Ali Laridschani war ein Mann des Ausgleichs und der Diplomatie. Deshalb wurde er ins Visier genommen. Das Attentat sollte Trump einen möglichen Ausweg aus dem Krieg nehmen. Laridschanis Tötung signalisiert eine historische Eskalation mit katastrophalen Folgen

Der Beitrag ist am 18. März 2026 auf Englisch erschienen auf x.com/KevorkAlmassian

Von Kevork Almassian

Kevork Almassian ist syrischer Geopolitik-Analyst und Gründer von @SyrianaAnalysis

Als Israel verkündete, Ali Laridschani „eliminiert“ zu haben, bemühte das zionistische Kommentariat ein Framing wie bei jedem Attentat in diesem Krieg: sauberer taktischer Erfolg, „Enthauptung“ des Feindes, chirurgischer Eingriff, der angeblich den „Frieden“ näherbringt.

Doch Laridschani war kein Feldkommandeur. In vielerlei Hinsicht war er das Gegenteil dessen, was das kriegslüsterne Lager im Iran erblickt. Er war eine ausgleichende Kraft, ein Pragmatiker mit institutionellem Gewicht, ein Mann der Diplomatie – insbesondere jener Art von Diplomatie, die Trump einen Ausweg hätte bieten können.

Deshalb wurde er ins Visier genommen. In einem Krieg, der zunehmend von einer Eskalationsdynamik wirtschaftlicher Folgen bestimmt wird, verkörperte Laridschani die politische Fähigkeit, eine Nachkriegsordnung zu gestalten – falls und sobald Teheran bereit gewesen wäre, die Konfrontation zu beenden, und Trump nicht mehr bereit, die historischen wirtschaftlichen Erschütterungen länger zu tragen. Anders ausgedrückt: Will man eine Deeskalation verhindern will, muss man diejenigen angreifen, die verhandeln können.

Wer war Ali Laridschani und warum war er so wichtig? 

Laridschani verkörperte institutionelle Kontinuität, bildete eine Brücke zwischen Sicherheit und Politik und war eine Schlüsselfigur für informelle Gesprächskanäle und Konfliktbeilegung. Laridschani war Sekretär des Obersten Nationalen Sicherheitsrates – eine Rolle, die für die Beendigung eines Krieges entscheidend ist: weniger militärischer Muskel als politisches Gehirn des Staats. 

Zwei Tage vor seiner Ermordung wandte sich Laridschani mit einer strukturierten Erklärung an die islamische Welt, insbesondere an die Regierungen von Ländern mit muslimischer Mehrheit. Er prangerte sie moralisch, politisch und religiös für ihr Schweigen und ihre Mitschuld am Angriff auf den Iran an. Er bezeichnete den Krieg als eine „trügerische amerikanisch-zionistische Aggression“, die während laufender Verhandlungen begonnen habe und auf die Zerschlagung des Iran abziele. Er wies darauf hin, dass der Angriff bereits zu „Märtyrern“ in der iranischen Führung, unter Zivilisten und Kommandeuren geführt habe und auf iranisch-nationalen und islamischen Widerstand gestoßen sei.

Dann brachte er den Satz, der jede arabische Hauptstadt beschämen sollte: Von seltenen Ausnahmen und symbolischen Erklärungen abgesehen, hätten islamische Staaten dem Iran nicht beigestanden, obwohl der Iran – seiner Darstellung zufolge – den Aggressor in eine Sackgasse getrieben habe. Und dann zitierte er in einem religiösen Tonfall, den viele Golfmonarchien allzu gut (oder allzu schlecht?) kennen, ein dem Propheten Mohammed zugeschriebenes Sprichwort: 

Wer einen Muslim um Hilfe rufen hört und nicht reagiert, gehört nicht wirklich zur Gemeinschaft. Anschließend fragte er rhetorisch, was für ein Islam das sei. Laridschanis Aussage war eine politische Botschaft: Der Iran ist nicht allein, weil er schwach ist. Die Region ist isoliert, weil sie zum Schweigen oder zur Komplizenschaft gezwungen wurde. Indem Laridschani dies so unverblümt aussprach, begab er sich in Gefahr: Er versuchte, eine moralische und politische Front jenseits der iranischen Grenzen zu mobilisieren. 

Genau diese eine Stimme mussten die Feinde des Iran zum Schweigen bringen.

Nach Chamenei ändert sich alles

Laridschanis Ermordung muss im Kontext eines größeren Ereignisses betrachtet werden: der Ermordung von Ayatollah Chamenei, mit der unumkehrbar eine Schwelle überschritten wurde. Chameneis Ermordung hat verheerende Folgen für Washington und Tel Aviv, sie beendete Irans strategische Geduld und brachte das Land von einer defensiven zu einer offensiveren Haltung.

Dieser Punkt ist wichtig, denn Attentate verändern die Innenpolitik. Sie verhärten die Fronten. Sie delegitimieren Kompromisse. Sie stärken die Entschlossensten, denn nach einem Versuch, die Führung auszuschalten, wird das Argument der Zurückhaltung politisch toxisch. Deshalb wird ein Pragmatiker wie Laridschani durch jemanden ersetzt, der den Iran fester verteidigt, die Entschlossenheit stärkt und die Konfrontation verschärft, statt sie zu reduzieren.

Die USA und Israel wiederholen immer dasselbe Drehbuch und glauben, die Eliminierung von „Moderaten“ würde das System schwächen. In Wirklichkeit entfernt man durch die Eliminierung von Moderaten genau jene Personen, die intern Kompromisse erzielen könnten.

US-Geheimdienst: Iran konsolidiert sich

Der demütigendste Aspekt dieser ganzen Eskalation ist, dass selbst die Mainstream-Presse nun zugeben muss: Der Iran bricht nicht zusammen. Laut Einschätzungen des US-Geheimdienstes konsolidiert das iranische Korps der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) trotz wochenlanger Luftangriffe seine Macht und bleibt wahrscheinlich bestehen – „geschwächt, aber härter“, mit einem Sicherheitsapparat, der mehr Kontrolle ausübt.

In den Geheimdiensterkenntnissen seit Kriegsbeginn findet sich die Prognose, dass das System des Iran intakt bleiben und womöglich gestärkt werden dürfte, nachdem es Trump die Stirn geboten und überlebt hat. Das ist kein unbedeutendes Detail. Es ist die strategische Realität, die Laridschanis Ermordung noch aufschlussreicher macht.

Wenn der Iran tatsächlich am Rande des Zusammenbruchs stünde, bräuchte man Diplomaten und mäßigende Kräfte nicht zu töten. Dann ließe man das System an seinen eigenen Widersprüchen zugrunde gehen. Die gezielte Tötung Laridschanis deutet allerdings auf das Gegenteil hin: Das System hält stand, und die Kriegsplaner versuchen nicht nur die militärischen Fähigkeiten des Iran zu zerstören, sondern auch dessen politische Fähigkeit, den Krieg selbstbestimmt zu beenden.

Deshalb ist dieses Attentat geopolitisch so bedeutsam: Es soll Trump einen möglichen Ausweg verwehren.

Die wirkliche Bedeutung: Eskalation mit Absicht

Um zu verstehen, wohin das alles führt, sollte man Attentate nicht länger als „Erfolge“, sondern als Signale betrachten. Laridschanis Tötung signalisiert, dass eine Seite – Israel und die mit ihm verbündeten Netzwerke – eine Eskalation in historischer Höhe anstrebt, selbst wenn sie katastrophale Folgen mit sich bringt. Sie signalisiert, dass der Krieg in Momenten, in denen eine Deeskalation möglich wäre, weiter vorangetrieben wird. Und sie signalisiert, dass diejenigen, die eine Einigung erzielen könnten, systematisch beseitigt werden.

Ironischerweise garantieren Israel und die USA mit jeder Verschärfung von Attentaten als Mittel zur Kriegsbeendigung nur die Fortsetzung des Krieges. Denn sie schaffen genau das politische Klima im Iran, in dem Kompromiss als Verrat gilt und Abschreckung als das einzig verbleibende Mittel.

Daher war die Tötung Laridschanis strategisch. Sie war die Zerstörung eines Auswegs.