Das Mekka-Abkommen ist ein Signal für die Suche nach einem neuen Gleichgewicht in einer Region, in der alte Sicherheitsgarantien fraglich werden. Um strategisch wirksam zu werden, sind einige Frage zu klären. Gegen wen wollen sich die Mitglieder verteidigen? Unter welchen Umständen und mit welchen Mitteln? Welche Rolle spielen die Vereinigten Staaten? Solange diese Fragen unbeantwortet sind, bleibt das Abkommen ein geopolitisches Experiment
Der Beitrag erschien am 19. August 2026 auf Englisch bei United World
Von Yunus Soner
Yunus Soner ist Politikwissenschaftler und Kolumnist der Zeitung Aydınlık.
Das jüngst zwischen der Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan geschlossene Mekka-Abkommen ist als Beginn einer neuen regionalen Sicherheitsarchitektur präsentiert worden. Doch hinter der Sprache von Zusammenarbeit und Abschreckung verbirgt sich eine grundlegende Unklarheit: Das Bündnis benennt nicht eindeutig die Bedrohung, gegen die seine Mitglieder gemeinsam vorgehen sollen.
Für Alptekin Dursunoğlu, Chefredakteur der Nachrichtenagentur Near East News, ist diese Unklarheit kein Zufall: „Sie lassen die Bedrohung bewusst undefiniert“, sagt er. „Wenn man wirklich ein Bündnis gründet, dann gibt es jemanden, den man als Bedrohung wahrnimmt. Und dann sagt man das auch offen.“
Das zentrale Problem des Abkommens könnte somit gerade in dem liegen, was es nicht sagt. Die Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan befinden sich in sehr unterschiedlichen strategischen Umfeldern, haben unterschiedliche Gegner und verfolgen unterschiedliche Kalküle. Ob sich daraus eine gemeinsame Militärdoktrin entwickeln lässt, bleibt eine offene Frage.
Auch der pensionierte General der türkischen Streitkräfte Prof. Dr. Fahri Erenel, der heute an der İstinye-Universität in Istanbul lehrt, sieht wichtige Fragen ungelöst. Das Abkommen könne zwar politische Abschreckungswirkung entfalten, sagt er, doch seine praktische Umsetzung werde Mechanismen erfordern, die bislang nicht definiert worden seien.
Israel oder Iran?
Der nächstliegende Kandidat für den Gegner des Bündnisses ist – zumindest in der öffentlichen Debatte in der Türkei – Israel. Das Argument ist bekannt: Israels Militäroperationen, seine regionale Haltung und die Möglichkeit weiterer Konfrontationen haben wachsende Sicherheitsbedenken hervorgerufen. Erenel glaubt, dass die Dreierstruktur eine wichtige Antwort auf die regionale Konstellation aus Israel, Griechenland und der griechisch-zyprischen Administration darstellen könnte. Seiner Ansicht nach könnte bereits die Beteiligung des nuklear bewaffneten Pakistan das strategische Kräfteverhältnis verändern.
Dursunoğlu bezweifelt hingegen, dass Israel tatsächlich der Gegner des Bündnisses sein kann: „Drei mit den USA verbündete Staaten sollen eine Gegenmacht gegen Israel bilden, das die Grundlage und Achse der gesamten amerikanischen Regionalpolitik darstellt? Ist das möglich? Natürlich nicht.“ Seiner Ansicht nach machen die politischen Realitäten der Beziehungen Washingtons zu allen drei Staaten die Vorstellung eines offen gegen Israel gerichteten Bündnisses höchst problematisch.
Kann das Bündnis nicht unabhängig von den Vereinigten Staaten handeln, sind zwangsläufig auch seine Möglichkeiten begrenzt, Israel abzuschrecken. Damit bleibt der Iran als der plausiblere, wenn auch weiterhin nicht offiziell genannte strategische Adressat. Erenel hält den Iran für einen wahrscheinlich wichtigen Faktor in der Abschreckungslogik des Bündnisses. Er weist darauf hin, dass Teheran selbst zurückhaltend reagiert habe und die neue Struktur den Iran zu einem vorsichtigeren Vorgehen veranlassen könnte. Zugleich verweist er auf den offensichtlichen Widerspruch: Die Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan teilen keine einheitliche Bedrohungswahrnehmung.
Pakistans wichtigste Sicherheitsbedenken hängen mit Indien zusammen, während Saudi-Arabien anderen Bedrohungen ausgesetzt ist als die Türkei. Dursunoğlu geht noch weiter und stellt infrage, ob die Türkei oder Pakistan tatsächlich für Saudi-Arabien gegen den Iran Krieg führen würden. „Die Bedrohungswahrnehmung Saudi-Arabiens verpflichtet die Türkei nicht dazu, ihre wertvollen nachbarschaftlichen Beziehungen zum Iran in den Mülleimer zu werfen“, sagt er. Auch Pakistan unterhalte bedeutende Beziehungen zu Teheran. „Die Türkei wird nicht auf Wunsch Saudi-Arabiens gegen Iran in den Krieg ziehen. Pakistan ebenso wenig.“
Seine Schlussfolgerung lautet, dass das Bündnis möglicherweise gerade deshalb so angelegt wurde, dass es auf die Frage nach seinem Gegner keine eindeutige Antwort geben muss. Israel kann wegen des amerikanischen Faktors kaum offen als Gegner benannt werden. Iran ausdrücklich als solchen zu bezeichnen, würde dagegen politische und strategische Probleme für die Türkei und Pakistan schaffen.
Washingtons Schatten
Die Vereinigten Staaten stehen also im Zentrum der Debatte, obwohl sie formal nicht Teil des Mekka-Abkommens sind. Erenel glaubt, dass das Abkommen mit Wissen Washingtons und möglicherweise sogar mit dessen Zustimmung zustande gekommen ist. Er verweist auf die engen Beziehungen Saudi-Arabiens und Pakistans zu den Vereinigten Staaten und argumentiert, dass eine türkische Beteiligung an einer solchen Struktur schwer vorstellbar wäre, ohne dass Washington davon wüsste. Zugleich interpretiert er das Bündnis als möglichen Bestandteil einer umfassenderen Suche nach neuen regionalen Sicherheitsarrangements in einem Raum, in den sich die NATO selbst nicht einfach nach Osten ausdehnen kann.
Nach Erenels Lesart könnte sich der Dreierverbund langfristig zu einer Partnerstruktur an der östlichen und südöstlichen Peripherie der NATO entwickeln. Die beteiligten Staaten verfügen bereits über erhebliche Erfahrung mit NATO-Standards, insbesondere aufgrund der militärischen Erfahrung der Türkei und der Ausbildung von Offizieren aus Partnerstaaten: „Die Standards und Verteidigungskonzepte, die diese drei Länder anwenden werden, werden tatsächlich weitgehend NATO-Standards sein“, sagt er.
Dursunoğlu betrachtet die amerikanische Dimension aus einer anderen Perspektive. Er bringt das Bündnis mit einer wahrgenommenen Schwächung des direkten militärischen Einflusses der Vereinigten Staaten in der Region in Verbindung: „Die Vereinigten Staaten befinden sich militärisch auf dem Rückzug, weil sie im Krieg große Verluste erlitten haben. So hat beispielsweise das irakische Parlament bereits 2020 den Abzug der US-Truppen aus dem Irak verlangt. Damals haben sie es nicht getan, jetzt ziehen sie sich zurück. Zweitens ziehen sie sich von ihren Stützpunkten in Bahrain und Kuwait nach Westen zurück, in Richtung Jordanien und Israel. Damit vergrößern sie die Entfernung zwischen ihren Streitkräften und dem Iran.“
Aus dieser Perspektive könnte Saudi-Arabien versuchen, seine sicherheitspolitische Abhängigkeit zu diversifizieren, anstatt die Vereinigten Staaten schlicht zu ersetzen. Die starke türkische Rüstungsindustrie und Pakistans nukleare Fähigkeiten machen beide Länder nach Dursunoğlus Ansicht zu nützlichen Partnern für Saudi-Arabien. Doch die Vereinbarung bietet auch Ankara und Islamabad eigene Chancen: Rüstungsexporte, finanzielle Zusammenarbeit und eine größere regionale Rolle.
Dursunoğlu sieht darin zugleich eine implizite Botschaft an Washington: Die Türkei und Pakistan könnten als amerikanische Partner eine größere regionale Rolle übernehmen, während die Vereinigten Staaten ihre unmittelbare Präsenz reduzieren: „Mein Freund Trump, wenn du von hier abziehst, können wir diese Rolle für dich übernehmen“, fasst er die seiner Ansicht nach zugrunde liegende politische Botschaft zusammen.
Diese Interpretation wirft eine entscheidende Frage nach der Autonomie des Bündnisses auf. Ist das Mekka-Abkommen eine Alternative zur amerikanischen Sicherheitsarchitektur – oder ein Versuch, Teile dieser Architektur mithilfe regionaler Verbündeter aufrechtzuerhalten? Die Antwort darauf könnte über seine Zukunft entscheiden.
Ein Bündnis ohne Betriebssystem
Selbst wenn sein politischer Zweck sich klären sollte, warnt Erenel, fehlen dem Abkommen derzeit noch viele der Mechanismen, die für ein funktionierendes Militärbündnis erforderlich sind. Wer entscheidet, ob eines der Mitglieder angegriffen wurde? Welche Bedrohungen lösen eine gemeinsame Reaktion aus? Welche Streitkräfte werden dafür bereitgestellt? Wie schnell können sie verlegt werden? Welche Einsatzregeln gelten?
Das sind keine technischen Details. Sie markieren den Unterschied zwischen einer politischen Erklärung und einem operativ handlungsfähigen Bündnis. „Wenn Saudi-Arabien sagt: Die Huthis sind meine Bedrohung, Pakistan sagt: Das sind meine Bedrohungen, und die Türkei sagt: Das sind meine Bedrohungen“, erklärt Erenel, „dann müssen sie sich zusammensetzen und festlegen, wie Pakistan und Saudi-Arabien die Türkei gegen eine Bedrohung unterstützen wird – und wie die Türkei Saudi-Arabien gegen die andere.“
Das Bündnis werde einen gemeinsamen Mechanismus benötigen, an dem Offiziere aller drei Länder beteiligt sind, außerdem Planungen darüber, welche nationalen Streitkräfte der gemeinsamen Struktur unterstellt werden könnten, gemeinsame Übungen und Verfahren für politische Entscheidungen. Besonders problematisch ist dies, weil die Türkei nicht einfach sämtliche ihrer militärischen Fähigkeiten einem neuen Bündnis zur Verfügung stellen kann. Ein Teil ihrer Streitkräfte ist bereits durch Verpflichtungen gegenüber der NATO gebunden.
Jeder Mechanismus kollektiver Verteidigung würde daher eine detaillierte Planung darüber erfordern, welche Kräfte die einzelnen Mitglieder tatsächlich bereitstellen können. Hinzu kommt die nukleare Frage. Die Mitgliedschaft Pakistans verleiht dem Abkommen eine besondere Dimension. Erenel fragt allerdings, ob Atomwaffen überhaupt Bestandteil des Abschreckungskonzepts des Bündnisses sein sollen und, falls ja, unter welchen politischen und rechtlichen Bedingungen. Bislang, betont er, seien solche Fragen ungeklärt.
Das Abkommen wird außerdem rechtliche und institutionelle Grundlagen benötigen. In der Türkei und Pakistan sind parlamentarische Zustimmung und Ratifizierungsverfahren erforderlich, während die praktische Umsetzung weitere Vereinbarungen notwendig machen würde, darunter Regelungen über die Stationierung und den Einsatz ausländischer Streitkräfte.
Das Mekka-Abkommen könnte strategisch bedeutsam sein, aber gegenwärtig liegt seine Stärke eher auf der politischen als auf der operativen Ebene. Es signalisiert die Suche nach einem neuen Gleichgewicht in einer Region, in der die alten Sicherheitsgarantien zunehmend infrage gestellt werden. Seine Schwäche ist offensichtlich: Das Bündnis hat bislang nicht gezeigt, dass seine Mitglieder sich darüber einig sind, gegen wen sie sich verteidigen, unter welchen Umständen sie gemeinsam kämpfen würden oder wie eine solche Entscheidung umgesetzt werden sollte.
Solange diese Fragen unbeantwortet bleiben, ist das Mekka-Abkommen weniger ein vollständig ausgebildetes Militärbündnis als vielmehr ein geopolitisches Experiment. Seine Mehrdeutigkeit ist kurzfristig sein größter Vorteil. Sie könnte langfristig aber auch seine größte Schwäche sein.
Titelbild: Wikimedia Commons / ARABCREATOR7 (CC0)