Die USA bereiten eine Neuausrichtung ihrer Nuklearstrategie vor und setzen dabei zunehmend auf taktische Kernwaffen als Instrument der Abschreckung in regionalen Konflikten. Die neue Doktrin könnte begrenzte Atomschläge zur Verteidigung von Bündnispartnern gegen Russland oder China vorsehen – und damit die bisherige Logik der „Waffe für den letzten entscheidenden Schlag“ durchbrechen. Was als Machtdemonstration gedacht ist, birgt jedoch die Gefahr, die strategische Stabilität nicht zu festigen, sondern vielmehr zu untergraben
Von Michael Thoma
Michael Thoma ist freier Journalist und widmet sich vor allem der Beobachtung und Analyse aktueller weltpolitischer Ereignisse
Neujustierung der Strategie
Das US-Verteidigungsministerium erarbeitet derzeit ein neues Konzept der nuklearen Abschreckung. Wie NBC News berichtet, hebt das Papier die Möglichkeit des Einsatzes taktischer Kurzstreckenwaffen im Falle eines regionalen Konflikts hervor – und zwar dann, wenn amerikanische Bündnispartner durch einen Angriff Russlands oder Chinas bedroht wären. Dies würde mit einer jahrzehntelangen Praxis im Pentagon brechen, die sich bislang vornehmlich am strategischen Arsenal ausgerichtet hat.
Die gegenwärtig noch geltende Nuclear Posture Review sowie die Guidance for the Employment of Nuclear Weapons sehen den Einsatz von Nuklearwaffen unter „extremen Umständen zur Wahrung der lebenswichtigen Interessen der USA“ vor. Der Unterschied zwischen taktischen und strategischen Nuklearwaffen liegt nicht nur in der Reichweite und häufig auch in der Sprengkraft, sondern vor allem in der Zielsetzung. Erstere gelten als Gefechtsfeldwaffen, letztere dienen der Zerstörung strategisch bedeutsamer Ziele – bis hin zu ganzen Städten.
Die nukleare Strategie der USA wird von nahezu jeder neuen Administration einer Revision unterzogen. Die letzte Aktualisierung erfolgte im Oktober 2022. Die damaligen Leitlinien drehten sich überwiegend um Einsatzszenarien strategischer Nuklearwaffen. Bereits 2018 wurde das strategische Arsenal zwar als zentrales und letztes Abschreckungsinstrument dargestellt – jedoch mit dem expliziten Vorbehalt, dass ein Ausbau nichtstrategischer bzw. begrenzter nuklearer Optionen geboten sei.
Der Reiz des begrenzten Schlags
Die Befürworter des neuen Ansatzes – allen voran der Architekt der Strategie Elbridge Colby, Staatssekretär für politische Planung im Verteidigungsministerium – argumentieren, dies werde die Gegner Washingtons stärker verunsichern und die amerikanische Abschreckungspolitik gegenüber China und Russland festigen. Die Gegner hingegen sehen darin eine faktische Einschränkung der präsidialen Handlungsoptionen, einen nuklearen Schlagabtausch hinauszuzögern oder ganz zu vermeiden.
Ihr Argument ist schlicht: Setzt man Nuklearwaffen gegen einen Atomwaffenstaat ein – ob direkt oder indirekt –, so zieht dies mit hoher Wahrscheinlichkeit eine nukleare Antwort nach sich, nicht zuletzt mit strategischen Mitteln. Unterlassen die USA hingegen den nuklearen Schlag in dem von der eigenen Strategie vorgegebenen begrenzten Rahmen, in dem sie ihn eigentlich zu führen hätten, so untergräbt dies die Glaubwürdigkeit amerikanischer Sicherheitsgarantien erheblich.
Die Debatte um eine strategische Neuausrichtung wurde nicht zuletzt durch die Erfahrungen aus den gegenwärtigen bewaffneten Konflikten – in der Ukraine und gegen den Iran – befeuert, aber auch durch das schiere Ausmaß des Verbrauchs konventioneller Waffen. Die Hoffnung, die USA könnten einen Konflikt mit einer anderen Großmacht auf der Basis vermeintlicher technologischer Überlegenheit durchstehen, hat sich zerschlagen. So überlegen die offensiven und defensiven Systeme der Vereinigten Staaten auch sein mögen – irgendwann sind sie aufgebraucht, und dann spielt es keine Rolle mehr, wie hochentwickelt die Geschosse sind, die im Gegenzug einschlagen.
Eine vergleichbare Lage gab es bereits im Kalten Krieg. Damals gingen die Amerikaner und ihre NATO-Verbündeten angesichts der vermeintlichen konventionellen Überlegenheit der Sowjetunion und ihrer Warschauer-Pakt-Partner lange davon aus, dass eine konventionelle Niederlage in Europa letztlich den Einsatz nichtstrategischer Nuklearwaffen erforderlich machen könnte. In den neunziger und nuller Jahren befand sich Russland in vergleichbarer Lage und setzte seinerseits darauf, dass ein begrenzter Einsatz nichtstrategischer Kernwaffen das konventionelle Defizit ausgleichen würde. Nun wenden die USA diese Logik erneut auf sich selbst an – und zwar im Hinblick auf eine mögliche Auseinandersetzung mit China.
Bemerkenswert: Die Fixierung der Atommächte auf taktische Kernwaffen als ein Mittel, das unter realen Kampfbedingungen zur Abwendung von Aggressionen eingesetzt werden kann, geht seit Jahrzehnten Hand in Hand mit der Tendenz in Militärkreisen, wonach der tatsächliche Gefechtswert solcher Waffen äußerst begrenzt ist. Bis in die 1950er- und 1960er-Jahre waren die Militärpläne der USA auf einen massiven Einsatz nuklearer Sprengsätze als regelrechte Kriegsmittel ausgerichtet. Doch je häufiger solche Szenarien in Übungen und Tests durchgespielt wurden, desto deutlicher zeigte sich, wie schwierig eine Kriegführung mit Nuklearwaffen auf dem Gefechtsfeld tatsächlich ist.
Man fügt dem Gegner zwar erheblichen Schaden zu – doch die eigene Seite bleibt nicht verschont: Truppenteile werden von Gegenschlägen getroffen, die Nachschubwege brechen zusammen, und die Kommunikation gerät ins Chaos. Je klarer diese Erkenntnis wurde, desto stärker wuchs sowohl in den USA als auch in der Sowjetunion der Wille, solche Waffen aus der militärischen Planung auszuklammern.
Die Bündnisgarantie
Der neue Ansatz richtet sich jedoch nicht allein an die gegnerischen Mächte, sondern zielt ebenso darauf ab, in den Augen der Verbündeten überzeugender zu wirken. Wie der amerikanische Historiker und Sicherheitsexperte Francis J. Gavin hervorhebt, ist die nukleare Strategie der USA weit mehr als bloße Abschreckung von Angreifern. Sie ist ein komplexes Gefüge, das er als „multiple und interaktive Abschreckung, Sicherstellung und Rückversicherung“ (Multiple and interactive Deterrence, Assurance, and Reassurance) bezeichnet.
Dieses System setzt sich aus mehreren Elementen zusammen, die die globale Vorherrschaft und Hegemonie der USA untermauern sollen. Dazu gehört die klassische Abschreckung von Feinden vor einem Angriff auf das eigene Territorium oder das der Bündnispartner – aber ebenso die entschlossene Abschreckung der eigenen Verbündeten, namentlich Deutschlands, Japans oder Südkoreas, vom Aufbau einer eigenständigen Nuklearstreitmacht, verbunden mit eisernen Sicherheitsgarantien. Hinzu tritt das Signal an die Gegner, dass die USA in der Lage dazu sind, die Ambitionen ihrer Partner zu kontrollieren und zu zügeln, um so die strategische Stabilität zu wahren.
In diesem Geflecht kommt den Bündnispartnern eine überragende Bedeutung zu. Seit dem Aufkommen strategischer Kernwaffen stellt sich die Frage, ob die Amerikaner bereit wären, Bonn gegen Boston zu tauschen. Sollte die Sowjetunion in Europa zu Nuklearwaffen greifen, wären die USA dann bereit dazu, Ziele auf sowjetischem Territorium anzugreifen – im Wissen, dass die Antwort die kontinentalen Vereinigten Staaten treffen würde? Später lautete die Formel „Seoul für San Francisco“, und solche Erwägungen sind nie verstummt. Seit 2022 haben sie noch an Schärfe zugenommen.
Im Kern dieser Debatte steht die Frage nach der Verlässlichkeit der Sicherheitsgarantien Washingtons. Die Verbündeten der USA begannen angesichts der Rhetorik der zweiten Trump-Administration ernsthaft daran zu zweifeln. Und nun versuchen die Amerikaner mit neuen Signalen, das Vertrauen wiederherzustellen. Eine Denkschule hat in Washington nun offenbar die Oberhand gewonnen. Ihr zufolge ist das Problem dadurch zu lösen, dass man Mittel für den Gefechtsfeldeinsatz schafft – mit der Maßgabe, dass ein solcher Schlag nicht als strategischer Angriff auf Russland oder China wahrgenommen werde und man auf eine Eskalation mit gleichem Einsatzmittel antworten könne, ohne die Einsatzschwelle weiter zu erhöhen.
Schon als unter der Obama-Administration nach 2014 die Abschreckung Russlands für die USA und die NATO wieder in den Vordergrund rückte, wurden Stabsübungen mit dem Szenario eines begrenzten russischen Nuklearschlags etwa im Baltikum durchgespielt. Im Rahmen dieser Übungen fanden die amerikanischen Planer nichts Besseres, als ihrerseits Belarus mit US-Kernwaffen anzugreifen – das nach dem Szenario mit der durchgespielten russischen Invasion überhaupt nichts zu tun hatte. Es sollte sozusagen ein Tausch „Bündnispartner gegen Bündnispartner“ sein.
Im Falle Chinas ist hingegen kaum vorstellbar, wie etwas Derartiges umgesetzt werden könnte. Sollte China eine militärische Operation gegen Taiwan beginnen oder offensive Handlungen gegen Japan unternehmen, welches Ziel würden die Amerikaner dann angreifen? Etwa Taiwan selbst?
Die mögliche Antwort der anderen Seite
Russlands Position dürfte sich kaum wesentlich verändern. Moskau verfügte stets über ein beträchtliches Übergewicht bei nichtstrategischen Nuklearwaffen. Washington versuchte dieses Übergewicht seit 2010 vornehmlich in Rüstungskontrollverhandlungen einzubeziehen. Die jetzigen offiziellen Verlautbarungen aus den USA ändern an der Wahrnehmung in Moskau nur wenig: Dort ging man ohnehin stets davon aus, dass die Amerikaner zu einem begrenzten Atomkrieg bereit sind und im Konfliktfall früher zur Waffe greifen würden als Russland. Sollte jedoch der Aufwuchs taktischer Kernwaffen in Europa oder das Patrouillieren von U-Booten mit nuklearen Marschflugkörpern im Pazifik Realität werden, wird Russland aller Voraussicht nach mit einem entsprechenden Aufwuchs reagieren.
Was China betrifft, so herrscht gemeinhin die Auffassung, dass die Volksrepublik nicht über ein Arsenal für nichtstrategische Abschreckung verfügt. Allerdings besitzen die Chinesen nuklearbestückte Mittelstreckenraketen, die für strategische Schläge gegen amerikanische Verbündete konzipiert sein dürften – möglicherweise aber auch gegen Schiffe. In den siebziger und achtziger Jahren verfügte China zudem über taktische Atombomben für Erdkampfflugzeuge, so dass nicht ausgeschlossen werden kann, dass man in Peking die amerikanischen Neuerungen zum Anlass nimmt, solche Systeme wieder einzuführen.
Im Bereich seegestützter Marschflugkörper wird China wohl ebenfalls nachziehen. Bislang befinden sich auf chinesischen Schiffen keine Nuklearwaffen, doch eine nukleare Version eines ihrer vorhandenen Seezielflugkörper zu entwickeln, wäre für chinesische Ingenieure durchaus machbar. Betrachtet man zudem das Kräfteverhältnis zwischen der US-Marine und der Volksbefreiungsarmee, so wird es den Amerikanern zumindest im westlichen Pazifik schwerfallen, mit der PLA Schritt zu halten.
Die Beschleunigung des nuklearen Rüstungswettlaufs war ohnehin vorprogrammiert. Das Rüstungskontrollregime ist – zumindest auf Ebene der Großmachtpolitik – faktisch vollständig demontiert, nachdem der New-START-Vertrag im Winter 2026 ausgelaufen ist. Unter diesen Umständen eröffnet das Bestreben, die Rolle taktischer Kernwaffen zu stärken, neue Möglichkeiten für eine dramatische Eskalation. Doch dieser Ansatz entspricht ganz dem Naturell Trumps, der Mäßigung für Schwäche hält und die Fähigkeit, Furcht einzuflößen, als die eigentliche Stärke betrachtet.