Ansar Allah ist kein Proxy des Iran, sondern eine Bewegung, die aus der Geschichte des Jemen hervorgegangen ist. Sie entstammt einem zaiditischen Umfeld, vertritt aber nicht alle Zaiditen und wird umgekehrt auch von schafiitischen Sunniten unterstützt. Die Bewegung wird nicht vom Iran kontrolliert, ist aber im Krieg näher an ihn herangerückt. Mit der Kontrolle über die Meerenge Bab al-Mandab verfügt sie über ein Druckmittel, mit dem sie künftig weitreichende Forderungen zur Neuordnung des Jemen durchsetzen könnte

Der Beitrag erschien am 18. September 2026 auf Englisch bei x.com/ejmalrai

Von Elijah J. Magnier

Elijah J. Magnier ist Kriegsreporter und internationaler Korrespondent mit über 35 Jahren Erfahrung in Asien, Afrika und Europa. Er war Berater im Europäischen Parlament und beschäftigt sich als Konfliktforscher mit Kriegen und geopolitischen Auseinandersetzungen

In den vergangenen Tagen hat Ansar Allah rund 5.400 Quadratkilometer Gebiet erobert. Diese Zahl wurde von Kommandeuren der sich zurückziehenden gegnerischen Kräfte bestätigt. Ansar Allah rückt weiter durch das Kahbub-Gebirge am Bab al-Mandab vor, wo die Lage unübersichtlich bleibt. Seine Gegner bleiben in der Defensive – trotz anhaltender saudischer Luftunterstützung und wiederholter Luftangriffe, mit denen der Vormarsch der Bewegung an mehreren Fronten gestoppt werden soll. 

Diese rasche territoriale Expansion hat externe Beobachter dazu veranlasst, die Entwicklungen im Jemen wieder vor allem als Ausweitung iranischer Macht zu interpretieren. Der Jemen-Krieg wird immer wieder mit zwei griffigen Formeln erklärt: als sunnitisch-schiitischer Krieg und als iranischer Stellvertreterkonflikt. Beide Formeln enthalten ein Stück Wahrheit, verdecken gemeinsam aber weit mehr, als sie erklären. 

Ansar Allah ist aus einem zaiditischen Umfeld hervorgegangen und unterhält heute bedeutende militärische und politische Beziehungen zum Iran. Doch die zaiditische Identität bestimmt nicht die politischen Loyalitäten im Jemen, und iranische Unterstützung bedeutet nicht automatisch iranische Befehlsgewalt. Ansar Allah wurde nicht in den Jemen importiert. Die Bewegung entstand im nördlichen Hochland, überstand zwischen 2004 und 2010 sechs Kriege gegen die Zentralregierung, nutzte den Zusammenbruch des Übergangsprozesses nach 2011 und expandierte durch Stammesbündnisse, militärische Gewalt, politische Verhandlungen und die Fehler ihrer Gegner. 

Der Iran stärkte später die Fähigkeiten der Bewegung, doch er schuf weder ihre gesellschaftliche Basis noch die Missstände und politischen Bedingungen, aus denen sie hervorging. Die jüngste Offensive muss deshalb nicht nur vor dem Hintergrund der regionalen Ziele Teherans betrachtet werden, sondern auch vor dem Hintergrund der eigenen jemenitischen Geschichte, gesellschaftlichen Basis und Ambitionen von Ansar Allah.

Die konfessionelle Erklärung reicht nicht aus

Die Beschreibung Ansar Allahs als „vom Iran unterstützte schiitische Miliz“, die einer „sunnitischen Regierung“ gegenübersteht, rückt den regionalen Konflikt zwischen dem Iran und Saudi-Arabien ins Zentrum eines Krieges, dessen wesentliche Ursachen im Jemen selbst liegen. Die Zaiditen sind nicht etwa eine fremde Gemeinschaft, die an der Südgrenze Saudi-Arabiens angesiedelt worden wäre. 

Der Zaidismus entstand im 8. Jahrhundert um Zaid ibn Ali, einen Urenkel Imam Alis, der 740 bei einem Aufstand gegen die Herrschaft der Umayyaden getötet wurde. Seine dauerhafte politische Präsenz im Jemen reicht bis 897 zurück, als Imam al-Hadi ila'l-Haqq in Saada ein zaiditisches Imamat errichtete. Die Zaiditen erkennen Imam Ali, dessen Söhne Hasan und Husain sowie Husains Sohn Ali Zain al-Abidin an. Ihre Tradition wurde anschließend mit Zain al-Abidins Sohn Zaid verbunden, von dem sich ihre Bezeichnung ableitet. 

Die Zwölferschiiten leiten die Nachfolge dagegen über Zaids Halbbruder Muhammad al-Baqir weiter und führen sie über eine festgelegte Linie bis zum zwölften Imam. Die zaiditische Lehre endet allerdings nicht mit fünf Imamen. Jeder geeignete Nachkomme Hasans oder Husains kann Anspruch auf das Imamat erheben, indem er öffentlich seinen Führungsanspruch geltend macht und sich gegen Unrecht erhebt. Der Zaidismus gehört daher seit mehr als elf Jahrhunderten als eigenständige islamische Tradition zur religiösen, politischen und gesellschaftlichen Landschaft des Jemen, getrennt von der Zwölferschia.

Zaiditische Imame herrschten bis zur republikanischen Revolution von 1962 über große Teile des nördlichen Jemen. Heutige demografische Schätzungen schwanken, weil es im Jemen aktuell keine verlässliche Volkszählung nach Konfessionen gibt. Im Allgemeinen wird aber davon ausgegangen, dass Zaiditen zwischen 35 und 45 Prozent der Bevölkerung ausmachen und vor allem im nordwestlichen Hochland leben.

Rund 57 Prozent der Fläche des Jemen sind Wüste. Ansar Allah kontrolliert etwa 35 Prozent des Staatsgebiets, darunter einen großen Teil des dicht besiedelten westlichen Hochlands, und herrscht über Gebiete, in denen etwa zwei Drittel der jemenitischen Bevölkerung leben. Die übrigen 65 Prozent des Landes und ein Drittel der Bevölkerung verteilen sich auf regierungsnahe, südjemenitische, tribale und lokal autonome Kräfte, die Ansar Allah feindlich gegenüberstehen. Ein großer Teil dieses flächenmäßig umfangreicheren Gebiets besteht aus dünn besiedelten Wüstenregionen im Osten und Süden.

Die politischen Trennlinien im Jemen lassen sich nicht sauber auf seine religiösen Identitäten übertragen. Viele Zaiditen – die einer vom Zwölferschiismus verschiedenen Richtung des Islam angehören – unterstützen Ansar Allah, andere Zaiditen lehnen die Bewegung ab. Zugleich stehen viele schafiitische Sunniten auf der Seite Ansar Allahs. Zu ihnen gehört neben zahlreichen anderen sunnitischen Amtsträgern, Offizieren und Kämpfern auch Verteidigungsminister Generalmajor Mohammed Nasser al-Atifi. Im Jemen bestimmt – mit Ausnahme der Salafisten – die Religionszugehörigkeit nicht automatisch die politische oder militärische Loyalität. Diese Identitäten bringen allerdings keine zwei geschlossenen, einander gegenüberstehenden politischen Lager hervor. 

Der Schafiismus ist eine der vier großen Rechtsschulen des sunnitischen Islam. Er ist nicht mit dem Salafismus gleichzusetzen, einer anderen religiösen Strömung, die Glaubensvorstellungen und Praktiken der frühesten Generationen des Islam wiederherstellen will. Ein schafiitischer Jemenit kann Traditionalist, Sufi, Salafist, politisch säkular oder solchen Einordnungen gegenüber weitgehend gleichgültig sein.

Die Salafisten von Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP), dem jemenitischen Ableger von Al-Qaida, operieren mit verstreuten Zellen und aus Rückzugsräumen vor allem im Süden und Osten des Jemen. Zu ihren Aktivitätsgebieten gehören Abyan, Schabwa, Hadramaut, al-Baida und Teile von Ma'rib, die nominell von verschiedenen Ansar Allah feindlich gegenüberstehenden Kräften kontrolliert werden. Das bedeutet nicht, dass all diese Kräfte AQAP unterstützen. Mehrere von ihnen haben die Organisation sogar bekämpft. 

Salafisten sind wesentlich weiter verbreitet und umfassen mehrere miteinander konkurrierende religiöse und politische Strömungen, von denen nur ein kleiner extremistischer Teil Al-Qaida angehört. Schafiitischer Sunnismus, Salafismus und Al-Qaida sind daher weder Synonyme noch Bestandteile eines einzigen politischen Lagers.

Eine Bewegung, die aus der jemenitischen Geschichte hervorging

Die Ursprünge Ansar Allahs liegen in den politischen und kulturellen Veränderungen nach dem Ende des zaiditischen Imamats: die Marginalisierung Saadas, die Schwächung zaiditischer Bildungseinrichtungen und die Ausbreitung des von Saudi-Arabien geförderten salafistischen Einflusses im Norden. Die Bewegung der Gläubigen Jugend, aus der Ansar Allah hervorging, konzentrierte sich zunächst auf religiöse Bildung und die Wiederbelebung der zaiditischen Identität. Ihre Konfrontation mit der Regierung von Präsident Ali Abdullah Saleh führte schließlich zu sechs Kriegen in Saada. Hussein al-Huthi wurde 2004 getötet, Jahre bevor der Iran auch nur annähernd so enge Beziehungen zu der Bewegung unterhielt wie heute.

Diese Kriege verschafften Ansar Allah jene Erfahrungen, die für die Bewegung prägend wurden: lokale Rekrutierung, Gebirgskrieg, dezentrale Führung, Verhandlungen mit Stämmen und das Überleben im Kampf gegen einen besser ausgerüsteten, von Saudi-Arabien unterstützten Staat. Diese gesellschaftlichen Grundlagen hätte Teheran nicht von außen schaffen können.

Die Unruhen von 2011, das Scheitern der Übergangsregierung und die weitverbreitete Ernüchterung über die bestehende politische Klasse eröffneten Ansar Allah Möglichkeiten weit über ihr ursprüngliches Kerngebiet hinaus. Der Einmarsch in Sanaa wurde 2014 nicht nur durch die eigene militärische Stärke ermöglicht, sondern auch durch Bündnisse mit Kräften, die dem früheren Präsidenten Saleh loyal waren – demselben Mann, der die Bewegung wiederholt bekämpft hatte. 

Dieses Bündnis zerbrach schließlich, und Ansar Allah tötete Saleh 2017. Die Episode zeigt dennoch die Flexibilität der jemenitischen Politik: Der konfessionelle Feind von gestern wurde zum taktischen Verbündeten von heute und dann wieder zum Feind von morgen.

Die Stammeskarte widerlegt die konfessionelle Karte

Die Stammeslandschaft des Jemen lässt sich nicht sauber in zaiditische Anhänger Ansar Allahs und sunnitische Gegner aufteilen. Entscheidungen der Stämme werden von lokalen Verhältnissen, Sicherheit, Verwandtschaft, Patronage, Missständen, politischen Möglichkeiten und Überlebenskalkülen bestimmt. Bündnisse verschieben sich, weil sich die Machtverhältnisse verschieben.

Vor diesem Hintergrund ist auch die Botschaft zu verstehen, die Ansar Allah während seiner jüngsten Offensive an die Stämme im Süden und Osten des Jemen gerichtet hat. Die Bewegung hat sie zur Neutralität aufgefordert und stellt ihren Kampf als einen Kampf gegen Saudi-Arabien dar, nicht gegen die Gemeinschaften im Süden und Osten. Ihre wesentliche Forderung lautet, dass diese Stämme und bewaffneten Formationen ihr nicht in den Rücken fallen, während Ansar Allah gegen Saudi-Arabien kämpft.

Die vom pro-saudischen Tareq Saleh, einem Neffen des verstorbenen Präsidenten Ali Abdullah Saleh, geführten Kräfte lehnten dieses Angebot ab. Seine Nationalen Widerstandskräfte bildeten einen wichtigen Bestandteil der militärischen Präsenz gegen Ansar Allah entlang der Westküste. Ihre Weigerung trug dazu bei, den Korridor am Roten Meer in ein aktives Kampfgebiet zu verwandeln.

Ansar Allah hat seitdem Mokka eingenommen, ist entlang der umliegenden Küstengebiete vorgestoßen und hat seine umfangreichen jüngsten Gebietsgewinne konsolidiert. Die Bewegung hat Perim, auch Mayun genannt, inmitten des Bab al-Mandab sowie Dhubab eingenommen und erhöht zugleich den Druck an den Fronten in Richtung Taiz und Ma'rib. Die Einnahme Mokkas, das Vordringen auf strategisch wichtige Inseln im Roten Meer und der Vorstoß in Richtung Taiz haben das militärische Kräfteverhältnis dramatisch verändert.

Diese Vorstöße sind nicht bloß eine Ausweitung iranischer Macht durch jemenitische Hilfstruppen. Sie sind das Ergebnis zersplitterter Gegner, nachlassender Unterstützung von außen, der Schwäche der international anerkannten Regierung und der Fähigkeit Ansar Allahs, Kräfte zu mobilisieren und zu konzentrieren, um sich Saudi-Arabiens Verletzung des Waffenstillstands von 2022 und den gegen Sanaa verhängten Sanktionen entgegenzustellen.

Irans Beitrag ist real, aber Unterstützung ist keine Befehlsgewalt

Die Rolle des Iran zu leugnen wäre ebenso irreführend, wie Ansar Allah auf diese Rolle zu reduzieren. Teheran hat politische Unterstützung, technisches Wissen, militärische Ausbildung sowie Hilfe im Zusammenhang mit Raketen, Drohnen und maritimen Fähigkeiten geleistet. Diese Unterstützung hat Ansar Allah dabei geholfen, sich von einer vorwiegend lokalen Aufstandsbewegung zu einem Akteur zu entwickeln, der weit entfernte Ziele angreifen und die internationale Schifffahrt beeinflussen kann.

Auch jüngste Berichte führen den Erfolg der Offensive an der Westküste auf iranische Waffen und Beratung zurück. Diese Behauptungen müssen kritisch geprüft werden, besonders wenn sie sich auf ungenannte Konfliktparteien stützen. Es gibt jedoch wenig Grund, daran zu zweifeln, dass militärische Koordination und Unterstützung bestehen. Die eigentliche Frage ist nicht, ob der Iran Ansar Allah unterstützt. Das tut er. Entscheidend ist vielmehr, ob Teheran die Entscheidungen der Bewegung kontrolliert. Kontrolle unterscheidet einen Stellvertreter von einem Verbündeten oder strategischen Partner. 

Der Iran bestimmt weder die Führung Ansar Allahs noch dessen Stammesbündnisse und verfügt über keinen nachgewiesenen Mechanismus, mit dem er Entscheidungen der Bewegung blockieren könnte. Brookings hat als Argument angeführt, dass die Bezeichnung als Stellvertreter gerade deshalb analytisch mangelhaft sei, weil eine nachweisbare Kontrolle des Iran über das Verhalten Ansar Allahs fehle. Der Council on Foreign Relations weist ebenfalls darauf hin, dass viele Fachleute die Bewegung eher als „informellen Partner“ denn als klassischen Proxy betrachten.

Der Versuch, Ansar Allah zu isolieren und zu vernichten, hat die Bewegung allerdings näher an den Iran herangeführt und dazu beigetragen, sie in eine erfahrenere und schwerer bewaffnete Organisation zu verwandeln. Die Bezeichnung als Stellvertreter wurde anschließend zur Rechtfertigung genau jener Politik herangezogen, die diese Beziehung überhaupt gestärkt hatte.

Ein gemeinsames Ziel bedeutet keine gemeinsame Befehlsgewalt

In der gegenwärtigen Phase der Konfrontation verfolgen Iran und Ansar Allah unmittelbar ein gemeinsames Ziel: Saudi-Arabien soll sein Öl nicht ungehindert über das Rote Meer exportieren können, während der Iran mit Krieg, Sanktionen und Beschränkungen seiner eigenen Energieexporte und der Straße von Hormus konfrontiert ist.

Für den Iran dient der Druck auf die saudischen Ölexporte dazu, die wirtschaftlichen Kosten des Konflikts für den Gegner zu erhöhen und zu verhindern, dass Saudi-Arabien von der Isolation Irans profitiert.  Ansar Allah dient derselbe Druck dazu, Saudi-Arabien für seine Intervention im Jemen, seine Handelsbeschränkungen gegen das Land und seine fortgesetzte Unterstützung bewaffneter Gegner zu bestrafen. Das Ziel ist dasselbe, die Motive überschneiden sich, sind aber nicht identisch. 

Diese Unterscheidung erklärt, warum die bloße Aufhebung saudischer Beschränkungen und die Beendigung der Blockade möglicherweise nicht mehr ausreichen, um den gegenwärtigen Krieg zu beenden. Solche Maßnahmen bleiben unverzichtbar und könnten die Grundlage für eine Deeskalation bilden. Doch die jahrelangen Kämpfe haben Ansar Allahs Kalkül verändert. Die Forderungen der Bewegung betreffen heute nicht nur Häfen, Flughäfen, Gehälter und wirtschaftlichen Zugang, sondern auch Sicherheitsgarantien, die Nichteinmischung Saudi-Arabiens und die künftige politische und militärische Ordnung im Jemen.

Überdies verfügt die Bewegung heute über territoriale und maritime Druckmittel, die sie zu Beginn früherer Verhandlungen noch nicht besaß. Es ist unwahrscheinlich, dass sie diese Mittel im Gegenzug für die Wiederherstellung von Bedingungen aufgibt, die dem Jemen niemals hätten vorenthalten werden dürfen.

Bab al-Mandab ist nicht plötzlich wichtig geworden

Die Einnahme von Mokka, Dhubab und strategisch wichtigen Inseln hat die physische Position Ansar Allahs rund um den Bab al-Mandab gestärkt. Doch diese Gebietsgewinne haben der Bewegung nicht erst die Fähigkeit verschafft, die Schifffahrt im Roten Meer zu beeinflussen. Diese Fähigkeit zeigte Ansar Allah bereits im November 2023, als es begann, Schiffe abzufangen oder anzugreifen, die es als mit Israel verbunden einstufte. 

Die Bewegung stellte die Kampagne als Unterstützung für Gaza dar, dessen Bevölkerung unter Belagerung stand und mit akuter Not konfrontiert war. Unabhängig davon, wie man die Rechtmäßigkeit, Genauigkeit oder Folgen der Zielauswahl beurteilt, zeigte die Kampagne, dass Ansar Allah das Verhalten der Handelsschifffahrt auf einem der wichtigsten Seewege der Welt verändern konnte, noch bevor die Bewegung die gesamte angrenzende Küste physisch kontrollierte.

Große Reedereien leiteten ihre Schiffe vom Roten Meer weg und um das Kap der Guten Hoffnung herum. Die Bewegung hatte damit durch Raketen, Drohnen, Aufklärung und die glaubhafte Drohung mit Angriffen eine Form maritimer Zugangssperre geschaffen. Die jüngsten Gebietsgewinne festigen diese bereits vorhandene Einflussmöglichkeit und verkürzen die geographischen Distanzen, auf denen sie beruht.

Die ausländische Intervention stärkte die Beziehung, die sie zerstören sollte

Die 2015 begonnene saudisch geführte Militärintervention sollte Ansar Allah entmachten und die in Saudi-Arabien ansässige, international anerkannte Regierung wieder einsetzen. Stattdessen festigten jahrelange Bombardierungen, Blockade und politische Zersplitterung die Herrschaft der Bewegung in Sanaa und erhöhten ihren Bedarf an ausländischer Militärtechnologie. Der Versuch, Ansar Allah zu isolieren, trieb die Bewegung näher an den Iran. Der Versuch, sie zu vernichten, trug dazu bei, sie in eine erfahrenere und schwerer bewaffnete Organisation zu verwandeln. 

Die Bezeichnung der Bewegung als iranischer Stellvertreter wurde anschließend zur Rechtfertigung einer Politik herangezogen, die die Beziehungen zum Iran weiter vertiefte. Das war nicht unvermeidlich. Es war zum Teil das Ergebnis genau jener Strategie, die eine Vertiefung verhindern sollte. Das Missverständnis besteht bis heute fort. 

Wenn Saudi-Arabien und seine Partner davon ausgehen, dass Druck auf Teheran allein Ansar Allah zum Rückzug zwingen könne, verkennen sie sowohl die Interessen der Bewegung als auch die Ursachen ihrer Widerstandsfähigkeit. Der Iran könnte zur Zurückhaltung aufrufen oder Verhandlungen erleichtern, aber er kann Fragen des jemenitischen Territoriums, der Stammesloyalität, der politischen Repräsentation und der nationalen Souveränität nicht für Ansar Allah entscheiden.

Ansar Allah ist aus einem zaiditischen Umfeld hervorgegangen, ohne alle Zaiditen zu vertreten. Die Bewegung ist mit dem Iran verbündet, ohne vom Iran befehligt zu werden. Und sie ist in eine regionale Konfrontation verwickelt, ohne deshalb ihre eigenen jemenitischen Ziele aufzugeben. Wer weiterhin nur nach Teheran schaut, um Ansar Allah zu erklären, wird auch weiterhin die Macht missverstehen, der er in Sanaa gegenübersteht – und das Problem des Jemen überall zu lösen versuchen, nur nicht im Jemen.

Titelbild: Tecumseh*1301 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0