Wie wird man unabhängig, wenn man abhängig ist? Entweder kämpft man einen Unabhängigkeitskampf. Dazu muss man die innere Unabhängigkeit bereits erlangt haben und auf die Anhänglichkeit der Masse zählen können. Hier scheitert es schon an jenem. Oder man versucht sich unbemerkt hinauszuschleichen aus der Abhängigkeit.
Mit dem Mekka-Abkommen hat die Türkei den polnischen Abgang von der NATO gemacht, in die sie sich zuvor auf dem Gipfel in Ankara tiefer verstrickt hatte. Die Rätsel seiner Politik zu lösen, überlässt Erdogan seinen Nachfolgern. Dass sie daran scheitern, ist recht wahrscheinlich. Unter dem Vorwand des Burden-Shifting hängen sich die Türkei und Saudi-Arabien an die unentschlossene Atommacht Pakistan und lassen höflich offen, ob der Iran oder doch Israel der künftige Feind sein wird. Doppelstruktur macht nicht frei, aber freier.
Wer abhängig ist und unabhängig sein will, bewegt sich unentwegt in der Doppeldeutigkeit. Das ist auch richtig so. Wer den Kampf scheut, wird eben zu einer zwielichtigen Figur, die sich im Verborgenen ehrlich macht. Auch Europa, genauer gesagt den Mitgliedern der Europäischen Union, bleibt nur dieser Weg, um sich von den Vereinigten Staaten zu lösen, nachdem potentielle Widerstandsmilieus das Establishment politisch und moralisch noch unterboten haben. Dieser Weg der Doppelstruktur bedeutet: Innerhalb der EU Beistandspflichten schaffen.
Im Ambiente der Doppeldeutigkeit haben die Mekka-Staaten den EU-Staaten aber etwas voraus: Sie übernehmen das Feindbild, das die USA gern hätten, gerade nicht. So machen sie ihr Bündnis selbst doppeldeutig – ob sie diese Ambivalenz nun entschlüsseln können oder nicht. Die EU-Staaten hingegen überbieten die USA an Westlichkeit, indem sie deren Stellvertreterkrieg gegen Russland mit Hysterie, aber ohne Selbstachtung weiterführen. Was daran liegt, dass Europa seinen zivilisatorischen Kern ignoriert und den Entführer für den Göttervater hält.
Drohnen am Flughafen! Sprengstoff am Kohlekraftwerk! Eckart, geh in den Keller und schau nach, ob die Russen da sind!
Europa war so lange ein konservativer Kontinent, als der Zar und Metternich das Sagen hatten. Seit die Revolution das Zentrum erreichte, ist das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland vergiftet. In Deutschland vergaß man, warum. In Russland weiß man, warum, aber schweigt darüber. Zu glauben, dass eine Premiumpartnerschaft mit den USA die Grundlage für eine deutsche Hegemonie über Europa abgeben kann, indiziert keine mögliche Realität, sondern nur die Generalamnesie all dessen, was die Rechte früher einmal wusste.
Europa muss sich rüsten. Und Europa muss zusammenstehen. Zusammenstehen gegen den gemeinsamen Feind – so wie die sunnitische Mekka-Allianz. Nur sollte auch Europa offen lassen, wie dieser Feind heißt. Und das Geheimnis lüften, wenn die Waffen stehen.