Die USA könnten den Krieg mit Ansar Allah nutzen, um Saudi-Arabien in ein offenes Bündnis mit Israel zu drängen. Während jemenitische Angriffe auf strategische Infrastruktur das saudische Wirtschaftsmodell bedrohen, verweigert Washington seinem Verbündeten eine militärische Intervention. Dahinter könnte eine Strategie stehen, die Mohammed bin Salman die Grenzen des amerikanischen Schutzes vor Augen führen soll. Der Krieg im Jemen wäre so ein Instrument zur Neuordnung der Verhältnisse im Nahen Osten

Der Beitrag erschien am 13. Oktober 2026 bei kevorkalmassian.substack

Von Kevork Almassian

Kevork Almassian ist syrischer geopolitischer Analyst und Gründer von @SyrianaAnalysis

Jemens jüngste Angriffe auf Saudi-Arabien sollten als Versuch verstanden werden, eine neue Gleichung der Abschreckung herzustellen. Die Saudis bombardieren den Flughafen von Sanaa, die Jemeniten greifen saudische Flughäfen an. Die Saudis attackieren die Energieinfrastruktur, die Jemeniten drohen mit Angriffen auf die saudische Energieinfrastruktur. 

In einer idealen Welt würden alle Seiten die zivile Infrastruktur verschonen und das Völkerrecht hätte tatsächlich eine Bedeutung. Aber das ist nicht die Welt, die im Nahen Osten geschaffen wurde. Saudi-Arabien hat jahrelang die Infrastruktur des Jemen bombardiert und das Land einer Blockade unterworfen, während Washington weitgehend wegsah. Ansar Allah ist inzwischen zu dem Schluss gekommen, dass sich Riad nur dann in Schranken weisen lässt, wenn den strategischen Einrichtungen, von denen der saudische Staat abhängig ist, unmittelbar Schaden zugefügt wird.

Deshalb hatten die Angriffe auf den internationalen Flughafen König Khalid eine strategische Wirkung. Saudi-Arabien hat jahrelang daran gearbeitet, sich im Rahmen seiner Vision 2030 als sicherer Standort für ausländische Investitionen, künstliche Intelligenz, Tourismus, Logistik und Petrochemie zu präsentieren. Dieses gesamte Wirtschaftsmodell beruht auf einer einzigen Voraussetzung: Stabilität. 

Wenn internationale Unternehmen bei ihren Kalkulationen künftig berücksichtigen müssen, dass Riad, Dschidda oder Dammam von jemenitischen Raketen und Drohnen erreicht werden können, muss Ansar Allah die saudische Wirtschaft gar nicht zerstören. Es genügt, die Illusion zu zerstören, Saudi-Arabien könne Krieg gegen den Jemen führen und zugleich vollständig von dessen Folgen verschont bleiben. Die jüngsten Angriffe haben bereits den Flugverkehr beeinträchtigt und Zweifel an der Fähigkeit des Königreichs aufgeworfen, seine kritische Infrastruktur zu schützen.

Aber dieser Krieg hat eine weitere Dimension. Saudi-Arabien gilt als einer der wichtigsten strategischen Verbündeten der USA im Nahen Osten. Dennoch hat Donald Trump die Forderungen Riads nach einem direkten militärischen Eingreifen der USA gegen Ansar Allah bislang zurückgewiesen. Washington stellt Geheimdienstinformationen und andere Formen militärischer Unterstützung bereit, hat sich aber bisher nicht unmittelbar an der saudischen Offensive beteiligt. 

Warum? Ich vermute, dass Mohammed bin Salman eine Falle gestellt wird. Die USA und Israel wollen Saudi-Arabien seit Jahren in die Abraham-Abkommen einbinden. Riad besteht öffentlich aber weiterhin auf bestimmten Voraussetzungen für eine formelle Normalisierung der Beziehungen, darunter Fortschritte auf dem Weg zu einem palästinensischen Staat und, was noch wichtiger ist, ein Verteidigungsabkommen mit den USA. 

Den Saudis ist bewusst, dass Washington immer weniger bereit dazu ist, die gesamte militärische Last im Nahen Osten zu tragen. Sollten die USA ihre Präsenz in der Region eines Tages reduzieren, müsste sich Riad fragen, wer das entstehende Vakuum füllt: Iran, Türkei oder Israel. Deshalb verlangt die saudische Führung Garantien, dass die USA das Königreich auch dann verteidigen werden, wenn ihre Streitkräfte in der Region weniger stark präsent sind.

Wenn ich mich in Washingtons Lage versetze und Saudi-Arabien zu einer Annäherung an Israel zwingen will, muss ich Mohammed bin Salman nicht unbedingt ganz im Stich lassen. Ich muss nur dafür sorgen, dass er sich hinreichend verwundbar fühlt. Man lässt die Saudis erneut im jemenitischen Sumpf versinken. Man versorgt sie mit Geheimdienstinformationen, Waffen und begrenzter Unterstützung, verzichtet aber auf die überwältigende militärische Intervention der USA, mit der sie gerechnet haben. 

Gleichzeitig führt man ihnen vor Augen, dass Israel über Geheimdienstinformationen, militärische Fähigkeiten und eine regionale Reichweite verfügt, die Saudi-Arabien dringend benötigt. Das Argument ergibt sich fast von selbst: Warum sollten die saudisch-israelischen Beziehungen weiterhin im Verborgenen bleiben, wenn Israel bereits dabei hilft, die gemeinsamen Feinde zu bekämpfen? 

Darin sehe ich die Logik hinter diesem Druck. Ich möchte allerdings ausdrücklich betonen, dass ich hier politische Zusammenhänge herstelle und nicht behaupte, über ein geheimes amerikanisches Dokument zu verfügen, das diese Strategie belegt. Deshalb habe ich den provokativen Begriff „Zionisierung“ verwendet, als ich über die Zukunft Saudi-Arabiens gesprochen habe. Darunter verstehe ich die vollständige Einbindung des Königreichs in eine auf Israel ausgerichtete regionale Sicherheitsarchitektur, ähnlich wie es bei den Vereinigten Arabischen Emiraten geschehen ist. 

Normalisierung bedeutet dann nicht mehr nur diplomatische Anerkennung, sondern strategische Integration, geheimdienstliche Zusammenarbeit und die schrittweise Anerkennung Israels als sicherheitspolitisches Zentrum der Region. Ansar Allah versucht unterdessen, das Gegenteil zu beweisen: dass weder Washington noch Tel Aviv die Sicherheit Saudi-Arabiens gewährleisten können, solange Riad seinen Krieg gegen den Jemen fortsetzt.

Das ist das neue Abschreckungsverhältnis. Und wenn Washington Saudi-Arabien tatsächlich bewusst die Grenzen des amerikanischen Schutzes vor Augen führt, um ein Bündnis mit Israel als unausweichlich erscheinen zu lassen, dann geht es im Krieg im Jemen längst nicht mehr nur um den Jemen. Es geht auch um die Frage, wer die regionale Sicherheitsarchitektur übernehmen wird, wenn sich die USA schrittweise zurückziehen.