Ein neuer Bericht legt nahe, dass jemand Bakus Möglichkeit zur glaubhaften Abstreitbarkeit zunichtemachen will. Das bringt das Land in eine prekäre Lage gegenüber seinem iranischen Nachbarn

Der Beitrag erschien auf Englisch am 9. Juni 2026 auf der Seite des Quincy Institute for Responsible Statecraft: responsiblestatecraft.org

Von Eldar Mamedov

Eldar Mamedov ist außenpolitischer Experte in Brüssel und Gastwissenschaftler am Quincy Institute

Vor Jahren veranschaulichte Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew die Beziehungen Bakus zu Israel als Eisberg, von dem 90 Prozent unter der Oberfläche verborgen sind. Vergangene Woche versuchte CNN, diesen verborgenen Teil vollständig ans Licht zu zerren. Bemerkenswert ist, dass sich der Bericht auf vier anonyme Quellen stützte, die offenbar über Kenntnisse zu hochsensiblen militärischen und nachrichtendienstlichen Aktivitäten Israels im weiteren Nahen Osten verfügten. 

Auch wenn CNN die Identität der Quellen nicht preisgab, deutet die Art der enthüllten Informationen stark darauf hin, dass es sich entweder um US-Amerikaner oder Israelis handelte oder um Personen, die eng mit den Sicherheitsapparaten eines oder beider Länder verbunden sind. Diesen Quellen zufolge stationierte Israel während des jüngsten Krieges gegen den Iran heimlich Eliteeinheiten des Militärs und der Geheimdienste – darunter Spezialkräfte, Mossad-Personal und per Hubschrauber verlegte Rettungsteams – an mehreren Standorten im Süden Aserbaidschans.

Von Positionen aus, die nur knapp 100 Kilometer von Täbris, einer bedeutenden Stadt im Norden Irans, entfernt lagen, sollen israelische Kommandos Drohneneinsätze geflogen, Abhörgeräte installiert und sogar die Vorbereitungen für die Tötung eines Geheimdienstchefs der Iranischen Revolutionsgarden (IRG) unterstützt haben. CNN ordnete all dies in den Kontext anderer verdeckter Stützpunkte ein, die Israel während des Krieges im Irak, in den Vereinigten Arabischen Emiraten und in Somaliland nutzte, und zeigte damit einen Ring vorgeschobener Posten rund um den Iran auf.

Wie zu erwarten, reagierte Baku mit Empörung auf den CNN-Bericht. Aserbaidschans Außenministerium bezeichnete den Bericht als „völlig haltlos“ und als Verstoß gegen journalistische Ethik. Man betonte mit Nachdruck, dass „Aserbaidschan niemals zugelassen hat und niemals zulassen wird, dass sein Territorium für solche Zwecke genutzt wird“. Baku forderte CNN dazu auf, die seiner Ansicht nach „unbegründeten Anschuldigungen“ zurückzunehmen. Unabhängig davon, ob sich die Berichterstattung von CNN als zutreffend erweist oder nicht: Die Anschuldigungen passen zu einer strategischen Partnerschaft, die schon lange unter Beobachtung der Region steht. 

Israel beliefert Aserbaidschan mit hoch entwickelten Waffen (laut Stockholmer Institut SIPRI bis zu 70 % der dortigen Waffenimporte) und kauft dessen Öl (etwa 40 % des israelischen Verbrauchs). Israel gewinnt einen Stützpunkt an der Grenze zum Iran, und Aserbaidschan erhält die Unterstützung der mächtigen pro-israelischen Lobby in Washington. Bereits 2012 berichtete Mark Perry, ein inzwischen verstorbener Mitarbeiter des Quincy Institute, in einem ausführlichen Artikel für Foreign Policy, Aserbaidschan sei „Israels geheime Aufmarschbasis“ gegen den Iran. Doch warum werden diese Details gerade jetzt öffentlich? 

Zwar gibt es keine offiziellen Stellungnahmen, aber möglich wäre, dass die USA und Israel sicherstellen wollen, dass Aserbaidschan die Zusammenarbeit nicht aufkündigt. Sollte dies der Fall sein, so nehmen Washington und Tel Aviv durch die Enthüllung der angeblichen Stützpunkte Baku die Möglichkeit, gegenüber Teheran glaubhaft abzustreiten, in diese Aktivitäten verwickelt zu sein. Dies fügt sich in ein bekanntes Muster. 

Nach der heißen Phase des Krieges tauchten Berichte über einen geheimen Besuch des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) auf. Vertreter der Emirate dementierten vehement, während ihre israelischen Amtskollegen offen mit der Reise prahlten. Die Indiskretion könnte zumindest teilweise auf innenpolitische Erwägungen in Israel zurückzuführen sein: Netanjahu muss sein Profil als Staatsmann schärfen, um sich bei den anstehenden Wahlen gegen seinen schärfsten Rivalen Naftali Bennett zu behaupten. Die Folge war jedoch, dass Abu Dhabi stärker an Israels regionale Stellung gegenüber dem Iran angebunden wurde. 

Dieselbe Logik könnte auch hier gelten: Aserbaidschan die Hände zu binden. Sollte der Iran gegen die VAE, Aserbaidschan oder beide vorgehen, so mutmaßlich die Überlegung, müssten diese sich zum Schutz an Israel wenden – was ihre sicherheitspolitische Abhängigkeit von Tel Aviv festigen würde.

Bislang hat sich Teheran zurückgehalten. Der iranische Drohnenangriff auf Nachitschewan im März, von Alijew als „Terrorakt“ bezeichnet, wurde von iranischen Quellen als Warnschuss und nicht als Auftakt zu umfassenderen Feindseligkeiten gewertet. Der Iran hat während des gesamten Krieges eine Nordfront vermieden und sich stattdessen auf den Persischen Golf und den Raketenaustausch mit Israel konzentriert. Falls dies tatsächlich die Botschaft Teherans war, so war sie erfolgreich: Trotz Vergeltungsdrohungen hat Alijew bislang nichts unternommen – und kurz darauf sogar humanitäre Hilfsgüter in den Iran geschickt.

Weder Baku noch Teheran wollten zu diesem Zeitpunkt eine offene Konfrontation. Aber die jüngsten Enthüllungen können Teheran Anlass dazu geben, das nächste Mal gegen Baku vorzugehen – falls der Krieg wieder aufgenommen wird. Das ist die wahre Gefahr. Wenn die Feindseligkeiten wieder aufgenommen werden, könnte der Iran Aserbaidschan als legitimes militärisches Ziel betrachten. Baku wäre dann gezwungen, sich zwischen einer vollständigen Annäherung an Israel – und verheerenden Vergeltungsmaßnahmen – oder einem Bruch mit seinem wichtigsten Verteidigungspartner neben der Türkei zu entscheiden.

Es gibt jedoch einen entscheidenden Vorbehalt. Bakus direkte operative Beteiligung an bestimmten feindseligen Aktionen gegen den Iran – etwa die Ermöglichung israelischer Lufteinsätze von Aserbaidschan aus im Gegensatz zu logistischen Aufgaben, etwa die Stationierung israelischer Kommandoeinheiten, die dabei halfen, einen IRG-General auf iranischem Boden zu töten – ist eine Differenz von enormer Bedeutung. Sie könnte als möglicher Casus Belli angesehen werden. Teherans bislang gedämpfte Reaktion deutet darauf hin, dass das Land zunächst die Behauptungen von CNN sorgfältig prüfen und zu seinen eigenen Schlussfolgerungen gelangen wird. 

Irans Vorgehen deutet bisher auf Vorsicht hin. Teheran berechnet: Ist diese Offenlegung sinnvoll? Bietet sie einen Hebel? Oder zwingt sie Teheran zum Handeln, bevor es dazu bereit ist?

Hinzu kommt der Faktor Türkei. Trotz der jüngsten Spannungen bleibt Ankara Bakus unerschütterlicher Verbündeter. Der Iran betrachtet die Türkei als militärischen Partner und würde keine Maßnahmen ergreifen, die ihn auf Kollisionskurs mit Ankara bringen würden. Und wie Mohammad Ali Shabani von Amwaj Media betont, spielte Ankara eine hilfreiche Rolle, als es kurdische Gruppen in den ersten Tagen des am 29. Februar begonnenen amerikanisch-israelischen Kriegs davon abhielt, eine Kampagne gegen den Iran zu starten. Diesen Dienst wird Teheran nicht vergessen.

All diese Faktoren bestimmen die nächsten Schritten für Teheran mit. Am Rande ist die CNN-Geschichte aber auch ein Schlag gegen die Trump-Route für internationalen Frieden und Wohlstand (TRIPP) – den sogenannten „Kaukasus-Korridor“, den der US-Präsident als Teil eines Friedensabkommens zwischen Aserbaidschan und Armenien angekündigt hat. TRIPP wurde als strategischer Keil gegen den russischen und iranischen Einfluss im Südkaukasus angepriesen. Es soll Aserbaidschan auf dem Landweg über Armenien mit seiner Exklave Nachitschewan und der Türkei verbinden und dabei den Iran umgehen.

Aber TRIPP erfordert Stabilität. Den Investoren muss versichert werden, dass die Region ein sicherer, neutraler Verkehrsknotenpunkt ist – und kein vorgeschobener Operationsstützpunkt für israelische Kommandos. Eine neue Krise auf Seite der Azeri könnte potenzielle Investoren abschrecken, die bereits durch den Iran-Krieg erschüttert sind. TRIPP ist eines von Trumps Schaufenster-Friedensprojekten und sollte ihm seiner Ansicht nach den Friedensnobelpreis einbringen.

Dennoch dürfte Israel Aserbaidschan nicht so leicht vom Haken lassen. Baku trägt mittlerweile zu seiner strategischen Tiefe bei. Das könnte der springende Punkt des CNN-Leaks sein – ob beabsichtigt oder nicht: eine künftige Versöhnung Aserbaidschans mit dem Iran politisch unmöglich zu machen. Der Eisberg wurde kartiert. Jetzt müssen Baku, Teheran und alle anderen ihn umsegeln. Oder versuchen, ihn in die Luft zu jagen.

Titelbild: Ilham Aliyev met with President of Israel Isaac Herzog in Munich, 16 February 2024. Quelle:: Press Service of the President of the Republic of Azerbaijan. Lizenziert unter: CC BY 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/)