In Ceuta geht es nicht um Migration, sondern um die Kontrolle über den Zugang zum Mittelmeer. Die USA und Israel wollen Spanien und damit Europa den Zugang entziehen. Proisraelische Influencer und rechte Parteien unterstützen diese Kampagne

Dieser Beitrag erschien am 2. August 2026 bei x.com/LaurentOzon

Von Laurent Ozon

Laurent Ozon ist Unternehmer, Berater und Publizist. Nach Gründung mehrerer Technologieunternehmen arbeitet er heute als Analyst für Innovations-, Technologie- und Risikobewertung

Die Vereinigten Staaten, Marokko und Israel zielen mit ihrem Plan für Ceuta auf die Straße von Gibraltar, deren Gewässer vollständig unter spanischer Hoheit stehen. Ceuta ermöglicht Spanien – und damit auch seinen europäischen Verbündeten – die Kontrolle über den Zugang zum Mittelmeer.

Die Vereinigten Staaten und Israel wollen einen marokkanischen Korridor durch die Meerenge schaffen, um nicht von Spanien oder einer europäischen Allianz abhängig zu sein. Die Achse Washington–Tel Aviv misstraut den Bestrebungen Europas nach größerer Autonomie – insbesondere denen Spaniens, das in den vergangenen Monaten mit einer aktiven und kritischen Diplomatie im Zusammenhang mit den Kriegen Israels und der USA im Nahen Osten ein Beispiel für diese Autonomie abgegeben hat.

Wie mehrere kundige Geopolitik-Analysten in den vergangenen Stunden angemerkt haben, wollen Israel und die USA die Meerenge angesichts der unsicheren Lage im Roten Meer und am Suezkanal über ihren marokkanischen Verbündeten kontrollieren. Die Operation um Ceuta und die Infragestellung der spanischen Souveränität sind demnach Schritte zur Destabilisierung und Schwächung Spaniens, um es langfristig zur Abtretung Ceutas – und wahrscheinlich auch Melillas – zu bewegen. Dadurch soll ein Korridor über marokkanische Hoheitsgewässer für die Achse Washington–Tel Aviv geschaffen werden.

Zur Vorbereitung der öffentlichen Meinung stützen sie sich auf die von ihnen kontrollierten Netzwerke in Europa. Diese lassen sich dadurch leicht identifizieren: Sie konzentrieren ihre Angriffe auf Spanien und unterstützen entweder Marokko oder verschweigen zumindest dessen Verantwortung – und die Verantwortung seiner Schutzmächte – für die Invasion in Ceuta. Besonders gut mobilisieren lassen sich dafür proisraelische Influencer und Multiplikatoren der US-Propaganda.

Auch rechte Anti-Migrationsparteien, die vorgeben, europäische Interessen zu verteidigen, sowie die Medien, die ihre Positionen gewöhnlich verbreiten (allen voran CNews), beteiligen sich aktiv an dieser gegen die Interessen Spaniens und damit Europas gerichteten Kampagne. Mit ihren Reaktionen versuchen sie, Spanien unter Hinweis auf dessen angeblich schädliche Migrationspolitik – und vor allem auf seine Kritik an Israel und den USA im Nahen Osten – zu isolieren, ohne die Vorgänge in den größeren Zusammenhang europäischer Interessen einzuordnen. Aus Inkompetenz, Demagogie – oder Schlimmerem.

Auch auf der Linken herrscht Verlegenheit. Der mögliche Verlust der spanischen Souveränität über Ceuta wird von manchen als Aufgabe zur Dekolonisierung dargestellt. Die linke Bewegung La France insoumise (LFI), die geopolitischen Fragen aufgeschlossener gegenübersteht und das Problem nicht allein unter migrationspolitischen Gesichtspunkten betrachtet, weiß jedoch, dass ein Verlust der spanischen Kontrolle über Ceuta – und später Melilla – letztlich den Interessen der „imperialistischen Mächte“ dienen und den Europäern deutlich weniger Kontrolle über den Zugang zum Mittelmeer lassen würde. Ein grausames Dilemma.

Titelbild: NASA World Wind (Public Domain), via Wikimedia Commons.