Die Berichte über die Absage der US-Tomahawk-Stationierung in Deutschland sind keine große Sache. Ein solcher Schritt würde den Druck auf Russland nicht wesentlich verringern. Die Schlinge der Einkreisung in der Arktis und im Baltikum, in Mitteleuropa, im Südkaukasus, in Zentralasien sowie in Nordostasien zieht sich zu. Sie befindet sich in Händen von Großbritannien, Polen, der Türkei bzw. Japan
Der Beitrag erschien am 10. Juni 2026 auf Englisch auf korybko.substack.com
Von Andrew Korybko
Andrew Korybko ist ein amerikanischer Politologe, der sich auf den globalen Systemwandel zur Multipolarität spezialisiert hat. Er lebt in Moskau
Politico berichtete letzte Woche, dass das Pentagon den Raketenverkauf an Deutschland wahrscheinlich aus Angst vor Russland absagen werde. Der Artikel merkte jedoch an, dass US-Vertreter, auch wenn sie vor allem die Reaktion Russlands fürchteten, sich wohl auch Sorgen über die schwindenden US-Waffenbestände machten. Die Erschöpfung der US-Bestände während des Dritten Golfkriegs ist wohl die treibende Kraft hinter dieser Entscheidung – und nicht die „Angst vor Russland“.
Schließlich könnte Russland höchstens mehr Raketen – einschließlich Atomwaffen – in Kaliningrad, Weißrussland und/oder auf der Krim stationieren. Da Russland dort aber schon solche strategischen Waffen hat, würde sich nur die Anzahl ändern. Auch wenn es aus russischer Sicht eine positive Entwicklung ist, wenn die USA (Berichten zufolge) die Stationierung von Tomahawk-Raketen in Deutschland absagen wollen, kommt die oben verlinkte Analyse zum Schluss, dass, „selbst wenn die USA im Rahmen eines großen Kompromisses mit Russland hypothetisch alle ihre Streitkräfte aus [Mitteleuropa] abziehen würden, dies Russlands Sicherheitsbedenken nicht vollständig ausräumen würde“.
Jener Beitrag verwies auf eine Analyse vom vergangenen November, der zufolge „der Truppenabbau des Pentagons in Europa Russlands Sicherheitsbedenken nicht lindern wird“, da „die USA den Großteil der Verantwortung für die Eindämmung Russlands auf Polen, Großbritannien, Frankreich und Deutschland verlagern“. Tatsächlich habe ich kürzlich festgestellt, dass „Briten, Franzosen und Deutsche nun direkt vor Russlands Haustür stehen“ – eine Entwicklung, die in Anbetracht von Medwedews jüngster Warnung vor einer an 1941 erinnernden Bedrohung durch die deutsche Aufrüstung umso besorgniserregender ist.
Wie dem auch sei, angesichts der eigennützigen Kalkulationen, die vermutlich hinter der abgesagten Stationierung stecken (etwa die notwendige Auffüllung erschöpfter Raketenbestände der USA), käme ein solcher Schritt dem Kreml sehr gelegen, um die von Deutschland geführte EU als Hauptgegner darzustellen. Sollte Putin bis zum Hochsommer eine Einigung zur Ukraine erzielen (wie hier und hier bereits als Möglichkeit erörtert), dürfte dem eine Änderung der russischen Bedrohungswahrnehmung hinsichtlich der USA vorausgehen. Genau diesen Prozess unterstützt der besagte Schritt.
Abgesehen von Spekulationen über diesen Konflikt steht die berichtete Entscheidung im Einklang mit dem US-Konzept NATO 3.0. Politico deutet dies mit der Formulierung an: „Der Schritt ist Teil eines umfassenderen amerikanischen Rückzugs aus dem NATO-Bündnis – mitsamt der Absage geplanter Stationierungen tausender US-Soldaten in Deutschland und Plänen zum Abzug bestimmter militärischer Kapazitäten. Denn die USA kippen jene engen Partnerschaften, die das Verhältnis über Generationen hinweg gefestigt haben.“ Der Beitrag führt auch den Befehlshaber der US-Streitkräfte in Europa an, der seine Gastgeber kürzlich dazu aufgefordert hatte, mehr Eigeninitiative zu zeigen.
Der übergeordnete Trend besteht darin, dass ein Cordon Sanitaire um Russland herum errichtet wird: in der Arktis und im Baltikum unter britischer Führung, in Mitteleuropa unter polnischer Führung, entlang der gesamten südlichen Peripherie unter türkischer Führung und in Nordostasien unter japanischer Führung. Die USA können ihre Streitkräfte in Europa daher getrost auf das absolute Minimum reduzieren, das zur Aufrechterhaltung der „Abschreckung“ erforderlich ist. Die Schlinge der Eindämmung hat sich um Russland im vergangenen Jahr in beispielloser Weise zugezogen.
Da Europa aus US-Sicht „unter Kontrolle“ ist und sich Westasien – abhängig vom Ausgang des Dritten Golfkriegs und insbesondere von Trumps Forderung, dass sich die übrigen Golfstaaten den Abraham-Abkommen anschließen – auf demselben Weg befindet, können sich die USA nun stärker auf Lateinamerika und Ostasien konzentrieren. Dementsprechend wäre es nicht überraschend, wenn weitere Stationierungen in Europa abgesagt und mehr Truppen abgezogen würden. Russland würde dies begrüßen, auch wenn es den neu entstandenen Druck auf das Land (wie erläutert) nicht substanziell verringert.