Die Huthi haben Saudi-Arabien als erdölexportierendes Land lahmgelegt. Der Irankrieg nimmt eine weitere unerwartete Wendung. Und die Analysten legen ihre Schablone an und tun wieder einmal so, als hätten sie alles vorher gewusst. Prognosen wagt man am besten im Bezug auf vergangene Ereignisse, dann liegt man eher richtig.

Lassen wir die vergangenen zwölf Jahre Revue passieren, dann lesen wir eine Geschichte, die wir vorher nicht für wahrscheinlich, nicht für verosimil – der Wahrheit ähnlich – gehalten hätten. Grenzöffnung, Refugees welcome, Corona und Lockdowns, der Ukrainekrieg mit dem abgeblasenen Marsch auf Kiew, rote Färsen und Gleitschirm-Hamas, der Irankrieg mit seinen irren Wendungen und Manipulationen. Was kommt als nächstes?

Politische Analysen sind an die postmoderne Realität schlecht angepasst. Der Neorealismus, der davon lebt, seine Anpassung an die Realität zur Schau zu tragen, ist nicht besser angepasst als andere Theorien. Seine Realität ist harmloser als die reale. Und Staaten als politische Akteure zu hypostasieren, ist ein Kunstgriff, der sich nach dem Ende des zwischenstaatlichen Zeitalters und den Erkenntnissen des Marxismus von selbst verbietet.

Im postmodernen Roman ist die Erzählweise an eine Realität angepasst, die sich nicht mehr durchschauen lässt. Bei Thomas Pynchon oder Don DeLillo liegen zwischen Beobachtung und Erzählung Ebenen der Unsicherheit, in der Erkenntnis und Paranoia ununterscheidbar werden, weil alles verbunden ist – oder nichts mehr. Dieses Erzählen, das ans unzuverlässige Erzählen anknüpft, wie man es etwa bei Laurence Sterne vorfindet, ist keine Manier, sondern ein Spiegel der postmodernen Lebenswelt in einer Großstadt wie New York.

In dieser Welt leben wir heute alle. Bidens rechtwinkliger Stimmsprung gegen Trump 2020, die Kugel am Ohr, Epstein Island, der Irankrieg. Ein ermordeter Ayatollah, sein unsichtbarer Nachfolger. Manipulierte Börsenkurse, undurchsichtige Golfstaaten. Warum müssen wir tun, als wüssten wir alles? Kaum wer von uns hat Kontakt zu hochrangigen Akteuren. Warum lassen wir uns rationale Erzählformen für eine abgefahrene Wirklichkeit aufdrängen? Ja, auch weil Sicherheitsbehörden uns zur Vorspiegelung von Harmlosigkeit drängen.

Die Geopolitik hat anderen Disziplinen voraus, dass sie die ratio in die Elemente legt, nicht in die Akteure. Wenn man Mentalität (Volkspersönlichkeit) und Heilsgeschehen mit berücksichtigt, hat man ein Modell, das der Politologie beim Erfassen des Unerklärlichen überlegen ist. Seitendisziplinen wie Jean Parvulescos Konspirologie können angewandt werden, wenn man sie rational einholt. Um Bewegungen von Kapital in der Ära seiner Digitalisierung zu deuten, braucht man Schablonen, die nur Rechner bieten.

Natürlich handeln Menschen und soziale Gruppen in ihrem Horizont rational. Aber die Voraussetzungen des rationalen Handelns wirken untereinander nicht unbedingt vernünftig. Und durch Migration wirken Sinnhorizonte so ineinander, dass sich die Auswirkungen koordinierten Handelns nur schwer Akteuren zuschreiben lassen. Schon deshalb muss über Unzuverlässiges auch unzuverlässig erzählt werden. Der Erkenntnisgewinn ergibt sich daraus, dass wir verschiedene Erzählungen übereinanderlegen. Wer behält Recht?

Wie wird der Irankrieg ausgehen? Wird der Iran zerschlagen? Wird er endgültig zur Regionalmacht? Wirft Trump die Bombe? Zieht Israel die Samson-Option? Erleben die Golfstaaten einen ungeahnten Auf- oder einen befürchteten Abstieg? Es ist schon einiges gewonnen, wenn wir beim Beobachten mehr über uns erfahren. Mehr darüber, was Deutschland ist, was es war und was es sein kann – in einer Zukunft, die wir nicht kennen.