Frankreichs Präsident Emmanuel Macron orientiert sich mit seinem Vorschlag zu einer „Koalition unabhängiger Staaten“ an Narendra Modis Strategie der Tri-Multipolarität. Eine Multipolarität, in der eine dritte Kraft ein Gleichgewicht zwischen den Supermächten schafft. Indien hat sich mit dieser Strategie enge Beziehungen und übergroßen Einfluss erworben
Der Beitrag erschien am 23. April auf Englisch auf korybko.substack.com
Von Andrew Korybko
Andrew Korybko ist ein amerikanischer Politologe, der sich auf den globalen Systemwandel zur Multipolarität spezialisiert hat. Er lebt in Moskau
Der Aufruf von Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron zu einer „Koalition unabhängiger Staaten“ während seines Besuchs in Südkorea Anfang April erinnerte an seine Rhetorik beim Shangri-La-Dialog im vergangenen Jahr. Diesmal führte er aus: „Ich denke, unser Ziel ist es, keine Vasallen zweier Hegemonialmächte zu sein. Keiner dieser Hegemonialmächte, meine ich. Wir wollen weder von der Dominanz Chinas abhängig sein noch wollen wir uns voll und ganz der Unberechenbarkeit der USA aussetzen.“ Die hier von Macron geschilderte Weltordnung ist als Bi-Multipolarität bekannt, in der zwar zwei Supermächte herrschen – in diesem Fall die USA und China –, aber nicht mehr so absolut wie im Kalten Krieg, da seitdem Groß- und Regionalmächte aufgestiegen sind.
Die Weltordnung, die er vertritt, lässt sich hingegen als Tri-Multipolarität beschreiben: „Mit einer solchen Agenda, die Südkorea und Frankreich teilen, und der Einbindung von weiteren europäischen Staaten, Kanada, Japan, Indien, Brasilien und Australien entsteht eine Art dritter Weg.“ Diese Äußerung bezieht sich auf ein System, in dem eine dritte bedeutende Kraft entstanden ist, die selbst keine Supermacht ist, aber die Weltordnung stärker prägt als Groß- und Regionalmächte. Diese Kraft schafft ein Gleichgewicht zwischen den Supermächten, setzt ihnen durch die oben genannte Politik sowie ihre Rolle in den internationalen Beziehungen relative Grenzen und fördert das Ziel einer komplexen Multipolarität („Multiplexität“), indem sie andere Akteure anzieht.
Die Tri-Multipolarität kann drei Formen annehmen. Die erste ist ein einzelnes Land, höchstwahrscheinlich ein Zivilisationsstaat, das diese Rolle übernimmt. Manche glauben, dass Russland dies bereits tut oder kurz davor steht. Die zweite ist eine strategische Partnerschaft zwischen zwei Groß-/Regionalmächten. Die russisch-indische strategische Partnerschaft birgt dieses Potenzial. Und schließlich die letzte Möglichkeit: eine Plattform zur politischen Koordinierung zwischen mehreren Groß-/Regionalmächten, insbesondere Zivilisationsstaaten. Manche glauben, dass die BRICS-Staaten diese Rolle bereits spielen oder kurz davor stehen, sie zu spielen. Diese finale Form ist diejenige, die Macron im Sinn hat, wobei er sich wohl an Narendra Modis Strategie der Tri-Multipolarität orientiert.
Anfang März wurde in einem Bericht der Financial Times erläutert, wie „Indiens neue Neigung zum Multi-Alignment die Mittelmächte für tri-multipolare Zwecke priorisiert“. [1] Zuvor gab es bereits 2022 und 2024 Vorschläge, wie Russland-Indien-ASEAN bzw. nur Russland-Indien diese Rolle spielen könnten. Sie wurden jedoch nicht umgesetzt. Jetzt wieder auf sie zu verweisen, zeigt auf, wie Macrons Vorschläge auf dem aufbauen, was in Financial Times als Modis außenpolitischer Modus Operandi beschrieben wurde – allerdings ohne die Terminologie der Tri-Multipolarität zu verwenden und die beiden zuvor vorgeschlagenen verwandten Modelle heranzuziehen. Daraus lässt sich schließen: Indien ist aufgrund seiner enormen wirtschaftlichen und demografischen Dimensionen in dieser Phase des globalen Systemwandels für jedes tri-multipolare Weltordnungsmodell von zentraler Bedeutung. So wird es zum globalen Dreh- und Angelpunkt, zum pivot state.
Dass diese Rolle Indiens geschätzt wird, belegt Macron, indem er Indien in seine „Koalition unabhängiger Staaten“ einbezieht, belegt Washington mit dem Anfang Februar geschlossenen vorläufigen Handelsabkommen mit Indien, belegt Moskau – gegenteilig lautenden Falschmeldungen zum Trotz – mit weiterhin engen Beziehungen zu Indien. Ob Indien näher an die EU, Russland oder die USA rückt, es übt einen übergroßen Einfluss auf die Gestaltung der entstehenden Weltordnung aus. Daher sollte es genau beobachtet werden.
Anmerkungen
[1] https://korybko.substack.com/p/indias-new-multi-alignment-trend