Präsident Lula setzt in Brasilien seine Politik der Autonomie durch Diversifizierung fort. Er will nicht die Unterordnung unter die Vereinigten Staaten durch eine Unterordnung unter die Volksrepublik China ersetzen. Er nutzt die Zusammenarbeit mit China, um sein Land zu reindustrialisieren und technologisch fortzuentwickeln. Das unterscheidet ihn von der brasilianischen Rechten. Brasilien und China arbeiten an einer Demokratisierung internationaler Entscheidungen

Der Beitrag erschien auf Italienisch am 4. August 2026 bei giuliochinappi.com

Von Giulio Chinappi

Giulio Chinappi ist italienischer Politikwissenschaftler mit Schwerpunkt Entwicklungszusammenarbeit und Bevölkerungsentwicklung. Seit 2012 beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit Vietnam, wo er heute lebt

Das jüngste Telefonat zwischen Luiz Inácio Lula da Silva und Xi Jinping vom 27. Juli bestätigt die beschleunigte Entwicklung der chinesisch-brasilianischen Partnerschaft. Angesichts des tarifpolitischen Zwangs und der Einmischung Washingtons diversifiziert Brasilien seine internationalen Beziehungen und stärkt über die BRICS seine autonome multipolare Strategie.

Das Telefonat geht in seiner Bedeutung weit über die bilateralen Beziehungen zwei der weltgrößten Volkswirtschaften hinaus. Inhalt, Zeitpunkt und Themen des Gesprächs zeigen, dass die Beziehungen zwischen Brasilien und China in eine neue Phase eintreten. Zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit kommen engere politische Abstimmung, technologische Zusammenarbeit und eine deutliche Übereinstimmung bei der Verteidigung einer multipolaren Weltordnung.

Die wichtigste Botschaft kam von Chinas Staatspräsident Xi Jinping. Er bekräftigte Pekings Unterstützung für Brasilien bei der Wahrung seiner Souveränität und Unabhängigkeit – und bei der Zurückweisung äußerer Einmischung. Obwohl er die Vereinigten Staaten nicht ausdrücklich erwähnte, lässt sich der Hinweis kaum von dem wachsenden Druck trennen, den Washington mit Zöllen, Sanktionen, wirtschaftlichen Drohungen und Versuchen der Einflussnahme auf die brasilianische Verfassungs- und Justizordnung ausübt.

In den letzten zwei Jahren hat Trumps Regierung den Handel offen politisch instrumentalisiert. Schon 2025 verhängte Washington sehr hohe Zölle auf brasilianische Produkte und knüpfte sie ausdrücklich an das Gerichtsverfahren gegen den rechtsgerichteten Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro – als hätte das Weiße Haus das Recht zu bestimmen, welche Angeklagten vor den Gerichten eines anderen Landes zur Rechenschaft gezogen werden. Im Juli 2026 folgten weitere Abgaben in Höhe von 12,5 Prozent, offiziell mit Vorwürfen unzureichender Bekämpfung von Zwangsarbeit begründet.

Brasiliens Regierung wies diese Begründung zurück. Sie verwies auf die robuste nationale Gesetzgebung gegen moderne Formen der Sklavenarbeit und auf Brasiliens Beteiligung an den wichtigsten Übereinkommen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Zugleich kündigte Brasília an, die im Gesetz über Gegenmaßnahmen auf Grundlage der Gegenseitigkeit vorgesehenen Instrumente zu aktivieren und den Streitbeilegungsmechanismus der Welthandelsorganisation anzurufen. Wie bereits in früheren Beiträgen hervorgehoben, offenbart der systematische Einsatz von Zöllen ein imperiales Verständnis internationaler Beziehungen. 

Nach dieser Logik kann Washington seine wirtschaftliche Macht einsetzen, um souveräne Regierungen zu disziplinieren, ihre Außenpolitik zu beeinflussen und ihre innenpolitischen Entscheidungen zu lenken. Lulas Brasilien hat sich dafür entschieden, ein solches hierarchisches Verhältnis nicht zu akzeptieren. Die brasilianische Antwort kann realistischerweise nicht in einem undifferenzierten Bruch mit den Vereinigten Staaten bestehen. Lula hat wiederholt erklärt, zum Dialog mit Washington bereit zu sein – allerdings nur zwischen souveränen Partnern und nicht zwischen einem imperialen Zentrum und einer abhängigen Peripherie. 

Brasília setzt auf Diversifizierung: neue Absatzmärkte erschließen, die Zahl der Partner erhöhen, die regionale Integration stärken und verhindern, dass ein einzelner Akteur die nationale Wirtschaft unter Druck setzen kann. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Vertiefung der Beziehungen zu China zusätzlich an Bedeutung. Peking ist seit 2009 Brasiliens wichtigster Handelspartner und nimmt mehr als ein Viertel der brasilianischen Exporte auf. Die Beziehung lässt sich längst nicht mehr über Sojabohnen, Eisenerz, Erdöl, Fleisch und Zellstoff definieren. Vor allem seit Lulas Rückkehr ins Präsidentenamt bemühen sich beide Länder, ihre Zusammenarbeit auf Industrie, Technologie, Energie und Infrastruktur auszuweiten. 

Zum fünfzigsten Jahrestag der diplomatischen Beziehungen 2024 hoben Lula und Xi ihre Partnerschaft auf die Ebene einer „brasilianisch-chinesischen Gemeinschaft mit gemeinsamer Zukunft für eine gerechtere Welt und einen nachhaltigeren Planeten“. Diese Formel bringt den Willen zum Ausdruck, aus einer vorwiegend wirtschaftlichen Beziehung eine langfristige strategische Partnerschaft zu entwickeln. Brasiliens Entwicklungsstrategie soll dabei mit der Neuen Seidenstraße verknüpft werden, ohne die nationale Planung einer Übernahme auswärtiger Programme zu opfern. 

Während Xis Besuch in Brasília wurden aus diesem Anlass 37 Kooperationsabkommen unterzeichnet. Sie umfassen nachhaltige Infrastruktur, Energiewende, digitale Wirtschaft, künstliche Intelligenz, Landwirtschaft, Gesundheit, Kultur, Kommunikation und industrielle Entwicklung. Lulas Besuch in Peking im Mai 2025 und seine Teilnahme am China-CELAC-Forum festigten diesen Kurs weiter und verankerten die bilaterale Zusammenarbeit in umfassenderen Beziehungen zwischen China, Lateinamerika und der Karibik.

Der jüngste telefonische Austausch bestätigt also lediglich die Fortsetzung eines bereits eingeschlagenen Kurses. Lula und Xi verständigten sich darauf, die Gespräche über ein mögliches Handelsabkommen zwischen China und dem MERCOSUR zu beschleunigen, wobei den unterschiedlichen Bedürfnissen der einzelnen Wirtschaftssektoren Rechnung getragen werden soll. Zugleich zeigt Brasilien keine Bereitschaft, seinen Markt unterschiedslos zu öffnen oder seine Industriepolitik dem Dogma des Freihandels zu opfern. Ziel ist vielmehr, die Handelschancen auszubauen, ohne auf Reindustrialisierung und den Schutz sensibler Branchen zu verzichten.

Ein Handelsabkommen zwischen China und dem MERCOSUR besitzt darüber hinaus erhebliche geopolitische Qualität. Washington hat Lateinamerika historisch als Einflusszone betrachtet und immer wieder versucht, die Staaten der Region daran zu hindern, eigenständige Beziehungen zu anderen Großmächten aufzubauen. Die Ausweitung der Beziehungen zu Peking durchbricht diesen Monopolanspruch und verschafft den südamerikanischen Staaten größeren außenpolitischen und wirtschaftlichen Handlungsspielraum.

Das bedeutet natürlich nicht, eine Abhängigkeit durch eine andere zu ersetzen. Gerade darin liegt der Wert von Lulas Strategie: Sie soll genau dieses Risiko vermeiden. Brasiliens Außenpolitik zielt nicht darauf ab, die Unterordnung unter die Vereinigten Staaten durch eine Unterordnung unter China zu ersetzen. Vielmehr soll ein System entstehen, in dem Brasilien auf Grundlage seiner eigenen nationalen Interessen mit verschiedenen Machtzentren zusammenarbeitet. Die Diversifizierung seiner Partnerschaften ist das Instrument, mit dem Brasília größere außenpolitische Autonomie gewinnen will.

Gerade dieser Ansatz unterscheidet die Regierung Lula von der brasilianischen Rechten, die die Anlehnung an Washington häufig mit der Verteidigung des Westens gleichgesetzt hat. Unter Bolsonaro verfolgte Brasilien eine ideologisch geprägte Außenpolitik, die den Interessen der Vereinigten Staaten untergeordnet war und sich sogar gegen China richtete – obwohl Peking bereits damals für die brasilianische Wirtschaft unverzichtbar war. Die Angriffe führender Bolsonaro-Anhänger auf den asiatischen Partner verursachten diplomatische Spannungen, ohne Brasilien greifbaren Nutzen zu bringen.

Lula hingegen knüpft an die „Autonomie durch Diversifizierung“ an, die bereits seine früheren Amtszeiten prägte. China wird nicht als einzudämmende Bedrohung betrachtet, sondern als Partner für konkrete gemeinsame Projekte. Dieser Kurs hat eine neue Investitionswelle ausgelöst: 2025 war Brasilien erneut das weltweit wichtigste Zielland chinesischer Investitionen. Mit rund 6,1 Milliarden US-Dollar lagen sie 45 Prozent über dem Vorjahreswert. Auch die Zusammensetzung dieser Investitionen hat sich deutlich verändert. 

Zwar bleibt der Energiesektor zentral, insbesondere durch chinesische Unternehmen in den Bereichen Stromübertragung und erneuerbare Energien. Gleichzeitig haben die Investitionen in Automobilindustrie, Bergbau, Elektronik, Telekommunikation, Logistik und digitale Dienstleistungen stark zugenommen. Unternehmen wie BYD und Great Wall Motor übernahmen Produktionsstätten westlicher Konzerne und stellten sie auf die Fertigung von Elektro- und Hybridfahrzeugen um. Dieser Prozess eröffnet Brasilien reale Chancen zur Reindustrialisierung – vorausgesetzt, die Investitionen beschränken sich nicht auf Montagearbeiten oder die bloße Ausbeutung natürlicher Ressourcen.

Auch die Zusammenarbeit im Satellitenbereich zeigt, dass technologische Kooperation auf Augenhöhe möglich ist. Das 1988 gestartete CBERS-Programm ermöglichte Brasilien und China die gemeinsame Entwicklung von Erdbeobachtungssatelliten und gilt als eines der langlebigsten und erfolgreichsten Beispiele wissenschaftlicher Süd-Süd-Kooperation. Mit dem für 2028 geplanten Start von CBERS-6 wird Brasilien seine Fähigkeit ausbauen, sein Staatsgebiet, den Amazonas, Waldbrände, landwirtschaftliche Flächen und Naturkatastrophen selbst bei dichter Bewölkung zu überwachen.

Ähnliches gilt für den Bereich der künstlichen Intelligenz. Ohne eigene Infrastruktur, Rechenkapazitäten, öffentliche Forschung und eine eigenständige Regulierung droht Brasilien zum bloßen Nutzer ausländischer Plattformen zu werden. Die Zusammenarbeit mit China kann dazu beitragen, die technologische Abhängigkeit von amerikanischen Monopolen zu verringern – vorausgesetzt, sie ist Teil einer nationalen Strategie digitaler Souveränität. Ähnliches gilt für die Verarbeitung kritischer Rohstoffe. 

Brasilien verfügt über große Vorkommen an Lithium, Nickel, Graphit, Seltenen Erden und Niob – Rohstoffe, die für die Energiewende und die Hightech-Industrie unverzichtbar sind. Würde sich das Land darauf beschränken, unverarbeitete Mineralien zu exportieren, würde es das überkommene Peripheriemodell fortschreiben, in dem Rohstoffe ausgeführt und die daraus hergestellten Technologien zu höheren Preisen wieder eingeführt werden. Vorrang muss heute die Weiterverarbeitung im Inland und die Produktion von Batterien, Magneten, elektronischen Komponenten und Elektrofahrzeugen haben.

Von ähnlicher Bedeutung ist die Zusammenarbeit im Bereich der Düngemittel, die auf eine unmittelbare Schwachstelle Brasiliens abzielt. Trotz seiner Stellung als Agrarmacht ist das Land in hohem Maße auf Düngemittelimporte angewiesen. Eine Diversifizierung der Bezugsquellen und der Ausbau eigener Produktionskapazitäten stärken sowohl die Ernährungssicherheit als auch die Widerstandsfähigkeit gegenüber internationalen Krisen. Auch hier kann die Partnerschaft mit China in eine umfassende Strategie wirtschaftlicher Souveränität eingebettet werden.

Über die bilaterale Ebene hinaus hat das Gespräch zwischen Lula und Xi die Rolle der BRICS-Staaten und des Globalen Südens bei der Reform der internationalen Ordnung bekräftigt. Beide Länder stellen ein System infrage, in dem eine kleine Gruppe westlicher Mächte einen unverhältnismäßig großen Einfluss auf die globalen Finanz-, Währungs- und politischen Institutionen ausübt. Es geht nicht darum, eine Hegemonie durch eine andere zu ersetzen, sondern die internationalen Entscheidungsprozesse zu demokratisieren und dem gewachsenen Gewicht der Schwellenländer anzupassen.

Vor diesem Hintergrund zeigt sich erneut ein zentrales Paradoxon des amerikanischen Imperialismus: Der Druck aus Washington droht genau den Prozess zu beschleunigen, den die Vereinigten Staaten einzudämmen versuchen. Jeder politisch motivierte Zoll, jede extraterritoriale Sanktion und jeder Versuch, sich in die brasilianischen Institutionen einzumischen, liefert Brasília einen weiteren Anreiz, seine Beziehungen zu China, den BRICS-Staaten und anderen Mächten des Globalen Südens zu vertiefen. 

Der Einsatz wirtschaftlichen Zwangs führt Brasilien nicht zurück in die amerikanische Einflusssphäre. Er treibt das Land vielmehr dazu, Alternativen aufzubauen.

Titelbild: Ricardo Stuckert/PR (Lula Oficial), Luiz Inácio Lula da Silva und Xi Jinping beim BRICS-Africa Outreach und BRICS Plus Dialog in Johannesburg, 24. August 2023, via Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/).  https://commons.wikimedia.org