Die Strategische Erdölreserve der USA soll der Bevölkerung in Krisen zugutekommen. US-Präsident Trump zapft die verbliebene Reserve auf einen Tiefstand an, um die Folgen seines Kriegs gegen den Iran abzumildern. Aber die Förderung bei niedrigem Füllstand gefährdet die Kavernen. Und weitere strategische Nadelstellen aus dem Nahen Osten sind in Gefahr, wenn der Krieg eskaliert


Der Beitrag erschien auf Englisch am 28. Juli 2026 auf der Seite des Quincy Institute for Responsible Statecraft


Von Hekmat Aboukhater


Hekmat Matthew Aboukhater absolviert den Studiengang „Master of Public Policy“ an der Yale Jackson School of Global Affairs. Er hat Praktika beim Quincy Institute absolviert und war für die Abteilung für politische Angelegenheiten und Friedenskonsolidierung der Vereinten Nationen tätig


Zwei Jahre nach dem arabischen Ölembargo unterzeichnete Präsident Gerald Ford 1975 den Energy Policy and Conservation Act. Das Gesetz schuf die Strategische Erdölreserve der Vereinigten Staaten (Strategic Petroleum Reserve, SPR) als eiserne Reserve. Sie sollte der amerikanischen Bevölkerung künftig in einer Versorgungskrise zugutekommen. Nach den Entnahmen zwei aufeinanderfolgender Regierungen ist die eiserne Reserve aktuell auf den niedrigsten Stand seit 1983 geschrumpft. 


Präsident Joe Biden gab zunächst 50 Mio. Barrel frei, um auf die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie zu reagieren. Ein Jahr später folgte eine weitere Freigabe von 180 Mio. Barrel als Reaktion auf den russischen Einmarsch in die Ukraine. Es war die größte Freigabe in der Geschichte der SPR. Biden begründete sie mit dem Ziel, die Benzinpreise zu stabilisieren und die wirtschaftlichen Folgen des Krieges abzufedern.


Nun zapft Präsident Donald Trump die verbliebenen Reserven an, um Preis- und Versorgungsrisiken infolge seines Krieges gegen Iran zu begrenzen. Die jüngste Freigabe von 172 Mio. Barrel ließ den Bestand der SPR bis zum 17. Juli auf 311,4 Mio. Barrel sinken. Damit werden die Vereinigten Staaten in einem Moment verwundbarer, in dem der Konflikt weitere strategische Nadelstellen im Nahen Osten zu erfassen droht. Sollte die nächste Runde der Eskalation zu einem regionalen Krieg die Ölpreise wieder in die Höhe treiben, schmilzt der Preispuffer für Amerikaner an der Pumpe dahin.


SPR bei 300 Millionen Barrel

Die Strategische Erdölreserve besteht aus Rohöl, das in 60 Salzkavernen entlang der Küste des Golfs von Mexiko gelagert wird, vor allem in Texas und Louisiana. Die Salzformationen verhindern Lecks und dichten so die Kavernen sehr gut ab. Wegen ihrer chemischen Eigenschaften bleibt das Öl in langsamer Bewegung, statt ruhend zu lagern. Dieses empfindliche System kann bis zu 727 Mio. Barrel über Jahrzehnte sicher speichern – wenn es verantwortungsvoll betrieben wird.


Viele Fachleute betrachten die Schwelle von 300 Mio. Barrel als Mindestbetriebsniveau der SPR. Der Grund liegt in der komplexen Technik, die für die Förderung des Öls erforderlich ist. Fällt der Bestand darunter, so warnt das Government Accountability Office (GAO), ist die Reserve erheblichen Risiken für ihre Funktionsfähigkeit ausgesetzt und kann daher künftige Energiekrisen möglicherweise nicht mehr bewältigen.


Das Problem ist technischer Natur. Um Rohöl zu fördern, wird Süßwasser in großen Mengen in die Kavernen gepumpt. Es verdrängt das leichtere Öl hydraulisch nach oben. Mit jedem Förderzyklus löst das Wasser allerdings einen Teil der Salzschicht auf. Die Kavernenwände verformen sich, der Hohlraum wächst und das Verhältnis zwischen Volumen und Druck verändert sich. 


Diese aggressive Entnahmepraxis bei niedrigem Füllstand beschleunigt die Salzauswaschung und kann die strukturelle Integrität der Kaverne katastrophal beeinträchtigen. Selbst Trump hat die Risiken einer fortgesetzten Entnahme öffentlich eingeräumt. Bei einer Pressekonferenz warnte er, die Reserven seien so weit gesunken, dass „sie in etwa vier Wochen aufgebraucht sind“.


Schwache Diplomatie und orientierungslose Eskalation

Republikaner und Demokraten warnen vor der aggressiven Entnahme aus der SPR – bislang ohne Erfolg. Der Abgeordnete Thomas Massie (Republikaner aus Kentucky) warnt, die Nutzung der Reserve „zur Verschleierung weltweiter Kriegskosten setzt die Salzkavernen, in denen das Öl gelagert wird, dem Risiko eines Kollapses aus“. Senator Martin Heinrich (Demokrat aus New Mexico) mahnt, die Vereinigten Staaten müssten eine SPR erhalten, die „ausreichende Kapazitäten bietet, um Schocks wie diesen aufzufangen“, statt Verbraucher weiterhin massiven Belastungen bei den Kraftstoffpreisen auszusetzen.


Anstatt die Lage zu stabilisieren, liefert sich die Regierung mit dem Iran ein rätselhaftes und hochriskantes Machtspiel, das die globale Ölversorgung an den Rand einer schweren Krise bringt. Die Regierung hob am 22. Juni eine Sonderlizenz des Finanzministeriums auf, die dem Iran zuvor den Verkauf von Rohöl ermöglicht hatte. Teheran reagierte umgehend mit einer neuen militärischen Eskalation und griff drei große Handelstanker in der Straße von Hormus mit Drohnen und Raketen an, darunter einen katarischen Gastanker vor der Küste Omans sowie einen saudischen Rohöltanker. Die Vereinigten Staaten antworteten wiederum mit Luftangriffen auf rund 90 Ziele an der iranischen Südküste.


Diese Volatilität ließ die Versicherungsprämien für den Seeverkehr auf Rekordhöhen steigen und belastete die internationale Handelsschifffahrt. Indem Trump wesentliche Teile des Memorandum seiner Regierung mit dem Iran aufkündigte, hat er die globalen Ölmärkte in eine tiefe Unsicherheit gestürzt. Rory Johnston, Gründer der Marktanalyseplattform Commodity Context, erklärt gegenüber Responsible Statecraft (RS), der Rohölmarkt preise „ein deutlich höheres Risiko“ ein, weil der Schiffsverkehr infolge der erneuten Eskalation stark zurückgehe: „Hormus ist noch lange nicht geklärt.“


Schifffahrtsdaten zeigen, dass der Tankerverkehr durch die Straße von Hormus auf ein Fünftel des Vorkriegsniveaus eingebrochen ist. Nur noch ein Bruchteil der üblichen 20 Mio. Barrel pro Tag passiert derzeit die Route. Bislang wirkten die Vereinigten Staaten dem Versorgungsdruck entgegen, indem sie Millionen Barrel Rohöl täglich exportierten. Doch auch dieser Puffer schwindet. Nach Angaben der Energy Information Administration (EIA) brachen die amerikanischen Rohölexporte zuletzt um 746 Tsd. Barrel pro Tag ein – von mehr als vier auf nur noch 3,2 Mio. Barrel. 


Die US-Regierung hat diesen Rückgang bislang nicht erklärt. Am wahrscheinlichsten: Sie will so inländische Kraftstoffengpässe verhindern. Die SPR nähert sich unterdessen ihrem Mindestniveau.


Szenario einer vollständigen Blockade

Die Weltwirtschaft bewegt sich bereits in einem äußerst instabilen Umfeld. Die Unsicherheit an den Märkten lässt den Ölpreis innerhalb weniger Tage zwischen 70 und fast 100 Dollar je Barrel schwanken. Nach einem Rückgang Ende Juni und Anfang Juli infolge der Hoffnung auf dauerhafte Waffenruhe sind die Preise inzwischen wieder auf nahezu 100 Dollar gestiegen.


Hinzu kommt ein weiterer Faktor. Es gibt Hinweise darauf, dass Chinas Verbrauch aus den eigenen strategischen Reserven von rund einer Milliarde Barrel den Ölpreis in Verbindung mit der nahezu erschöpften amerikanische SPR derzeit künstlich niedrig halten. Sobald Peking seine Importe später im Jahr wieder erhöht, dürfte diese bislang verdeckte Nachfrage auf den Markt zurückkehren und die Preise weiter steigen lassen.


Setzt Trump die Eskalation Auge um Auge fort, drohen weitere regionale Domino-Effekte. Erste Vorboten sind schon sichtbar. Auf amerikanische Angriffe gegen iranische Raffinerien folgten iranische Vergeltungsschläge gegen wichtige Energieanlagen in den arabischen Golfstaaten und Angriffe auf die saudische Petroline- und die emiratische ADCOP-Pipeline. Beide Leitungen dienen dazu, die Straße von Hormus zu umgehen.


Den nächsten Schritt auf der Eskalationsleiter vollzogen die Huthi. Mit einer konzentrierten Luftkampagne gegen saudische Häfen und Tanker gefährden sie die südliche Route des Roten Meeres am Nadelöhr Bab al-Mandab. Bob McNally von Rapidan Energy erklärt, eine solche Ausweitung der Kämpfe an den maritimen Engpässen der Region würde den Ölpreis rasch wieder deutlich über 100 Dollar treiben und den im Juni eingepreisten Rückgang der Risikoprämien zunichtemachen.


Das Weiße Haus ignoriert anscheinend auch das letzte Druckmittel des Iran oder seiner regionalen Verbündeten. Sollte Teheran den Eindruck gewinnen, nichts mehr verlieren zu können, könnte es die letzte maritime Lebensader des Nahen Ostens ins Visier nehmen: den Suezkanal. Schon eine geringe Störung hätte erhebliche wirtschaftliche Folgen, wie die Havarie der Ever Given im Jahr 2021 zeigte. 


Der Iran oder verbündete Akteure könnten eine ähnliche Krise auslösen, indem sie ein Schiff im Kanal angreifen oder den Kanal durch einen gezielten Sabotageakt blockieren – etwa durch das vorsätzliche Versenken, Verminen oder Auflaufenlassen eines Großfrachters in einem der engsten Kanalabschnitte. Die Folge wäre die Blockade der dritten und letzten wichtigen Seeverbindung aus dem Nahen Osten. Genau deshalb reicht die Bedeutung der Strategischen Erdölreserve weit über den Ölmarkt hinaus. 


Yale-Ökonom Marnix Amand nennt Trumps Kurs gegenüber RS einen Versuch, „Jahrzehnte amerikanischer Hegemonie zu Geld zu machen und die langfristigen Reserven amerikanischer Macht, Legitimität und Sicherheit zugunsten kurzfristiger politischer Ziele aufzubrauchen“. Die Strategische Erdölreserve ist greifbarer Ausdruck dieses Tauschgeschäfts. Sie wurde über Jahrzehnte aufgebaut. Nun wird sie von einem Präsidenten aufgebraucht, der die Folgen eines Krieges abmildern will, den er offenbar nicht bereit ist zu beenden.


Titelbild: United States Department of Energy (DOE), „Strategic Petroleum Reserves, United States“, Public Domain (17 U.S.C. § 105), via Wikimedia Commons.