Als Ordnung galt Heiden und mittelalterlichen Christen eine Dreigliederung der Gesellschaft. Der erste Stand betete, der zweite Stand kämpfte, der dritte Stand arbeitete. Diese Ontologie der Relation ging in der Moderne verloren. Die bürgerliche Fruchtbarkeitsfunktion sog kommunisierend die anderen Funktionen auf. Das Ende der Geschichte schien gekommen. Aber Multipolarität, Migration und Künstliche Intelligenz werfen die Frage nach funktionalen Differenzen in der Gesellschaft wieder auf

Der Beitrag erschien auf Niederländisch im Mai-Heft Nr. 25 vom Epoque-Magazin: deblauwetijger.com

Von Dimitrios Kisoudis

Dimitrios Kisoudis ist Publizist und politischer Berater. Vor kurzem hat er bei Manuscriptum ein Buch über den Ordnungsstaat veröffentlicht

Ordnung muss sein. Aber was ist Ordnung? Heiden und Christen waren sich einig. Bei Platon ist das Gemeinwesen in drei Stände untergliedert: philosophische Herrscher, Wächter und Schaffer. Wenn die Anordnung dieser Stände mit ihren besonderen Tugenden – Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit – ungestört ist, ist die Ordnung gerecht. Für Augustinus von Hippo besteht dann eine ruhige und friedliche Ordnung, wenn gleiche und ungleiche Dinge an ihren Platz gewiesen sind.

In einer ordentlichen Gesellschaft sind die Dinge also an ihrem Platz. Da die Dinge ungleich sind, verwirklicht sich die Ordnung in der Anordnung. Indem die Ordnung oben aufgehängt ist, ergibt sich in Entfernung vom Himmlischen eine Hierarchie. Diese Vorstellung von Ordnung zog sich von der europäischen Antike bis zum christlichen Mittelalter – und darüber hinaus. Die drei Tätigkeiten Beten, Kämpfen, Arbeiten machten die Ständegesellschaft aus. Aus ihnen ergaben sich drei Stände: 1. Klerus. 2. Adel. 3. Bürgertum.

Die Historiker der Annales-Schule untersuchten, wie die Ideologie der dreigliedrigen Ordnung nach dem Jahr 1000 in Nordfrankreich belebt wurde. Jacques Le Goff betrachtet sie als Mittel, um die Monarchie zu stützen und den wirtschaftlichen Aufschwung des Feudalismus aufzunehmen. Georges Duby sieht in der Dreigliedrigkeit eher eine Reaktion auf gleichmachende Ideologien. Gegen heidnische Schwurverbände und gnostische Sekten hätten die kapetingischen Bischöfe Adalbero von Laon und Gerhard von Cambrai die ruhige und gerechte Ordnung ins Feld geführt. 

Vollendeten Ausdruck erfuhr die Ständeordnung im Traktat über die Stände und einfachen Würden des Pariser Juristen und Soziologie-Begründers Charles Loyseau 1610:  Gottesdienst, bewaffnete Staatserhaltung, Friedensübungen – „Das sind unsere drei Ordnungen oder Generalstände von Frankreich, der Klerus, der Adel und der Dritte Stand.“ Die Französische Revolution räumte mit dieser Ordnung auf, sie setzte das Bürgertum mit seinen ökonomischen Klassen und Mehrheiten nach Köpfen als neues Ganzes. Was ist der dritte Stand, fragt Sieyès, und antwortet: „Der Dritte Stand ist eine vollständige Nation.“

Die Ordnung von Staat und Gesellschaft war nie bloß ein soziologische Frage. Es ging um Ontologie und Struktur. Wenn soziale Gruppen nicht allein aus sich selbst, sondern in Beziehung zu anderen Gruppen definiert werden, wenn ihre Andersheit nur als einzigartige Beziehung erfahren werden kann, dann haben wir es mit einer Ontologie der Relation zu tun. Die Wendung hat der Theologe und Publizist Christos Yannaras geprägt, wobei er sich auf die kappadokischen Kirchenväter bezieht. Diese Ontologie findet sich aber ebenso in der Ordo-Vorstellung des westlichen Kirchenvaters Thomas von Aquin.

Die Annales-Historiker bezeichneten die Dreigliedrigkeit als „Struktur“. Sie könne in eine Phase der Verborgenheit eintreten, sich aber jederzeit erneuern. Damit nahmen Le Goff und Duby Bezug auf den strukturalistischen Religionswissenschaftler Georges Dumézil, dem sie ihre Forschungsergebnisse auch vorstellten. Dumézil überkam 1938 auf Vorlesungsreise im schwedischen Uppsala gleichsam über Nacht die strukturelle Übereinstimmung im Götterhimmel indoeuropäischer Heiden. Wotan, Thor und Freyr, Jupiter, Mars und Quirinus, sie waren verwandt wie die Sprachen der Germanen, Römer oder Griechen.

Die drei Hauptgötter repräsentierten drei Funktionen wie später die drei Stände: 1. Magie oder Spiritualität, geistliches Handeln. 2. Kraft oder Gewalt, kriegerisches Handeln. 3. Fruchtbarkeit oder vermehrendes Handeln. Die erste Funktion war als erstes da und fordert den ersten Rang, die zweite Funktion begehrt gegen die erste auf und setzt die Dialektik der Stände in Gang. Die dritte Funktion neigt dazu, alle anderen Funktionen aufzusaugen. Georges Dumézil nennt diese Tendenz „kommunisierend“ oder Tendenz zur „Indistinktion“. Das Bürgertum wirkt nicht im Mythos, sondern in der Geschichte. Sein Ziel besteht darin, die vertikale Ordnung der Unterschiede einzuebnen.

Ohne soziale Differenz ist die Geschichte zu Ende. Auf dieser Erkenntnis beruht das „Ende der Geschichte“. Das Theorem hat Francis Fukuyama nach Ende des Kalten Krieges dem Hegel-Interpreten und Berater von Frankreichs Regierung in Europasachen Alexandre Kojève entliehen. Kojève entfaltet das Theorem ausgehend von Hegels Dialektik von Herr und Knecht, also von einer ständischen Spannung, die ins Allegorische gesteigert ist. Der Knecht arbeitet. Der Herr begehrt das Produkt der Arbeit, durch die Anerkennung im Knecht wird er zum Herrn. Der Knecht aber wird zum Arbeiter. Die Geschichte kommt in Gang und endet, wenn sich alle Menschen anerkannt haben. Dann entfällt der Antrieb zur Revolution.

Fukuyama bezieht das Theorem auf die Differenz zwischen den Systemen. In Ermangelung eines Gegners wie des Kommunismus habe die liberale Demokratie gesiegt. Mit dem klassenkämpferischen Proletarier hatte der Bürger nun kein Gegenüber, das revolutionär aufbegehren konnte. Den Islamismus nahm Fukuyama später in den Blick. Chinas Kommunismus hielt er ohne Blockkonfrontation für nicht-missionarisch, machte aber eine letzte Differenz aus, die in der Folgezeit welthistorische Dimension annehmen sollte – die Nichtanerkennung der Bürgerrechte durch die Kommunistische Partei Chinas.

Diese letzte Differenz verschachtelte sich nach 1989/90 zur Konfrontation zwischen multipolarer und unipolarer Weltordnung. Der Westen machte sich auf ins Posthistoire und ebnete durch Antidiskriminierung die verbleibenden Unterschiede zwischen den Bürgern ein. Indem die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten aus dem US-amerikanischen Recht die Zwangsanerkennung ethnischer und sexueller Minderheiten ins Privatrecht übernahmen, glaubten sie auf eine Welt bürgerlicher Indifferenz zuzusteuern. Unterdessen machten sich in den Zivilisationen des Ostens Differenzen geltend, die ihre Autorität von der ersten oder zweiten Funktion her bezogen.

Den Anfang hatte der Iran gemacht, und zwar bereits 1979. Die Islamische Revolution war der Startschuss zur multipolaren Weltordnung – zu einem Zeitpunkt, als mit dem Anti-Ostblockpapst Johannes Paul II. oder Deng Xiaopings marktwirtschaftlicher Öffnung scheinbar der Weg zum Sieg für den Westen bereitet wurde. Der Iran traf die Entscheidung für eine Ordnung, in der die Funktionen hierarchisch getrennt waren, von oben angeführt von der spirituellen Funktion. Darin besteht bis heute das iranische Skandalon. Und als Michel Foucault, der Primus unter den poststrukturalistischen Soziologen, die Revolution als Journalist wohlwollend begleitete, stieß er genau deshalb auf die Entrüstung seiner Zunftkollegen.

„Politische Spiritualität“ war die Wendung, mit der Foucault die Revolution rund um Ayatollah Khomeinei belegte. Als Träger der zweiten, kriegerischen Funktion kristallisierten sich die – von Khomenei im Mai 1979 aufgestellten – Revolutionsgarden heraus. Die wirtschaftliche Funktion wurde getragen von den Händlern von Teheran, wenn auch erste und zweite Funktion auf die dritte übergriffen – besonders die Revolutionsgarden würden ihre Macht auf einem Wirtschaftsimperium gründen. Die Revolution stach heraus, weil sie schiitisch war und getragen von einem indoeuropäischen Volk im Nahen Osten. Rückbezüge zum christlichen Mittelalter und zur trifunktionalen Ideologie der Urahnen lagen auf der Hand.

Am 14. Juni 1979 wurde der Religionswissenschaftler Georges Dumézil in die Académie française aufgenommen. Die Laudatio hielt Claude Lévi-Strauss. Der Begründer der strukturalistischen Anthropologie hatte sich mit seiner Untersuchung des wilden Denkens unter bewegten Studenten Kultstatus erworben. Wenn sich Stämme mit Totemtieren identifizierten, dachten sie nicht primitiv, so die Botschaft, sondern klassifizierten die Welt komplex verästelt in Gegensatzpaaren wie hell-dunkel, warm-kalt, Biber-Adler usw. Auch die trifunktionale Ideologie der Indoeuropäer war ein strukturelles Klassifikationssystem. Aber Lévi-Strauss verweigerte ihm im Gegensatz zum wilden Denken die Sympathie.

In seiner Laudatio gibt Lévi-Strauss dem frisch gebackenen Akademiker Dumézil eine Ohrfeige. Sie enthält einen Seitenhieb gegen den Iran-Versteher Foucault, der ihm mit seinen poststrukturalistischen Analysen der Macht den Rang abgelaufen hatte. In Krisenzeiten Zuflucht zur „indoeuropäischen Seele“ zu suchen, sei ein gefährlicher Irrweg, so Lévi-Strauss. Und an Dumézil gerichtet, lobt er dessen Werk – mit dem Gift der Verkehrung – als Warnung vor solcher Zuflucht: „Denn Sie wissen, dass diese indoeuropäische Ideologie, deren Triebfeder Sie so minutiös auseinandergenommen haben, über Jahrhunderte und Jahrtausende nur als leere Form überlebt hat.“

Tatsächlich überlebte die Trifunktionalität auch in der bürgerlichen Moderne als Gegenmöglichkeit. Einer modernen Ontologie, deren Antrieb die Aufhebung von Differenzen war, stand eine Ontologie entgegen, die in der Relation verschiedenartiger Persönlichkeiten bestand. Der sozialdemokratische Wirtschaftsphilosoph Thomas Piketty entwickelt den Gegensatz von Gleichheitsregimen und vormodern-dreigliedrigen Regimen der Ungleichheit in seinem Buch „Kapital und Ideologie“ sogar als Weltgegensatz. Dreigliedrige Gesellschaften sieht Piketty als Gegner des modernen Staates, weil sie Politik und Wirtschaft verflechten. Diese Verflechtung kann man auch der sozialen und liberalen Demokratie vorwerfen, da sie Politik und Wirtschaft untrennbar macht.

Umgekehrt kann in der Moderne nur ein Staat funktionale Differenzen geltend machen. Soziale Gruppen in Selbstorganisation können die Funktionen nicht verteilen, wenn das Gewaltmonopol beim Staat liegt. So nahm die Multipolarität ihren Lauf. Autorität ist die letzte Differenz, die den Knecht daran hindert, Widerstand gegen die Herrschaft zu leisten, sich durch Arbeit und Revolution zu befreien. Die führenden Mächte der Multipolarität befestigten diese Autorität unterschiedlich. In Russland wuchs der Staat aus den Sicherheitsbehörden, den Gewaltstrukturen (silovye struktury) nach.

Das Militär ist das staatliche Gewaltorgan schlechthin, es arbeitet auf Gewaltanwendung gegen einen äußeren Feind hin, um die staatliche Existenz zu erhalten. Polizeibehörden wenden Zwang an, machen staatliche Gewalt täglich in unmittelbarer Anwendung sichtbar. Geheimdienste operieren im Verborgenen, der Kritik durch die bürgerliche Gesellschaft entzogen. Sie sind vom Geheimnis umwoben. Die Autorität des Militärs liegt in der Hierarchie von Befehl und Gehorsam, die im Oberbefehl gipfelt, die Autorität der Polizeibehörden in der allgegenwärtigen Forderung, sich staatlichem Zwang zu unterwerfen.

Diese Entwicklung ging los, als Jelzins Berater nach einem Militärpräsidenten im Geheimdienst suchten, um ihn zunächst im Amt des Ministerpräsidenten sich bewähren zu lassen. Als Präsident bildete Wladimir Putin dann eine Zweiteilung von Macht- und Wirtschaftsregierung aus. Die neue Staatselite rekrutierte er vor allem beim Inlandsgeheimdienst FSB. Diese Siloviki unterschied von den Liberalen und Technokraten eine berufsständische Mentalität: Zentralstaat, Wiederherstellung russischer Bedeutung, Verbindungen zur Kirche. Über die Verschränkung von Ministerien und Behörden durchdrangen sie den Staat, über Kontrolle von Unternehmen die zweite Funktion.

Auf der Linie der NATO-Osterweiterung zeichnete sich das Gewalt-Dispositiv der Siloviki immer stärker ein. Als ein NATO-Beitritt der Ukraine ins Visier geriet, zeigte Präsident Putin mit zwei aufsehenerregenden Reden, wie die Mentalität der Siloviki der Russischen Föderation in Fleisch und Blut übergegangen war. Am 10. Februar 2007 erklärte er auf der Münchner Sicherheitskonferenz das unipolare Modell für inakzeptabel und unmöglich. Am 4. April 2008 erteilte er nach einem Treffen des NATO-Russland-Rats in Bukarest der NATO-Osterweiterung eine Absage.

Chinas Autorität war etwas anders gelagert. Von Mao erbte die Kommunistische Partei Chinas eine doppelte Autorität: einerseits Avantgarde des Klassenkampfes, andererseits Trägerin des – laut Mao übergeordneten – nationalen Befreiungskampfes gegen die Japaner. Der Vorsitzende konnte also den Klassenkampf anführen oder staatsmännisch die Gegensätze versöhnen. Als Herr über die Auslegung der kommunistischen Lehre war er oberster Lehrer und somit die Spitze der ersten, spirituellen Funktion. Er verkörperte die Magie aus dem kommunistischen Manifest und die traditionelle Magie der Nation.

Der neoautoritäre Impuls nahm seinen Ausgang von der Erkenntnis einer Differenz zwischen Autorität und Nicht-Autorität. In den USA gastierend, stellte der KPCh-Chefideologe Wang Huning 1988 fest, dass sich die antiautoritäre Gesellschaft dort von den Gesellschaften Eurasiens unterschieden, wo Gruppen die Tradition und Autorität verkörperten und soziale Konflikte koordinierten. Die Trennung der Funktionen ermöglichte der Partei, die Wirtschaft zu liberalisieren, ohne wie die Sowjetführung durch Glasnost die Autorität der Partei in Frage zu stellen. 

Als Xi Jinping 2012 an die Spitze rückte, begründete er als Herrscher ohne Hausmacht mit einer Antikorruptionskampagne gegen den Apparat seine persönliche Autorität für das ganze Volk. Aber Xi machte sich auch die zweite Funktion zunutze. Die Führungsgruppen aus Partei, Staat und Militär machte er zur prominenten Einrichtung. Zusätzlich zu den 13 existierenden richtete er elf neue Gruppen ein (für Staatssicherheit oder Militärreform) und saß 11 Gruppen selbst vor. Xi legte Parteiabteilungen zusammen und richtete sie auf seine Autorität hin aus. Er unterstellte staatliche Organe (z.B. Antikorruptionsbehörden) der Partei und baute Parteizellen in Unternehmen aus.

Im Gegensatz zu seinen Vorgängern legte Xi Jinping den Schwerpunkt seiner Amtsführung nicht auf Wirtschaft, sondern auf Sicherheit. Die zweite Funktion band er an die erste zurück. In China lag die erste Funktion nach wie vor bei der Partei der Kommunisten, die Marx und Engels als Priesterstand der Arbeiterklasse gedacht hatten. Xi kam die Linienkompetenz über die Parteiideologie besonders zu. Von Anfang an wurde er als Denker eingeführt. Die Denkfigur dazu war der Chinesische Traum, erstmals verkündet zwei Wochen nach der Amtsübernahme bei der Eröffnung der Ausstellung ‚Der Weg zur Verjüngung‘.

Die Verjüngung der Nation überwindet endgültig das Jahrhundert der Demütigung, das mit den Opiumkriegen begann. Die Elemente sind Großmachtbeziehungen, Schicksalsgemeinschaft, Neue Seidenstraße, Interventionsverbot für nichtasiatische Mächte, Großmachtstatus. Während des Ukraine-Kriegs trafen sich Xi und Putin sprachlich dort, wo ihre Länder 1996 mit einer Erklärung an die Vereinten Nationen den Grundstein zur strategischen Zusammenarbeit gelegt hatten: in der Multipolarität. Am 28. Juni 2024 forderte in seiner Rede auf der Konferenz zum 70. Jahrestag der fünf Prinzipien friedlicher Koexistenz „eine gleichberechtigte und geordnete multipolare Welt“.

Als er vor dem Kongress die Kriegserklärung gegen das Deutsche Reich forderte, stellte US-Präsident Woodrow Wilson am 2. April 1917 eine Begriffsopposition zwischen demokratischen Nationen und autokratischen Regierungen auf. Darin lag die Weltordnung fürs 20. Jahrhundert beschlossen. In den 14 Punkten für die Nachkriegsordnung konkretisierte er seine Vorstellung. Mit der Zerschlagung der aristokratischen Reiche sollte das Alte Europa mitsamt Geheimdiplomatie und Gewalt als Mittel des Völkerrechts begraben sein. Dieses Programm lag noch der Unipolarität hundert Jahre später zugrunde. Im Juli 2022 bekräftigte die NATO mit ihrem strategischen Konzept den Konflikt zwischen „demokratischen Werten“ und „Autoritarismus“.

Die unipolare Weltordnung war gedacht als weltbürgerliche Ordnung. Die Anarchie im Zusammenleben der Staaten sollte durch eine Regelbasiertheit ersetzt werden, die letztlich auf Weltinnenpolitik und Weltstaat hinauslief. Mit dem Klassenkampf hielt der Ostblock die Geschichte in der Bipolarität am Laufen. Als Gorbatschow die Perestroika in Gang setzte, gab er den Klassenkampf und die Hegemonie im Ostblock auf und steuerte mit seinem Beraterstab seinerseits auf einen Weltstaat zu. Die Länder der ehemaligen DDR traten der BRD und damit der NATO bei. So verpasste Bundeskanzler Helmut Kohl die Gelegenheit, in eine blockfreie europäische Ordnung einzutreten, wie es sein mittelbarer Amtsvorgänger Willy Brandt beabsichtigt hatte.

Es kam aber anders, als es sich die Europäer im Posthistoire vorgestellt hatten. Das indifferente Weltbürgertum stellte sich als Schimäre heraus. Kanzlerin Angela Merkels Grenzöffnung brachte im September 2015 eine Welle von Zuwanderern, deren Verhaltensunterschiede einer Mehrheit auf Dauer nicht vermittelbar waren. Der Anteil dieser Zuwanderer an den Tatverdächtigen von Gewalttaten überstieg ihren Bevölkerungsanteil mehrfach. Ihre mangelnde Passfähigkeit zu den Erfordernissen einer pazifizierten und leistungsfähigen Wirtschaft schlug sich in den Arbeitsmarktstatistiken nieder. Die Alltagserfahrung war mit der Menschheitserzählung der Antidiskriminierung nicht mehr in Einklang zu bringen.

Sexuelle Massenbelästigungen auf der Kölner Domplatte wurden an Silvester 2015 zum Sinnbild einer Zeitenwende. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer, später Merkels Innenminister, warf eine Bruchlinie auf, als er die Grenzöffnung gegenüber der Presse am 9. Februar 2016 als „Herrschaft des Unrechts“ bezeichnete. Schon im Oktober 2015 hatten die deutschen Siloviki, die amtierenden Sicherheitschefs, einen Zehn-Punkte-Plan des früheren Bundesnachrichtendienst-Präsidenten August Hanning unterstützt. Die Kanzlerin verhängte eine Eiszeit gegenüber den Sicherheitsbehörden. Aufmüpfige Behördenleiter wurden in der Folge in vorzeitigen Ruhestand versetzt.

Die Grenzöffnung sorgte europaweit für Entsetzen: Die wichtigste Industrienation in der Mitte Europas konnte das Gewaltmonopol nicht mehr ausüben. War die zweite Funktion abhanden gekommen?

Als das Corona-Virus sich Anfang 2020 ausbreitete, wurde dieser Eindruck in die Gegenrichtung zerstreut. Wie auf Knopfdruck begab sich nicht nur Deutschland, sondern Staaten in ganz Europa in einen Ausnahmezustand, wie er in liberaldemokratischen Verfassungen gar nicht vorgesehen war. Kontakt- und Bewegungsverbote waren plötzlich kein Problem. Es drohte sogar der Impfzwang mit einem weitgehend wirkungsarmen, dafür aber nebenwirkungsreichen Stoff. Im Hintergrund zogen wahrnehmbar das Weltwirtschaftsforum, Bill Gates und andere nichtstaatliche Akteure die Fäden. Ließ sich das Gewaltmonopol etwa nur gegen, aber nicht für die Bürger zur Anwendung bringen?

Was erschien wie eine isolierte Krise, fügt sich allmählich zum Panorama eines Epochenwandels. Dieser Wandel wird die Gesellschaft nicht so bürgerlich belassen, wie wir sie kannten. Die Zuwanderung von Muslimen warf die Frage nach Gewalt und Glauben, nach verloren geglaubten sozialen Funktionen, neu auf. Die Reaktionen auf die Ausbreitung des Corona-Virus rückten einen großen Reset der sozialen Beziehungen ins Bewusstsein. Soziale Gruppen ließen sich also auseinandernehmen und neu zusammensetzen. Digitale Technologie war das Mittel dazu.

Mit dem Ukraine-Krieg kehrte 2022 die Gewalt als ordnendes Prinzip ins Völkerrecht zurück. Zwar wurden Kriege auch früher schon vom Zaun gebrochen, sie mussten aber im regelbasierten Völkerrecht als Polizeimissionen zum Schutz der Menschenrechte gerechtfertigt werden. Mit Donald Trumps zweiter Präsidentschaft geriet nun auch das Selbstverständnis der NATO als Vorreiter der Weltinnenpolitik ins Wanken. Indem er die Monroe-Doktrin erneuerte, kehrte er zu einer Großraumpolitik im Stil des 19. Jahrhunderts zurück. Der Überfall auf Venezuela und die Annexionsdrohungen gegen Grönland manifestierten ein multipolares Völkerrecht, das an die untergegangene Ordnung des Westfälischen Friedens 1648 erinnert.

Außenpolitik und Sozialordnung hängen zusammen. Im Zuge der napoleonischen Revolutionskriege entschied sich, ob in Europa die alte Ständeordnung oder die neue bürgerliche Ordnung des Code civil gelten würde. Mit der Restauration wurde nach dem Wiener Kongress die trifunktionale Ordnung stabilisiert, getragen von einer Heiligen Allianz, in der Russland den Takt und Österreich den Ton angab. Mit dem Fortschritt der Technologie musste gerade der preußisch-deutsche Staat revolutionäre Elemente von oben der Gesellschaft überstülpen, um im Wettstreit der Mächte streit- und wettbewerbsfähig zu sein.

Heute ist es die digitale Technologie, die Staat und Gesellschaft vor nötige Umbauten stellt. Im Transhumanismus verwischen die Grenzen zwischen Mensch und Maschine. Organische Körper werden optimiert oder verschmelzen mit Maschinen zu kriegerischen Cyborgs. Künstliche Intelligenz weist eine Tendenz zur Magie auf. Die Handlung ist sichtbar, die Ausführung nicht. Im Crustafarianism entwickeln KI-Agenten auf der Plattform Moltbook eine gottlose Religion durch autonome Interaktion. Digitales lässt sich keiner Funktion zweifelsfrei zuordnen, wird aber alle Funktionen verändern.

Die Akteure der Tech-Oligarchie sind eng verbunden mit der zweiten Funktion. Elon Musk bot mit Starlink der Ukraine das Internet im Krieg gegen Russland, Thiel half mit Palantir der CIA und soll künftig die Kriegsführung mit künstlicher Intelligenz verbinden. Palantir-Geschäftsführer Alex Karp spricht in seinem neuen Buch davon, die gelockerte Verbindung von Staat und Technologie im Bereich der Gewaltorganisation zu straffen, um in nationaler Einigkeit für die Gegnerschaft mit China gerüstet zu sein.

Der Wettstreit ind er Multipolarität ähnelt die Mächte einander an. Im Dunstkreis der Tech-Oligarchie breitet sich die neoreaktionäre Ideologie aus. Ihr Meisterdenker Nick Land kehrt in seinem Akzelerationismus die Kapitalismuskritik zur Kritik am Bürgertum um. Das Bürgertum erscheint nicht mehr bedroht durch proletarische Revolution, aber auch nicht siegreich in eigener Weltrevolution. Ihm erwächst mit der künstlichen Intelligenz ein Unstand, der zwar der Logik des Kapitals folgt, aber über bürgerlich-marktförmige Politik weit hinausweist.

Wir leben bereits mitten in einer Welt, für die Europa nicht gerüstet ist. Die Gleichheit des Weltbürgers ließ sich nicht verwirklichen. Brutale Ungleichheiten branden auf. Glaube und Gewalt sind zurück. Mit Wirtschaftlichkeit, mit der bürgerlichen Funktion allein lässt sich ein Staat nicht mehr managen, lässt sich die Gesellschaft nicht mehr zusammenhalten. Die Differenzen zwischen den Menschen müssen neu angeordnet werden. Nur mit Hilfe der Vergangenheit kann das gelingen.