Der Iran und die Ukraine haben ihre Spannungen überraschend entschärft. Teheran und Washington wollen verhindern, dass der Ukrainekrieg und der Konflikt im Nahen Osten zu einem einzigen Kriegsschauplatz verschmelzen. Auch Russland dürfte an einer solchen Deeskalation interessiert sein. Und die Europäische Union hätte bei einer Verschmelzung in den Dritten Golfkrieg eingreifen können
Der Beitrag erschien am 29. Juli 2026 bei korybko.substack
Von Andrew Korybko
Andrew Korybko ist ein amerikanischer Politologe, der sich auf den globalen Systemwandel zur Multipolarität spezialisiert hat. Er lebt in Moskau
Der jüngste Beitrag des iranischen Außenministers Seyed Abbas Araghtschi auf X kam überraschend. Darin schrieb er: „Der ukrainische Außenminister @andrii_sybiha versicherte mir, dass der Angriff auf ein iranisches Schiff unbeabsichtigt gewesen sei und die Ukraine keine Eskalation anstrebe. Auch der Iran sucht keine Eskalation, hat jedoch klargestellt, dass jeder Angriff auf unsere Bürger oder Interessen inakzeptabel ist. Die entstandenen Schäden müssen ersetzt werden.“
Dieser Beitrag kam nur zwei Tage nach einem früheren Beitrag, in dem Araghtschi der Ukraine vorgeworfen hatte, auf Geheiß Israels ein iranisches Frachtschiff im Kaspischen Meer angegriffen zu haben. Damals schrieb er: „Selenskyj hat ein iranisches Handelsschiff angegriffen und dabei einen Seemann getötet. Ein eklatanter Verstoß gegen die UN-Charta, begangen auf Geheiß Israels, um Europa in dessen Krieg hineinzuziehen. In Gesprächen mit der EU-Außenbeauftragten Kallas und Außenminister Lawrow habe ich klargemacht, dass das, was der Schmarotzer in Kiew getan hat, NICHT UNBEANTWORTET BLEIBEN KANN.“
Viele gingen daraufhin davon aus, dass der Iran eine seiner ballistischen Raketen gegen die Ukraine einsetzen könnte – obwohl Araghtschis Äußerungen bereits darauf hindeuteten, dass genau dies den Ukrainekrieg und den Dritten Golfkrieg miteinander verschmelzen lassen würde – wie Selenskyj und Netanjahu es wollen. Offenbar wollen jedoch weder die USA noch der Iran diesen Schritt gehen, wie Araghtschis jüngster Beitrag nahelegt.
Zur Erklärung: Ukraines Außenminister Andrij Sybiha dürfte Araghtschi auf Veranlassung der USA angerufen haben, nachdem ihm mitgeteilt worden war, dass Trump kein Interesse an einer solchen Eskalation habe – möglicherweise wegen schwindender Raketenbestände trotz seiner jüngsten Dementis und/oder wegen des Risikos eines unkontrollierbaren Flächenbrands. Die Ukraine gilt jedenfalls nicht gerade als bekannt dafür zurückzurudern, zumal Selenskyj sich des Angriffs auf das iranische Frachtschiff zuvor selbst öffentlich gerühmt hatte.
Teherans Überlegungen könnten denen Washingtons ähneln. Darauf deutet zumindest der jüngste Beitrag des iranischen Außenministers hin: Noch kurz zuvor hatte er in Großbuchstaben erklärt, der angeblich auf israelische Veranlassung erfolgte ukrainische Angriff dürfe „NICHT UNBEANTWORTET BLEIBEN“, nun fordert er lediglich „Ersatz für die entstandenen Schäden“. Zwischen beiden Beiträgen erklärte Trump, die USA und der Iran hätten ihre Verhandlungen wieder aufgenommen. Möglicherweise wurde dabei auch der ukrainische Angriff thematisiert und vereinbart, auf eine Eskalation zu verzichten. Anschließend könnte Sybiha Araghtschi kontaktiert haben.
Schließlich dürfte Araghtschi Selenskyjs öffentliche Prahlerei durchschaut und Sybihas Darstellung nicht geglaubt haben, der Angriff sei „unbeabsichtigt“ gewesen und die Ukraine strebe „keine Eskalation“ an. Das verleiht der in dieser Analyse vertretenen Erklärung für die gegenseitige Deeskalation zusätzlich Plausibilität. Zwar trifft es durchaus zu, dass die USA einen hybriden Weltkrieg gegen Russland, China und den Iran führen, doch scheinen sie derzeit daran interessiert zu sein, diese Konfliktfelder voneinander getrennt zu halten – auch wenn sie bereits teilweise miteinander verflochten sind.
Diese Kalkulation kann sich selbstverständlich ändern. Vorerst spricht jedoch vieles dafür, dass die Ukraine bemüht war, die Spannungen mit dem Iran wieder zu entschärfen, die sie selbst durch den Angriff auf das iranische Frachtschiff im Kaspischen Meer ausgelöst hatte, nachdem ihr signalisiert worden war, dass Trump keine Verschmelzung der beiden Konflikte wünscht. Hätte der Iran militärisch gegen die Ukraine zurückgeschlagen, was offenbar ernsthaft erwogen wurde, hätten sich beide Kriege miteinander verbinden können. Dies hätte Teheran zum Nachteil gereicht, weil die Europäische Union dann womöglich, wie Araghtschi selbst warnte, in den Dritten Golfkrieg hineingezogen worden wäre.
Ebenso hätte dies Russland schaden können, falls es dadurch zu einem Bruch mit Israel und den Golfmonarchien gekommen wäre. Moskau unterhält zu all diesen Staaten Partnerschaften – sehr zum Missfallen vieler nicht-russischer Pro-Russen, die sich wünschen, der Kreml würde sie zumindest offiziell als „unfreundliche Staaten“ einstufen, insbesondere Israel. Daher lässt sich nicht ausschließen, dass Lawrow Araghtschi in ihrem Telefonat von einem militärischen Gegenschlag abriet.
Vorerst werden die beiden Konflikte daher nicht miteinander verschmelzen. Ausgeschlossen ist dies für die Zukunft jedoch nicht.