Außenminister Lawrow hat einen Beitrag über Russlands Arktis-Strategie veröffentlicht. Darin beklagt er die Militarisierung der Region durch die NATO, bei der Finnland eine Schlüsselrolle spielt. Um Chinas Einfluss zu balancieren, lädt er Indien zur Zusammenarbeit ein. Ob Indien sich von westlichen Sanktionen befreit, entscheidet darüber, ob Russlands Strategie bipolar oder sinozentrisch wird

Der Beitrag erschien auf Englisch am 31. August 2026 bei korybko.substack

Von Andrew Korybko

Andrew Korybko ist ein amerikanischer Politologe, der sich auf den globalen Systemwandel zur Multipolarität spezialisiert hat. Er lebt in Moskau

Russlands Außenminister Sergej Lawrow hat im Vorfeld des jährlichen Östlichen Wirtschaftsforums, das diese Woche in Wladiwostok stattfindet, einen Beitrag veröffentlicht über „Internationale Zusammenarbeit in der Arktis: Herausforderungen und Chancen“. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung deutet darauf hin, dass Lawrow auf der Veranstaltung mit entsprechenden Vereinbarungen rechnet. Wie dem auch sei: Lawrow erklärt, in der russischen Arktis habe eine neue Entwicklungsphase begonnen, nachdem erstmals ein chinesisches Containerschiff über die Nördliche Seeroute (NSR) nach Murmansk gefahren ist.

Russland sei dort zur Zusammenarbeit mit „allen konstruktiv eingestellten ausländischen Staaten“ bereit, „in erster Linie mit China und Indien“. Beide Länder könnten die NSR für den Handel mit der EU nutzen. Lawrow kündigt zudem an, dass „die Arktis in den kommenden 20 Jahren zu einem wichtigen Bereich der Zusammenarbeit zwischen Russland und Indien werden könnte“. Auch alle BRICS-Staaten sowie Belarus und die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten seien eingeladen, sich an dieser Entwicklung zu beteiligen. Darüber hinaus hätten Südkorea und Singapur Interesse bekundet.

So vielversprechend das „enorme Ressourcen-, Verkehrs- und Logistikpotenzial des Hohen Nordens“ auch sei, stelle die Militarisierung der Region durch die NATO wegen des Konfliktrisikos durch Fehlkalkulation eine Herausforderung dar. In diesem Zusammenhang verurteilt Lawrow die Anfang dieses Jahres begonnene NATO-Mission Arctic Sentry und die „groß angelegten Militärübungen unter Beteiligung regionfremder Staaten und die Einführung neuer Komponenten ihres Führungs- und Kontrollsystems“ in der Region. Er erwähnt es zwar nicht, aber Finnland spielt dabei eine Schlüsselrolle.

Ein weiteres Problem seien die Sanktionen, sagt Lawrow – möglicherweise eine Anspielung auf die Entscheidung eines chinesischen Unternehmens, sich im Sommer 2024 deshalb aus Russlands Megaprojekt Arctic LNG 2 zurückzuziehen. Weiter beklagt er, dass der Arktische Rat, der am 19. September 30 Jahre alt wird, seine Arbeit seit Beginn der militärischen Spezialoperation faktisch eingefroren hat. Nichtsdestotrotz bekräftigt er Russlands Bereitschaft, die „Arbeit vollumfänglich wieder aufzunehmen“, sofern die anderen Beteiligten „in gutem Glauben handeln“. Wie Lawrow ausführt, verfügt Russland über die nötigen Fähigkeiten, seine Pläne auch ohne den Arktischen Rat umzusetzen.

Russlands übergeordnete Strategie besteht offenbar darin, möglichst viele Länder zu Beteiligungen an Energie-, Verkehrs- und Logistikprojekten in der Arktis zu bewegen. So sollen für diese Staaten Anreize geschaffen werden, sich den Bemühungen der NATO zur Eindämmung Russlands in der Region entgegenzustellen, politisch oder – im Idealfall – durch Missachtung der Sanktionen. Lawrows Prognose, wonach „die Arktis in den kommenden 20 Jahren zu einem wichtigen Bereich der Zusammenarbeit zwischen Russland und Indien werden könnte“, deutet darauf hin, dass er Indien als Gegengewicht zu Chinas wirtschaftlichem Einfluss in der Region betrachtet.

Russlands Gleichgewichtspolitik zwischen China und Indien ist nicht vollkommen, bisweilen neigt Russland stärker der einen oder anderen Seite zu. Die zugrunde liegende Logik ist aber schlüssig: Indien hilft Russland dabei, einer unverhältnismäßig großen Abhängigkeit von China vorzubeugen. Indien unterhält zudem enge Beziehungen zu den USA und zum Westen insgesamt. Seine Diplomaten könnten diese Staaten also möglicherweise davon überzeugen, Indien zumindest von den gegen Russland gerichteten Sanktionen im Bereich der Arktis auszunehmen. So könnte Indien Russland dabei helfen, das zuvor beschriebene Ziel zu erreichen – was zugleich im Interesse des Westens läge.

Das für Russland günstigste Szenario wäre ein Durchbruch in den Beziehungen zum Westen, durch den zumindest dieser regionale Teil der Sanktionen aufgehoben würde. Wirtschaftliche Schwergewichte wie Japan, Südkorea und Singapur könnten dann Indien in seiner Rolle eines Balance-Partners ergänzen. Dies erscheint aber zunehmend unwahrscheinlich. Daher wird das Ausmaß des indischen Engagements in der Arktis darüber entscheiden, ob Russlands Arktisstrategie bipolar oder sinozentrisch wird. Indien sollte deshalb erwägen, sich dort über westliche Sanktionen hinwegzusetzen, falls es keine Ausnahmegenehmigung erhält.