Der NATO-Gipfel in Ankara hat die Türkei wieder vollständig auf NATO-Linie gebracht. Die Projekte reichen von neuen Militärhauptquartieren über Verteidigungsabkommen und Energiepipelines bis hin zu einem erneuerten strategischen Abkommen mit dem Vereinigten Königreich. Sie richten sich – gegen die „russische Bedrohung“ – an den NATO-Plänen für die Ostflanke und den Süden aus. Ein qualitativer Wandel der türkischen Außenpolitik des Gleichgewichts könnte die Folge sein

Der Beitrag erschien am 25. Juli 2026 auf Englisch bei United World

Von Yunus Soner

Yunus Soner ist Politikwissenschaftler und Kolumnist der Zeitung Aydınlık.

Der jüngste NATO-Gipfel in der türkischen Hauptstadt Ankara brachte Veränderungen für das Bündnis, insbesondere hinsichtlich Militarisierung, Verteidigungsausgaben und einer aggressiveren Haltung gegenüber Russland und Westasien. Das sind Fortsetzungen und Radikalisierungen bereits eingeleiteter Schritte innerhalb des Bündnisses. Auf dem Gipfel und darüber hinaus hat das Gastgeberland Türkei einer Reihe von Maßnahmen zugestimmt, die zu einem qualitativen Wandel der türkischen Außenpolitik führen könnten.

Ankara verfolgt schon lange eine „Politik des Gleichgewichts“, sowohl im Ukraine-Konflikt als auch angesichts der Angriffe der USA und Israels auf den Iran. Die türkische Regierung setzt auf Vermittlung statt militärische Lösungen und präsentiert sich als außergewöhnlicher Akteur, der mit beiden Konfliktparteien kommunizieren kann. Ob diese Politik tatsächlich neutral ist und die Türkei aus den Konflikten heraushält, ist allerdings fraglich. 

Im Vorfeld des Gipfels betonte die türkische Regierung ihre Vermittlungsfähigkeiten weniger stark und hob stattdessen die strategische Lage des Landes als Vorteil für den Westen, seine Streitkräfte und rasch wachsende Rüstungsindustrie hervor. Eine Reihe von Beschlüssen und Vereinbarungen, die beim Gipfel und darüber hinaus zwischen der Türkei sowohl mit der NATO als Organisation als auch mit ihren einzelnen Mitgliedern getroffen wurden, zeigen: Der Diskurs über die „Politik des Gleichgewichts“ könnte in den Hintergrund treten und durch einen Diskurs der Kriegsvorbereitung ersetzt werden.

Hier sind einige der von der Türkei getroffenen Entscheidungen.

1. Neue multinationale Hauptquartiere in Adana und Istanbul, Drohnenabwehrzentrum in Konya

Schon vor dem Gipfel hat das türkische Verteidigungsministerium die Einrichtung eines multinationalen Korps in Adana bestätigt. Dieses militärische Hauptquartier (MNC-TUR) wird Truppen aus mehreren Mitgliedstaaten beherbergen und Teil des NATO-Verteidigungsplans für den Süden sein. Dieser Plan umfasst das Mittelmeer, den Südkaukasus, das Schwarze Meer und Nordafrika. 

Weiter bestätigt das Verteidigungsministerium die geplante Einrichtung eines maritimen NATO-Kommandos in Anadolukavagi im Istanbuler Stadtteil Beykoz am Bosporus. Im März wurden dort Generäle aus Großbritannien und Frankreich empfangen. Das Kommando soll eine Rolle innerhalb der maritimen Operationen der Ukraine-Koalition der Willigen spielen.

Im Anschluss an den Gipfel wurde die Einrichtung eines neuen Zentrums südlich von Konya angekündigt. Das „Kompetenzzentrum für Drohnenabwehr“ wird Luftraumüberwachung, -analyse und taktische Vorbereitungen für Drohnenkriege sowie Schulungen für NATO-Personal anbieten. Laut der regierungsnahen Zeitung Yeni Şafak wird der Standort Teil des EU-Programms zur Abwehr unbemannter Luftfahrtsysteme (C-UAS) sein, das die Entwicklung und Zulassung neuer Drohnen und Drohnenabwehrsysteme zum Ziel hat.

2. Abkommen zur Verteidigungsindustrie

Ein Höhepunkt des NATO-Gipfels war das Forum der Verteidigungsindustrie. Hier unterzeichnete die Türkei mehrere Vereinbarungen über die Entwicklung und Beschaffung von Rüstungsgütern, darunter Schlagfähigkeiten, integrierte Luft- und Raketenabwehrsysteme, Weltraum- und Aufklärungsfähigkeiten, kritische Rohstoffe für die Verteidigungsindustrie sowie Fähigkeiten zur Sicherung der NATO-Überlegenheit bei unbemannten Luftfahrzeugen, wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtet.

Die Türkei beteiligt sich an einem Programm zur Entwicklung neuer bodengestützter Fähigkeiten für Tiefenschlagfähigkeiten, darunter eine neue Rakete mit einer Reichweite von 2000 Kilometern. Das Programm wird vom Vereinigten Königreich geleitet und verfügt über ein Budget von 50 Milliarden US-Dollar. Die britische Außenministerin Yvette Cooper erklärt: „Mit der Fähigkeit zu hochpräzisen Angriffen werden das Vereinigte Königreich und seine Verbündeten dazu in der Lage sein, wichtige militärische Ziele und die logistischen Triebkräfte der Armeen anzugreifen, jeden Angreifer abzuschrecken und unsere gemeinsame Sicherheit zu stärken. In Ankara senden wir Präsident Putin eine klare Botschaft: Die NATO ist stärker, europäischer und bereit dazu, unsere Bürger gegen die langfristige Bedrohung durch ihn und den russischen Staat zu verteidigen.“

Im Anschluss an den Gipfel kündigte Türkeis Präsident Erdoğan an, dass der türkische Haushaltsanteil für die Verteidigungsindustrie „bis 2030“ auf 3,5 % steigen werde, einschließlich der Ausgaben von 24 Milliarden US-Dollar für das Luftverteidigungssystem namens Steel Dome. Er äußerte sich optimistisch zur Rückkehr der Türkei in das US-amerikanische F-35-Kampfflugzeugprogramm und zur Aufhebung der CAATSA-Sanktionen und erklärte sogar, mit US-Präsident Trump über die künftige Produktion von Kriegsschiffen in türkischen Werften gesprochen zu haben. Erdoğan forderte andere NATO-Staaten dazu auf, „bestehende Beschränkungen“ der Verteidigungszusammenarbeit aufzuheben.

Die regierungsnahe Zeitung Türkiye Today berichtet, dass die neue „Front Door“-Initiative der NATO darauf abzielt, die Zusammenarbeit türkischer Verteidigungsunternehmen mit Bündnisinstitutionen und den Zugang zu Beschaffungs- und Innovationsmöglichkeiten zu vereinfachen, die durch eine gemeinsame Finanzierung von rund 5,3 Milliarden Euro (6,04 Milliarden US-Dollar) unterstützt werden. Die Zeitung berichtet weiter, dass das türkische Verteidigungsministerium einen Beschaffungsleitfaden veröffentlicht hat, in dem die Sicherheits- und Verwaltungsanforderungen dargelegt werden, die inländische Unternehmen erfüllen müssen, um sich um einen Anteil an der gemeinsamen Finanzierung der Allianz zu bewerben.

3. Beitritt zur Verteidigungsbank

Finanzierung ist entscheidend für die Entwicklung der Rüstungsindustrie. Angesichts steigender Militärausgaben haben mehrere NATO-Länder vorgeschlagen, eine gemeinsame internationale Finanzinstitution zu gründen, die Kredite für Verteidigungs- und Militärausgaben bereitstellt: die Defence, Security and Resilience Bank (DSRB). Die Bank wird ihren Hauptsitz in Kanada und ihren europäischen Sitz in Luxemburg haben. Die Türkei hat die Absicht bekundet, der Bank beizutreten. Als Ziel nennt die Bank die Bereitstellung „bezahlbaren Kapitals für Regierungen mit langfristigen, kostengünstigen Finanzierungen, Freisetzung privaten Kapitals durch Bereitstellung von Garantien und Ermöglichung einer intelligenteren und schnelleren Beschaffung“.

4. Bereitstellung von Energieversorgungswegen

Verteidigungsabkommen und die zunehmende Militärpräsenz an den Ost- und Südgrenzen des Bündnisses stellen neue logistische Herausforderungen dar. Im Anschluss an den Gipfel hat die NATO am 22. Juli das „NATO Fuel Supply Chain Capability Program Plan“ verabschiedet. Die Investition in Höhe von 27 Milliarden Euro wird die bestehende Infrastruktur für die Lagerung und Verteilung von Kraftstoffen der NATO modernisieren. Sie wird neue Einrichtungen, einschließlich Pipelines, im östlichen und südöstlichen Teil des Bündnisses unterstützen und sicherstellen, dass die NATO-Streitkräfte über die Energieversorgung verfügen, die sie zur Kriegsbereitschaft benötigen.

Laut zwei Diplomaten hat sich die Türkei zunächst geweigert, das Programm zu unterstützen, berichtet Politico, es sei denn, die türkischen Projekte im Rahmen des Abkommens erhielten vorrangige Finanzierung. Laut einem Bericht von Bloomberg im Mai hatte die Türkei den Bau einer Treibstoffpipeline im Wert von 1,2 Milliarden US-Dollar (1 Milliarde Euro) für militärische Zwecke vorgeschlagen, um den Energiebedarf der Verbündeten an der osteuropäischen Flanke der NATO zu decken. Außerdem sollte eine neue Verbindung von der Türkei über Bulgarien nach Rumänien gebaut werden.

Die endgültige Genehmigung durch Ankara zeigt, dass eine Einigung erzielt wurde, auch wenn die NATO keine Einzelheiten bekannt gegeben hat. Angesichts der Energieverbindungen der Türkei in den Süden, insbesondere in den Irak, ist zu erwarten, dass diese Pipeline im Falle eines Krieges in Osteuropa auch die Straße von Hormus umgeht.

5. Erneuerung des Verteidigungsabkommens mit dem Vereinigten Königreich

Auf bilateraler Ebene hat die Türkei neue Beziehungen zu einer Reihe von NATO-Mitgliedern aufgebaut, nicht nur zu den USA. Der türkische Drohnenhersteller Baykar ist beispielsweise eine strategische Allianz mit dem italienischen Unternehmen Leonardo eingegangen. Das türkische Verteidigungsministerium und türkische Unternehmen pflegen seit langem auch eine Zusammenarbeit mit dem Vereinigten Königreich, dazu gehört der Kauf von Kampfflugzeugen, Verteidigungsverträge mit Rolls Royce und BAE Systems.

Am 8. Juli haben beide Seiten eine neue Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft unterzeichnet. Die britische Regierung erklärt, die Partnerschaft werde „ihre Zusammenarbeit stärken, indem die Konsultationen durch neue Mechanismen zu den politisch-militärischen Aspekten der Sicherheits- und Verteidigungspolitik vertieft werden, darunter Abschreckung und Verteidigung, militärische Zusammenarbeit, Verteidigungsindustrie und -technologie, Cybersicherheit und hybride Bedrohungen, Terrorismusbekämpfung, Widerstandsfähigkeit sowie zivile Bereitschaft und Raumfahrt.“

Laut gemeinsamer Erklärung bekräftigen beide Seiten „das tiefe Engagement zur gegenseitigen Verteidigung und für den Nordatlantikvertrag“. Die Partnerschaft folgt auf die Erneuerung des Rahmendokuments für die strategische Partnerschaft zwischen der Türkei und dem Vereinigten Königreich im April 2026. Das Dokument ist erstmals 2007 in Kraft getreten. In der damaligen gemeinsamen Erklärung wurde das Abkommen als Reaktion auf die Multipolarität dargestellt: „Der sich beschleunigende globale Übergang zu einer multipolaren, fragmentierten internationalen Ordnung führt die Türkei und das Vereinigte Königreich in eine Zeit erhöhter Risiken. Die NATO, das Fundament unserer Sicherheit und kollektiven Verteidigung, hat ihre politische und militärische Bedeutung erhöht.“

Der offizielle Text der jüngsten Vereinbarung ist nicht veröffentlicht worden. Türkische Beamte sagen gegenüber Middle East Eye, dass der Deal „umfassend“ sei. Andere sagen, das Abkommen „formalisiert einen Intra-NATO-Block, der sich gegen einen Rückzug der Vereinigten Staaten und gegen die griechisch-französische Macht im Mittelmeerraum absichert.“ Defence Turkey, eine auf die Verteidigungsindustrie spezialisierte Website mit engen Verbindungen zur türkischen Regierung spricht von einem „neuen Kapitel in den bilateralen strategischen Beziehungen“.

Im Anschluss an den Gipfel sprachen die türkische Regierung und regierungsnahe Medien von einem Neustart der strategischen Beziehungen zur NATO mit positiver Tendenz. Am 24. Juli erklärte Präsident Erdoğan, die türkische Gastfreundschaft während des Gipfels habe „sehr positive Resonanz“ erfahren. Einige Analysten fassen den Gipfel als „stille Neuausrichtung“ der Türkei gegenüber der NATO zusammen. Das westasiatische Land, das geografisch von Konfliktgebieten umgeben ist, wieder vollständig auf NATO-Linie zu bringen, dürfte tatsächlich der größte Erfolg des Gipfels des Bündnisses gewesen sein.

Titelbild: NATO, Official photo – 2026 NATO Summit in Ankara, 8. Juli 2026. Quelle: NATO Multimedia, https://www.nato.int/en/multimedia/multimedia/photos/2026/07/08/official-photo-of-allied-heads-of-state-and-government. Copyright © NATO