Die CIA beschreibt in einem Sonderbericht vom 13. Januar 1967, der inzwischen freigegeben wurde, die gaullistische Vorstellung eines vereinten Europa „vom Atlantik bis zum Ural“. Frankreichs Präsident sah die NATO als Hindernis für Frankreichs Unabhängigkeit und als Verlängerer des Kalten Kriegs. Durch eine Annäherung an die Sowjetunion wollte er Frankreich zu alter Größe führen. Mit Europa als Hebel wollte er dieses Ziel erreichen, das Frankreich aus eigener Kraft nicht mehr erreichen konnte

Der Beitrag erschien auf Französisch am 2. August 2026 bei martinbernard.substack

Von Martin Bernard

Martin Bernard ist Journalist, Autor und Gründer des Kanals Antithèse

General Charles de Gaulle übt bis heute zu Recht große Faszination auf souveränitätsliebende Europäer aus. In Frankreich wagt keine politische Partei, seinen Mythos offen infrage zu stellen. Mehr noch: In regelmäßigen Abständen berufen sich alle auf sein Erbe – und scheuen dabei nicht davor zurück, die Geschichte zu verbiegen, um sie den eigenen politischen Zwecken dienstbar zu machen.

Charles de Gaulle ist der Gründer der Fünften Republik, der Gegenspieler amerikanischer Machtansprüche, die Leitfigur des freien Frankreich und ein Staatsmann, der sich über parteipolitische Streitigkeiten erhob, weil er sie für nutzlos und gefährlich hielt. Kurzum: der letzte Gigant der politischen Geschichte Frankreichs. Das in diesem Sommer erschienene zweiteilige Filmdrama La Bataille De Gaulle zeichnet ein eindrucksvolles Porträt dieser Persönlichkeit.

1967 stand de Gaulle fast ein Jahrzehnt an Frankreichs Spitze. Drei Ereignisse prägten seine Präsidentschaft besonders: sein berühmter Ausruf „Es lebe das freie Québec!“ in Montreal, seine Haltung zu Israel nach dem Sechstagekrieg – bei einer Pressekonferenz bezeichnete er das jüdische Volk als „Elite, selbstsicher und herrschsüchtig“ – sowie sein wiederholtes Veto gegen den Beitritt des Vereinigten Königreichs zum Gemeinsamen Markt.

Im jenem Jahr veröffentlichte die CIA einen Sonderbericht. Er ist inzwischen freigegeben und legt de Gaulles europäische Vorstellungen bemerkenswert präzise dar. Hier einige ausgewählte Auszüge.

Nach Auffassung de Gaulles, so die CIA, befinde sich Europa bereits in der ersten Phase eines von ihm lange propagierten dreistufigen Wegs zur kontinentalen Einheit. Die Entspannung in Europa ermutige ihn, zur zweiten Phase – der Verständigung – überzugehen, um schließlich die dritte Stufe zu erreichen: eine Zusammenarbeit „vom Atlantik bis zum Ural“, möglicherweise unter Beteiligung Großbritanniens.

Wenn wir uns in einem organisierten Europa zusammenschließen wollen, so bekräftigen wir, dann muss dies auf der Grundlage der Realität der Staaten geschehen und nicht dadurch, dass man die Staaten in einer Integration auflöst, von der niemand weiß, wie sie aussehen soll.
Charles de Gaulle, Juni 1963

De Gaulle erstrebe „die Errichtung einer lockeren gesamteuropäischen Konföderation, in der Paris und Moskau zusammenarbeiten würden, um Deutschland unter Kontrolle zu halten. In dieser Union, die er sich vorstellt, bliebe jeder Staat souverän. Frankreichs Vorrangstellung als Sprecher Westeuropas würde jedoch durch seine nukleare Abschreckungsfähigkeit garantiert.“ Was die Sowjetunion betrifft, präzisiert die CIA, lehnt de Gaulle „die Idee ab, dass Moskau durch die Bindung an den Kommunismus von der europäischen Politik augeschlossen“ sei.

Auf wirtschaftlicher Ebene würde „de Gaulles Europa eine Freihandelszone bilden, ohne stärker integrierte regionale Zusammenschlüsse auszuschließen.“ Politisch bestünde es aus souveränen Staaten, die sämtliche Funktionen unabhängiger politischer Einheiten wahrnähmen, während deutsche Machtambitionen eingehegt würden. Europa wäre zugleich ausreichend geeint, um gemeinsame Vorhaben zu verfolgen und als lockere Konföderation in allen kontinentalen Fragen zu handeln.

Es ist möglich, dass es zu einer Entwicklung kommt […], die uns eines Tages erlaubt, vom Atlantik bis zum Ural zunächst eine Entspannung, dann eine Verständigung und vielleicht schließlich eine Zusammenarbeit zu erreichen.
Charles de Gaulle, September 1963

Die Essenz dieser Politik hat de Gaulle bereits 1960 dargelegt. Er sprach sich für eine Intensivierung des Handels, des kulturellen Austauschs und der diplomatischen Kontakte mit Osteuropa und Russland aus – erste Schritte hin zu einer gesamteuropäischen Entspannung. Die Verständigung sollte nach seiner Vorstellung durch ein gewisses Maß kontrollierter Abrüstung erreicht werden, „auch seitens der Vereinigten Staaten“. Die Zusammenarbeit sollte sich in gemeinsamen Anstrengungen etwa bei der Entwicklungshilfe und wissenschaftlichen Forschung niederschlagen.

Der chinesisch-sowjetische Bruch überzeugte de Gaulle offenbar davon, dass sein Projekt eines unabhängigen Europa „vom Atlantik bis zum Ural“ realisierbar wurde. Vor diesem Hintergrund intensivierte Frankreich ab 1964 seine diplomatische Annäherung an die Staaten Osteuropas. Innerhalb von zwei Jahren baute Paris politische, wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen zum nahezu gesamten Ostblock auf. Ihren Höhepunkt erreichten sie im gegenseitigen Besuch von de Gaulle und dem sowjetischen Ministerpräsidenten Alexei Kossygin 1966.

De Gaulle glaubte auch, dass das zunehmende US-Engagement in Vietnam seinen außenpolitischen Handlungsspielraum vergrößert habe. Washington sei kaum noch in der Lage, über die Aufrechterhaltung des Status quo in der NATO hinauszugehen. „Dies erleichtert die Umsetzung seiner lange vorbereiteten Entscheidung, Frankreich aus der militärischen Kommandostruktur der NATO zurückzuziehen – einer Organisation, die seiner Ansicht nach die Unabhängigkeit Frankreichs beeinträchtigt und den Kalten Krieg verlängert“, so die CIA.

Misstrauen gegenüber den Vereinigten Staaten und der EWG


Dieser Abschnitt des CIA-Berichts ist besonders aufschlussreich, was de Gaulles Misstrauen gegenüber den USA betrifft:

„Mit seinen Initiativen in Osteuropa und gegen die NATO sowie mit weiteren spektakulären Maßnahmen – insbesondere seiner Kampagne gegen die Vorrangstellung des Dollars im internationalen Finanzsystem – versuche de Gaulle, den Einfluss der Vereinigten Staaten in Europa zurückzudrängen. Er betrachtet die Beseitigung der amerikanischen ‚Hegemonie‘ als ebenso unverzichtbar für die Verwirklichung seines Traums eines ‚europäischen Europa‘ wie die Bereitschaft der osteuropäischen Staaten, auf seine Annäherungsversuche einzugehen.“

Darüber hinaus, so die CIA, sei de Gaulle entschlossen, „jede Entwicklung hin zu einem Supranationalismus zu verhindern, wie er ihn im 1965 von der EWG-Kommission vorgeschlagenen Maßnahmenpaket zur Finanzierung der Gemeinsamen Agrarpolitik erkannte“.

Die Rolle der Sowjetunion

Welche Rolle die Sowjetunion in de Gaulles künftigem Europa spielen sollte, „ist nicht vollständig klar“, stellt die CIA fest: „Sowohl Frankreich als auch die UdSSR hätten ein Interesse daran, Deutschland unter Kontrolle zu halten. De Gaulle stellt sich eine informelle bilaterale Verständigung mit Moskau vor, wonach die Sowjetunion weder die Rolle Frankreichs in Westeuropa übernehmen noch in dessen Namen auf der Weltbühne sprechen würde. Paris und Moskau, die beiden Nuklearmächte des Kontinents, sollten jeweils als Wortführer von West- beziehungsweise Osteuropa auftreten. Beide verfügten über eigene Einflusszonen, die sich jedoch im Hinblick auf Deutschland und andere Fragen, die ein gemeinsames Auftreten auf kontinentaler Ebene erfordern, überschnitten.“

Vor allem aber „will Gaulle sicherstellen, dass Frankreich jederzeit frei bleibt, den von ihm für notwendig erachteten Kurs einzuschlagen. Wie auch immer sich die Zusammenarbeit zwischen den beiden Mächten entwickelt, soll daraus niemals ein Bündnis werden, das Frankreich an die Sowjetunion fesselt. Nachdem de Gaulle Frankreich aus dem westlichen Bündnis herausgeführt habe, will er vermeiden, sich an ein anderes zu binden. Offenbar ist er überzeugt, dass Russland die Unterstützung Westeuropas suchen werde, sobald sich die chinesische Bedrohung verschärfe."

Wiederherstellung von Frankreichs Größe

Dem CIA-Bericht zufolge stand de Gaulles Europakonzept im Dienst seiner Ambition, Frankreichs Macht und internationales Ansehen wiederherzustellen. Der Verfasser des Berichts meint, de Gaulle habe Europa als Hebel betrachtet, mit dessen Hilfe Frankreich wieder jene führende Rolle übernehmen konnte, die es aus eigener Kraft nicht mehr auszufüllen vermochte. Seine Europapolitik erscheint als Strategie, Frankreich zunächst als Führungskraft in Westeuropa und langfristig im umfassenden Raum des Kontinents zu etablieren.

Diese gaullistische Vision stieß naturgemäß auf entschiedenen Widerstand in Washington und London. Sie stellte deren hegemoniale Ambitionen unmittelbar infrage, die auf der politischen Bindung Westeuropas und der Verhinderung einer Annäherung zwischen Deutschland und Russland beruhten – entsprechend der bereits 1904 von Halford J. Mackinder formulierten geopolitischen Konzeption. 

Mit de Gaulles Rücktritt nach dem verlorenen Referendum im April 1969 ging auch seine europäische Vision unter. Seine Nachfolger an der Spitze der Fünften Republik gaben sie weitgehend auf.

Titelbild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F015916-0028 / Simon Müller / CC BY-SA 3.0 DE. Wikimedia Commons: Datei „Bundesarchiv B 145 Bild-F015916-0028, Schloss Ernich, Charles de Gaulle, Konrad Adenauer“. Lizenz: Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Germany (CC BY-SA 3.0 DE)