Innenpolitische Dynamik und fragile Energiemärkte schränken die USA und den Iran bei der Kriegsführung ein. Um sich eine bessere Verhandlungsposition zu verschaffen, müssen die Kriegsparteien aber die Einsätze erhöhen. Das Ergebnis ist ein Pattzustand. So führt die kontrollierte Eskalation zu einem vielschichtigen Wettstreit und regionaler Instabilität

Der Beitrag erschien am 20. April 2026 auf Englisch bei United World unitedworldint.com

Von Adem Kılıç

Adem Kılıç ist Politikwissenschaftler

Die Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran entfalten sich nicht als formal erklärter Krieg im klassischen Sinne, sondern eher als hybrider Konflikt. Die Konfliktparteien vermeiden eine direkte, großangelegte Militärkonfrontation. Indem sie meiden, was militärisch „territoriale Dominanz“ genannt wird, zermürben sie einander durch Druckstrategien, die auf täglichen Narrativen von taktischen Erfolgen basieren. 

Diese Dynamik schafft ein kontinuierliches Spielfeld, das bewusst unterhalb bestimmter Schwellenwerte gehalten wird. Betrachtet man die Entwicklungen im Einsatzgebiet, wird deutlich: Obwohl sich die Aufmerksamkeit zunehmend auf die Straße von Hormus verlagert, die in den Kalkulationen vor dem Konflikt womöglich keine zentrale Rolle spielte, bewegt sich die kritische Zone der Auseinandersetzung entlang der Achse Irak–Syrien.

Während die Vereinigten Staaten gemeinsam mit ihren Verbündeten ihre maritime Präsenz zu intensivieren suchen, wird die globale Energiesicherheit immer fragiler. Gleichzeitig vermeiden beide Seiten sorgfältig jede Eskalation, die die globalen Ölströme unmittelbar abreißen ließe. Dieser vorsichtige Ansatz verhindert vorerst, dass sich die Spannungen zu einer ausgewachsenen globalen Krise ausweiten.

Der Faktor Israel verkompliziert die Gleichung weiter. Angesichts der wachsenden Spannungen zwischen dem Iran, der um regionalen Einfluss ringt, und Israel, das um seine Sicherheit besorgt ist, drängt Israel die USA mit seinen Angriffen auf Ziele mit Bezug zum Iran zu einem stärkeren Engagement, wenn auch indirekt. So bereitet es den Schauplatz für einen Konflikt mit komplexer und mehrschichtiger Struktur.

Irans Krieg ohne Ausweg

An der schlechter sichtbaren Front stehen Cyber-Operationen und geheimdienstliche Aktivitäten im Vordergrund. Zwar versuchen beide Seiten, mittels Daten- und Überwachungskapazitäten die Oberhand zu gewinnen. Sie können so aber keine Entscheidung herbeiführen, weil sie auf wechselseitige Gegenmaßnahmen stoßen.

Auf strategischer Ebene verfolgen sowohl die Vereinigten Staaten als auch der Iran eine Politik der „kontrollierten Eskalation“. Während Washington darauf abzielt, den regionalen Einfluss des Iran zu begrenzen, die Sicherheit Israels sowie seiner Verbündeten am Golf zu gewährleisten und die Kontinuität der Energierouten zu sichern, strebt es zugleich danach, die Erosion seines Supermacht-Status zu verhindern.

In diesem Rahmen dehnt sich die Unentschiedenheit immer weiter auf diplomatische und sicherheitsbezogene Fragen aus, die auf dem Pfad nach Pakistan verhandelt werden. Islamabad hat sich zum Venedig für Diplomatie über inoffizielle Kanäle entwickelt, weil es den Dialog sowohl mit den USA als auch mit dem Iran aufrechtzuerhalten weiß. Die Konkurrenz besonders in der Energiekooperation verleiht dem Spiel eine weitere Dimension.

Werden die Verhandlungen erfolgreich sein?

Die Dynamik der gegenseitigen Abschreckung führt wahrscheinlich zu einem Pattzustand. Offenbar genügen kurzfristige Waffenruhen keiner Seite. Beide Seiten versuchen mit stärkerer Position an den Verhandlungstisch zurückzukehren, indem sie die Kosten eines direkten Kriegs richtig kalkulieren und die Einsätze möglichst erhöhen, statt zu deeskalieren.

Das Risiko eines Flächenbrands in einer Region, die ohnehin zu Krisenkaskaden neigt, bringt allerdings beide Seiten dazu, vorsichtig und balanciert vorzugehen. Das betrifft vor allem Libanon, den Jemen und die Golfregion. Die Balance wird durch eine fragile Weltwirtschaft und empfindliche Energiemärkte eher gestärkt als geschwächt. Und die innenpolitische Dynamik schränkt sowohl die USA als auch den Iran darin ein, militärisch radikaler vorzugehen.

Fazit

Momentan erscheint die Wahrscheinlichkeit gering, dass die Spannungen zwischen den USA und dem Iran kurzfristig zu einem Endergebnis führen werden, sei es militärisch oder politisch. Vielmehr scheint das internationale System auf ein Szenario zuzusteuern, in dem ein anhaltender, kontrollierter und vielschichtiger Wettbewerb, begleitet von regionaler Instabilität, einer großen globalen Krise vorgezogen wird.

Titelbild: „Persian youth playing chess with two of his suitors“, Illustration aus dem „Haft Awrang“ von Nur ad-Din Abd ar-Rahman Jami, ca. 1556–1565. Freer and Sackler Galleries, Smithsonian Institution, Washington, D.C. Gemeinfrei