welche bewaffnete Formation Israel auch immer als künftige Gefahr betrachtet. Im Westjordanland kann inzwischen selbst die Palästinensische Autonomiebehörde von israelischen Ministern als Teil einer terroristischen Infrastruktur bezeichnet werden, die zerschlagen werden müsse. Irgendwann gelangt man damit an einen Punkt, an dem jede politische Ordnung auf der anderen Seite der Grenze zur Bedrohung erklärt werden kann, sobald sie Israel daran hindert, vollständige militärische Vorherrschaft auszuüben. 

Deshalb akzeptiere ich das Argument nicht, die arabischen Regierungen könnten das Problem lösen, indem sie jeweils einzeln Vereinbarungen mit Israel schließen. Ich bin nicht gegen Diplomatie. Wenn es einen gerechten und umfassenden Frieden gibt, der die Souveränität und die Rechte der Völker in der Region wahrt, unterstütze ich selbstverständlich den Frieden. Was ich ablehne, ist die Illusion, Unterwerfung und Frieden seien dasselbe. Der Oslo-Prozess hat die Ausweitung der Siedlungen nicht gestoppt. Die Abraham-Abkommen haben keine palästinensische Souveränität hervorgebracht. Jordanien und Ägypten haben Friedensverträge mit Israel. Und dennoch sprechen israelische Politiker davon, die Grenzen Israels auf Länder auszudehnen, mit denen es „Frieden“ geschlossen hat.

Wenn Diplomatie allein die israelische Expansion also nicht eindämmt, was tut es dann? Die Antwort lautet Abschreckung.

Im Nahen Osten bleibt der Iran, ob man es nun gutheißt oder nicht, der einzige Staat, der über die militärische Tiefe, die Bevölkerung, die industrielle Basis und das Netzwerk regionaler Partner verfügt, um eine Abschreckungsarchitektur aufzubauen, die groß genug ist, um Israel spürbare Kosten aufzuerlegen. Das bedeutet nicht, dass der Iran über einen Zauberstab verfügt. Diese Illusion habe ich häufig kritisiert. Die Menschen verwechseln das, wozu der Iran ihrer Ansicht nach fähig sein sollte, mit dem, wozu der Iran tatsächlich fähig ist. Die Schläge gegen die Hisbollah, der Verlust Syriens als zentraler strategischer Partner, die Zerstörungen in Gaza und die umfassendere Konfrontation mit den Vereinigten Staaten und Israel haben Irans regionale Position geschwächt. Ich glaube nicht, dass das umstritten ist. Die Frage lautet, ob diese Verschlechterung dauerhaft ist.

Nach meiner derzeitigen Einschätzung ist der Iran noch immer in erster Linie damit beschäftigt, sich selbst zu erhalten. Teheran glaubt nicht, dass der Krieg vorbei ist. Es betrachtet militärischen Druck, Sanktionen, Geheimdienstoperationen, Angriffe auf Infrastruktur und politischen Druck als verschiedene Ebenen desselben Konflikts. Bevor der Iran also ernsthaft daran gehen kann, die Abschreckung im Libanon, in Palästina, im Irak, in Syrien oder anderswo wiederherzustellen, muss er zunächst die gegen das eigene Land gerichtete Konfrontation überstehen. Deshalb habe ich kürzlich in meinem Stream gesagt, dass das, was ich als militärischen Erfolg des Iran gegen die amerikanisch-israelischen Angriffe betrachte, noch nicht in ein regionales politisches Projekt überführt worden ist. 

Der Iran kann Angriffe verkraften und seinem Gegner Kosten auferlegen, aber das ist nicht dasselbe wie die Wiederherstellung seiner Position in der Region vor einigen Jahren. Wenn der Iran siegreich aus diesem Konflikt hervorgeht und seine Bedingungen durchsetzt, wird sich dieses Kalkül verändern. Er kann wieder in seine regionalen Partnerschaften investieren. Er kann militärische Nachschubwege wieder aufbauen. Er kann dazu beitragen, die Abschreckungsfähigkeiten von Akteuren im Libanon und anderswo wiederherzustellen. Und wenn diese Fähigkeiten wiederhergestellt sind, wird die israelische Expansion kostspieliger. 

Genau deshalb ist der konfessionelle Krieg, der in den sozialen Medien ausgetragen wird, für die Menschen der Region so zerstörerisch. Während israelische Strategen in Kategorien von Grenzen, militärischen Korridoren, Häfen, Energie, Abschreckung und politischer Macht denken, streiten viele Araber und Muslime noch immer darüber, wer Sunnit, wer Schiit, wer Alawit, wer wahrer Muslim ist und wer nicht. Der Krieg im Jemen hat zusätzlich Öl ins Feuer gegossen. Plötzlich wird jede Entwicklung in eine konfessionelle Frage übersetzt. Der Jemen greift Saudi-Arabien an, also wird daraus ein iranischer Krieg gegen Sunniten. Der Iran unterstützt Ansar Allah, also sollen saudische Heiligtümer einer persisch-schiitischen Bedrohung ausgesetzt sein. Diese Narrative werden wiederholt, bis der geopolitische Konflikt verschwindet und wir nur noch wegen unserer Identitäten gegeneinander kämpfen.

Diesen Film haben wir schon einmal gesehen. Teile und herrsche ist keine raffinierte Erfindung des 21. Jahrhunderts. Jedes Imperium hat lokale Spaltungen ausgenutzt: religiöse, ethnische, tribale und soziale. Welche es sind, spielt letztlich keine große Rolle. Wenn Syrer einander nicht vertrauen, wenn Libanesen einander nicht vertrauen, wenn Sunniten glauben, jeder Schiit sei ein iranischer Agent, und Schiiten glauben, jeder Sunnit sei ein saudischer oder türkischer Agent, dann muss niemand die Region mit Millionen Soldaten erobern. Wir zerstören den Zusammenhalt unserer Gesellschaften selbst, anschließend wählen ausländische Mächte jene lokalen Kräfte aus, die ihren Interessen am besten dienen. 

Deshalb werde ich misstrauisch, wenn der Konfessionalismus ausgerechnet in dem Moment die Debatte beherrscht, in dem Gaza eine Entwicklung angestoßen hat, die Israel äußerst ungelegen kommt: eine transnationale, religions- und ethnienübergreifende Solidaritätsbewegung. Christen, Muslime, Schiiten, Sunniten, säkulare Araber, Europäer, Amerikaner und sogar viele Juden kamen in der Palästinafrage zusammen. Und plötzlich tauchen überall Menschen auf, die uns erklären, wer ein Kafir und wer ein wahrer Muslim ist, welche Konfession vor Hunderten von Jahren welches Verbrechen begangen hat und warum wir einander mehr hassen sollten als die Fremdherrschaft. 

Während diese Spaltungen die Region beherrschen, vollzieht sich auf strategischer Ebene etwas anderes, das meiner Ansicht nach in den kommenden Jahren noch wichtiger werden könnte: Die Vereinigten Staaten beginnen, ihre Rolle als Manager des Nahen Ostens zu überdenken. Ich habe kürzlich einen Artikel im Economist gelesen, der Amerika als ein Land beschrieb, das sich „aus einer Region zurückzieht, die es nie nach seinen Vorstellungen umgestalten konnte“. Entscheidend ist die Unterscheidung, die der Artikel trifft und der ich zustimme: Amerika verlässt den Nahen Osten nicht. Die Vereinigten Staaten werden militärisch, wirtschaftlich und diplomatisch engagiert bleiben. Sie werden Waffen verkaufen. Sie werden „Antiterror-Operationen“ durchführen. Sie werden ihre Partnerschaften mit den Golfstaaten aufrechterhalten. Sie werden Handelswege schützen, wenn sie glauben, dass amerikanische Interessen dies erfordern. 

Aber Washington scheint immer weniger bereit, weiterhin jene Rolle zu spielen, die es sich nach 1991 zugedacht hatte: die einer übergeordneten Schutzmacht, die immer dann in der Region eingreift und die Verhältnisse neu ordnet, wenn sie aus dem Lot geraten. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion schienen die Vereinigten Staaten im Nahen Osten keinen ernsthaften Konkurrenten mehr zu haben. Sie vertrieben Saddam Husseins Truppen aus Kuwait, organisierten die Madrider Friedenskonferenz und schienen fähig, die regionale Ordnung nahezu im Alleingang zu bestimmen. 

Und was folgte darauf? Irak. Libyen. Syrien. Jemen. Afghanistan, wenn wir den geografischen Rahmen erweitern. Sanktionen, Besatzungen, Regime-Change-Operationen, bewaffnete Stellvertreterkriege, Drohnenkriege, Militärstützpunkte und Billionen Dollar, die für den Versuch ausgegeben wurden, politische Systeme neu zu ordnen.

Was hat Amerika tatsächlich erreicht? Der Irak wurde angegriffen und Saddam Hussein gestürzt, aber der Iran gewann in Bagdad erheblich mehr Einfluss, als er vor 2003 besessen hatte. Libyens Regierung wurde gestürzt und der Staat zerfiel. Der syrische Staat war einer Regime-Change-Operation, jahrelangen Sanktionen und einem Stellvertreterkrieg ausgesetzt. Zurückgeblieben ist ein weiteres instabiles Land, um dessen Territorium und politische Ordnung heute die Türkei, Israel, die Golfstaaten und andere Mächte konkurrieren.
Der Jemen wurde zu einem weiteren Schlachtfeld. 

Nun bürdet der Irankrieg Amerikas Verbündeten am Golf enorme wirtschaftliche und strategische Kosten auf. Der Konflikt hat die Energiemärkte erschüttert und Infrastruktur beschädigt. Zugleich ist der Krieg näher an jene Länder herangerückt, die sich unter dem amerikanischen Sicherheitsschirm vor ihm sicher glaubten. Die Golfregierungen müssen sich fragen: Schützt uns der amerikanische Stützpunkt auf unserem Territorium oder macht er uns zum Ziel?

Hier kommt die Zukunft der amerikanischen Militärpräsenz ins Spiel. Die Vereinigten Staaten haben ihre Militärpräsenz in Syrien bereits in diesem Jahr deutlich reduziert und ihre Truppen zunächst aus al-Tanf, später auch aus Qasrak abgezogen. Und während ich dies schreibe, schließt Washington bis zum 30. September den Abzug seiner verbliebenen Truppen aus dem Irak ab. Das bedeutet nicht, dass es plötzlich keine amerikanische Militärpräsenz im Nahen Osten mehr geben wird. Deshalb spreche ich von einer Reduzierung des Engagements und nicht von einem Rückzug. Reduzierung des Engagements ist kein Rückzug.

Amerika wird weiterhin Basen haben. Es wird weiterhin Flotten unterhalten. Es wird weiterhin Waffen im Wert von Dutzenden Milliarden Dollar verkaufen. Es wird weiterhin Menschen bombardieren, wenn Washington entscheidet, dass die amerikanische Sicherheit dies erfordert. Aber die Wahrnehmung in der Region verändert sich. Jahrzehntelang bauten die Golfmonarchien einen großen Teil ihrer Sicherheitsarchitektur auf der Annahme auf, Amerika werde irgendwann kommen und das Problem lösen, wenn es nur groß genug ist. Diese Annahme scheint schwer beschädigt.

Und Amerika hat auch jenseits des Nahen Ostens Gründe, diese Bürde zu überdenken. Das internationale System von heute ist nicht das internationale System von 1991. China ist nicht mehr das China von 1991. Russland ist wieder eine bedeutende Militärmacht. Europa hat seine eigene Sicherheitskrise. Die Vereinigten Staaten können nicht unbegrenzt kostspielige Flugzeuge, Raketenabwehrsysteme, Seestreitkräfte und Munitionsvorräte in einer einzigen Region binden, ohne dadurch ihre Einsätze andernorts zu beeinträchtigen. Der berühmte Pivot to Asia wurde unter mehreren Regierungen beinahe zum Running Gag, weil Washington jedes Mal, wenn es sich Asien zuwenden wollte, von einer neuen Krise zurück in den Nahen Osten gezogen wurde. Irgendwann machen sich materielle Grenzen nun einmal bemerkbar.

Das bedeutet nicht, dass Amerika China erfolgreich eindämmen wird, indem es einfach mehr Kräfte in den Pazifik verlegt. Meiner Ansicht nach ist China wirtschaftlich und geopolitisch bereits zu groß für jene Art von Eindämmungsstrategie, die Washington gegenüber kleineren Mächten einsetzt. Aber das ist eine andere Diskussion. Für den Nahen Osten ist entscheidend, dass Amerika zunehmend Prioritäten setzen muss. Und wenn Amerika sich zurücknimmt, wer füllt dann das Vakuum?

Israel will sicherlich zu den wichtigsten Mächten gehören, die die postamerikanische Ordnung in der Region gestalten. Die Türkei und der Iran ebenfalls. Die Golfstaaten wollen ihre eigenen Monarchien schützen, verfügen aber nicht über die unabhängige militärische Macht jener drei Akteure. Es gibt kein ernstzunehmendes arabisch-nationalistisches Projekt, das ihnen ein Gegengewicht bieten könnte. Ägypten ist schwächer als zu Nassers Zeiten. Syrien ist zerstört worden. Der Irak bleibt durch inneren und äußeren Druck gespalten. Der Libanon besitzt kaum einen funktionsfähigen Staat. 

Wenn die Vereinigten Staaten die Region also nicht mehr unmittelbar führen wollen, wird das Vakuum nicht von irgendeiner harmonischen „nahöstlichen Gemeinschaft“ gefüllt werden. Es wird zum Gegenstand eines Machtkampfs. Syrien hat uns bereits einen Vorgeschmack darauf gegeben. Zerschlägt man den Zentralstaat und schwächt alle einheimischen Institutionen, rücken irgendwann die bestorganisierten Nachbarmächte vor. Die Türkei expandiert vom Norden aus. Israel expandiert vom Süden aus. Die Golfstaaten finanzieren politische Gruppierungen. Alle sprechen von Sicherheit und Stabilität, während sie das Land unter sich aufteilen.

Die amerikanische und israelische Hoffnung bestand meiner Ansicht nach darin, den Iran schließlich einem ähnlichen Prozess zu unterwerfen: den Staat zerschlagen oder einen Regimewechsel erzwingen, seine militärischen Fähigkeiten zerstören, seine Einflusssphäre zersplittern und die Entstehung einer neuen regionalen Ordnung ermöglichen, die von Israel und mit ihm verbündeten arabischen Regierungen beherrscht wird. Bislang ist das nicht geschehen. Der Iran ist intakt geblieben. Und deshalb glaube ich, dass der regionale Konflikt an einem Scheideweg angelangt ist.

Sollte der Iran schließlich zerschlagen werden, erhielte Israel eine goldene Gelegenheit, sich als neues Imperium durchzusetzen. Der einzige Staat, der über Jahrzehnte ein militärisches und politisches Netzwerk aufgebaut hat, das eigens darauf ausgerichtet ist, die israelische und amerikanische Vorherrschaft herauszufordern, wäre verschwunden. Unter diesen Bedingungen wäre „Großisrael“ nicht nur Fantasie einiger weniger religiöser Extremisten, einer Expansion stünden weniger materielle Hindernisse entgegen.

Wenn der Iran dagegen überlebt und seine Abschreckungsfähigkeit wiederherstellt, entsteht für Israel das entgegengesetzte Problem. Deshalb glaube ich, dass der Krieg gegen den Iran und die Rhetorik von Großisrael nicht voneinander getrennt werden können. Sie sind Teil derselben Frage nach dem regionalen Kräfteverhältnis. Der Iran ist meiner Einschätzung nach für Israels regionales Projekt in einer Weise existenziell, wie es Syrien, der Irak oder der Libanon für sich genommen nicht waren. 

Israel kann fragmentierte Nachbarstaaten dominieren. Es kann Syrien bombardieren. Es kann den Libanon unter Druck setzen. Es kann innerhalb der palästinensischen Gebiete operieren. Der Iran aber verfügt über die Größe und die Mittel, um beim Wiederaufbau einer konkurrierenden regionalen Ordnung zu helfen. Wenn Smotrich also davon spricht, Gebiete in Gaza, im Südlibanon und im Westjordanland zu annektieren, würde ich ihn nicht einfach als verrückten rechtsextremen Politiker abtun, der in einem Podcast verrückte Dinge sagt. Seine Sprache ist extrem, aber sie ist Teil eines wesentlich größeren historischen Augenblicks.