Ein spontaner Sturm von Migranten, möglicherweise von linken Humanitätsfanatikern begünstigt, ist etwas anderes als eine Migrationswaffe, die gegen Europa eingesetzt wird. Die Krisensituation in der spanischen Küstenexklave Ceuta ist geopolitisch und vieldimensional. Sie ist mit dem Instrumentarium neurechtspopulistischer Sprechblasenproduktion nicht zu erfassen.

Spanien hat unter Ministerpräsident Pedro Sánchez die Rolle des Neinsagers gegenüber dem Duo Benjamin Netanjahu und Donald Trump eingenommen. Er hat sich für die Palästinenser in Gaza eingesetzt, indem er sich für mehr humanitäre Hilfe und ein Waffenembargo und ein Durchfahrtsverbot für Treibstofftransporter für Israel in spanischen Häfen aussprach und diese Maßnahmen auch umsetzte. Er hat sich gegen den ungerechten Irankrieg gestellt, indem er den USA spanische Basen entzog.

Trump und Netanjahu haben ihren Unmut kundgetan. Netanjahu drohte am 10. April 2026 einen unmittelbaren Preis für Spaniens „diplomatischen Krieg“ an, sein Sohn Yair bringt seit 2019 eine Befreiung der spanischen Exklaven ins Spiel. Am 26. Mai 2019 bot er den „Deal“ an: „Wir finanzieren keine NGOs in eurem Land, die euch dazu auffordern, Ceuta und Melilla aufzugeben, und ihr hört auf, NGOs in unserem Land zu finanzieren, die uns dazu auffordern, Judäa und Samaria aufzugeben.“ Anfang Juli kündigte Trump im Hinblick auf die Spanier und ihre NATO-Mitgliedschaft an: „Sie verhalten sich nicht nett, aber sie werden es lernen.“ Dass Spanien anstelle von Israels – von den Schiedsrichtern geschontem – Favorit Argentinien in den USA Fußball-Weltmeister wurde, hat die Stimmung weiter aufgeheizt.

Auf X übt Israels UN-Botschafter Revanche mit einem Tweet, der Afrikas Entkolonisierung von Spanien anklingen lässt. Der neokonservative US-Lobbyist Michael Rubin vom Middle East Forum fordert US-Sanktionen, falls Spanien die Unruhen im „besetzten Ceuta“ niederschlage. Der exilkubanische Abgeordnete Mario Díaz-Balart, ein Vertrauter von Außenminister Marco Rubio, erklärte schon am 1. April, Ceuta und Melilla befänden sich auf dem Territorium Marokkos. Marokko gilt als wichtigster Verbündeter der USA und Israels in Nordafrika. Vorige Woche hat Sánchez in Algier eine „strategische Partnerschaft“ mit dem rivalisierenden Nachbarn Algerien angebahnt. Auch der Gastransport durch Pipelines war Gegenstand des Gesprächs. Sogar der Spiegel bringt die These ins Spiel, dass Marokko die Migranten gegen Spanien instrumentalisiere – mit Hilfe der USA.

50.000 oder 60.000 Marokkaner haben die Grenze nach Spanien überschritten. Videos zeigen, wie junge Männer in LKW angekarrt werden, andere Videos zeigen junge Männer randalierend. Wie auf Kommando rufen Italiens Meloni und andere rechtspopulistische Politiker dazu auf, Spanien aus dem Schengengebiet auszuschließen. Sie evozieren das zerebral eingespielte Szenario einer spontanen Invasion muslimischer Migranten. Bei der Migrationswaffe kommt es aber weniger auf die Munition an als auf die Konstellation. Dass Sánchez gegen den Irankrieg aufgestanden ist, war richtig und patriotisch. Wenn er dafür durch hybride Maßnahmen bestraft wird, ist europäische Solidarität gefragt. 

Die zwei Säulen des Herkules, der Dschebel Musa bei Ceuta und der Fels von Gibraltar, wachen über die Meerenge ins Mittelmeer. Nach dem Krieg um die Straße von Hormus, der sich allmählich über weitere Nadelöhre erstreckt, wäre es ein trumpscher Triumph, den Spaniern die Kontrolle über die Straße von Gibraltar von beiden Seiten zu entreißen. In Ceuta geht es auch darum, ob das kontinentale Europa über das Mittelmeer wacht. Auch aus diesem Grund ist hier Solidarität mit Spanien und seiner Regierung angezeigt.

Nein, hier geht es nicht darum, eine linke Regierung zu isolieren und entmachten, weil sie Europa durch Willkommenspolitik fluten will. Hier geht es nicht um Innenpolitik und Migrationsverhinderung. Es geht hier um Außenpolitik und Europas Eigenständigkeit. Spanien hat jede nötige Unterstützung verdient, um der Lage Herr zu werden. Wenn Sánchez daraus richtige Schlüsse zieht und seine Innenpolitik korrigiert, wäre das zu begrüßen. Denn natürlich bietet Migrationsoffenheit für Migrationswaffen einen Angriffspunkt.