Der Krieg gegen den Iran dreht sich nicht mehr um strategische Abschreckung, sondern um die Straße von Hormus. Der Iran will Vetomacht an der Meerenge bleiben, die USA müssen auch künftig Blockaden durch den Iran verhindern können. Es geht um die globale US-Hegemonie und ihre Verankerung in der Region. Keine Seite kann nachgeben, ein regionaler Krieg scheint vorprogrammiert

Der Beitrag erschien am 20. Juli 2026 auf Englisch bei United World

Von Adem Kılıç

Adem Kılıç ist Politikwissenschaftler

Wir erinnern uns an die ursprüngliche Rechtfertigung für den von Israel und den USA gegen den Iran begonnenen Krieg: das iranische Atomprogramm, die Kapazitäten zur Urananreicherung und das Ziel, die strategische Abschreckungsfähigkeit des Iran zu begrenzen. Jetzt sind das nicht mehr die entscheidenden Fragen. Entscheidend ist, wer die Hegemonie über die Straße von Hormus erlangen wird.

Daher schwindet die Wahrscheinlichkeit, dass der Krieg endet, ohne dass eine der beiden Seiten die Vorherrschaft über die Straße von Hormus erlangt – wie ich mehrmals hier geschrieben habe. Das Abkommen, das Donald Trump am 17. Juni während des G7-Gipfels hastig zur Unterzeichnung vorgelegt wurde, hat den kritischen Punkt des Konflikts nur aufgeschoben, nicht aufgehoben. Die aktuelle Lage zeigt deutlich, dass die Krise dadurch noch verfahrener geworden ist.

Fehleinschätzungen aufgrund des „Abkommens“

Die USA glaubten – oder wollten glauben –, dass dieses Abkommen das faktische Vetorecht des Iran im Hinblick auf die Meerenge beenden würde. Der Iran hingegen ging – trotz US-Militärpräsenz und Israels Operationen in der Region – davon aus, sich ein Umfeld gesichert zu haben, in dem er seine Position behaupten kann, solange er sein Druckmittel der Straße von Hormus im Sinne seines eigenen Sicherheitskonzepts nicht aufgibt. 

Das Grundproblem: Das unterzeichnete Abkommen war kein Friedensvertrag, der die Kriegsursachen beseitigte, sondern eine Waffenstillstandsvereinbarung, bei der die Parteien demselben Text unterschiedliche Bedeutungen gaben. Sofort zeigten sich die Folgen dieser Unterschiede vor Ort. Während die USA die iranischen Angriffe auf Handelsschiffe als klaren Verstoß gegen den Waffenstillstand einstuften, behauptete der Iran, die Vereinbarung einzuhalten, indem er sein Vorgehen als Vergeltung für US-Operationen gegen die iranische Küste und Israels anhaltende regionale Angriffe darstellte. 

All diese Entwicklungen machen die Straße von Hormus zwangsläufig zur faktischen Hauptfront des Krieges. Der Krieg wird erst enden, wenn die Vorherrschaft in der Straße von Hormus gesichert ist!

Der Angelpunkt für beide Seiten besteht heute weniger in der vollständigen Vernichtung der militärischen Fähigkeiten des Gegners als in der Unfähigkeit, einen dauerhaften Kontrollmechanismus für die Straße von Hormus zu etablieren. Aus Sicht des Iran ist die Straße von Hormus kein Schauplatz, an dem die USA in einer symmetrischen Seeschlacht militärisch besiegt werden könnten. Allerdings basierte die Strategie des Iran noch nie darauf – auch heute nicht –, die US-Marine im klassischen Sinne zu besiegen. 

Die Stärke des Iran scheint in der Fähigkeit zu liegen, Küstenverteidigungssysteme, Seezielflugkörper, unbemannte Flugsysteme, Schnellboote, Seeminen, landgestützte Raketeneinheiten und die geografisch bedingt engen Manövrierräume miteinander zu kombinieren. Auch wenn diese Fähigkeiten womöglich nicht ausreichen, um die Straße von Hormus vollständig zu blockieren, so genügen sie doch offenbar, um eine sichere und kontinuierliche Durchfahrt für die Handelsschifffahrt unmöglich zu machen. 

Den USA ist bewusst, dass sie den Krieg nicht für beendet erklären können, ohne diese Bedrohung zu beseitigen. Aus US-Sicht geht es nicht bloß um den Angriff des Iran auf ein einzelnes oder mehrere Handelsschiffe. Das eigentliche Problem besteht darin, dass der Iran trotz US-Militärpräsenz faktisch eine Vetomacht an einem der weltweit wichtigsten Nadelöhre für die Energieversorgung ist. Daher reicht es für die USA nicht mehr aus, die Straße von Hormus wieder zu öffnen. Sie müssen auch militärisch demonstrieren, dass der Iran die Meerenge nicht wieder blockieren kann. An diesem Punkt ist der Krieg in eine Sackgasse geraten. 

Der Iran ist der Ansicht, dass er den Krieg verliert, sollte er die Fähigkeit einbüßen, Druck auf die Straße von Hormus auszuüben. Die USA hingegen glauben, dass sie ihre globale Hegemonie verlieren, wenn sie zulassen, dass diese natürliche Seestraße, die vor dem Krieg offen war, unter iranischer Kontrolle bleibt. Folglich wäre ein Rückzug beider Seiten nicht nur ein militärisches Zugeständnis, sondern hätte auch erhebliche Auswirkungen auf die globale Architektur der Zukunft. In dieser Gleichung kann der Krieg unmöglich enden, ohne dass eine der Parteien in Hormus klare und dauerhafte Überlegenheit erlangt.

Schwelle für einen regionalen Krieg überschritten

Die Eskalation des Konflikts zum regionalen Krieg ist nicht mehr nur theoretisch möglich. Denn der Iran nimmt Ziele der USA ins Visier, die als militärische Infrastruktur über die gesamte Region auf dem Territorium zahlreicher Länder ausgebreitet sind. Durch die Angriffe des Iran auf diese Einrichtungen erhöht sich zunehmend die Gefahr, dass die Gastländer gegen ihren Willen in den Krieg hineingezogen werden. Und dieses Ergebnis könnte in Kürze schon unausweichlich sein.



Dass Jordanien, Katar, Bahrain, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate unterschiedlich stark zu Zielen geworden sind, zeigt, wie fragil die Sicherheitsarchitektur am Golf ist. Auch wenn diese Länder keinen direkten Krieg mit dem Iran führen wollen, haben Angriffe auf US-Stützpunkte ihren Luftraum, ihre Häfen und ihre Energieinfrastruktur in den Konflikt mit einbezogen. Das führt die Frage, wie lange sie noch durchhalten können, an ihre Grenze.


Trotz all dieser Entwicklungen und Faktoren wäre es eine Unterlassung, diesen Krieg nur als eine Krise zwischen Washington und Teheran zu betrachten. Israel ist ein Hauptakteur im militärischen und politischen Zentrum des Konflikts. Und es bleibt dort allein schon durch die Tatsache, dass die USA seine Forderungen akzeptiert haben: die gezielte Bekämpfung des iranischen Atomprogramms, die Einschränkung der iranischen Raketenkapazitäten und die Schwächung der Houthis, Hisbollah und anderer regionaler Stellvertretertruppen. 

Nicht zuletzt gilt als Kriegsgrund die sogenannte US-Sicherheitsgarantie für Israel. Die Vorstellung einer Einigung der USA mit dem Iran ohne Israel ist folglich keine nachhaltige Lösung. Israel wirkt auf den Krieg nicht nur militärisch ein, sondern auch, indem es weltweit Implikationen und Reaktionen nach sich zieht.

Der Krieg wird in der Straße von Hormus entschieden

Im Gesamtbild hat sich der Krieg, fern von seinen ursprünglichen Rechtfertigungen, zum Machtkampf um die Straße von Hormus entwickelt. Ab jetzt muss dort entweder eine der Parteien klare militärische und politische Überlegenheit erlangen. Oder beide Parteien müssen den Kampf um die Vorherrschaft durch eine völkerrechtliche Vereinbarung beenden. Sonst wäre jeder Waffenstillstand nur ein aufgeschobener Neuangriff.



Solange der Iran die Straße von Hormus weiter als strategischen Hebel gegen die globale Hegemonie der USA nutzt und die USA dies weiter als Herausforderung für ihre globale Hegemonie betrachten, kann der Krieg nicht enden. Daher wird der Krieg nicht nur in Teheran, Washington oder Tel Aviv entschieden. Wie ich von Beginn an sage, auch als kaum jemand darüber sprach: Das Schicksal des Kriegs wird in der Straße von Hormus entscheiden.



Und das größte Risiko besteht jetzt nicht mehr darin, dass die Parteien einen umfassenden Krieg wollen. Das Risiko besteht darin, dass die Krise um die Straße von Hormus solche strategische Bedeutung gewinnt, dass keine Seite nachgeben kann – und die Dynamik eines regionalen Krieges ausgelöst wird.

Titelbild: NordNordWest, „Karte der Straße von Hormus“, CC BY-SA 3.0 DE, creativecommons.org