Der Zukunft zugewandt ist das Deutschland von heute nicht unbedingt. Es verweigert die Rolle, die es in Europa beim Umbruch zur Multipolarität einnehmen müsste. Ein Grund dafür ist die dialektisch fehlgeschlagene Vereinigung der geteilten Deutschlande.

Im Kalten Krieg war die Bundesrepublik vom Hegemon USA abhängig wie die Deutsche Demokratische Republik von der Sowjetunion. Dass die Besatzungen in Bündnisse überführt wurde, tat dem keinen Abbruch. Die deutsche Einheit war weniger Wiedervereinigung als etwas völlig Neues, sowohl territorial als auch staatspolitisch. Aber im – von Hallstein nachhallenden – Bewusstsein westlicher Alleinvertretung rückte das in der BRD kaum ins Bewusstsein.

Damit die Einheit glücken würde, wäre es nötig, das einige Deutschland in eine europäische Friedensordnung unter Auflösung der Blockallianzen einzubetten. Das war die Überzeugung von Willy Brandt und seinem Berater und später Minister Egon Bahr: Deutschland sei so tief in den Blockkonflikt verstrickt, dass die Vereinigung nicht erreichbar sei, ohne jenen Konflikt zu lösen. Um die Vereinigung mehr sein zu lassen als einen Anschluss „der DDR an die Bundesrepublik und damit die Vorverlegung der Nato-Grenze an die Oder und Neiße“, entwarf Bahr zum Jahreswechsel 1966 einen guten Stufenplan.

Die Formel „Wandel durch Annäherung“ bedeutete auch, dass es eine Annäherung ohne Wandel kaum geben könne. Kanzler Kohl glaubte es besser zu wissen. Er vollzog die Vereinigung – mit Hilfe von Bush und Gorbatschow – als Beitritt der DDR zur BRD und der Groß-BRD in die NATO. Europas politische Ordnung überließ er in der fortbestehenden Blockallianz den USA, die DDR war im Grundgesetz weniger aufgehoben als beseitigt.

Für Helmut Kohl war das kein Problem. Seine Medienkampagne zur Einheit bescherte ihm zwei weitere Kanzlerschaftschaften und – nicht ewigen, aber ellenlangen – Ruhm als Kanzler der „Wiedervereinigung“. Da Deutschland nicht sofort im- oder explodierte, schien die Einheit im Zeichen des Westens wunderbar geglückt. Sogar Egon Bahr räumte ein, sich über die Bedingungen der Vereinigung womöglich getäuscht zu haben. Dass sich die DDR zunächst in die BRD überführen ließ, bedeutet aber nicht, dass die Einheit auch geglückt ist.

Mit der Berliner Republik schob sich Deutschlands Zentrum weit nach Osten. Aus einem westlichen Rumpfstaat wurde Deutschland zur potentiellen Regionalmacht Mitteleuropas, die ihre Aufgabe aus eingebildeter Westlichkeit nicht wahrnahm. Da die Ostdeutschen ums Nationale der Einheit betrogen wurden und in ein Wunschgebilde des Posthistoire sich integrieren sollten, staute sich unaufgehobene Östlichkeit auf. Noch 2026 regiert mit Merz ein Mann, der von der Mentalität her besser nach Bonn oder Frankfurt passt als nach Berlin.

Mehr als dreieinhalb Jahrzehnte nach der sog. Wiedervereinigung sind all die Langzeitfolgen eingetreten, die ein Rheinland-Pfälzer Weinkanzler wie Kohl in seinem Horizont nicht wahrnahm, weil er zwar die Geburtstage seiner Kreisvorsitzenden kannte, aber nicht das Ablaufdatum politischer Konstellationen. Staatsmänner wie Brandt und Bahr hatten sie klar vorhergesehen. Die Parteienlandschaft bröckelt, entlang des ost-westlichen Mentalitätsunterschieds klafft ein Riss. Das Trauma schwappt nach Westen über. Die NATO-Mitgliedschaft wird zur Zumutung.

Maskierte die Differenz der Systeme nur eine tiefere geopolitische Differenz? Auch ohne Systemdifferenz wird die weltpolitische Feindschaft zwischen Westen und Osten aufrechterhalten. So kommt Deutschland aus dem Gleichgewicht, ohne sich eingestehen zu dürfen, warum. Je fraglicher das Glücken der Einheit im Zeichen des Westens erscheint, desto vehementer wird die westsiegesdeutsche Erzählung vorgetragen. Vorläufiger Höhepunkt ist die Rückprojektion eines DDR-Aufstands als westliche Farbrevolution in die Geschichte.

Brandt und Bahr haben Recht behalten. Und je mehr der Westen als unipolar-weltbeherrschende Größe in Frage gestellt wird, wenn im Schatten des Konflikts zwischen den USA und China regionale Hegemonen sich etablieren, desto lauter wird die Geschichte des deutschen Oststaats ihr Eigenrecht einfordern. Manchmal spricht Dialektik einen Dialekt, der wie Sächsisch klingt.