Heute gelten Kritiker des US-amerikanischen Weltreichs als „unamerikanisch“. Dabei wandten sich früher Präsidenten und Präsidentschaftskandidaten, Wirtschaftsmagnaten und wichtige Intellektuelle gegen den Imperialismus. Zum 250. Jahrestag der Gründung müssen sich die Amerikaner an jene Männer erinnern und die Frage beantworten: Weltreich oder Republik?

Der Beitrag erschien am 29. Juni 2026 auf der Seite des Quincy Institute for Responsible Statecraft responsiblestatecraft.org und ist der erste Artikel einer Reihe, die sich mit dem 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit und deren Bedeutung für die moderne US-Außenpolitik, Krieg und Frieden befasst

Von Brandan P. Buck

Brandan P. Buck ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Außenpolitik am Cato Institute und promovierte in Geschichte. Er ist ehemaliger Nachrichtendienstexperte, diente in der United States Army sowie der Virginia Army National Guard und absolvierte im Rahmen der Operation Enduring Freedom mehrere Einsätze in Afghanistan

Anlässlich des 250. Gründungstags der Vereinigten Staaten trägt diese als Republik gegründete Nation immer noch die Last zahlreicher Verstrickungen in Übersee und scheinbar endloser militärischer Verpflichtungen – die Bürden eines Weltreichs. Verteidiger des außenpolitischen Status quo sind in den letzten Monaten dazu übergegangen, Kritiker als „unamerikanisch“ und als Vertreter einer fremden Ideologie zu brandmarken. An diesem 250. Jahrestag lohnt es sich also, daran zu erinnern, dass die ursprünglichen Gegner amerikanischer Interventionen im Ausland – jene antiimperialistische Bewegung, die als Reaktion auf die imperiale Wende im späten 19. Jahrhundert entstand – tatsächlich die wahren Erben der Republik und ihrer Grundprinzipien waren.

Diese amerikanischen Männer und Frauen wurden zunächst durch die Aussicht auf die Annexion Hawaiis und später durch den Krieg gegen Spanien zum Handeln bewegt. Sie betrachteten die Inbesitznahme der Philippinen und Puerto Ricos sowie den Ausbau des Militärapparats als Bedrohung für den republikanischen Charakter, die wirtschaftliche Gesundheit und den inneren Frieden der Nation. Ihr Wirken im politischen Leben Amerikas und ihre Kritikpunkte bleiben denkwürdig, wenn wir zu unserem Geburtsrecht zurückfinden wollen. Die Nation hat sich nämlich weiter von ihrem republikanischen Pfad entfernt.

Amerikas antiimperialistische Tradition ist so vielfältig wie die Nation selbst. Zu den engagierten Antiimperialisten des Landes zählte der seinerzeit reichste Mann der Welt Andrew Carnegie. Auch der führende Populist der Nation und mehrfache Präsidentschaftskandidat der Demokraten William Jennings Bryan gehörte der Bewegung an. Er sah im imperialen Streben ein Projekt der Eliten, das zu Lasten der Landwirte und Arbeiter ging. Mit Blick auf die Besetzung der Philippinen warnte Bryan, dass das große stehende Heer, das für dieses und andere Abenteuer in Übersee erforderlich sei, sich als „finanzielle Last für das Volk“ und „Bedrohung für die republikanische Regierungsform“ erweisen werde. 

Auch Bryans ideologischer Gegenpol innerhalb der Demokratischen Partei, der ehemalige Präsident Grover Cleveland, zählte zu den entschiedenen Antiimperialisten des Landes. Während seiner Amtszeit handelte Cleveland als Antiimperialist. Er verhinderte die Annexion Hawaiis und durchkreuzte die Pläne seiner republikanischen Gegner zum Ausbau der Marine. Obwohl der amerikanische Imperialismus um die Wende zum 20. Jahrhundert weitgehend ein republikanisches Unterfangen war, brachte die GOP auch eine Reihe lautstarker und aktiver Antiimperialisten hervor. Diese abweichenden Republikaner betrachteten die Hinwendung der Nation zum Imperialismus als eine Verfälschung des Nationalcharakters und Affront gegen die Tradition ihrer Partei, die für Emanzipation und Freiheit eingetreten war.

Trotz ihrer Unterschiede einte diese ansonsten heterogene Gruppe die eine Überzeugung, dass das amerikanische Selbstverständnis ein Bekenntnis zum Antiimperialismus erfordere. Die Antiimperialisten argumentierten, dass die Nation durch das Verfolgen von Ambitionen jenseits ihrer Grenzen – insbesondere außerhalb der westlichen Hemisphäre – ihren republikanischen Charakter verliere und sich den europäischen Imperien angleiche. Sie befürchteten, dass die imperiale Wende Amerikas das republikanische System untergraben werde, indem sie das Machtgleichgewicht innerhalb der Bundesregierung verschob, die Exekutive übermäßig aufblähte und die im Ersten Verfassungszusatz garantierten Rechte der einzelnen Bürger aushöhlte.

Zudem warnten die Antiimperialisten davor, dass der mit dem Expansionismus einhergehende Militarismus die Binnenwirtschaft verzerre, Vetternwirtschaft zementiere und eine politische Kultur fördere, die den moralischen und politischen Charakter der Nation weiter schwächte. Carnegie fasste die Bedenken der Antiimperialisten 1899 in der rhetorischen Frage zusammen: „Sollen wir so bleiben, wie wir sind – gefestigt, geschlossen, uneinnehmbar, republikanisch, amerikanisch“, anstatt dem „Phantom des Imperialismus“ zu erliegen? Wenn einem solche Kritikpunkte bekannt vorkommen, dann deshalb, weil jene Kritiker in ihrer Wendung gegen das politische Abenteurertum ihrer Zeit bereits die Kosten vorhersahen, die mit der Rolle Amerikas als Weltmacht im Laufe des 20. Jahrhunderts verbunden sein sollten.

Die ursprüngliche antiimperialistische Bewegung war jedoch nicht allein von hehren Idealen und einer inklusiven, liberalen Vision des Amerikanismus geprägt. Zu den Gegnern eines amerikanischen Vorstoßes in Richtung Imperialismus zählten auch jene, die teilweise von der rassistischen Annahme geleitet waren, fremde Völker könnten sich nicht in die angloamerikanische Tradition der Selbstverwaltung integrieren und würden folglich die Nation verderben. Ähnliche Bedenken äußerten amerikanische Arbeitnehmergruppen. Sie befürchteten, die Annexion fremder Gebiete würde – ähnlich wie der Zustrom ausländischer Arbeitskräfte – die Löhne der einheimischen Amerikaner drücken und damit die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmerschaft untergraben.

Solche Einstellungen waren keineswegs auf die Antiimperialisten beschränkt. Rassenängste und wirtschaftlicher Protektionismus waren in weiten Teilen der damaligen amerikanischen Gesellschaft verbreitet und existierten neben jenen hehren republikanischen Prinzipien, die die antiimperialistische Bewegung antrieben. Diese ambivalente Mischung aus hohen Idealen und niederen Ängsten lässt die antiimperialistische Tradition eher menschlich als heldenhaft erscheinen, auf jeden Fall wiederentdeckenswert, da wir uns weiterhin mit Fragen von Militarismus und Interventionismus im Ausland auseinandersetzen müssen.

Die Bewegung verschwand nicht über Nacht. Sie überdauerte den Spanisch-Amerikanischen Krieg und blieb in der Zwischenkriegszeit eine bedeutende Kraft. Sie prägte die Debatten über amerikanische Außenpolitik und lieferte vor dem Zweiten Weltkrieg die Argumente für das America First Committee. Bei aller Kontinuität lösten die amerikanischen Interventionen in den Weltkriegen politische und kulturelle Prozesse aus, die die politische Kultur der Nation von ihrer antiimperialistischen Tradition wegführten. Angesichts der geopolitischen Lage und des Ausmaßes der Weltkriege deuteten Befürworter einer entschlosseneren amerikanischen Außenpolitik Interventionen im Ausland um – als Pflicht zur globalen Führungsrolle statt als imperiale Einmischung. Sie argumentierten, der Rückzug der USA aus dem Weltgeschehen habe jene Bedingungen mitgeschaffen, die einen weiteren Weltkrieg erst ermöglicht hatten.

Der Kalte Krieg festigte diese Tendenzen und entfernte die amerikanische politische Kultur noch weiter von ihren antiimperialistischen Wurzeln. Die ideologischen Impulse der frühen Phase des Kalten Krieges ließen das Konzept der „vitalen Mitte“ (vital center) entstehen. Damit war ein Konsens innerhalb der Eliten gemeint, der jede Kritik an der neuen Rolle der Nation auf der Weltbühne aus dem öffentlichen Diskurs verdrängte. Dieser elitäre Konsens war stark genug, um sowohl die Turbulenzen der späten Phase des Kalten Krieges als auch den wachsenden innenpolitischen Widerstand gegen den Vietnamkrieg zu überdauern. Was die amerikanische Öffentlichkeit im 20. Jahrhundert verlor, das war eine breit akzeptierte und politisch umsetzbare Kritik an Imperialismus und Militarismus. Ideen, die einst von Präsidenten, Präsidentschaftskandidaten der großen Parteien, Wirtschaftsmagnaten und wichtigen Intellektuellen geäußert worden waren, wurden allmählich als isolationistisch, naiv oder unamerikanisch abgetan.

Während die Vereinigten Staaten mehr für ihr Militär ausgeben als jede andere Nation in der Geschichte und eine weltweite Präsenz durch Sicherheitsabkommen und sonstige Verflechtungen aufrechterhalten, mangelt es nach wie vor an einer substanziellen Debatte über die finanziellen und moralischen Kosten des amerikanischen Militarismus. Auch die Muskeln unserer republikanischen Selbstverwaltung verkümmerten, weil das außenpolitische Abenteurertum – samt seiner früher untragbaren Begleiterscheinungen – unantastbar wurde. Indem man die materiellen und ideologischen Elemente des Interventionismus zur Norm erhob, wertete man Kritik daran als radikale Haltung ab, obwohl sie für frühere Generationen von Amerikanern noch eine Selbstverständlichkeit gewesen war.

Amerikas Aufstieg zum Weltreich schränkte nicht nur unsere politischen Debatten ein, sondern auch die Grenzen der Politik, indem er die Tradition der Vergangenheit zur Ketzerei der Gegenwart erklärte. Die Vereinigten Staaten ächzen noch immer unter der Last des Imperiums. Für diejenigen, die den Status quo nicht hinnehmen wollen, wirken diese anhaltenden Entwicklungen beängstigend. 

Zum 250. Jahrestag der Gründung Amerikas muss eine neue Generation von Amerikanern eine Abwandlung jener Frage beantworten, die Andrew Carnegie vor 127 Jahren stellte: Wollen wir ein Weltreich bleiben, oder wollen wir wieder solide, kompakt, uneinnehmbar, republikanisch und amerikanisch sein? 

Um eine Antwort zu finden, müssen sich die Amerikaner zunächst erinnern: Einst gab es eine andere Sicht auf die Rolle ihrer Nation in der Welt.

Titelbild: Betsy-Ross-Flagge (13-Sterne-Flagge, 1777–1795), SVG von DevinCook / jacobolus, Public Domain, via Wikimedia Commons.