Hans von Seeckt stand an der Spitze der Reichswehr, aber nicht nur. Er war eine herausragende politische Figur der – an großen Staatsmännern nicht gerade reichen – Weimarer Republik. Heute jährt sich sein Geburtstag zum 160. Mal

Die Weimarer Republik hat einen Januskopf, einerseits westliche Liberaldemokratie, andererseits mitteleuropäischer Ordnungsstaat. Hans von Seeckt verkörperte das nach Osten blickende Gesicht der Republik. Sein Ethos ist nach der Verbürgerlichung des Militärs kaum noch begreiflich. Seeckt war kein Diener des jeweiligen Staates, er war einem überstaatlichen Deutschland verpflichtet, dessen Gestalt er nie aus dem Blick verlor.

Drei anekdotische Zitate veranschaulichen die Mentalität, der Seeckt folgte. Im Angesicht des Kapp-Putschs verweigerte er den Einsatz der Reichswehr mit den Worten: „Truppe schießt nicht auf Truppe.“ Die Reichswehr war nämlich so wenig teilbar wie die Einheit des Reichs oder der Reichsgewalt. Ob die Reichswehr zuverlässig sei, quittierte Seeckt mit der Antwort: „Ob sie zuverlässig ist, weiß ich nicht, aber mir gehorcht sie.“ [1] Die Reichswehr war ein Staat im Staat. Und irgendwann wurde sie in Weimar zum Staat selbst.

Als Chef der Heeresleitung reduzierte Seeckt die Truppenstärke gemäß Versailler Vertrag auf 100.000 Mann. Es hätte ihm aber ferngelegen, die Interalliierte Militär-Kontrollkommission oder die Mächte dahinter als Schutzherren über Deutschland zu verherrlichen und ihren Feindbildern zu folgen. Um die Bestimmungen von Versailles zu umgehen, baute er die Schwarze Reichswehr auf und organisierte eine deutsch-russische Militärzusammenarbeit. Am 4. Februar 1920 hielt er in einer Denkschrift fest: „Nur im festen Anschluß an ein Groß-Russland hat Deutschland die Aussicht auf Wiedergewinnung einer Weltmachtstellung.“ [2]

Hans von Seeckt dachte sich den Kontinentalblock nicht aus. Das war dem Geopolitik-Mitbegründer Karl Haushofer vorbehalten. Aber er lebte diese Idee aus. Seine biografischen Stationen gleichen den Säulen, auf denen deutsche Macht (schon das Wort „Macht“ klingt heute fremdartig und anrüchig) in Eurasien aufliegen muss. Im Ersten Weltkrieg war er – unter dem jungtürkischen Kriegsminister Enver Pascha – Generalstabschef der türkischen Armee. Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten beriet er in der Republik China militärisch Chiang Kai-shek. Aber nicht weil er in außenpolitischen Dingen einem Antikommunismus angehangen hätte.

Für Hans von Seeckt galt das Primat der Außenpolitik, unabhängig von der jeweiligen Staatsideologie. Davon ließ er sich bei seinem größten Werk leiten, dem Vertrag von Rapallo. Am 16. April 1922 schlossen die beiden „Paria-Staaten“ Deutsches Reich und Sowjetrussland einen Vertrag über strategische Zusammenarbeit. Die entscheidenden Vertragsbestimmungen bezogen sich mittelbar auf die Rüstungszusammenarbeit. In Artikel 5 sichert das Deutsche Reich zu, die „von Privatfirmen beabsichtigen Vereinbarungen nach Möglichkeit zu unterstützen und ihre Durchführung zu erleichtern“. Eine Geheimnote garantiert „volle Handlungsfreiheit“ für industrielle und kaufmännische Unternehmungen.

Der Vertrag von Rapallo war kein Werk von Walther Rathenau. Der amtsunerfahrene Außenminister wurde im Hotel an der ligurischen Küste wortwörtlich im Pyjama sprichwörtlich über den Tisch gezogen. Seeckt hatte die Vorarbeit mit Reichskanzler Joseph Wirth und Staatssekretär Ago von Maltzan, Leiter des Russlandreferats im Auswärtigen Amt, geleistet. Die Russland-Kontakte der deutschen Industrie und die Sondergruppe R(ussland) im Reichswehrministerium boten den Nährboden dazu. In Rapallo verhandelte nun eine Militärdelegation um den frisch ernannten Chef des Truppenamtes Otto Hasse mit Maltzan und den Russen, verdeutlichte den Ernst der Absichten und nagelte Wirth, wie er überliefert, auf „den politischen Durchbruch nach Osten“ fest. [3]

Die Zusammenarbeit war halb aus Not, halb aus Tradition geboren. Voraussetzung war Lenins Einsicht, dass die deutsche Revolution gescheitert und die „friedliche Koexistenz“ mit kapitalistischen Staaten unabdingbar war. Als wirtschaftsstarker, aber geknechteter Staat erschien Deutschland Lenin reizvoll, wie er am 26. November 1920 den Moskauer Parteisekretären auseinandersetzte. Um die Koexistenz gedeihlich zu gestalten, musste zwischen Außenpolitik und Komintern eine Trennlinie gezogen werden. Russland verzichtete auf Reparationen, Deutschland auf Entschädigung für verstaatlichtes Eigentum. So ergab sich das Paradoxon, dass ausgerechnet der militaristische Flügel der Weimarer Republik mit Kommunisten eine Zusammenarbeit einging.

In einer Denkschrift an Reichspräsident Ebert verteidigt Hans von Seeckt den Vertrag der Landmächte, den auch der britische Premierminister Lloyd George nicht rückgängig machen konnte, im September 1922: „Eine Verbindung Deutschlands mit Russland ist der erste und bisher fast einzige Machtzuwachs, den wir seit dem Friedensschluss erreichten. Daß der Anfang dieser Verbindung auf wirtschaftlichem Gebiet liegt, ist nach der Gesamtlage naturgemäß; die Stärke liegt aber darin, dass diese wirtschaftliche Annäherung die Möglichkeit politischer und damit auch militärischer Verbindung vorbereitet.“ [4] Diese Verbindung mit Russland war nicht taktisch, sondern strategisch und geopolitisch. Seeckt bog Weimar nach Osten um, um Deutschland in seiner Mittellage von dort her zu befestigen. 

Seit 1923 unterhielt das Reichswehrministerium – unabhängig von der Botschaft – eine „Zentrale Moskau“. Anders als die Reichsregierung, die dem Pluralismus der Parteien und dem Einfluss der Westmächte unterlag, bestimmte Seeckt seine Russland-Strategie souverän. Bei Moskau wurde ein Junkers-Werk errichtet, bei Woronesch eine Fliegerschule, in Kasan eine Panzerschule zur Erprobung deutscher Panzertechnik. Waffen und Munition wurden hergestellt, Kampfstoffe erprobt. Die Generalstäbe tauschten Nachrichten aus, unternahmen Inspektionsreisen und bildeten Offiziere aus. [5] Den Nationalsozialisten würde Seeckt später ins Stammbuch schreiben: „Es kann unter den stärksten Erschütterungen radikal seine Staatsform ändern; es bleibt Russland, das sich nicht aus der Weltpolitik ausschalten lässt.“ [6]

Was Hans von Seeckt sagt, galt gestern, gilt heute und wird auch morgen gelten. In diesem Jahr begehen wir Seeckts 160. Geburtstag und – am 27. Dezember – seinen 90. Todestag. Wenn wir Deutschland aus seiner Perspektive betrachten wollen, müssen wir uns auf die Zehenspitzen stellen. Männer von seinem Format gibt es schlichtweg nicht mehr. Und die Erinnerung dient auch dazu, ihre Existenz wieder möglich zu machen.

Anmerkungen

[1] Friedrich von Rabenau: Seeckt. Aus seinem Leben 1918–1936, Leipzig 1940, S. 341 f. 
[2] https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/CKZURAKGMOCBIXONYSRYT72HKSMDXMSO S.a. Horst Günther Linke: Deutsch-sowjetische Beziehungen bis Rapallo, Köln 1970, S. 153.
[3] Eva Ingeborg Fleischhauer: „Rathenau in Rapallo. Eine notwendige Korrektur des Forschungsstandes“, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 54,3 (2006), S. 365–415.
[4] Julius Epstein: „Der Seeckt-Plan. Aus unveröffentlichten Dokumenten. Neues Tatsachenmaterial über die geheime Zusammenarbeit zwischen Reichswehr und Sowjet-Armee“, in: Der Monat 1,2 (1948), S. 42–50.
[5] Manfred Zeidler: Reichswehr und Rote Armee 1920–1933. Wege und Stationen einer ungewöhnlichen Zusammenarbeit, München 1993.
[6] Generaloberst von Seeckt: Deutschland zwischen West und Ost, Hamburg 1933, S. 34.

Titelbild: Erich Salomon: Hans von Seeckt, vor 1931. Aus: Berühmte Zeitgenossen in unbewachten Augenblicken (Stuttgart: Engelhorn, 1931). Gemeinfrei.