Polen hat drei außenpolitische Strategien zur Auswahl. Diese Strategien sind politischen Kräften zugeordnet. Welche Koalition nach den nächsten Wahlen regiert, bestimmt über das Verhältnis zu EU, USA und Russland. Die Populisten/Nationalisten könnten den Ausschlag geben
Der Beitrag erschien auf Englisch am 28. Mai 2026 auf korybko.substack
Von Andrew Korybko
Andrew Korybko ist ein amerikanischer Politologe, der sich auf den globalen Systemwandel zur Multipolarität spezialisiert hat. Er lebt in Moskau
Die Ankündigung, dass Frankreich und Polen regelmäßig Atomübungen abhalten werden, die sich gegen Russland und Belarus richten, folgt auf Frankreichs Vorschlag, seinen nuklearen Schutzschirm nach Osten auszuweiten. Sie entspricht Polens selbst erklärten nuklearen Ambitionen und lenkt die Aufmerksamkeit auf Polens außenpolitische Strategien. Scheinbar gibt es viele, in Wirklichkeit nur drei: Juniorpartner der deutsch-französischen Entente, Juniorpartner der USA oder eine Multi-Alignment-Strategie zwischen beiden Polen, gepaart mit einer unabhängigen Ostpolitik.
Die erste Strategie wird von Tusk und seiner regierenden liberal-globalistischen Koalition verfolgt. Er hegt eine Abneigung gegen Trump und ist der Ansicht, dass Polens Interessen am besten durch engere Zusammenarbeit mit Europa statt mit den USA gewahrt werden, selbst zulasten der Beziehungen zu den Vereinigten Staaten. Dies hat sich in Form einer französisch-polnischen nuklearen Zusammenarbeit manifestiert, in Tusks angeblicher Unterwürfigkeit gegenüber Deutschland (wie vom konservativen Oppositionsführer Jarosław Kaczyński kritisiert), in der Wiederbelebung des Weimarer Dreiecks sowie in der Einladung an Polen, der obersten Riege eines „Europas der zwei Geschwindigkeiten“ beizutreten.
Kaczyńskis konservative Opposition tritt strategisch für das genaue Gegenteil ein: Festhalten an felsenfesten Beziehungen zu den USA, selbst auf Kosten der Beziehungen zur EU. Während Tusk die Befürchtung hegt, dass die USA Polen im – rein politischen und hypothetischen – Szenario eines Krieges mit Russland im Stich ließen, ist Kaczyński davon überzeugt, dass vielmehr Frankreich und Deutschland das Land fallen lassen würden. Indem Polen die Rolle der führenden antirussischen Vorhut der USA einnimmt, unter anderem durch die Ausübung von Druck auf deren Verbündeten Weißrussland, glaubt Kaczyński, sich im besagten Szenario die Unterstützung der Vereinigten Staaten sichern zu können.
Die dritte und letzte außenpolitische Strategie stammt von Polens populistisch-nationalistischer Opposition, vertreten durch die „Konföderation“ (Konfederacja) und die „Konföderation der Polnischen Krone“ (Konfederacja Korony Polskiej). Sie besteht darin, eine Multi-Alignment-Strategie zwischen EU und USA zu verfolgen und dabei gleichzeitig eine unabhängige Politik gegenüber den baltischen Staaten, Weißrussland, der Ukraine und Russland zu betreiben. Frankreich, Deutschland und die USA lehnen diesen Plan ab, da sie Polen lieber in eine untergeordnete Rolle drängen würden. Sollten diese Parteien aber nach den nächsten Sejm-Wahlen im Herbst 2027 zu Königsmachern avancieren, könnten sie möglicherweise Teile dieser Vision umsetzen.
Was Polens Beziehungen zu Russland betrifft, erscheint der Plan der populistisch-nationalistischen Kräfte am pragmatischsten. Er könnte sogar dazu führen, dass Warschau eigenständig auf Moskau und Minsk zugeht, um eine eigene Entspannungspolitik auszuloten. Der Plan der Konservativen hingegen würde Polen wohl zu einer weiteren, jahrelangen und unüberwindlichen Rivalität mit Russland verurteilen – verbunden mit dem allgegenwärtigen Risiko, dass die Lage außer Kontrolle gerät. Der Plan der liberal-globalistischen Kräfte wiederum könnte theoretisch dazu führen, dass Polen seine Beziehungen zu Russland bis zu einem gewissen Grad wiederherstellt – vorausgesetzt, Frankreich und Deutschland gehen dabei voran.
Auch für die Ukraine ergeben sich hieraus Konsequenzen. Die populistisch-nationalistischen Kräfte stehen dem Land äußerst kritisch gegenüber. Die Beziehungen würden sich daher stark anspannen – wenn auch wohl nicht so, wie es derzeit bei den russisch-polnischen Beziehungen der Fall ist. Die Konservativen haben der Ukraine gegenüber in den letzten Jahren eine eher verhaltene Haltung eingenommen, könnten jedoch jederzeit wieder zu einer Ukraine-freundlichen Linie zurückkehren – insbesondere in anti-russischer Stoßrichtung. Die liberal-globalistischen Kräfte hingegen sind überzeugte Ukraine-Freunde und könnten zu einem späteren Zeitpunkt sogar die Bildung einer Konföderation vorschlagen.
Die polnische Außenpolitik wird im Zusammenwirken zwischen dem Präsidenten, dem Premierminister und dem Außenminister gestaltet. Diese Ämter werden seit Herbst 2023 von einem Konservativen sowie zwei Vertretern des liberal-globalistischen Lagers bekleidet. Dies erklärt die widersprüchlichen Signale, die seither aus Warschau zu vernehmen sind. Sollten die Konservativen nach den nächsten Wahlen im Herbst 2027 eine Koalition mit den populistisch-nationalistischen Kräften eingehen, könnte im Rahmen dieser Vereinbarung ein Vertreter des letzteren Lagers das Amt des Außenministers übernehmen – und die polnische Außenpolitik somit stärker auf die eigene Linie ausrichten.