Die USA lassen die Ukraine einen Abnutzungskrieg gegen Russland führen. Im Schwarzen, Asowschen und Kaspischen Meeer trifft die Ukraine Russland an seiner weichen Flanke. Die Angriffe im Kaspischen Meer am vergangenen Wochenende markieren die bisher weiteste Ausdehnung der ukrainischen Kampagne gegen die russische Schifffahrt nach Osten. Im Gegenzug trifft Russland die Ukraine an deren weicher Flanke. Ist weitere Eskalation unvermeidlich?
Der Beitrag erschien auf Englisch am 27. Juli 2026 bei korybko.substack
Von Andrew Korybko
Andrew Korybko ist ein amerikanischer Politologe, der sich auf den globalen Systemwandel zur Multipolarität spezialisiert hat. Er lebt in Moskau
Die jüngste Phase des Ukraine-Konflikts ist gekennzeichnet von einem Abnutzungskrieg, den die USA mit der Ukraine gegen Russland führen, nachdem Trump beschlossen hat, „zu eskalieren, um zu deeskalieren“. Bislang äußerte sich diese Kriegsführung in Drohnenangriffen auf Energieinfrastruktur, Online-Händler und Schiffe im Schwarzen Meer, im Asowschen Meer und inzwischen sogar im Kaspischen Meer. Darauf konzentriert sich die vorliegende Analyse nach den Angriffen der Ukraine auf Ziele im Kaspischen Meer am vergangenen Wochenende.
Nach Angaben ukrainischer Quellen griffen die Streitkräfte der Ukraine eine Offshore-Ölförderplattform, ein (mutmaßlich wegen seiner Rolle im russisch-iranischen Waffenhandel sanktioniertes) Frachtschiff und ein Raketenschnellboot an. Sollte sich das bestätigen, handelt es sich dabei um die bislang weiteste Ausdehnung der ukrainischen Kampagne gegen die russische Schifffahrt nach Osten. Zuvor hat die Ukraine die Schwarzmeerflotte angegriffen, jüngst hat sie mit Aktionen im Asowschen Meer (das über den Wolga-Don-Kanal mit dem Kaspischen Meer verbunden ist) so großes Chaos verursacht, dass der Schiffsverkehr dort eingestellt werden musste.
In diesem Zusammenhang ist zu bemerken, dass ein Teil des dort von Russland geförderten Öls über besagten Kanal in Richtung Krim und auf den Weltmarkt transportiert wird. Angriffe auf Ölförderplattformen im Kaspischen Meer und die Unterbrechung der Schifffahrt im Asowschen Meer sind somit Teil einer umfassenden Strategie. Ziel ist offenbar, die Einnahmen des Kremls drastisch zu verringern, durch Treibstoffknappheit im Inland politische Unruhen zu schüren und die mittels Drohnen erzwungene „Blockade“ der Krim zu verschärfen. Diese weitläufige „Südfront“ ist also von großer Bedeutung.
Oberflächliche Beobachter aus dem Westen könnten angesichts dieser Entwicklungen den Eindruck gewinnen, die Gesamtdynamik des Ukraine-Konflikts habe sich zugunsten Kiews verschoben. Sie sollten aber wissen, dass Russland seine Angriffe auf die ukrainische Infrastruktur am Schwarzen Meer massiv verstärkt hat. Deshalb musste die Ukraine kürzlich den Schiffsverkehr über diesen Seekorridor erstmals seit 2023 einstellen – der bislang bedeutendste Erfolg von Russlands neuer Kampagne „systematischer Schläge“.
Odessa bleibt für Russland unerreichbar. Seit Beginn der „Spezialoperation“ hat Russland auch nie versucht, die Stadt einzunehmen. Aber mit den jüngsten Angriffen auf die Infrastruktur von Odessa zielt Russland eindeutig darauf ab, die Stadt – zumindest vorerst – zu entmilitarisieren. Schließlich starten von Odessa aus ukrainische Seedrohnen Angriffe auf die russische Schwarzmeerflotte, und in der Stadt treffen auch Teile der ukrainischen Waffenimporte zu See ein. Für Russland ist es wohl höchste Zeit, diesen Hafen – wie alle anderen ukrainischen Häfen am Schwarzen Meer – außer Betrieb zu setzen.
Die drastische Verschärfung der Lage an der Südfront könnte zu einem von drei Szenarien führen: 1. Die Situation verschlechtert sich weiter. 2. Es kommt zu einer begrenzten Waffenruhe, die Angriffe auf Schiffe und maritime Infrastruktur beendet (wobei unklar ist, ob sie die Krim einschließen würde). 3. Die NATO greift ein. Letzteres ist zwar am unwahrscheinlichsten, kann aber nicht ausgeschlossen werden, nachdem die Türkei zugesagt hat, Sicherheitsgarantien für die ukrainische Schifffahrt zu übernehmen – die hypothetisch die Form von „Eskortmissionen“ annehmen könnten.
Der allgemeine Trend weist insgesamt in eine klare Richtung: Die Ukraine konzentriert sich im neuen Abnutzungskrieg mit US-Unterstützung darauf, Russlands „weiche Flanke“ zu treffen. Das hat zur Folge, dass ihre eigene weiche Flanke ins Visier russischer Vergeltung gerät. So wird die Schwarzmeer-Region zur No-go-Area. Die Risiken, die mit dieser jüngsten Phase des Konflikts verbunden sind, können unvermeidbar eine noch größere Eskalation nach sich ziehen. Noch besteht die Möglichkeit, diese Eskalation zu verzögern oder abzuwenden.