Ursula von der Leyen treibt Europas militärische Integration voran. Die Ukraine wird enger eingebunden, Deutschland soll die Führungsrolle übernehmen. Damit wächst die Gefahr einer direkten Konfrontation mit Russland


Der Beitrag erschien am 19. September 2026 auf Englisch bei korybko.substack


Von Andrew Korybko


Andrew Korybko ist amerikanischer Politologe, der sich auf den globalen Systemwandel zur Multipolarität spezialisiert hat. Er lebt in Moskau


In ihrer jährlichen Rede hat EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mehrere Verteidigungsinitiativen vorgestellt. Am meisten Beachtung fand die Ernennung Kanadas zum ersten „assoziierten Mitglied“ der EU mit dem Ziel, „die verteidigungsindustriellen Grundlagen zu integrieren“ und „die Arktis zu einem gemeinsamen Vorzeigeprojekt zu machen“. In diesem Zusammenhang wurde Kanada eingeladen, einem neuen Europäischen Sicherheitsrat beizutreten, dem auch die Ukraine, das Vereinigte Königreich, Norwegen und weitere, noch nicht genannte Staaten angehören sollen. 


Diese Staaten dürften auch in den EU-eigenen Artikel 4 einbezogen werden. Dieser Artikel bezeichnet das Recht der Mitglieder, dringende Konsultationen einzuleiten, sobald sie sich bedroht fühlen. Die Einbeziehung der Ukraine deutet stark darauf hin, dass damit eine weitere Sicherheitsgarantie geschaffen werden soll, wie sie führende europäische NATO-Staaten dem Land bereits zugesagt haben. Von der Leyen schlug ein gemeinsames Projekt mit der Ukraine zur Entwicklung eines modularen Raketenabwehrsystems vor und kündigte an, dass die verbleibenden Mittel aus dem Programm „Security Action for Europe“ (SAFE) für weitere gemeinsame Projekte eingesetzt werden sollen.


Auf europäischer Ebene soll eine neue Sicherheitsstrategie verabschiedet werden. Einzelheiten dazu nannte die Kommissionspräsidenti  nicht, aber vermutlich wird diese Strategie den Umgang des Blocks mit Russland in der absehbar angespannten Nachkriegsordnung prägen. Schließlich kündigte von der Leyen ein Europäisches Instrument für strategische Unterstützungsfähigkeiten an. Sie beschrieb jene Fähigkeiten als „entscheidende Unterstützungsressourcen und Kraftmultiplikatoren, auf die jede glaubwürdige Verteidigung angewiesen ist“: „Von der Luft- und Raketenabwehr bis zum strategischen Transport und zur Luftbetankung. Vom Weltraum bis zum Cyberraum.“


In der Summe sollen von der Leyens verbundene Verteidigungsvorschläge die Entscheidungsprozesse der EU straffen, ihren Einfluss auf Nichtmitglieder ausweiten und Europa auf einen möglichen Krieg mit Russland bis 2030 vorbereiten – ganz im Sinne entsprechender Prognosen europäischer Politiker. Die Aufnahme der Ukraine in den geplanten Europäischen Sicherheitsrat behandelt das Land faktisch wie einen Verbündeten mit gegenseitiger Beistandsverpflichtung, während seine Verteidigungsindustrie zunehmend in die der EU integriert wird. Damit dürfte die Ukraine auch in der kommenden Ära der wahrscheinlichste Auslöser eines Krieges zwischen der EU und Russland bleiben.


Die Kriegshysterie, die den Block erfasst hat, dürfte zugleich genutzt werden, um die föderalistische Integration voranzutreiben: Aus der Wirtschaftsunion, die sich bereits zu einer politischen Union entwickelt hat, soll zunehmend eine Militärunion werden. Deutschland dürfte unter von der Leyen die Führung dieser militarisierten EU übernehmen – sowohl wegen seines wirtschaftlichen und politischen Gewichts als auch aufgrund seiner Fähigkeit, erheblich mehr für die Verteidigung auszugeben als jedes andere Mitglied. Polen verfügt derzeit zwar über die größte Armee im europäischen Teil der NATO, aber Deutschland ist auf dem Weg, es militärisch zu übertreffen.


Polens regierende Liberale sehen ihr Land in einer „NATO 3.0“ als wichtigsten Juniorpartner Deutschlands bei der Eindämmung Russlands. Die konservative Opposition, deren prominentester Vertreter der Präsident ist, strebt dieselbe Rolle dagegen an der Seite der USA an. Bleiben die derzeitigen Regierungsparteien nach den nächsten Sejm-Wahlen im Herbst 2027 an der Macht, wäre Polens geopolitischer Kurs auf Jahre hinaus festgelegt. Eine Rückkehr der Konservativen – wahrscheinlich in einer Koalition mit den libertären Nationalisten – könnte dagegen den Versuch nach sich ziehen, unter polnischer Führung eine Intermarium-Allianz als Gegengewicht zur wieder aufkommenden deutschen Hegemonie aufzubauen.


Damit zeichnen sich zwei mögliche Szenarien für die Westflanke des neuen Cordon sanitaire ab: entweder eine von Deutschland dominierte militarisierte EU oder eine militarisierte EU, innerhalb derer ein polnisch geführtes Intermarium die deutsche Vorherrschaft ausbalanciert und zugleich die gemeinsamen Bemühungen zur Eindämmung Russlands unterstützt. In beiden Fällen hat von der Leyen Europa auf einen Kriegskurs mit Russland gebracht. Den zunehmend unvermeidlich erscheinenden Dritten Weltkrieg könnte nur noch eine entschlossene Wiederherstellung der russischen Abschreckung verhindern.