In Armenien verwechselt man geopolitische Realität und moralisches Marketing. Europa lockt mit Sehnsüchten, bietet aber keine Sicherheitsgarantien. Die Türkei und Aserbaidschan wittern ihre Chance und bietet der NATO Zugang zum Kaspischen Becken und Zentralasien. In der Welt, die entsteht, ist Neutralität durch Schwäche keine Option. Wer in strategisch wichtigen Korridoren liegt, muss auf Ausgleich, Abschreckung und strategische Tiefe setzen
Der Beitrag ist auf Englisch am 25. Mai 2026 erschienen auf kevorkalmassian.substack
Von Kevork Almassian
Kevork Almassian ist syrischer Geopolitik-Analyst und Gründer von @SyrianaAnalysis
Als ich mir mein Gespräch mit Dr. Arthur Khachikyan über die Zukunft Armeniens anhörte, hatte ich den Eindruck, dass wir nicht mehr über gewöhnliche Politik im Südkaukasus sprachen. Wir erörterten das mögliche Aussterben des armenischen Staates selbst – durch einen langen Prozess gesteuerter Kapitulation, psychologischer Erschöpfung, geopolitischer Manipulation und des Elitenversagens. Dieser Prozess überzeugt die Armenier langsam davon, sich von Fundamenten zu lösen, die ihr jahrhundertelanges Überleben ermöglichten.
Was mich während der Diskussion am meisten beschäftigte: Wie gelangt eine Nation mit dem historischen Gedächtnis Armeniens an einen Punkt, an dem die Demontage der eigenen strategischen Position als Modernisierung vermarktet wird, an dem die Schwächung der eigenen staatlichen Institutionen als Reform dargestellt wird und an dem die Abhängigkeit von äußeren Mächten als Souveränität verkauft wird? Denn genau darum geht es.
In Armenien wird nicht mehr bloß über das Verhältnis zwischen Osten und Westen debattiert. Die tiefere Frage besteht darin, ob Armenien noch jenen politischen Ernst besitzt, der für das Überleben in einem zunehmend brutalen geopolitischen Umfeld notwendig ist. Und genau hier, glaube ich, missverstehen viele Armenier – insbesondere unter den Anhängern Paschinjans – die Natur der Welt, die sie betreten.
Seit Jahren wird Armenien die Fantasie angedreht, dass geopolitische Realität durch moralisches Marketing ersetzt werden kann. Dass wenn man nur laut genug die Sprache der Demokratie spricht, enthusiastisch genug europäische Flaggen schwenkt und sich aggressiv genug von Russland distanziert, die harten Realitäten der Geografie, des militärischen Gleichgewichts und der regionalen Machtpolitik irgendwie weicher würden. Doch so funktioniert Geschichte nicht. So funktioniert Geografie schon gar nicht. Und der Kaukasus bestraft – mehr noch als die meisten anderen Regionen – gnadenlos Illusionen.
Das europäische Projekt, das heute in Armenien vermarktet wird, gründet großenteils auf emotionalen Sehnsüchten und nicht auf strategischer Realität. Natürlich wünschen sich viele Armenier visafreies Reisen, europäische Integration, Bildungschancen, wirtschaftliche Modernisierung und engere Bindungen an Europa. Das alles sind verständliche Wünsche. Sich etwas zu wünschen und tatsächlich über geopolitische Sicherungsmechanismen zu verfügen, das sind zwei verschiedene Dinge.
Keine ernstzunehmende europäische Macht bietet Armenien Sicherheitsgarantien an. Kein ernstzunehmender westlicher Staat zeigt sich bereit, Armenien gegen türkische oder aserbaidschanische Aggressionen zu verteidigen. Und das ist wichtig, denn Staaten überleben nicht durch Parolen, sondern durch Macht, Einfluss, Abschreckung und ein realistisches Gleichgewicht. Was Armenien stattdessen angeboten wird, ist etwas weitaus Gefährlicheres: symbolische Integration ohne tatsächlichen Schutz.
Und hier wird der Widerspruch scharf. Denn dieselben westlichen Akteure, die endlos von Demokratie und Menschenrechten sprechen, sind bei der Zerstörung von Arzach weitgehend passiv geblieben. Dieselbe europäische Führung, die Nikol Paschinjan nun herzlich empfängt, hat nicht nennenswert eingegriffen, als 120.000 Armenier aus ihrer angestammten Heimat vertrieben wurden. Dieselben Regierungen, die sich auf das Völkerrecht berufen, akzeptierten Realitäten, die mit militärischer Gewalt geschaffen wurden, wenn sie mit weiteren geopolitischen Interessen im Einklang standen, die die Türkei, Aserbaidschan, Energiekorridore und die Eindämmung Russlands betreffen.
Dies ist keine emotionale Klage. So funktioniert einfach internationale Politik. Und sobald man das verstanden hat, sieht man die tiefere Krise Armeniens. Das Problem ist nicht bloß Paschinjan persönlich – auch wenn Arthur während unserer Diskussion eine vernichtende Bilanz seiner Amtsführung zog. Das tiefere Problem ist, dass weite Teile der politischen Kultur Armeniens der Geopolitik immer noch eher emotional als strategisch begegnen. Armenien sucht weiterhin zivilisatorische Schutzmächte, statt dauerhafte Gleichgewichtsmechanismen des Gleichgewichts zu etablieren, die fest in seiner wirklichen Geografie verankert sind.
Arthur brachte während unseres Gesprächs einen Gedanken vor, der mir lange im Gedächtnis blieb. Er sagte, die Armenier verhielten sich psychologisch noch immer so, als existierte Byzanz, als wäre Europa geistig und strategisch weiterhin im Kaukasus verankert, als würde die Rettung zuletzt aus Paris oder Brüssel kommen, bloß weil Armenien christlich sei und somit selbstverständlich zur westlichen Welt gehöre. Aber die geopolitische Landkarte hat sich schon vor Jahrhunderten verändert. Das heutige Armenien existiert im Spannungsfeld zwischen der Türkei, Aserbaidschan, dem Iran und Russland.
Ob einem diese Realität gefällt oder nicht, ist unerheblich. Staaten können sich ihre Geografie nicht aussuchen. Sie überleben, indem sie sie nüchtern und realistisch begreifen. Und deshalb ist die Frage des Sangesur-Korridors von so großer Wichtigkeit.
Worüber hier diskutiert wird, das ist nicht bloß Infrastruktur oder Handelsvernetzung. Es geht um die Umgestaltung des Südkaukasus selbst. Die Türkei und Aserbaidschan haben es genau verstanden. Für Ankara stellt eine direkte territoriale und logistische Verbindung von der Türkei über Nachitschewan bis nach Aserbaidschan und schließlich weiter in Richtung Zentralasien eine historische geopolitische Chance dar. Sie würde die Rolle der Türkei nicht nur im Kaukasus, sondern in der gesamten turksprachigen Welt vertiefen und gleichzeitig der NATO langfristig Zugang zum Kaspischen Becken und nach Zentralasien eröffnen.
Mit dieser Vernetzung schwächen Israel und die Vereinigten Staaten zudem strategisch den Iran, indem sie Teherans nördliche Zugangswege verengen und den türkisch-aserbaidschanischen Einfluss in der Region vergrößern. Und das bedeutet, dass Armenien nicht mehr bloß eine kleine Republik ist, die sich inmitten schwieriger Nachbarn behaupten muss. Armenien entwickelt sich zu einem geopolitischen Frontkorridor in einem weit größeren Machtkampf – unter Beteiligung Russlands, der NATO, der Türkei, des Iran, Israels im Rahmen der eurasischen Rivalität.
Deshalb ist die Illusion der Neutralität durch Schwäche so gefährlich. Schwache Staaten in strategisch wichtigen Korridoren werden nicht in Ruhe gelassen. Sie werden vereinnahmt, unter Druck gesetzt, fragmentiert, instrumentalisiert oder in Schauplätze der Rivalität zwischen größeren Mächten verwandelt. Und in diesem Punkt warnte Arthur meiner Meinung zu Recht vor dem allmählichen Abbau der institutionellen Säulen Armeniens. Sobald ein Land sein territoriales, sein militärisches, sein zivilisatorisches und schließlich sein historisches Selbstvertrauen verliert, bleibt eine Gesellschaft zurück, die psychologisch auf verwalteten Niedergang eingestellt ist.
Der Angriff auf die Armenische Apostolische Kirche ist hierbei besonders wichtig. Nicht weil kirchliche Institutionen über jeder Kritik stünden. Das tut keine Institution. Sondern weil die Kirche im Fall Armeniens historisch als Mechanismus zur zivilisatorischen Selbsterhaltung wirkte. Über Völkermord, imperialem Zusammenbruch, Exil und Jahrhunderte der Fremdherrschaft hinweg wahrte Armenische Kirche die Kontinuität, während die Staatlichkeit verschwand. Behandelt der Staat die Kirche nicht als historischen Anker, sondern als Hindernis für eine geopolitische Neuausrichtung, betrachten das viele Armenier naturgemäß als zivilisatorischen Bruch.
Offen gesagt, können wir diesen Bruch nicht von jener allgemeinen ideologischen Atmosphäre trennen, die seit 2018 nach Armenien importiert wurde. Was wir beobachten, ist ein bekanntes post-sowjetisches Muster: NGOs, Medien-Ökosysteme, Aktivisten-Netzwerke, Spenderstrukturen und von außen finanzierte politische Kulturen formen den nationalen Diskurs so lange um, bis selbst strategischer Realismus moralisch verwerflich erscheint. Ist dieser Prozess ausgereift, wird das Hinterfragen westlicher Ausrichtung zu „Verrat“, die Vorsicht zu „russischer Propaganda“ und die geopolitische Skepsis zu „antidemokratischem Extremismus“.
Das bedeutet nicht, dass Russland schuldlos ist. Ganz im Gegenteil. Die russische Politik gegenüber Armenien und der gesamten Region war oft passiv, widersprüchlich und strategisch kurzsichtig. Moskau unterschätzte klar das Ausmaß der westlichen Einflussnahme auf die armenische Gesellschaft nach 2018, unterschätzte das türkisch-aserbaidschanische Zusammenwirken und vermochte nicht, den Zusammenbruch von Arzach zu verhindern – trotz der Präsenz eigener Friedenstruppen vor Ort.
Und hier wird der Faktor Iran entscheidend. Der Konflikt um den Iran verändert für Armenien alles, da das Land unmittelbar an einer zentralen geopolitischen Bruchlinien des sich abzeichnenden eurasischen Konflikts liegt. Sollte sich der Druck auf den Iran weiter verschärfen, läuft Armenien Gefahr, zu einem noch stärker umkämpften strategischen Terrain zu werden, während rivalisierende Mächte ihre Hebel an den Nord-Süd-Transitrouten, Energiekorridoren und der regionalen Logistik ansetzen.
Mit anderen Worten: Armenien läuft Gefahr, zu einer kleineren Version dessen zu werden, wozu Syrien geworden ist: ein geopolitischer Knotenpunkt, an dem größere Mächte durch Förderung lokaler Zersplitterung ihre konkurrierenden strategischen Agenden verfolgen. Eben deshalb reichen die Auswirkungen der bevorstehenden Wahlen in Armenien weit über reine Innenpolitik hinaus.
Die Frage ist eigentlich nicht mehr, ob die Armenier emotional eher Europa oder Russland zuneigen. Die Frage ist vielmehr, ob Armenien noch eine Führung hervorbringen kann, die begreift, dass das Überleben im Kaukasus Ausgleich, Realismus, Abschreckung, Diplomatie und strategische Reife erfordert – und keine aus dem Ausland importierten ideologischen Fantasien.
Denn die Welt, die derzeit entsteht, ist nicht jene liberale Welt, die sich viele Armenier noch immer ausmalen. Es ist eine härtere Welt. Eine kältere Welt. Eine stärker auf Transaktionen ausgerichtete Welt. Und Kleinstaaten, die Symbolik mit Strategie verwechseln, verschwinden meist zuerst von der Bildfläche.