Rubios Andeutungen zum Abbruch der Verhandlungen und Moskaus Aufforderung an US-amerikanische und europäische Diplomaten, Kiew zu verlassen, verheißen eine Eskalation. Eine direkte Konfrontation der USA mit Russland ist in Sichtweite. Und Russland könnte den Iran stärker unterstützen, wenn die USA ihre Unterstützung für die Ukraine ausweiten. Die USA brauchen einen neuen Verhandlungsführer nur für die Ukraine

Der Artikel erschien auf Englisch 26. Mai 2026 auf der Seite des Quincy Institute for Responsible Statecraft responsiblestatecraft.org

Von Anatol Lieven

Anatol Lieven ist Direktor des Programms für Eurasien am Quincy Institute for Responsible Statecraft. Zuvor war er Professor an der Georgetown University in Katar sowie am Fachbereich für Kriegsstudien (War Studies) des King’s College London

Russlands Außenminister Sergei Lawrow warnte die Regierungen der USA und Europas, ihre Diplomaten und Staatsbürger aus Kiew zu evakuieren, bevor Russland „systematische Schläge“ ausführt. Diese Warnung markiert eine drastische Eskalation im Ukraine-Krieg und enthält das ernste Risiko, Washington und die NATO in einen direkten Konflikt mit Russland hineinzuziehen. Wahrscheinlich bedeutet sie, dass Russland ballistische Hyperschallraketen des Typs Oreschnik einsetzen will, um das unterirdische Hauptquartier in Kiew anzugreifen. 

Dort haben US-amerikanische und europäische Offiziere die ukrainischen Streitkräfte dabei geholfen, Ziele in Russland mit Raketen und Drohnen ins Visier zu nehmen. In den vergangenen Wochen haben diese Angriffe zunehmend Schaden tief im Inneren Russlands angerichtet. Eine ukrainische Drohne traf vergangene Woche im russisch besetzten Donbass eine studentische Einrichtung und tötete Berichten zufolge 21 Studenten. Russland reagierte mit einem massiven Angriff auf die Ukraine, bei dem auch Oreschnik-Raketen zum Einsatz kamen.

Bislang hat Moskau davon abgesehen, ukrainische Hauptquartiere direkt anzugreifen. Das ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass die ukrainischen Streitkräfte wiederholt russische Hauptquartiere ins Visier genommen haben. Am Dienstag erklärte der ukrainische Generalstab, er habe ein bedeutendes russisches Führungs- und Kommandozentrum in Lugansk mithilfe britischer Storm-Shadow-Marschflugkörper zerstört. Der effektive Einsatz dieser Raketen durch die Ukraine bereits seit zwei Jahren erfordert Zieldaten der USA.

Dennoch hat Moskau die ukrainischen Hauptquartiere in Kiew deshalb nicht angegriffen, weil die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass dabei US-amerikanische und andere NATO-Soldaten und Geheimdienstoffiziere getötet würden. Das würde die Gefahr einer drastischen Vergeltungsmaßnahme seitens des Westens heraufbeschwören. Seit Donald Trump in das Präsidentenamt zurückgekehrt ist und den Friedensprozess angestoßen hat, wurde die russische Regierung vom Bestreben geleitet, ihn weder zu verärgern noch zu schwächen. 

Aber in der vergangenen Woche erklärte US-Außenminister Marco Rubio, dass die Friedensgespräche ins Stocken geraten seien und „derzeit keinerlei derartige Gespräche stattfinden“. Im Wesentlichen schob er die Verantwortung für das Vorantreiben des Prozesses wieder den Russen und Ukrainern zu: „Sollten wir eine Gelegenheit erkennen, Gespräche auf die Beine zu stellen, die produktiv – und nicht kontraproduktiv – sind und die Aussicht haben, Früchte zu tragen, so sind wir bereit, diese Rolle [der Vermittlung] zu übernehmen.“

Die russische Armee hat sich auch als unfähig erwiesen, im Donbass nennenswerte Geländegewinne zu erzielen. Als Präsident Wladimir Putin die Friedensbedingung stellte, dass sich die Ukraine aus jenem kleinen verbliebenen Teil des Donbass zurückziehe, den sie noch immer kontrolliert, ging er wohl – wie viele westliche Militäranalysten – davon aus, dass die russische Armee dieses Gebiet ohnehin in Kürze einnehmen würde. Der massive Einsatz von Drohnen durch die ukrainische Armee hat das jedoch verhindert. Bei schweren Verlusten hat die russische Armee in den vergangenen zwei Jahren minimale Geländegewinne erzielt.

Berichten zufolge versichern russische Generäle Putin, sie würden den Rest des Donbass bis zum kommenden Herbst einnehmen. Doch hat er wenig Grund, ihnen zu glauben, da die russische Armee bei der diesjährigen Geschwindigkeit des Vorrückens noch fast drei weitere Jahre benötigen würde, um dieses Ziel zu erreichen. Unterdessen wächst in der russischen Bevölkerung die Unzufriedenheit mit dem Krieg, dessen wirtschaftliche Kosten schmerzhaft spürbar werden. Putins persönliche Popularität ist stark eingebrochen.

Meinungsumfragen deuten darauf hin, dass die meisten Russen einem Waffenstillstand entlang der derzeitigen Frontlinie zustimmen würden, russische Hardliner sähen darin allerdings eine schwere Niederlage für Russland. Seit Jahren drängen sie Putin schon dazu, die Angriffe auf die Ukraine zu intensivieren und dem Westen zugleich mit einer radikalen Eskalation zu drohen. Bis zu dieser Woche widerstand Putin jenen Stimmen, nun scheint er auf sie zu hören.

Die russische Regierung kalkuliert womöglich, dass eine neue Strategie gewissen Erfolg bringen wird – ungeachtet der westlichen Reaktion. Sollten USA und NATO ihre Berater und Diplomaten abziehen, wäre es ein beträchtlicher Sieg für Russland. Gleiches gälte, wenn es Russland gelänge, ukrainische Hauptquartiere zu zerstören und deren Zielerfassungskapazitäten zu beeinträchtigen. Womöglich fürchtet Moskau nicht mehr so sehr eine Eskalation durch USA und NATO als die Reaktion auf westliche Todesopfer. 

Die USA können den Krieg mit dem Iran offenbar weder gewinnen noch sich zurückziehen. Pentagon-Vertreter haben von schwerer Erschöpfung der wichtigsten US-Waffenbestände berichtet, Marschflugkörper und Luftabwehrsysteme werden aus Reserven in Europa und im Pazifikraum in den Golf verlagert. Deshalb konfrontierte das Pentagon kürzlich Japan mit „schwerwiegenden Verzögerungen“ von zwei oder mehr Jahren bei der Lieferung bezahlter Tomahawk-Marschflugkörpern, die Japan als entscheidend für die Abschreckung gegenüber China betrachtet. Japanische Kommentatoren fragen, was aus der US-Priorisierung von Asien und der chinesischen Bedrohung geworden ist.

In Europa setzt die Hälfte der Länder die Lieferung zugesagter Artilleriemunition aus. Artilleriegranaten-Lieferungen könnten einbrechen. Der Irankrieg versetzt Russland zunehmend in die Lage, die USA zu bedrohen. Sollte Washington seine Unterstützung für die Ukraine ausweiten, könnte Russland dem Iran im Gegenzug Hilfe bei der Zielerfassung für Raketen- und Drohnenangriffe anbieten – was die Wahrscheinlichkeit von US-Opfern erhöhen würde. Die Regierung Trump sollte darüber besorgt sein, wenn sie es nicht schon ist.

Wir stehen vor einer schweren Krise – ein großes Dilemma für die Regierung Trump. Die Regierung Trump darf den Friedensprozess keinesfalls aufgeben. Sie muss ihn wieder anstoßen und Druck auf die europäischen NATO-Verbündeten ausüben, damit sie Russland mit Angeboten zu Sanktionserleichterungen, Energieabnahme und Normalisierung der Beziehungen dazu bewegen, den Krieg zu beenden. Europas Staaten müssen auch dazu beitragen, die ukrainische Regierung von einem Kompromissfrieden zu überzeugen. 

Die Sondergesandten für die Ukraine und den Nahen Osten Steve Witkoff und Jared Kushner sind durch den Krieg mit dem Iran abgelenkt. Die Lage erfordert einen neuen, hochrangigen und erfahrenen Verhandlungsführer für den ukrainischen Friedensprozess, unterstützt von einem professionellen Expertenteam. Es ist absurd, dass zwei – wie auch immer befähigte – Laien mit zwei völlig getrennten und vitalen Friedensverhandlungen betraut sind. Keine seriöse Regierung sollte so handeln.

Bringt sich die Regierung Trump nicht erneut in den Friedensprozess ein, dürfte sie in den kommenden Wochen vor der Wahl stehen: entweder demütigender Rückzug oder weit tieferes und gefährlicheres Militär-Engagement in der Ukraine. Verbunden mit der ernsten Möglichkeit eines direkten Krieges mit Russland.