Die Rivalität zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Volksrepublik China bestimmt die Weltpolitik und den gegenwärtigen Abschnitt der Weltgeschichte. Wenn die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) Gorbatschows Weg von Glasnost gegangen wäre, dann hätte sich der „unipolare Moment“ womöglich zum Ende der Geschichte verewigt. Weil sie an der Nichtanerkennung liberaler Bürgerrechte festhielt, ging die Geschichte weiter.

Der Westen begreift diese Systemgegnerschaft besser als der Osten. Er bringt sie auf den Begriff des Autoritarismus, wohingegen die vorherrschenden Mächte der Multipolarität in Abrede stellen, sich durch Autorität vom Westen abzuheben. Autorität ist eine soziale Differenz zum bürgerlichen Staat, der mit der ökonomischen Funktion der Fruchtbarkeit operiert. Sie macht die (aristokratische) Funktion der Gewalt oder die (klerikale) Funktion der Magie bzw. Spiritualität geltend und verhindert den Übergang zur Weltinnenpolitik.

Chinas Differenz wird getragen von der spirituellen Autorität der Partei. Darin überwiegt die Autorität der Nation über den Klassenkampf. Xi Jinping hat seine persönliche Autorität begründet, indem er den konfuzianischen Typus des moralischen Beamten und den legalistischen Typus des autoritären Herrschers mit jener Autorität verschmolz. Russlands Differenz wird getragen von den Sicherheitsbehörden, Gewaltstrukturen (silovye struktury), in deren Geheimsphäre sich das Gewaltmonopol konzentrieren kann. 

Die Differenz des Iran wird getragen von der Statthalterschaft des Rechtsgelehrten, der den Staat anleitet, bis der verborgene Imam zurückkehrt. Die Besonderheit der Multipolarität: Verschiedene Systeme bestehen nebeneinander zunächst ohne Zwang zur Angleichung wie im Kalten Krieg. Sie vereint allerdings eine Differenz zur bürgerlichen Fruchtbarkeitsfunktion, die im Westen im Zeitalter der Revolutionen den Vorrang erhielt, um schließlich mit der Finanzialisierung der Volkswirtschaften ins Wuchernde, Unfruchtbare abzuarten.

Aus östlicher Perspektive ist die Multipolarität ein Nebeneinander von Ordnungs- und Geschichtsvorstellungen, die wenig gemeinsam haben. Für den schiitischen Kleriker ist der Kommunismus so fremd wie der Liberalismus. Aus westlicher Perspektive handelt es sich hingegen um eine Herausforderung der Liberaldemokratie, die durchaus einem gemeinsamen Prinzip folgt. Daher tendiert der Konflikt zwischen USA und China aus östlicher Sicht zur Multipolarität, aus westlicher aber zur Bipolarität. Zumindest scheinbar.

Zur Systemkonvergenz werden die multipolaren Hegemonialmächte weniger durch gemeinsamen Handel gezwungen. Es ist vielmehr die gemeinsame Gegnerschaft zur US-Hegemonie, die eine Angleichung dialektisch hervorbringt. Das beste Beispiel ist der – durch den Irankrieg beschleunigte – Übergang der staatlichen Macht zu den Revolutionsgarden. Wie die KPCh schützen die Garden eine Revolution gegen ein vom Westen beherrschtes System (das Schah-Regime bzw. das Jahrhundert der Demütigung) und ihre Grundentscheidungen. Freilich hängen sie vom Obersten Führer ab wie die KPCh vom Überragenden Führer.

Die Frage ist, ob die systemische Angleichung im multipolaren Lager umso stärker zunimmt, je weiter die USA den Konflikt in eine bipolare Richtung treiben. Die Alternative: Die USA nehmen ihre Teilnahme an der Multipolarität ernst und entwickeln ihrerseits eine Differenz zur ökonomischen Funktion. Für diesen Ansatz steht die technologische Republik von Palantir-CEO Alex Karp. In dieser Vision ergreift die Tech-Oligarchie die Möglichkeiten des Sicherheitsdispositivs, um die USA für die Auseinandersetzung mit China zu rüsten. 

Für Deutschland gilt so oder so: Das weltpolitische Koordinatensystem des Umerziehungspazifismus geht vorbei. Ob der Konflikt zwischen USA und China eine bipolare oder multipolare oder bi-multipolare Richtung einschlägt, ist in Anbetracht der technologischen Konvergenz vielleicht gar nicht entscheidend. Die Zukunft bringt soziale Differenzen, kein einheitliches Weltbürgertum.