Im Wandel von der unipolaren zur multipolaren Weltordnung öffnet sich für die Türkei ein Zeitfenster. Sie kann ihre strategische Lage am Mittelmeer, dem maritimen Eingangstor Eurasiens, nutzen und sich von atlantischen Erfordernissen lösen. Der Kemalismus ist die strategische Vision, die der Türkei ermöglichen wird, im Großmachtwettbewerb des 21. Jahrhunderts ihre geopolitische Identität wiederzufinden
Der Beitrag erschien auf Englisch am 5. August 2026 im Substack des Autors
Von Cem Gürdeniz
Cem Gürdeniz ist Publizist und Vizeadmiral im Ruhestand. Er gründete 2015 das maritime Forum an der privaten Koç-Universität (KÜDENFOR) und 2021 die Stiftung Hamit Naci Mavi Vatan. Gürdeniz ist ein Vordenker der Idee Mavi Vatan (Blaue Heimat), in der die Türkei als Seemacht gedacht wird
Die globale Ordnung hat sich unumkehrbar verändert. Das internationale System, das fast acht Jahrzehnte lang auf der militärischen, wirtschaftlichen und finanziellen Überlegenheit der Vereinigten Staaten beruhte, befindet sich in einem Prozess des Zerfalls und Niedergangs. Die nach 1945 entstandene Pax Americana wandelte sich nach Ende des Kalten Krieges zu einem Bellum Americanum – einer Hegemonie, die durch Kriege und Krisen aufrechterhalten wurde.
Der Zerfall Jugoslawiens, die Zerstörung des Irak, Afghanistans, Libyens und Syriens, die sogenannten Farbrevolutionen, Wirtschaftssanktionen, Stellvertreterkriege und die Osterweiterung der NATO markieren die wichtigsten Etappen dieser Entwicklung. Die Massenvernichtung und der Völkermord in Gaza seit Ende 2023 sind nicht nur eine humanitäre Tragödie, sondern auch der deutlichste Beleg dafür, dass ausgerechnet die Begründer der „regelbasierten internationalen Ordnung“ dieses Leitbild faktisch aufgegeben haben. Die Funktionsunfähigkeit des Völkerrechts, des Systems der Vereinten Nationen, der Genfer Konventionen und des Prinzips staatlicher Souveränität angesichts der politischen Großmacht-Präferenzen hat die Legitimität der nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffenen Ordnung stark untergraben.
Der 2022 begonnene Krieg zwischen Russland und der Ukraine, die Ereignisse in Gaza seit Ende 2023, die Angriffe auf den Seeverkehr im Roten Meer und schließlich der Zwölf-Tage-Krieg gegen den Iran im Jahr 2025 und der am 28. Februar 2026 begonnene Krieg zwischen Iran, Israel und den Vereinigten Staaten haben – neben weiteren regionalen Konflikten – deutlich gemacht, dass weder Kriege noch das internationale System nach den alten Regeln funktionieren. Militärische Stärke, industrielle Kapazitäten, technologische Überlegenheit, Energiesicherheit und geopolitische Widerstandsfähigkeit sind wichtiger geworden als das Völkerrecht. Die Welt kehrt zu einer klassischen geopolitischen Ordnung zurück, die auf dem Gleichgewicht der Kräfte beruht. Besonders bemerkenswert sind dabei die Instrumentalisierung der Geographie und der wachsende Einfluss eschatologischer Vorstellungen.
Die wichtigste geopolitische Realität, mit der die Türkei im zweiten Jahrhundert der Republik konfrontiert ist, besteht darin, dass das Schwarze Meer und das Mittelmeer einmal mehr zum zentralen geostrategischen Schauplatz des globalen Großmachtwettbewerbs werden. Im Mittelpunkt dieses Ringens stehen die strategische Schwächung oder Zerschlagung Russlands, die Eindämmung Chinas und die Begrenzung seines globalen Aufstiegs – sowie die Schaffung einer regionalen Ordnung, die neben den geopolitischen Zielen Israels auch dessen eschatologische Vision stützen soll. Die Rivalität zwischen dem kollektiven Westen – vertreten durch die Vereinigten Staaten, die Europäische Union und die NATO – und der entstehenden Widerstandsachse macht das Schwarze Meer und das Mittelmeerbecken zum entscheidenden geopolitischen Schlachtfeld des 21. Jahrhunderts.
Das Mittelmeer ist weit mehr als ein Binnenmeer zwischen Europa, Asien und Afrika. Es bildet das Zentrum des globalen maritimen Systems: Über die türkischen Meerengen verbindet es das Schwarze Meer mit dem Herzen Eurasiens, über den Suezkanal mit dem Roten Meer, dem Indischen Ozean und dem Indopazifik, über die Straße von Gibraltar mit dem Atlantik. Mit anderen Worten: Das Mittelmeer ist das maritime Eingangstor Eurasiens. Wer dieses Tor kontrolliert, kann nicht nur den östlichen Mittelmeerraum, sondern auch das geopolitische Gleichgewicht Europas, des Nahen Ostens, Nordafrikas und Eurasiens beeinflussen. Aus diesem Grund ist die Rivalität zwischen Israel und der Türkei im 21. Jahrhundert längst über vorübergehende diplomatische Krisen hinausgewachsen und hat sich zu einem strukturellen geopolitischen Gegensatz entwickelt, der sich nur schwer wieder auflösen lassen dürfte.
Der Krieg in Gaza, die Zukunft Syriens, die Blaue Heimat (Mavi Vatan), die Energievorkommen im östlichen Mittelmeer, die Küsten Zyperns und der Levante, neue Verkehrskorridore und neue maritime Hoheitsgebiete sind die Schauplätze, auf denen sichtbar wird, wie Ankara und Tel Aviv jetzt im selben strategischen Raum aufeinanderstoßen. Israel betrachtet es als lebenswichtiges Sicherheitsinteresse, im östlichen Mittelmeer uneingeschränkte See- und Luftüberlegenheit zu bewahren und zu verhindern, dass südlich Anatoliens eine Regionalmacht entsteht, die seine Stellung herausfordern könnte. Die Türkei wiederum betrachtet den Schutz der Blauen Heimat, die Sicherheit der Türkischen Republik Nordzypern und ihre Seegebiete im östlichen Mittelmeer als untrennbare Bestandteile ihrer staatlichen Souveränität. Diese beiden Ansätze lassen sich innerhalb desselben geopolitischen Raums immer schwerer miteinander vereinbaren.
Israels größter strategischer Vorteil in diesem Wettbewerb besteht nicht allein in seiner militärischen und technologischen Leistungsfähigkeit. Das Land verfügt zudem über erheblichen politischen Einfluss in Washington und besitzt dadurch beträchtlichen Gestaltungsspielraum bei der Ausrichtung der amerikanischen Politik gegenüber dem Nahen Osten und dem östlichen Mittelmeer. Die Sicherheitsinteressen der Vereinigten Staaten und Israels decken sich seit vielen Jahren weitgehend. Deshalb lassen sich die amerikanischen Militärpräsenzen in der Region, ihre Energiepolitik, ihre diplomatischen Initiativen im östlichen Mittelmeer und ihre Bemühungen um regionale Bündnisse häufig nicht unabhängig von den Sicherheitsprioritäten Israels beurteilen.
Mit der Einbindung Griechenlands und der Republik Zypern in diese strategische Architektur ist in den vergangenen Jahren eine neue gegen die Türkei gerichtete Achse im östlichen Mittelmeer entstanden, die nicht nur auf bilateralen Beziehungen beruht, sondern vom gesamten atlantischen System getragen wird. Diese geopolitische Linie erstreckt sich geografisch von Alexandroupolis über Kreta und die Souda-Bucht bis zur militärischen Infrastruktur auf Zypern, thematisch von der schnell expandierenden militärischen Zusammenarbeit zwischen Israel und Griechenland bis zu den Energie- und Sicherheitspartnerschaften mit der Republik Zypern. Sie trägt zunehmend die Merkmale einer langfristigen Eindämmungsstrategie. Ihr Ziel besteht darin, den maritimen Zugang der Türkei zu Eurasien im Sinne Blauen-Heimat-Doktrin einzuschränken. So geht es längst nicht mehr nur um einige Inseln in der Ägäis, die Zypernfrage oder Erdgasfelder. Der eigentliche Konflikt dreht sich um die Zukunft des Mittelmeers – des geopolitischen Schlüssels zu Eurasien.
Die schwindende Macht der Vereinigten Staaten
Der Wandel des internationalen Systems ist nicht allein auf den Aufstieg Chinas, Russlands und anderer aufstrebender Mächte zurückzuführen. Der entscheidende Faktor ist vielmehr der Verlust der relativen Macht der Vereinigten Staaten, die nach Ende des Kalten Krieges die unipolare Ordnung errichtet hatten. Zwar verfügen die USA noch immer über den weltweit größten Militärhaushalt, das umfassendste Bündnisnetzwerk und das stärkste Finanzsystem. Doch fehlt ihnen inzwischen die unbegrenzte Fähigkeit, einen langfristigen strategischen Wettbewerb gleichzeitig in Europa, im Nahen Osten und im Indopazifik aufrechtzuerhalten.
Nach Ende des Kalten Krieges präsentierte der liberale Westen unter Führung der Vereinigten Staaten die amerikanische Lebensweise, den neoliberalen Kapitalismus und die liberale Demokratie als Modell einer universellen Zivilisation. Manche erklärten sie sogar zum „Ende der Geschichte“. Wie die vergangenen 35 Jahre jedoch zeigen, hat sich dieser Anspruch nicht erfüllt. Die Kette der Krisen – vom Irak bis Afghanistan, von Libyen bis Syrien, von der Ukraine bis Gaza und von Hormus bis Taiwan – hat die Instabilität vertieft, anstatt einen weltweiten Frieden zu errichten. Im Vergleich zu den römischen, britischen oder selbst osmanischen Friedensordnungen erwies sich die Pax Americana als bemerkenswert kurzlebig.
Heute stützen sich die Vereinigten Staaten und das erweiterte angloamerikanische Geopolitik-Establishment zur Wahrung der strategischen Vorherrschaft auf Krisen und Kriege als zentrale Instrumente der Außenpolitik, anstatt sich an die entstehende multipolare Machtbalance anzupassen. Die Osterweiterung der NATO, der militärische Druck in der Taiwanstraße, die Operationen im Roten Meer, die Sanktionen gegen den Iran und eine Regionalstrategie, die Israels Sicherheit in den Mittelpunkt stellt, sind verschiedene Ausprägungen dieses Ansatzes. Die Strategie, Konkurrenten durch Schaffung permanenter Druckgürtel um Eurasien einzudämmen und dabei zugleich von der geographischen Sicherheit zweier Ozeane zu profitieren, erzielt nicht länger die erwarteten Ergebnisse.
Die umfassende strategische Partnerschaft zwischen Russland und China, die Erweiterung der BRICS, der Ausbau eurasischer Verkehrskorridore und Chinas rasanter Aufstieg zur Seemacht haben das nach dem Kalten Krieg entstandene Kräftegleichgewicht grundlegend verändert. Gleichzeitig verbrauchen die Vereinigten Staaten ihre militärischen, wirtschaftlichen und diplomatischen Ressourcen an drei verschiedenen Fronten gleichzeitig: Sie versuchen, Russland in Europa einzudämmen, Israels Sicherheit im Nahen Osten zu gewährleisten und ein Gegengewicht zu China im Indopazifik zu schaffen. In der Geschichte konnte keine Großmacht ihre weltweite militärische Expansion dauerhaft ohne starke wirtschaftliche und industrielle Basis aufrechterhalten. Darin liegt heute Washingtons zentrale Herausforderung.
Hinter dieser strategischen Erosion stehen nicht nur außenpolitische Entscheidungen, sondern auch sich verschärfende strukturelle Probleme. Die Vereinigten Staaten, die 1945 noch 52 Prozent der weltweiten Industrieproduktion auf sich vereinten, kommen heute nur noch auf rund 18 Prozent und haben die globale Führungsrolle an China verloren. Zugleich befinden sie sich in einer der schwersten fiskalischen Drucksituation ihrer Geschichte: Die jährlichen Zinszahlungen belaufen sich auf rund 1,2 Billionen US-Dollar, die Staatsverschuldung übersteigt 41 Billionen US-Dollar, und die Last des Schuldendienstes wächst rasant.
Gleichzeitig schwächen zunehmende Einkommensungleichheit, eine seit dem Bürgerkrieg beispiellose politische Polarisierung, der schwindende gesellschaftliche Zusammenhalt und die Deindustrialisierung die wirtschaftliche und soziale Widerstandsfähigkeit des Landes. Vor ähnlichen Problemen steht auch die Rüstungsindustrie. Insbesondere im Schiffbau schränken sinkende Produktionskapazitäten, unzureichende Werftinfrastruktur, Verzögerungen bei Wartung und Instandsetzung und der Mangel an qualifizierten Fachkräften die Fähigkeit der größten Marine der Welt ein, einen lang andauernden Krieg hoher Intensität zu führen.
Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine hat die Grenzen der Produktionskapazität von Munition in der amerikanischen und europäischen Rüstungsindustrie offengelegt. Ebenso haben die Marineoperationen gegen die Huthi im Roten Meer und der Irankrieg 2026 gezeigt, dass Bestände hochwertiger Lenkwaffen wie Patriot-, THAAD-, Standard- und Tomahawk-Raketen weit schneller erschöpft sein können als erwartet. Entscheidend ist nicht allein, wie viele Raketen produziert, sondern wie schnell sie im Kriegsfall hergestellt, in das Einsatzgebiet verbracht und verbrauchte Bestände wieder aufgefüllt werden können. In künftigen Kriegen hoher Intensität werden industrielle Produktionskapazitäten, Munitionsvorräte und logistische Nachhaltigkeit wichtiger sein als die bloße Zahl militärischer Plattformen. Deshalb werden Kosten und langfristige Tragfähigkeit in einem möglichen Konflikt mit China im Pazifik heute intensiver in Washington diskutiert als je zuvor.
Die Vereinigten Staaten, einst unangefochtener Garant der globalen Seehandelswege und strategischen Meerengen, verfügen selbst in kritischen Wasserstraßen wie der Straße von Hormus und der Meerenge Bab al-Mandab nicht mehr über uneingeschränkte Handlungsfreiheit. Der Niedergang der Vereinigten Staaten ist eher relativ als absolut. Gleichwohl mindert diese relative Erosion – besonders im Vergleich zum aufsteigenden Asien – ständig Washingtons Fähigkeit, seine militärische Überlegenheit zu bewahren und Krisen gleichzeitig auf mehreren Schauplätzen zu bewältigen. Sie ist damit zu einem der wichtigsten Triebkräfte im Übergang des internationalen Systems von einer unipolaren Ordnung zu einer multipolaren Machtbalance geworden.
Die Türkei und das Ende des atlantischen Paradigmas
In der geopolitischen Lage, mit der die Türkei heute konfrontiert ist, trägt die Sicherheitsarchitektur des Kalten Krieges nicht länger. Die Türkei wird an mehreren Fronten gleichzeitig strategisch eingekreist. Das verdeutlichen Energieprojekte und Initiativen zu maritimen Hoheitsrechten im östlichen Mittelmeer, die die Türkei ausschließen, die wachsende militärische und politische Rivalität mit Israel, Sicherheitsbedrohungen in Nordsyrien und im Nordirak, der Druck zur Errichtung eines unabhängigen Kurdistan im Tigris-Euphrat-Becken, der Verlust von Frieden und Stabilität im Schwarzen Meer, Machtkämpfe in Libyen und Somalia und sich verschärfende Spannungen in der Ägäis.
Auch der PKK-Terrorismus, das FETÖ-Netzwerk und die wiederholten Versuche ausländischer Einflussnahme haben gezeigt, dass innere Sicherheit und äußere Geopolitik nicht getrennt voneinander betrachtet werden können. Für die Türkei besteht die zentrale Aufgabe also nicht darin, frühere Bündnisentscheidungen zu debattieren, sondern innerhalb der entstehenden multipolaren Weltordnung ein eigenständiges geopolitisches Paradigma zu entwickeln, das auf ihren nationalen Interessen beruht. Die grundlegende Frage, vor der die Republik in ihrem zweiten Jahrhundert steht, lautet daher: Wie kann die Türkei ihre strategische Initiative zurückgewinnen, ohne zum verlängerten Arm eines äußeren Machtzentrums zu werden?
Die Antwort lautet Kemalismus
Im zweiten Viertel des 21. Jahrhunderts, in einer Zeit tiefgreifender Verschiebungen des globalen Machtgleichgewichts und des Übergangs von einer unipolaren zu einer multipolaren Ordnung, ist es für die Türkei unerlässlich geworden, ihre strategischen Prioritäten neu zu definieren. Die Geschichte zeigt, dass Staaten, die in Zeiten des Übergangs zwischen Großmächten am Status quo festhalten, am Ende einen hohen Preis zahlen. So wie das Britische Empire nach dem Ersten Weltkrieg seine globale Vormachtstellung allmählich an die Vereinigten Staaten abtrat, erlebt heute das amerikanisch geprägte internationale System einen relativen Machtverlust, während neue Machtzentren in der Weltpolitik zunehmend an Einfluss gewinnen. Für die Türkei bedeutet dieser Wandel nicht nur eine Veränderung des internationalen Systems, er eröffnet zugleich ein historisches Zeitfenster.
Die Türkei ist nicht der natürliche verlängerte Arm irgendeines Machtzentrums. Ihre geopolitische Lage, ihr historisches Erbe, ihr wirtschaftliches Potenzial und ihre staatliche Tradition verleihen ihr eine einzigartige Stellung und ermöglichen ihr, auf Grundlage ihrer nationalen Interessen ausgewogene Beziehungen sowohl zum Osten als auch zum Westen zu unterhalten, anstatt sich zwischen beiden entscheiden zu müssen. Deshalb sollte die künftige Außen- und Sicherheitspolitik der Türkei nicht auf ideologische Loyalitäten gründen, sondern auf Vernunft, geopolitischem Realismus, nationalen Interessen, wirtschaftlicher Stärke und strategischer Autonomie.
In einer Zeit sich wandelnder internationaler Kräfteverhältnisse sollte eine mehrdimensionale Außenpolitik, die zu allen wichtigen Machtzentren beiderseits vorteilhafte Beziehungen entwickelt, ohne zum automatischen Anhängsel irgendeines Bündnisses zu werden, die grundlegende Staatsstrategie im zweiten Jahrhundert der Republik bilden. Weder türkisches Blut noch die wirtschaftlichen Ressourcen der türkischen Nation dürfen in geopolitischen Auseinandersetzungen eingesetzt werden, die nicht den lebenswichtigen nationalen Interessen der Türkei dienen. Wirtschaftliche Verwundbarkeiten dürfen nicht durch außenpolitische Zugeständnisse ausgeglichen werden, ebenso wenig dürfen Sicherheitsbedenken als Rechtfertigung für neue Abhängigkeiten vom Ausland dienen. Nicht nach fremden strategischen Prioritäten, sondern auf Grundlage ihrer eigenen Geschichte, Geographie und nationalen Interessen muss die Türkei ihre ihre Zukunft gestalten.
In der entstehenden Weltordnung bemisst sich Unabhängigkeit nicht mehr nur nach militärischer Stärke. Produktionskapazität, technologische Leistungsfähigkeit, Energiesicherheit, maritime Souveränität, Ernährungssicherheit, finanzielle Widerstandsfähigkeit und gesellschaftlicher Zusammenhalt sind zu integralen Bestandteilen nationaler Macht geworden. Die zentrale Herausforderung für die Türkei besteht darin, diese Elemente in einer einheitlichen Staatsvision zusammenzuführen. An diesem Punkt gewinnen die Gründungsphilosophie der Republik und das kemalistische Staatsverständnis ihre Bedeutung zurück – nicht nur als historisches Erbe, sondern als strategischer Fahrplan, der den geopolitischen Realitäten des 21. Jahrhunderts in vollem Umfang gerecht wird.
Der Name dieses Weges ist Kemalismus
Das neue strategische Paradigma, das die Türkei braucht, heißt Kemalismus. Kemalismus ist nicht bloß symbolische Identität, Bewunderung für Atatürk, ist keine auf staatliche Zeremonien reduzierte Tradition und auch nicht jene formalistische Auslegung, zu der er im Laufe der Jahre schrittweise verkürzt worden ist. Kemalismus ist eine Staatsphilosophie, die in der Lage dazu ist, die nationale Macht unter Leitung einer eigenständigen Staatsräson und auf der Grundlage von geopolitischem Realismus, Wissenschaft und Vernunft zu organisieren. Er ist jene strategische Vision, die es den Gründern der Republik ermöglichte, aus den Trümmern eines zerfallenden Reiches einen modernen Nationalstaat zu errichten.
Im Laufe der Zeit ist der Begriff des Kemalismus bewusst oder unbewusst seines Inhalts entleert worden, seine revolutionären, antiimperialistischen und geopolitischen Dimensionen traten in den Hintergrund. Das Wesen des Kemalismus besteht aber nicht in der Wiederholung historischer Praktiken, sondern in der fortwährenden Weiterentwicklung der Republik durch die Bewahrung des Prinzips vollständiger Unabhängigkeit unter sich wandelnden globalen Bedingungen. In diesem Sinne ist Kemalismus keine erstarrte Ideologie der Vergangenheit, sondern eine zukunftsorientierte dynamische Staatsphilosophie.
Bemerkenswert ist, dass der Begriff „Kemalist“ nicht von den Gründern der Republik geprägt wurde, sondern von ausländischen Kreisen, die den türkischen Unabhängigkeitskampf ablehnten. Für sie war ein Kemalist jemand, der den Vertrag von Sèvres zurückwies, dem Imperialismus Widerstand leistete und erfolgreich einen neuen Staat in Anatolien errichtete. Im Laufe der Zeit bezeichnete der Begriff nicht mehr nur die Anhänger Mustafa Kemals, sondern eine politische Philosophie, die vollständige Unabhängigkeit, nationale Souveränität und Modernisierung miteinander verband. Heute ist nicht das Wesen dieses Kampfes verändert, seine Methoden sind es.
Die Kräfte, die vor einem Jahrhundert versuchten, die Türkei durch militärische Besetzung zu beherrschen, verfolgen im 21. Jahrhundert dasselbe Ziel mit anderen Mitteln: wirtschaftliche Abhängigkeit, technologische Dominanz, finanzielle Einflussnahme, Stellvertreterkriege, Sanktionen, Informationsoperationen und geopolitische Einkreisung. Deshalb ist der Kemalismus nicht nur der wichtigste strategische Bezugspunkt zum Verständnis der Gründungsphase unserer Republik, sondern auch zur Bewahrung der türkischen Unabhängigkeit in der entstehenden multipolaren Weltordnung. Kemalismus heißt nicht Sehnsucht nach der Vergangenheit, sondern Aufbau einer unabhängigen, starken und modernen Türkei.
Das kemalistische Rezept ist unverzichtbar
Das Ideal einer sicheren, wohlhabenden und produktiven Republik Türkei, die – mit den Worten Atatürks – das Niveau der zeitgenössischen Zivilisation erreicht hat, lässt sich nur verwirklichen, indem die Grundprinzipien des Kemalismus unter Bedingungen des 21. Jahrhunderts neu interpretiert und angewendet werden. Der Kemalismus ist nicht nur Ergebnis eines Unabhängigkeitskampfes, sondern umfassendes Programm des modernen Staatsaufbaus, der wirtschaftlichen Entwicklung, des wissenschaftlichen Denkens und des gesellschaftlichen Wandels.
Die überwältigende Mehrheit der türkischen Gesellschaft möchte heute an den Möglichkeiten teilhaben, die das moderne Leben bietet. Modernität bedeutet jedoch nicht einfach, fortschrittliche Technologien zu nutzen, höhere Einkommen zu erzielen oder komfortabel in modernen Städten zu leben. Wahre Modernisierung ist eine Gesellschaftsordnung, in der die Vernunft über das Dogma herrscht, die Wissenschaft das staatliche Handeln leitet, die Rechtsstaatlichkeit gewahrt wird, Frauen und Männer gleiche Chancen besitzen, die Produktion den Vorrang vor dem Konsum genießt und der Staat seinen Bürgern dient – und nicht umgekehrt.
Im vergangenen halben Jahrhundert haben ideologische Polarisierung, populistische Politik und identitätspolitische Debatten in der Türkei einen erheblichen Teil der nationalen Energie in innere Auseinandersetzungen gelenkt. Religion, ethnische Identität und ideologische Zugehörigkeit wurden in dieser Zeit oft zu den wichtigsten Feldern des politischen Wettbewerbs, während strategische Prioritäten – von der Bildung über die Wirtschaft bis hin zu Wissenschaft und Produktion – in den Hintergrund rückten. Im 21. Jahrhundert bemisst sich die Stärke eines Staates aber daran, inwieweit er seine Gesellschaft hinter einem gemeinsamen nationalen Ziel zu vereinen vermag.
Die Grundprinzipien des Kemalismus – Republikanismus, Nationalismus, Populismus, Etatismus, Laizismus und Reformismus – sind keine sechs voneinander unabhängigen politischen Schlagworte. Vielmehr handelt es sich um einander ergänzende Prinzipien, die gemeinsam die nationale Souveränität, den gesellschaftlichen Zusammenhalt, die wirtschaftliche Unabhängigkeit, den wissenschaftlichen Fortschritt und die Fähigkeit zur kontinuierlichen Erneuerung des modernen türkischen Staates tragen. Die Schwächung eines dieser Prinzipien führt zwangsläufig zur schrittweisen Erosion der übrigen. Die Herausforderung der Türkei besteht heute nicht darin, die Debatten der Vergangenheit zu wiederholen, sondern die Gründungsphilosophie der Republik im Einklang mit den Anforderungen des 21. Jahrhunderts neu zu interpretieren.
Die Herausforderungen der neuen Epoche – von künstlicher Intelligenz über Weltraumtechnologien und maritime Geopolitik bis hin zu Energiesicherheit, industrieller Produktion und Bildungsreformen – lassen sich nur mit einem Staatsverständnis bewältigen, das auf Vernunft, Wissenschaft, Planung, produktiver Leistungsfähigkeit und vollständiger Unabhängigkeit beruht. Aus diesem Grund bleibt der Kemalismus nicht nur für die Gründungsphase der Republik, sondern auch in ihrem zweiten Jahrhundert das wichtigste strategische Fundament für nationale Einheit, wirtschaftliche Entwicklung, soziale Gerechtigkeit und geopolitische Unabhängigkeit. Für die Türkei des 21. Jahrhunderts ist der Kemalismus nicht die Erinnerung an die Vergangenheit, sondern die Staatskunst der Zukunft.
Das Fundament des Kemalismus ist die Republik
Kemalismus ist nicht nur die historische Erfahrung der Gründer unserer Republik, sondern zugleich eine auf die Gestaltung der Zukunft gerichtete Staatsphilosophie. Sein Fundament ist die Republik selbst. Er beruht auf einem modernen Verständnis des Nationalstaats, in dem die Souveränität bedingungslos der Nation gehört, Vernunft und Wissenschaft das staatliche Handeln leiten und die vollständige Unabhängigkeit als unverzichtbares Prinzip gilt. Deshalb ist der Kemalismus keine statische Ideologie, die die Vergangenheit bewahren will, sondern ein dynamisches Modernisierungsprojekt, das die Republik durch Anpassung an sich wandelnde globale Bedingungen kontinuierlich weiterentwickelt.
Die Reformen und Umgestaltungen in den ersten fünfzehn Jahren der Republik markierten nicht nur die Gründung eines neuen Staates, sondern gleichzeitig die größte Modernisierungsleistung der türkischen Geschichte. Eine Gesellschaft, die infolge von Kriegen, wirtschaftlicher Stagnation und ausländischen Eingriffen über Jahrhunderte hinweg im Niedergang begriffen und in vielerlei Hinsicht geradezu mittelalterlich geblieben war, wurde in erstaunlich kurzer Zeit durch tiefgreifende Reformen – von Bildung und Recht über Wirtschaft und Kultur bis hin zu Frauenrechten und öffentlicher Verwaltung – grundlegend verändert. Der Kemalismus ist weder das Programm einer bestimmten Klasse noch einer gesellschaftlichen Gruppe oder ideologischen Bewegung, sondern ein umfassendes Projekt des Staatsaufbaus und der nationalen Entwicklung, das darauf abzielt, die gemeinsame Zukunft der gesamten türkischen Nation zu gestalten.
Das wichtigste Merkmal des Kemalismus besteht darin, dass er keine aus dem Ausland übernommene Ideologie ist. Anders als Liberalismus, Marxismus, Sozialdemokratie, Faschismus oder politischer Islam, die jeweils unter den historischen Bedingungen anderer Gesellschaften entstanden waren, ging der Kemalismus aus dem existenziellen Überlebenskampf der türkischen Nation während des Unabhängigkeitskrieges hervor. Er stellt eine einzigartige historische Erfahrung dar, in der die Staatsphilosophie nicht aus abstrakter Theorie, sondern aus den Erfordernissen des nationalen Überlebens entstand. Seine Legitimation gründet nicht auf ausländischen Denkschulen, sondern auf den Willen der türkischen Nation zur vollständigen Unabhängigkeit.
Die Republik ist die institutionelle Verkörperung dieses Willens. Der Widerstand von Gallipoli, der Sieg von Kut al-Amara, Mustafa Kemals Ausspruch vom 13. November 1918 im besetzten Istanbul: „Wie sie gekommen sind, so werden sie auch wieder gehen“, der in Amasya verkündete Nationalwille, die Kongresse von Erzurum und Sivas, das durch die Siege von İnönü gewonnene Selbstvertrauen, der Kampf auf Leben und Tod am Sakarya, die von İnebolu ins anatolische Hinterland transportierte Munition, die Ochsenkarren über das Küre-Gebirge, die von Kocatepe aus eingeleitete Große Offensive und der Sieg, der am 9. September 1922 in Izmir das Meer erreichte – all dies sind historische Wegmarken der Republik.
Die Republik ist nicht bloß das Ergebnis eines militärischen Sieges, sondern der politische Ausdruck nationaler Souveränität, der Unabhängigkeit und des Willens zur Modernisierung. In diesem Sinne bilden die Republik und der Kemalismus die größte Leistung türkischer Staatskunst. Sie stehen für einen tiefgreifenden Zivilisationswandel, in dem die Wissenschaft den Aberglauben, die Vernunft das Dogma, die Staatsbürgerschaft die Untertanenschaft und die nationale Souveränität die imperiale Herrschaft überwinden. Zugleich verkörpern sie den Willen, nahezu vier Jahrhunderte militärischen, wirtschaftlichen und technologischen Niedergangs zu überwinden.
Folgende Einschätzung des verstorbenen Prof. Dr. Ahmet Taner Kışlalı bringt das Wesen des Kemalismus in bemerkenswerter Klarheit zum Ausdruck:
Kemalismus ist weder die Vormundschaft Atatürks noch die Summe dessen, was unter den Bedingungen der 1920er Jahre verwirklicht wurde. Kemalismus ist eine Modernisierungsideologie, die auf dem Prinzip des permanenten Revolutionismus beruht und ihrem Wesen nach demokratisch-sozialistisch ist. Kemalismus ist eine Zivilisationsbewegung, die nicht mit Unterstützung des Westens, sondern trotz des Westens verwirklicht wurde. Die Philosophie, die der Republik zugrundeliegt, ist humanistisch und fortschrittlich.
Diese Definition ist bis heute gültig. Denn das eigentliche Ziel des Kemalismus besteht nicht darin, die Vergangenheit zu verklären, sondern durch fortwährende Erneuerung der Republik unter sich wandelnden globalen Bedingungen die Unabhängigkeit, den Wohlstand und das Streben der türkischen Nation nach einer modernen Zivilisation zu sichern.
Die Sechs Pfeile gehören der türkischen Nation
Das institutionelle Fundament des Kemalismus bilden die Sechs Pfeile, das Symbol der Republikanischen Volkspartei (CHP). Dennoch werden die Sechs Pfeile häufig als historisches Parteiprogramm oder politische Grundsätze der frühen Republik missverstanden. Tatsächlich bilden diese sechs Prinzipien einander ergänzende Elemente, die gemeinsam die nationale Macht des modernen türkischen Staates ausmachen. Sie gehören nicht einer politischen Partei, sondern der türkischen Nation.
Der Republikanismus steht für die Legitimität des Staates, der Nationalismus für die nationale Einheit, der Populismus für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, der Etatismus für wirtschaftliche Unabhängigkeit, der Laizismus für die Orientierung an Vernunft und Wissenschaft und der Revolutionismus für die Verpflichtung zur kontinuierlichen Erneuerung. Die Sechs Pfeile sind also keine voneinander getrennten Grundsätze. Sie sind Bestandteile eines integrierten Modells der Staatskunst, in dem jedes Prinzip die übrigen stärkt.
Republikanismus und Nationalismus festigten den Nationalstaat, indem sie das türkische Volk unter einer gemeinsamen staatsbürgerlichen Identität vereinten. Der Populismus stärkte die soziale Gerechtigkeit und den nationalen Zusammenhalt. Der Etatismus förderte die nationale Produktionskraft und die wirtschaftliche Unabhängigkeit in strategischen Sektoren. Der Laizismus befreite das staatliche Handeln vom Dogma und stellte Vernunft und Wissenschaft in den Mittelpunkt der Entscheidungsfindung. Und der Revolutionismus verwandelte die Republik von einer statischen politischen Ordnung in einen dynamischen Staat, der sich den sich wandelnden globalen Bedingungen fortwährend anzupassen vermag.
Unter den geopolitischen Bedingungen des 21. Jahrhunderts ist die Bedeutung der Sechs Pfeile größer denn je. In einer Zeit, die von künstlicher Intelligenz, Hochtechnologie, Energiesicherheit, maritimer Geopolitik, Weltraum, Cybersicherheit und der Rüstungsindustrie geprägt wird, bemisst sich die Stärke eines Staates nicht allein an seinen militärischen Fähigkeiten, sondern ebenso an seiner Fähigkeit, wissenschaftliche Erkenntnisse hervorzubringen, hochqualifizierte Fachkräfte auszubilden, eine leistungsfähige Industrieproduktion aufrechtzuerhalten und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu bewahren. Jeder der Sechs Pfeile steht auch heute für einen grundlegenden Pfeiler jener staatlichen Handlungsfähigkeit, die das neue Zeitalter erfordert.
Laizismus, Nationalstaat und permanente Revolution
Der Kemalismus gründet auf dem gemeinsamen Vaterlandsbewusstsein, das im türkischen Unabhängigkeitskrieg entstand. Die militärischen Siege von Gallipoli bis zur Großen Offensive beendeten nicht nur die Besatzung, sondern vereinten die Bevölkerung Anatoliens ungeachtet ihrer unterschiedlichen Herkunft unter einer gemeinsamen nationalen Identität. Die Republik formte die moderne türkische Nation auf Grundlage einer gemeinsamen Staatsbürgerschaft, die ethnische, konfessionelle und regionale Zugehörigkeiten überwand. Deshalb ist der kemalistische Nationalismus keine ausgrenzende Form des Nationalismus, sondern ein staatsbürgerlicher Nationalismus, der auf einer gemeinsamen Geschichte, einem gemeinsamen Schicksal und einer gemeinsamen Zukunft beruht.
Die wichtigste Garantie dieser Ordnung ist der Laizismus. Laizismus bedeutet nicht die Ablehnung von Religion oder religiösem Glauben. Er ist vielmehr das verfassungsrechtliche Prinzip, das gewährleistet, dass der Staat auf Grundlage von Vernunft, Wissenschaft und Rechtsstaatlichkeit handelt. Indem er Fragen des Glaubens in den Bereich des individuellen Gewissens verweist, schützt er sowohl die Religionsfreiheit als auch die Neutralität des Staates. Dadurch kann keine Religion und keine Religionsgemeinschaft die Staatsgewalt monopolisieren. Und alle Bürger sind vor dem Gesetz gleich.
Die Reformen der frühen Republik waren die natürliche Folge dieses Staatsverständnisses. Die Reformen – von Bildung und Recht bis hin zu Wirtschaft und Kultur – zielten darauf ab, die türkische Gesellschaft innerhalb erstaunlich kurzer Zeit in die moderne Welt zu integrieren. Die frühen Versuche, ein Mehrparteiensystem einzuführen, konnten aufgrund der damaligen innen- und außenpolitischen Rahmenbedingungen nicht aufrechterhalten werden. Dies änderte aber nichts am grundlegenden Ziel der Republik.
Zunächst galt es, einen starken und modernen Staat zu errichten und ihn anschließend durch demokratische Institutionen zu festigen. Gerade hier kommt dem Revolutionsprinzip des Kemalismus besondere Bedeutung zu. Revolutionismus bedeutet nicht Ablehnung der Vergangenheit, sondern Entschlossenheit, die Republik als Antwort auf sich wandelnde globale Bedingungen kontinuierlich zu erneuern. Staaten, die verharren, geraten unweigerlich in den Niedergang. Staaten hingegen, die sich fortlaufend erneuern, behaupten sich in der Geschichte und gelangen zu neuer Blüte.
China wird in diesem Zusammenhang häufig als eindrucksvolles zeitgenössisches Beispiel angeführt. Durch die nahezu vierzehnfache Steigerung seines Nationaleinkommens innerhalb der vergangenen fünfundzwanzig Jahre hat China die Bedeutung kontinuierlicher Anpassung und langfristiger staatlicher Planung eindrucksvoll unter Beweis gestellt.
Der Populismus: Prinzip sozialer Gerechtigkeit im Kemalismus
Der Populismus, eines der Grundprinzipien des Kemalismus, ist nicht bloß das Ideal einer klassenlosen und privilegienfreien Gesellschaft. Er verkörpert das Leitbild eines Sozialstaates, der das Wohl des Einzelnen mit dem Gemeinwohl der Gesellschaft in Einklang bringt. Nach dem kemalistischen Staatsverständnis lässt sich das Wohl des Individuums nicht vom Wohl der Gesellschaft als Ganzes trennen. Staatsaufgabe ist nicht nur, seine Grenzen zu schützen, sondern auch die wirtschaftlichen und sozialen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Bürger ein Leben in Würde führen können. Deshalb ist der Populismus ein modernes Regierungsprinzip, das Chancengleichheit fördert, die Arbeit schützt, einer übermäßigen Ungleichheit der Einkommensverteilung entgegenwirkt, produktive wirtschaftliche Tätigkeit begünstigt und die soziale Gerechtigkeit wahrt.
Die Türkei ist heute unter dem Einfluss eines ungezügelten Kapitalismus und Neoliberalismus mit Problemen konfrontiert, die nicht nur wirtschaftlicher Natur sind: hohe Arbeitslosigkeit insbesondere unter jungen Menschen, rasch zunehmende Einkommensungleichheit, Anstieg der Zahl von Erwerbstätigen, die trotz Arbeit in Armut leben, Millionen von Rentnern, die kaum ihren Lebensunterhalt bestreiten können, Ausweitung der Schattenwirtschaft, Rückkehr der Kinderarbeit, geringe Erwerbsbeteiligung von Frauen, fortbestehende Chancenungleichheit. Diese Probleme sind auch Folgen davon, dass das populistische Prinzip der Republik ausgehöhlt worden ist.
Ein starker Staat zeichnet sich nicht allein dadurch aus, dass er große Infrastrukturprojekte errichtet. Er gibt seine Rentner nicht der Armut preis, er schenkt seiner Jugend Hoffnung und eröffnet ihr Perspektiven, er sorgt dafür, dass Kinder in der Schule bleiben, Frauen und Männer gleiche Chancen im Wirtschaftsleben haben. Die Ausbeutung der Arbeit lässt er nicht zu. Im kemalistischen Populismus besteht das zentrale Prinzip im starken Sozialstaat, der innerhalb einer produktiven Wirtschaftsordnung Chancengleichheit gewährleistet, die Arbeit schützt, soziale Gerechtigkeit wahrt und die gemeinsame Zukunft aller Angehörigen der Nation sichert.
Nationale Einheit gründet nicht allein auf gemeinsamer Geschichte und gemeinsamer Flagge. Sie gründet auf gemeinsamem Gerechtigkeitsempfinden, gerechter Verteilung des Wohlstands und auf dem Vertrauen der Bürger in den Staat. Deshalb bildet der Populismus das soziale Gewissen der Sechs Pfeile.
Die Entwicklung nach Atatürk und die Abkehr vom Kemalismus
Nach dem frühen Tod Mustafa Kemal Atatürks ließ allmählich die revolutionäre Dynamik nach, die die Gründungsphilosophie der Republik geprägt hatte. Zwar wurde der Kemalismus mit Aufnahme der Sechs Pfeile in die Verfassung im Jahr 1937 institutionell verankert, trotz seines verfassungsrechtlichen Status verlor er aber schrittweise seinen maßgeblichen Einfluss auf das staatliche Handeln.
Das Prinzip der permanenten Revolution, das die Gründungsjahre der Republik geprägt hatte, wich zunehmend einem stärker am Status quo orientierten Ansatz. Ein wesentlicher Grund dafür war, dass der Kemalismus – anders als Liberalismus oder Sozialismus – nicht aus einem umfangreichen theoretischen Schrifttum hervorgegangen war, sondern aus den praktischen Erfahrungen des Unabhängigkeitskrieges und des Staatsaufbaus. Anstatt die Staatsphilosophie an die sich wandelnden globalen Bedingungen anzupassen, reduzierten die nachfolgenden Generationen sie allmählich auf ein historisches Erbe und eine weitgehend symbolische Deutung.
Die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene bipolare Weltordnung beschleunigte diese Entwicklung. Durch die Truman-Doktrin, den Marshallplan, den Koreakrieg und den NATO-Beitritt im Jahr 1952 wurde die Türkei in das atlantische Sicherheitssystem integriert. Auch wenn diese Ausrichtung unter damaligen sicherheitspolitischen Bedingungen nachvollziehbar war, führte sie dazu, dass sich die türkische Außen- und Sicherheitspolitik schrittweise an den strategischen Prioritäten des atlantischen Bündnisses ausrichtete. Dieser Prozess erfasste nicht nur die Außenpolitik, sondern auch die militärischen, politischen und gesellschaftlichen Strukturen des Staates. Mit der geopolitischen Hinwendung der Türkei zum Atlantik geriet ihre eurasische Perspektive zunehmend an den Rand. Auch wenn der Übergang zum Mehrparteiensystem ein wichtiger Schritt zur Demokratisierung war, gewann die ideologische Rivalität des Kalten Krieges schon bald die Oberhand in der Innenpolitik.
Demokratie wurde auf den Wettbewerb um Wahlsiege reduziert. Wer die politische Macht gewann, durfte weitgehend unkontrolliert herrschen – oft ohne die die institutionellen Voraussetzungen für eine effektive Regierungsführung. Das etatistische Entwicklungsmodell verlor an Kraft. Die Schließung der Dorfinstitute (Köy Enstitüleri), das Scheitern der Bodenreform und der Niedergang der staatlichen Wirtschaftsplanung waren erste Anzeichen dieser Entwicklung. Nach 1960 gewannen ungeplante Urbanisierung, politischer Populismus und Identitätspolitik an Gewicht, während die strategischen Prioritäten der Republik – Produktionskapazität, Industrialisierung, Bildung und technologische Entwicklung – zunehmend vernachlässigt wurden. Nach der Islamischen Revolution im Iran 1979 und dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan rückten religionsbasierte Politik und ethnischer Separatismus ins Zentrum der türkischen Sicherheits- und Innenpolitik.
Die nach 1980 eingeführten neoliberalen Wirtschaftsreformen vollendeten diese Entwicklung im ökonomischen Bereich. Privatisierungen schwächten die produktive Leistungsfähigkeit des Staates, während Finanz- und Dienstleistungssektor gegenüber der Industrie an Bedeutung gewannen. Landwirtschaft und industrielle Entwicklung lösten sich zunehmend von langfristiger Planung, die Wirtschaft wurde immer abhängiger von externer Finanzierung. Dadurch wurde das auf Produktion, Wissenschaft, vollständiger Unabhängigkeit und nationaler Entwicklung beruhende kemalistische Paradigma erheblich ausgehöhlt. Infolgedessen entwickelte sich die Türkei trotz ihrer strategischen Lage und langen Staatstradition allmählich zu einem Land, dessen strategische Prioritäten stärker von den Erfordernissen des atlantischen Sicherheitssystems als von den eigenen nationalen Interessen bestimmt wurden. Der Niedergang des Kemalismus war also nicht nur ein ideologischer Wandel in der Türkei, sondern eine Erosion ihrer geopolitischen Unabhängigkeit, ihrer staatlichen Handlungsfähigkeit und ihrer strategischen Autonomie.
Eine neue geopolitische Epoche beginnt
Das erste Viertel des 21. Jahrhunderts markiert einen historischen Wendepunkt und zugleich das Ende der nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen internationalen Ordnung. Das amerikanisch geprägte unipolare System ist nicht länger tragfähig. Die Welt kehrt zu einer multipolaren geopolitischen Ordnung zurück, in der mehrere Machtzentren miteinander konkurrieren. Solche Epochen sind nicht nur Zeiten des Wandels für Großmächte, als historische Zeitfenster bieten sie regional bedeutenden Staaten mit starker geopolitischer Stellung auch Gelegenheit dazu, ihr eigenes Schicksal neu zu bestimmen. Die Türkei gehört zu den Schlüsselstaaten der entstehenden multipolaren Ordnung. Ihre strategische Lage an der Schnittstelle Eurasiens, ihre Kontrolle über die türkischen Meerengen und ihre Verbindung zwischen Mittelmeer, Schwarzem Meer, Kaukasus, Balkan und Nahost verleihen ihr herausragende geopolitische Bedeutung.
Die größte geopolitische Herausforderung für die Türkei ist die neue, auf Israel ausgerichtete Ordnung im östlichen Mittelmeer und die mit ihr verbundene atlantische Sicherheitsarchitektur. Diese strategische Achse zielt darauf ab, die Doktrin der Blauen Heimat einzuschränken, die strategische Bedeutung der Türkischen Republik Nordzypern zu schmälern und die Kontrolle über die Energie- und Verkehrskorridore des östlichen Mittelmeers zu sichern. Wie die vorangegangenen Abschnitte gezeigt haben, wird die Tragfähigkeit dieser Strategie aber gemindert durch die relative Erosion der militärischen, wirtschaftlichen und logistischen Fähigkeiten der Vereinigten Staaten. Dadurch eröffnet sich der Türkei nicht nur strategischer Handlungsspielraum, sondern ein historisches Zeitfenster.
Die Geschichte zeigt, dass Staaten, die geopolitische Veränderungen richtig deuten, in Zeiten des Übergangs zwischen Großmächten zum Aufstieg neigen. Mustafa Kemal Atatürk richtete seinen Blick nicht allein auf die Niederlage des Osmanischen Reiches nach dem Waffenstillstand von Mudros. Er erkannte auch, dass die Sieger des Ersten Weltkriegs keine dauerhafte internationale Ordnung würden errichten können, dass das Britische Empire trotz seines militärischen Sieges wirtschaftlich und strategisch erschöpft war und das imperiale System nicht mehr mit seiner früheren Stärke fortbestehen konnte. Der türkische Unabhängigkeitskrieg war das Ergebnis dieser geopolitischen Weitsicht.
Heute erlebt die Welt einen vergleichbaren Wandel des globalen Machtgleichgewichts. Während sich die amerikanisch geprägte unipolare Ordnung auflöst, entstehen neue geopolitische Kräfteverhältnisse. Was die Türkei heute braucht, ist dieselbe eigenständige Staatsräson, die ihr bereits vor einem Jahrhundert ermöglicht hat, den geopolitischen Wandel richtig zu deuten. Die Akteure mögen wechseln – die Grundprinzipien der Geopolitik bleiben bestehen.
Die zentrale Herausforderung der Türkei im zweiten Jahrhundert der Republik besteht nicht darin, alte ideologische Debatten wiederzubeleben. Entscheidend ist vielmehr die Verwirklichung eines Staatsmodells, das auf vollständiger Unabhängigkeit beruht und dazu dienen kann, eine produktive Volkswirtschaft wiederaufzubauen, Wissenschaft und Technologie in den Mittelpunkt der nationalen Politik zu stellen, Seemacht und Rüstungsindustrie zu stärken, die landwirtschaftliche Selbstversorgung sicherzustellen und Rechtsstaatlichkeit und Leistungsprinzip wiederherzustellen.
Ein solcher Wandel ist nur möglich, wenn die Gründungsphilosophie der Republik im Lichte der Realitäten im 21. Jahrhundert neu interpretiert wird. Daher wird der Kemalismus erneut zur strategischen Notwendigkeit. Er ist nicht nur die Ideologie der Generation, die die Republik gegründet hat, er ist eine umfassende Lehre der Staatskunst, die Geopolitik und Ökonomie, Seemacht und industrielle Entwicklung, Laizismus und Wissenschaft, Etatismus und produktive Leistungsfähigkeit, Nationalismus und nationale Souveränität, Revolutionismus und kontinuierliche Erneuerung miteinander verbindet.
Die Türkei braucht heute keine Wiederholung der Vergangenheit, sie braucht eine Anpassung des Kemalismus an die geopolitischen Realitäten des 21. Jahrhunderts und seine Wiederherstellung als leitende strategische Staatsphilosophie. Das zweite Jahrhundert der Republik wird das Jahrhundert sein, in dem die Türkei ihre eigene geopolitische Identität wiederentdeckt. In der sich wandelnden internationalen Ordnung ist der Kemalismus nicht länger nur historisches Erbe. Er ist geopolitische Notwendigkeit, strategische Entscheidung und unverzichtbare Voraussetzung für den Fortbestand der türkischen Nation.
Der Kemalismus, die Gründungsphilosophie der Republik, bleibt die unvergängliche und fundamentale Doktrin des türkischen Staates. Er ist jene strategische Vision, die es der Türkei ermöglichen wird, im Großmachtwettbewerb des 21. Jahrhunderts erneut aufzusteigen und die geopolitische Stellung einzunehmen, die ihr zusteht.
Hintergrundbild: Mustafa Kemal Atatürk, um 1930. The New York Times Magazine, 9. März 1930. Public Domain, via Wikimedia Commons.