Links und rechts sind geopolitisch gleichgültig. Ich mag herleiten können, warum links oder rechts nur die Option für Westen oder Osten möglich ist, die gesamte Richtung hinter mich bringen kann ich damit nicht. Die politisch entscheidende Differenz ist geopolitisch. Deshalb verläuft die Querfront nicht zwischen, sondern innerhalb von links und rechts. Der AfD-Landtagsabgeordnete Hans-Thomas Tillschneider hat diese Tatsache am 7. Oktober 2022 endgültig auf den Punkt gebracht.

Auf den Tag genau ein Jahr später wurden die Verhältnisse und die Köpfe gründlich durcheinander gewirbelt. Die Operation Al-Aqsa-Flut der Hamas durchwirkte die politische Konfrontation mit Eschatologie, indem sie den kommenden Konflikt in Westasien einrahmte im Hinblick auf den Bau des Dritten Tempels, der nach dem Willen der Tempelbewegung auf dem Tempelberg in der Nähe der Al-Aqsa-Moschee errichtet werden soll. Die Umcodierung der Rechten zu pro-westlich und anti-islamisch nahm seither an Fahrt auf.

Wie bei Jerusalem üblich, lassen sich die Konfliktlinien entlang von Religion und Konfession über alle Kontinente weiterziehen. Der Irankrieg hat ihm die Ebene fossiler Energie hinzugefügt und die Frage nach der völkerrechtlichen Regelung von Schiffffahrt frisch aufgeworfen. Ein prognostischer Zusammenhang zwischen Roten Färsen und Versorgung mit Schwefelsäure scheint auf. Die eschatologische Dimension bedeutet nicht, dass im Krieg keine rationalen Interessen – Rohstoffe, Sicherheit oder Hegemonie – auf dem Spiel stünden. Aber auf höchster Ebene sind die Interessen spirituell eingebettet oder aufgehoben.

Europa ist nicht imstande, auf dieser Ebene eigenständig zu operieren. Weil es politisch nicht zur Zivilisation gebündelt ist wie China, Indien oder auch die Türkei, sondern mental in der Pax Americana verharrt und Politik im luftleeren Raum des Posthistoire treibt, kann es materielle Interessen überhaupt nicht bestimmen. Das betrifft die Mitte, die Rechte und die Linke gleichermaßen. Der Wandel geschieht zwar auf der materiellen Ebene, er lässt sich aber nur auf der spirituellen Ebene wahrnehmen. Hier liegt die Berechtigung einer Meta-Politik, die indes anderen Regeln folgt als die naive Sprechblasen-Hegemonie der Neuen Rechten.

Die politische Mitte ist seit ihrer Geburtsstunde gebunden in Ritualen, die in der Staatspolitik noch über der Verfassung stehen. Die Rechte ist mit einem Populismus zum Erfolg gekommen, der in der einfachen Ansprache des gesunden Menschenverstandes besteht. Zum Ziel kommen kann sie so allerdings nicht. Spirituell steht der Populismus nicht nur blank da, sondern willfährig vor der verschlossenen Schranke zum innersten Raum der Macht. Und die Linke wurde – Clans, Hamas, Postkolonialismus – neu zugeschnitten als Negativschablone zu einer Rechten, die passfähig ist für die kommenden Kriege gegen „den Islam“.

Politische Gruppierungen in Europa dürfen nur figurieren, nicht agieren. Manch Anführer ist kaum wiederzuerkennen. Und der Eintritt in den Raum der Macht ist in der Währung zu entrichten, mit der schon Faust den Reichtum auf Erden erkauft hat.

Europa zu einer Zivilisation in der Multipolarität zu formen, ist aber keine Augenblicksaufgabe. Diese Aufgabe gleicht dem Bau eines großen Gebäudes. Wie das Kapitol. Oder der Kölner Dom.