Auf dem Weg zum NATO-Gipfel 2026 in der Türkei, Teil 1
Der NATO-Gipfel 2026 findet am 7. und 8. Juli 2026 auf dem Präsidentenkomplex Beştepe (Külliye) in Ankara statt. Während sich die NATO dem Gipfel nähert, haben wir ein spezielles Dossier vorbereitet, das die lange und oft umstrittene Beziehung der Türkei zu dem Bündnis einer Revision unterzieht, beginnend mit der Mitgliedschaft des Landes im Jahr 1952. Das Dossier untersucht auf Grundlage von Artikeln und Interviews aus dem intellektuellen und politischen Leben der Türkei über Jahrzehnte den Platz der NATO in der öffentlichen Debatte, den politischen Entwicklungen und der relevanten Literatur in der Türkei
Der Beitrag erschien am 8. Juni 2026 auf Englisch bei unitedworldint.com
Das Dossier beginnt mit einem Auszug aus „Gladio und Ergenekon“ von Doğu Perinçek, dem derzeitigen Vorsitzenden der Vatan-Partei, ursprünglich veröffentlicht im Oktober 2008 bei Kaynak Yayınları (Kaynak Schriften). Dieses Dossier vereint Schriften und Ansichten aus der türkischen Literatur und Kommentare zu diesem Thema und richtet sich an Leser, die sich für die Geschichte der NATO und mit der NATO verbundener Organisationen in der Türkei interessieren, sowie an diejenigen, die besser verstehen wollen, wie diese Themen im Land diskutiert und debattiert wurden.
Von Doğu Perinçek
Doğu Perinçek ist Vorsitzender der Vatan-Partei
Was ist Gladio?
In der Türkei war die Organisation unter dem Namen „Konterguerilla“ weithin bekannt. Innerhalb der NATO wurde sie als „SuperNATO“ bezeichnet. Francesco Cossiga, ehemaliger Präsident Italiens und Chef des italienischen Gladio, weist darauf hin, dass sie in der frühesten Phase des Kalten Krieges „Stay Behind Nets (SBN)“ genannt wurde, was er mit „Spezialeinsatzpersonal“ übersetzt. [1] In Italien hieß sie „Gladio“. In unserem Land sprach man vom „tiefen Staat“.
Der Name der Organisation in der Türkei wurde erstmals auf der 1997 von der Arbeiterpartei organisierten Internationalen Konferenz zur Aufarbeitung des Susurluk-Skandals öffentlich als „Ergenekon“ identifiziert. Schon vorher hatte es solche Berichte gegeben. Der Begriff „Konterguerilla“ erfasst nicht wirklich den Kern des Phänomens. Er tendiert dazu, Bilder von Verschwörungen, den Verhören nach dem Staatsstreich vom 12. März 1971, von Attentaten und Folter wachzurufen. Um was jedoch hier geht, das ist eine verdeckte Organisation, die die sichtbare Regierung steuert und die Kontrolle über das Land ausübt.
Aus diesem Grund zogen einige vor, vom „tiefen Staat“ zu sprechen. Es ist wahr, dass sie in den türkischen Staat eingebettet ist. Allerdings liegt die Kommandozentrale nicht in den Händen der Republik Türkei selbst. Im Gegenteil, es handelt sich um einen Apparat, der den Nationalstaat im Namen der atlantischen Imperialisten kontrolliert. Das bedeutet, dass die USA effektiv die Kontrolle über Schlüsselpositionen innerhalb des türkischen Staates erlangt haben.
Es ist bekannt, dass die Organisation in jedem NATO-Land einen anderen Namen trägt, der auf der historischen Erfahrung des jeweiligen Landes beruht. In Griechenland heißt sie „Rotes Schaffell“, in Deutschland „Schwert“, in Frankreich „Rose des Vents“ (Windrose), im Vereinigten Königreich „Secret British Network“ und in Belgien „Glaive“. Der italienische Name erlangte internationale Bekanntheit: „Gladio“ (das kurze römische Schwert). Laut dem ehemaligen italienischen Präsidenten und Gladio-Chef Francesco Cossiga war „Gladio“ eigentlich der Codename des Einsatzplans selbst. [2] In der Türkei wurde erstmals während der „Internationalen Susurluk-Konferenz“, die am 14. und 15. Juni 1997 im Provinzhauptquartier der Arbeiterpartei in Istanbul stattfand, festgestellt, dass die Organisation den Namen „Ergenekon“ trägt, wie Erol Mütercimler enthüllt hat. [3]
Mein lieber Freund, der verstorbene Polizeichef von Adana Cevat Yurdakul, der vor dem Putsch vom 12. September 1980 den Märtyrertod erlitt, hatte Ecevit auch erzählt, dass hinter den Ereignissen eine Person namens „Oberst Ergenekon“ steckte. [4] Wir wissen nicht mit Sicherheit, ob die türkische Abteilung für Spezialkriegsführung jemals einen solchen Namen verwendet hat, auch wenn es durchaus möglich erscheint. Allerdings halten wir es nicht für angebracht, diesen Namen zu verwenden, da Ergenekon der Name unseres großen Epos ist. Eine US-geführte Organisation bei diesem Namen zu nennen, ist an sich schon eine psychologische Operation gegen die Türkei.
Tatsächlich ist „SuperNATO“ die Bezeichnung, die das Phänomen am besten beschreibt. Es ist auch die Namensgebung, die im Kern der Organisation verwendet wird. Doch die Welt kennt sie nicht unter diesem Namen. Er wird selten verwendet, sowohl international als auch in der Türkei. Nach reiflicher Überlegung haben wir uns für den Namen „Gladio“ entschieden. Obwohl es sich ursprünglich um den italienischen Begriff handelt, wurde die „SuperNATO“ weltweit als „Gladio“ bekannt.
Die übersehene Funktion der NATO
Wozu dient die NATO? Die NATO wurde nach dem Zweiten Weltkrieg auf beiden Seiten des Nordatlantiks von den USA und europäischen Staaten gegründet. Wie der Name schon sagt, handelt es sich um die Organisation des Nordatlantikvertrags. Die NATO definiert sich traditionell als Verteidigungsbündnis gegen die sowjetische Bedrohung. So wurde es immer dargestellt. Auf der Gegenseite betrachteten der Sowjetblock und die Dritte Welt die NATO als das wichtigste militärische Aggressionsinstrument der USA. Das Vorgehen der NATO hat dies wiederholt bewiesen.
Schließlich sind Verteidigung und Angriff immer eng miteinander verbunden, das eine ist die Fortsetzung des anderen. In diesem Sinne kamen diejenigen, die die NATO als defensiv betrachteten, und diejenigen, die sie als offensiv betrachteten, letztendlich zu derselben Schlussfolgerung: Die NATO ist eine nach außen gerichtete Organisation. Wie unvollständig und sogar irreführend die Einschätzung vom Verteidigungsbündnis war, zeigte sich nach 1990. Der Warschauer Pakt löste sich auf, die Sowjetunion brach zusammen. Im Jahr 1990 existierte die Bedrohung, die die NATO über vierzig Jahre lang als ihre eigentliche Existenzgrundlage definiert hatte, nicht mehr. Dennoch existierte die NATO weiter, als wäre nichts geschehen.
Das deutet darauf hin, dass die NATO eine weitere, offiziell unausgesprochene Funktion hatte: Sie diente als Mechanismus zur Kontrolle der Mitgliedsstaaten im Namen der USA. Man könnte sogar argumentieren, dass diese Funktion des nordatlantischen Bündnisses entscheidend sei und nicht seine erklärte „Verteidigungsfunktion“. Obwohl es nie zu einer direkten bewaffneten Konfrontation oder einem Krieg zwischen der NATO und der Sowjetunion kam, hatten die USA seit Ende des Zweiten Weltkriegs durch die NATO faktisch ein riesiges Gebiet, das sich von Norwegen bis zur Türkei erstreckte, unter ihren strategischen Einfluss gebracht: West- und Südosteuropa. [5]
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Europa zum zentralen Schauplatz der Rivalität zwischen den beiden Supermächten. Der Kampf um die globale Vorherrschaft wurde praktisch zu einem Kampf um die Kontrolle Europas. Nach dem Sieg der demokratischen Front im Zweiten Weltkrieg traten die USA mit dem Anspruch auf globale Führung auf. Der entscheidende Faktor zur Erreichung dieses Ziels war die Kontrolle über Europa.
Westeuropa hatte erheblichen Anteil der Weltproduktion, war die Heimat hochqualifizierter Arbeitskräfte und fortschrittlicher Technologie. Es war also von entscheidender Bedeutung, die Expansion der rivalisierenden Supermacht in Europa zu blockieren. Darüber hinaus war Europa auch entscheidend für die Einkreisung und Zerschlagung der Sowjetunion.
Südosteuropa, namentlich Griechenland und die Türkei, lag an der Flanke der Rivalität zwischen den beiden Supermächten. Die Türkei war ein Schlüsselland in der im Nahen Osten entwickelten Strategie des Grünen Gürtels gegen die Sowjetunion und ihre regionalen Satelliten. Kurz gesagt: Damit die USA ihre globalen strategischen Ziele vorantreiben konnten, war es unerlässlich, Westeuropa unter Kontrolle zu halten und sich bis zu seiner südöstlichen Flanke auszudehnen.
Der Mechanismus der USA zur Kontrolle der NATO-Staaten
Natürlich waren Instrumente nötig, um diese Kontrolle sicherzustellen. Die NATO war die umfassendste, effektivste und funktionsfähigste Organisation, die diesem Bedarf gerecht wurde. Das ist jedoch nicht die ganze Geschichte. Damit die USA tatsächlich das Kommando über die NATO-Staaten ausüben konnten, musste ein konkreter operativer Mechanismus eingerichtet und aktiviert werden. Hier kommt die SuperNATO oder, italienisch, Gladio ins Spiel.
Der berühmte Staatsanwalt Felice Casson, der die Gladio-Ermittlungen in Italien leitete, beschrieb die Natur der Organisation wie folgt: „Ihr ursprünglicher Zweck bestand darin, das Land vor einer sowjetischen Invasion zu schützen. Aber schon vor den 1960er Jahren wich sie von diesem ursprünglichen Zweck ab und begann, auch gegen interne Opposition vorzugehen. Tatsächlich unterdrückte und schüchterte sie Gruppen ein, die die CIA nicht guthieß. Sie wurde nicht nur gegen linke Gruppen eingesetzt, sondern gegen jede Opposition, einschließlich sogar gegen Christdemokraten. Mit anderen Worten: Jeder, der gegen die CIA oder die USA war, wurde zur Zielscheibe. Diese Struktur war an die NATO gebunden, aber endete nicht mit ihr. Sie stand auch mit der CIA in Verbindung.“ [6]
Der italienische Staatsanwalt kam aus eigener Erfahrung zu dem Schluss, dass es sich bei der „SuperNATO“ um eine Regierungsstruktur handelte, die Machtkämpfe führte und mit USA und CIA die Opposition unterdrückte. Jedes NATO-Land hat eine Regierung. Deutschland, Frankreich, das Vereinigte Königreich, Belgien, die Niederlande, Luxemburg, Italien, Griechenland, die Türkei und alle anderen Mitgliedstaaten haben jeweils ihre eigene Regierung. Man kann diese Regierungen nicht von Washington oder dem NATO-Hauptquartier per heißem Draht leiten.
Man kann aber die NATO-Länder beeinflussen und steuern, indem man innerhalb der herrschenden Machtstrukturen jedes einzelnen Staates eine spezielle Kommandozentrale und einen Einsatzapparat einrichtet. Genau das wurde getan. Tatsächlich ist Gladio die Organisation eines US-zentrierten Systems, das größer ist als die NATO selbst. Zum Beispiel wurde Gladio in Spanien und Portugal schon vor dem NATO-Beitritt dieser Länder während der faschistischen Diktaturen von Franco und Salazar geschaffen. Ähnliche Organisationen wurden auch in sogenannten „blockfreien“ Ländern wie Österreich, der Schweiz und Schweden sowie in lateinamerikanischen, asiatischen und afrikanischen Ländern unter Kontrolle der USA gegründet. [7]
Wie Francesco Cossiga, italienischer Gladio-Chef, feststellt, war das Zentrum dieser Spezialeinsatzorganisationen das SHAPE-Hauptquartier (Supreme Headquarters Allied Powers Europe) der NATO in Brüssel. Allerdings wusste selbst der US-Kommandeur von SHAPE nichts von dieser Organisation. Sie war völlig geheim. Nur der NATO-Generalsekretär wusste von ihrer Existenz. [8] Diese Tatsache zeigt bereits, dass Gladio in erster Linie eine politische und keine militärische Organisation ist. Auch die Budgets der Gladio-Netzwerke sind geheim. Die Finanzierung erfolgte aus den USA. Das Finanzministerium überwies das Geld an den Geheimdienst, wurde jedoch nicht darüber informiert, dass es Gladio zugewiesen wurde. […]
Die USA richteten funktionale Kommandozentren in NATO-Ländern und anderen Staaten ein, die eng in ihr System integriert waren. Diese Zentren setzten sich aus Elementen zusammen, die auf den höchsten Regierungsebenen, im Kern der Geheimdienste, im Militär und bei der Polizei sowie in einflussreichen Kreisen des Großkapitals angesiedelt waren.
Anmerkungen
[1] Nur Batur: Interview mit Francesco Cossiga, Sabah vom 17. Februar 2009.
[2] Ebd., 19. Februar 2009. Mit Bezug auf Cossiga gibt Nur Batur an, dass der ursprüngliche Name der Organisation „Stand by Net“ gewesen ist. An anderer Stelle im Interview wird jedoch von „Stay Behind Net“ gesprochen. Diese Bezeichnung scheint korrekt.
[3] Bütün Yönleriyle Susurluk (Susurluk in all seinen Dimensionen), Istanbul: Kaynak Publications, Juni 1998, S. 48 ff.
[4] Ecevit Kılıç: Özel Harp Dairesi (Amt für besondere Kriegsführung), 2. Aufl. Istanbul: Güncel Publishing, Oktober 2007, S. 273.
[5] Siehe Adnan Akfırat: Özel Savaş (Spezialkrieg), erweiterte 2. Auflage. Istanbul: Kaynak Publications, April 2002, S. 144.
[6] Zu den Erkenntnissen von Felice Casson siehe Aydınlık, Nr. 1099, 10. August 2008, S. 26 f.
[7] Nur Batur, Interview mit Francesco Cossiga, s. Anm. 1.
[8] Ebd., 18. Februar 2009.