Der Sturz Baschar al-Assads hat den Syrern weder Wohlstand noch wirtschaftliche Sicherheit gebracht. Steigende Energiepreise treiben inzwischen selbst in Hochburgen der neuen Machthaber Menschen auf die Straße. Ahmed al-Scharaa setzt auf ausländische Investitionen und Marktwirtschaft. Um seinen Staatsapparat zu finanzieren, nimmt er neue Abhängigkeiten in Kauf. Ob sich dieser Deal für Syrien langfristig auszahlt, ist mehr als zweifelhaft
Der Beitrag erschien am 16. September 2026 auf Englisch bei kevorkalmassian.substack
Von Kevork Almassian
Kevork Almassian ist syrischer Geopolitik-Analyst und Gründer von @SyrianaAnalysis
In den vergangenen Tagen haben mich viele Leute gefragt, ob sich die Syrer gegen Ahmed al-Sharaa wenden – oder Abu Mohammad al-Dscholani, wie ihn die meisten Syrer noch immer nennen. Ist das der Anfang vom Ende des neuen Regimes in Damaskus? Meine kurze Antwort: noch nicht.
Ich glaube nicht, dass wir Dscholanis letzte Tage erleben, und ich denke, dass diejenigen, die zu diesem Schluss kommen, voreilig urteilen. Doch die Stimmung im Volk kocht, denn mit Rhetorik, Ideologie, internationalen Konferenzen und Wiederaufbauversprechen allein lässt sich ein Land nicht führen. Irgendwann wollen die Menschen greifbare Ergebnisse sehen. Sie wollen bezahlbare Energie, Lebensmittel, Gesundheitsversorgung, Bildung, Sicherheit und ein Mindestmaß an Lebensbedingungen, die ihnen ein Leben in Würde ermöglichen.
Das war letztlich einer der Hauptgründe dafür, dass Baschar al-Assad im Dezember 2024 die Bereitschaft großer Bevölkerungsteile verspielte, für den alten Staat zu kämpfen. Was immer man vom arabischen Nationalismus, vom Widerstand und vom Säkularismus des früheren Assad-Regimes hält: Ein Vater, der seine Kinder nicht ernähren kann, kann sich mit solchen Parolen nicht über Wasser halten. Für Dscholani oder jeden anderen, der Syrien regiert, gilt dasselbe. Die jüngsten Proteste sind wichtig, weil sie die umfassendsten seit Assads Sturz sind.
Ein starker Anstieg der Treibstoffpreise hat Demonstrationen in mehreren Teilen des Landes ausgelöst. Demonstranten verbrannten Reifen, blockierten Straßen und legten sogar den Verkehr auf der Autobahn zwischen Damaskus und Aleppo zeitweise lahm. Der Dieselpreis hat sich um rund 40 Prozent erhöht, auch Benzin und Gas verteuerten sich erheblich. Nach Zahlen von Reuters ist der Preis für Benzin mit 95 Oktan seit Assads Sturz um rund 86 Prozent gestiegen, Diesel hat sich mehr als verdoppelt.
Wenn man einer Bevölkerung, in der bereits 90 Prozent der Menschen in Armut leben, solche Preiserhöhungen zumutet, vernichtet man den Rest der unteren Mittelschicht und treibt die Armen in den Hunger. Denn die Treibstoffpreise wirken sich auf fast alles aus. Gemüse muss transportiert werden. Brot muss transportiert werden. Fabriken brauchen Strom und Diesel. Taxis erhöhen ihre Tarife. Geschäfte erhöhen ihre Preise. So verteuert sich die gesamte Wirtschaft, während die Löhne unverändert bleiben.
Die offizielle Erklärung lautet, Syrien sei stark von Importen abhängig, die internationalen Beschaffungskosten seien gestiegen und Störungen bei russischen Energieexporten hätten zusätzlich Druck erzeugt. Ich behaupte nicht, dass diese Faktoren frei erfunden sind. Natürlich treffen Schwankungen der internationalen Energiepreise auch Syrien, zumal 14 Jahre der Zerstörung die Wirtschaft des Landes schwer geschwächt haben. Aber ich glaube nicht, dass sich damit die grundsätzliche Preisentwicklung erklären lässt.
Unter Assad wurde uns immer wieder gesagt, das Hauptproblem seien die Sanktionen und der Verlust von Ölfeldern östlich des Euphrat. Unter Dscholani wurden diese Sanktionen aufgehoben, und die neuen Machthaber erhielten wieder Zugang zu den wichtigen Energieressourcen, die zuvor von den kurdisch geführten Demokratischen Kräften Syriens (SDF) kontrolliert worden waren. Doch die versprochene Entlastung der einfachen Syrer blieb aus, die Preise stiegen weiter. Meiner Ansicht nach liegt die wichtigere Erklärung im Wirtschaftsmodell, das Syrien auferlegt wird: Privatisierung, Abbau von Subventionen und Öffnung strategischer Sektoren für ausländische Investoren, deren Kalkulation sich an Gewinnmargen und nicht an der Kaufkraft der syrischen Bevölkerung orientiert.
Wenn Chevron, BP oder ein anderer internationaler Großkonzern in ein Land kommt, dann investiert er, weil er Rendite erwartet. Wenn multinationale Unternehmen im Irak, in Jordanien, am Golf oder anderswo in der Region eine bestimmte Gewinnmarge erzielen können, werden sie kaum enorme Summen in Syrien investieren, wenn die Regierung von ihnen verlangt, Energie zu subventionierten Preisen weit unter dem regionalen Marktniveau zu verkaufen. Das ist nur logisch. Der Staat kann ausländisches Kapital anlocken, aber dieses Kapital wird Bedingungen verlangen, unter denen sich Geld verdienen lässt. Wenn dafür die Preise für Strom, Benzin, Diesel und Dienstleistungen auf das regionale Niveau steigen, muss jemand die Differenz tragen. Und das wird der syrische Verbraucher sein.
Dscholani selbst hat im Grunde eingeräumt, dass Syrien einen solchen wirtschaftlichen „Schock“ durchmacht. Während sich zu Hause die Proteste ausbreiteten, erklärte er in den Vereinigten Arabischen Emiraten, das Land vollziehe den Übergang von einem System, das dem Sozialismus ähnele, zu einer liberalisierten Wirtschaft, die stärker auf Privatwirtschaft und freien Markt setze. Drastische wirtschaftliche Umbrüche, sagte er, gingen zwangsläufig mit einem Schock einher. Und vorübergehend könne den Menschen die frühere wirtschaftliche Lage besser erscheinen. Theoretisch verstehe ich, was er meint. Man kann nicht eine Wirtschaftsordnung abbauen und eine andere an ihre Stelle setzen, ohne Verwerfungen zu erzeugen.
Vor mehr als zehn Jahren traf ich Abdallah Dardari, den früheren stellvertretenden Ministerpräsidenten Syriens, der zwischen 2005 und 2010 an den Wirtschaftsreformen unter Assad beteiligt war. Er erklärte mir eine ähnliche Logik: Wenn man ein neues, auf einem offenen Markt beruhendes System schaffen wolle, müssten zunächst die tragenden Säulen des alten Systems abgebaut werden. Der Unterschied ist: Das Syrien der Jahre 2005 bis 2011 war nicht das Syrien von heute. Damals hatte Syrien noch funktionierende Universitäten und Berufsschulen, qualifizierte Arbeitskräfte, Fabriken und eine gebildete Mittelschicht, die einen solchen Wandel hätte mittragen können.
Wer einen Sektor privatisiert, braucht Ingenieure, Buchhalter, Manager, Techniker, Direktoren, Juristen, Verwaltungsfachleute und Arbeiter, die in der neuen Wirtschaft beschäftigt werden können. Syrien bildete früher viele solcher Fachkräfte aus. Heute, nach 14 Jahren der Zerstörung, Sanktionen, Auswanderung und des institutionellen Verfalls, sind viele dieser menschlichen Ressourcen verschwunden oder erheblich geschwächt. Hunderttausende gut ausgebildete Syrer leben im Ausland. Universitäten und Ausbildungsstätten haben gelitten. Die Industrie wurde zerstört oder ins Ausland verlagert. Das Land versucht also, einen viel radikaleren wirtschaftlichen Wandel von einer viel schwächeren Ausgangsposition aus zu bewältigen.
Deshalb glaube ich: Wenn Dscholani wirklich will, dass dieses Wirtschaftsmodell funktioniert, kann er nicht einfach ausländische Unternehmen ins Land holen, Sektoren privatisieren und den Menschen sagen, sie müssten den Schock aushalten. Er muss zunächst die menschlichen Voraussetzungen für die angestrebte Wirtschaftsordnung schaffen. Er muss in Bildung und Qualifikation investieren und eine Schicht von Syrern heranbilden, die in den neuen Wirtschaftszweigen eine Rolle spielen kann, statt die Syrer zu schlecht bezahlten Konsumenten in einer Wirtschaft zu machen, die zunehmend ausländischem Kapital gehört oder von ihm kontrolliert wird. Andernfalls wird dieser Wandel sozial katastrophale Folgen haben.
Die Proteste zeigen bereits, wie schnell sich wirtschaftlicher Unmut ausbreiten kann. Verfolgt man sie auf der Karte, kam es an Dutzenden Orten in mehreren Gouvernements zu Protesten, darunter Aleppo, Idlib und Hama. Dass auch in Idlib protestiert wurde, ist besonders wichtig, weil die Region Dscholanis historische Hochburg ist. Damaskus blieb ruhiger, zumindest bislang. Doch jeder, der Damaskus kennt, weiß, dass die Hauptstadt häufig erst einmal abwartet, wohin der politische Wind weht, bevor sich größere Teile der Gesellschaft auf eine Seite schlagen. Entscheidend ist, dass man diese Proteste nicht als örtliche Unruhe in einer einzelnen aufgebrachten Stadt abtun kann. Sie haben sich über weite Teile des Landes ausgebreitet und wurzeln in einem wirtschaftlichen Problem, das Syrer über politische und konfessionelle Grenzen hinweg betrifft.
Bemerkenswert fand ich auch die Äußerungen eines Mannes aus Deir ez-Zor, der keineswegs als nostalgischer Assad-Anhänger auftrat. Im Gegenteil: Er sagte ausdrücklich, dass er die frühere Regierung nicht loben wolle. Trotz Caesar Act, Sanktionen und all der Probleme des alten Regimes, sagte er, habe er damals leichter Brot bekommen und leichter überleben können als heute. Er warnte die gegenwärtigen Machthaber, dass sich dieselben Menschen, die sie unterstützen, eines Tages gegen sie erheben könnten, wenn sich die wirtschaftliche Lage nicht verbessert. Ich halte dieses Phänomen für politisch bedeutsamer als Debatten in den sozialen Medien.
Die meisten einfachen Menschen wachen morgens nicht auf und fragen sich, welches geopolitische Lager die ideologische Debatte über Syrien gewonnen hat. Sie vergleichen gestern mit heute. Kann ich Brot kaufen? Kann ich mir Treibstoff leisten? Finde ich Arbeit? Kann ich meine Medikamente bezahlen? Können meine Kinder zur Schule gehen? Wenn die Antworten heute schlechter ausfallen als gestern, beginnt die politische Legitimität zu zerfallen.
Hier möchte ich ganz deutlich sein, denn jedes Mal, wenn ich kritisiere, was unter Dscholani geschieht, nimmt sofort jemand an, ich warte auf die Rückkehr Baschar al-Assads. Assad kommt nicht zurück. Ich will nicht, dass Assad zurückkommt. Und ich glaube, dass Menschen, die meinen, ein Zusammenbruch Dscholanis bedeute automatisch, Baschar al-Assad werde nach Damaskus zurückkehren, die Realität des heutigen Syrien verkennen. Dieses Kapitel ist abgeschlossen.
Meiner Ansicht nach würde Assad unter den heutigen Bedingungen wahrscheinlich selbst dann nicht wieder regieren wollen, wenn ihm jemand die Möglichkeit dazu böte. Noch wichtiger ist, dass er nicht mehr über die politischen und materiellen Mittel verfügt, die ihm vor dem 8. Dezember 2024 zur Verfügung standen. Unter den Syrern ist er nach wie vor eine äußerst polarisierende Persönlichkeit. Menschen kämpften für ihn, Menschen kämpften gegen ihn, und ungeheuer viele Syrer wurden in diesem Konflikt getötet. Warum sollten wir annehmen, dass Syrien, ein Land mit mehr als 20 Millionen Einwohnern und Tausenden fähigen Menschen, für immer nur von einer einzigen Familie regiert werden kann?
Ich habe den syrischen Staat gegen eine Regime-Change-Operation verteidigt. Das bedeutet nicht, dass ich glaube, Baschar al-Assad müsse Syrien heute, morgen und für immer regieren. Das sind zwei völlig verschiedene Positionen. Nehmen wir an, das gegenwärtige Regime bräche zusammen. Wer auch immer auf Dscholani folgt, falls er eines Tages die Macht verliert, wird das strukturelle Problem erben. Syrien verfügt heute nicht mehr über die Voraussetzungen, die Hafiz al-Assad geschaffen hatte und die selbst Baschar al-Assad vor 2011 noch vorfand. Das Land ist von ausländischen Mächten und ihren Netzwerken durchdrungen, wirtschaftlich abhängig, militärisch zersplittert und von Staaten umgeben, die ihre eigenen Interessen verfolgen.
Wer auch immer in Damaskus regiert, wird sofort unter dem Einfluss der Türkei, Israels, der Golfstaaten, der Vereinigten Staaten und anderer regionaler und internationaler Akteure stehen. Man wird ihn unter Druck setzen und ihm politische und wirtschaftliche Zugeständnisse abverlangen. Selbst wenn Hafiz al-Assad morgen aus seinem Grab stiege, könnte er Syrien nicht so regieren wie in den 1970er- oder 1980er-Jahren. Denn die materiellen Voraussetzungen, die eine derart zentralisierte Souveränität ermöglichten, bestehen nicht mehr.
Kommen wir nun zum gefährlichsten Missverständnis im Zusammenhang mit den Protesten. Manche glauben, Dscholani werde einfach gehen, wenn nur genügend Syrer protestieren. Ich glaube nicht, dass es so kommen wird. Wenn das gegenwärtige Regime sein Überleben bedroht sieht, wird es zu massiver Repression greifen. Und zwischen den Fraktionen, die die heutige Ordnung hervorgebracht haben, werden bewaffnete Auseinandersetzungen ausbrechen. Syrien ist noch immer voller Waffen, ideologischer Fraktionen, Takfiri-Netzwerke, Stammesstrukturen und rivalisierender Sicherheitskräfte. Ein Zusammenbruch der Zentralgewalt könnte eine weitere Runde des Bürgerkriegs auslösen, in der die Fraktionen, die heute noch Seite an Seite stehen, einander zerfleischen, bevor die Gewalt auf den Rest der syrischen Gesellschaft übergreift.
Das ist das Szenario, das ich am meisten fürchte. Und das regionale Umfeld macht dieses Szenario noch wahrscheinlicher. Denn die Türkei und Israel sind keine passiven Beobachter, die einfach abwarten, wofür sich die Syrer entscheiden. Beide verfolgen strategische Interessen in Syrien. Die Türkei hat dort weitreichende politische, militärische und wirtschaftliche Verbindungen aufgebaut. Israel hat seit dem Zusammenbruch der Assad-Herrschaft ein großes Gebiet Syriens besetzt. Ein Zusammenbruch der Zentralgewalt könnte dazu führen, dass weitere Gebiete unter die Besatzung dieser Nachbarstaaten geraten.
Deshalb ist Dscholanis Reise in die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) so interessant. Offiziell nahm er an einer Konferenz in Abu Dhabi teil, während sich in Syrien die Protestwelle ausbreitete. Solche internationalen Auftritte sind zum wichtigen Bestandteil in den Bemühungen des neuen Regimes geworden, sich als legitim und wirtschaftlich offen zu präsentieren. Dscholanis Kritikern zufolge ging es bei dem Besuch in Wirklichkeit darum, Mohammed bin Zayed um finanzielle Unterstützung zu bitten, nachdem andere Geldquellen am Golf weniger verlässlich geworden sind. Benötigt werde das Geld unter anderem für die Gehälter seines Militär- und Sicherheitsapparats. Außerdem wird behauptet, Dscholani wolle sich in Abu Dhabi heimlich mit einer israelischen Delegation treffen und sei zu erheblichen Zugeständnissen bereit, um seine Herrschaft zu sichern.
Ich kann diese Behauptungen nicht unabhängig überprüfen und stelle sie nicht als erwiesene Tatsachen dar. Erwähnenswert sind sie dennoch, weil sie eine grundsätzlichere Frage über das gegenwärtige Regime aufwerfen: Wie viel politische Autonomie kann Damaskus tatsächlich bewahren, wenn das Überleben seiner Institutionen von ausländischer Finanzierung abhängt?
Meine Interpretation ist, dass Dscholani angesichts der Veränderungen im regionalen Umfeld nach neuen ausländischen Geldgebern sucht. Katar und Saudi-Arabien haben für die neuen syrischen Machthaber bislang eine wichtige Rolle gespielt, die VAE unterhalten besonders enge strategische Beziehungen zu Israel. Gelingt es Dscholani, die Emiratis stärker in Syrien einzubinden, könnte Wirtschaftshilfe aus Abu Dhabi einen Kanal schaffen, über den sich neue Beziehungen zu Israel politisch leichter anbahnen ließen. Unabhängig davon, ob das angebliche Geheimtreffen stattgefunden hat oder nicht, sollte man diese Entwicklung grundsätzlich im Auge behalten. Die Machthaber in Damaskus brauchen dringend Geld. Sie brauchen Geld, um Soldaten, Sicherheitskräfte und Staatsbedienstete zu bezahlen. Sie brauchen ausländisches Kapital, um die Infrastruktur wiederaufzubauen. Ist eine Regierung finanziell derart schwach, kommt ausländische Hilfe mit politischen Bedingungen.
Was wirtschaftlich in Syrien geschieht, erinnert mich zu einem gewissen Grad an die Transformation Jugoslawiens und des Balkan. Ich sage nicht, dass Syrien und Jugoslawien identische Fälle sind, ich vergleiche die Abfolge: einen Staat schwächen, mit Sanktionen belegen, zerstören, seine Institutionen zersplittern, ihm die Fähigkeit nehmen, Teile seiner Wirtschaft zu steuern, und anschließend das, was übrig bleibt, unter weitgehend von äußeren Mächten bestimmten Bedingungen für Privatisierung und ausländisches Kapital öffnen. Viele Syrer glauben, der Lebensstandard werde automatisch steigen, sobald westliche Unternehmen und Unternehmen vom Golf nach Syrien kommen, weil das Land dann endlich in die sogenannte internationale Gemeinschaft zurückgekehrt ist. Ich vermute, dass kurz- und vielleicht mittelfristig das Gegenteil geschehen könnte.
Mit der Integration Syriens in regionale und internationale Märkte werden sich auch die syrischen Preise zunehmend am regionalen Preisniveau orientieren. Strom, Treibstoff, Transport, Immobilien, Gesundheitsversorgung, Bildung und Dienstleistungen werden sich allmählich auf ein Niveau zubewegen, das Investoren für wirtschaftlich rentabel halten. Ausländische Unternehmen werden ihre Kosten und erwarteten Renditen mit anderen Märkten vergleichen, auf denen sie ihr Kapital einsetzen könnten. Aber die syrischen Löhne werden nicht auf magische Weise zu emiratischen, deutschen oder amerikanischen Löhnen, nur weil die Wirtschaft liberalisiert wurde. Das ist eine Illusion.
Tatsächlich könnte das neue Wirtschaftsmodell auf Folgendes hinauslaufen: Globale Preise. Syrische Löhne. Das werden die Syrer, so fürchte ich, erleben: Privatisierung, schrittweiser Abbau von Subventionen und Kommerzialisierung von Dienstleistungen. Sie werden mehr für Strom bezahlen, mehr für Transport, mehr für Bildung, mehr für Gesundheitsversorgung und mehr für Güter des täglichen Bedarfs, während ihre Löhne kaum mit der Inflation Schritt halten. Menschen, die Vermögenswerte besitzen und Zugang zu ausländischem Kapital haben, können in einem solchen System reicher werden. Ein einfacher Arbeiter, der nichts besitzt außer seinem Lohn, wird den Wandel anders erleben.
Deshalb überzeugt es mich nicht, wenn Regierungsvertreter alles als vorübergehenden wirtschaftlichen Schock bezeichnen und die Menschen auffordern zu warten. Vielleicht haben sie Recht damit, dass ein Teil dieses Schocks vorübergehend ist. Aber vorübergehend bis wann? Was ist der Plan? Was sind die messbaren Ziele?
Unter dem früheren syrischen Regime gab es, was immer man von ihm halten mag, zumindest Fünf- und Zehnjahrespläne mit konkreten Vorgaben für einzelne Wirtschaftszweige, Produktion und Staatsausgaben. Wenn die heutigen Machthaber von den Syrern, die schon 14 Jahre Krieg überstanden haben, weitere Entbehrungen verlangen, müssen sie ihnen sagen, wie lange diese Phase dauern soll.
Den Menschen einfach zu versprechen, der freie Markt werde ihr Leben irgendwann verbessern, ist kein Wirtschaftsplan. Es ist, wie wir auf Arabisch sagen, in den Wind geredet. Und die Syrer haben genug Versprechen gehört.