Mit dem Test einer U-Boot gestützten Langstrecken-Ballistikrakete baut China seine nukleare Triade aus. Der genaue Testzeitpunkt könnte ein Signal an die USA und deren Verbündete sein. Das Verhältnis zwischen China und den USA bleibt nach dem Gipfeltreffen im Mai konfrontativ. Der Fokus auf Abschreckung könnte ein Wettrüsten in der Asien-Pazifik-Region nach sich ziehen
Der Beitrag erschien am 10. Juli 2026 auf Englisch auf der Seite des Quincy Institute for Responsible Statecraft responsiblestatecraft.org
Von James Park
James Park ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Ostasien-Programm des Quincy Institute. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die südkoreanische Außen- und Innenpolitik, chinesische Sicherheitsfragen sowie die Ostasien-Politik der USA
Am Montag hat China eine U-Boot-gestützte Langstrecken-Ballistikrakete (SLBM) in Richtung Südpazifik testweise abgefeuert. Das hat nervöse Reaktionen in den Ländern der Asien-Pazifik-Region hervorgerufen. Auch wenn Peking das Manöver als Routine-Übung bezeichnet, ist es gemessen an Chinas bisherigen Praxistests alles andere als Routine. Erst zum dritten Mal hat China eine Langstreckenrakete direkt in den Pazifik abgefeuert. Der erste Test fand 1980, der zweite im September 2024 statt.
Hinter dem jüngsten Raketentest könnten verschiedene strategische und geopolitische Motive stehen. Erstens ein militärtechnisches: Raketentests sind bei Atommächten gängige Praxis. So testen beispielsweise die USA, Indien und Russland regelmäßig ballistische Raketen von verschiedenen Startplattformen aus. Diese Tests dienen der Überprüfung von Fähigkeiten und der Aufrechterhaltung der Einsatzbereitschaft. Sie sind nicht nur als Provokation zu verstehen.
China ist eine schnell expandierende Atommacht und muss seine Fähigkeiten testen und verifizieren. Bislang hat China Raketentests meist auf sehr steilen Flugbahnen innerhalb des eigenen Staatsgebiets durchgeführt, um Überflüge über andere Länder oder Einschläge in internationalen Gewässern zu vermeiden. Solche Tests können aber die Bedingungen eines Interkontinentalflugs nicht vollständig nachbilden. Starts in den offenen Pazifik ermöglichen Peking, Daten zu gewinnen, die bei kürzeren Tests im Inland nicht erhoben werden können – etwa zur Zielgenauigkeit über interkontinentale Distanzen und zum Flugverhalten entlang der gesamten Flugbahn.
Besonders bemerkenswert aus technischer Sicht bei diesem jüngsten Test: Der Start erfolgte von einem atomgetriebenen U-Boot aus, frühere Tests hingegen von bodengestützten Abschussvorrichtungen. Das bestätigt Chinas Fortschritt auf dem Weg zu ausgereifteren, widerstandsfähigeren Nuklearstreitkräften und einer zuverlässigeren Zweitschlagfähigkeit – also der Fähigkeit, nach einem Atomangriff auf China einen verheerenden Vergeltungsschlag durchzuführen.
Bodengestützte Nuklearstreitkräfte sind leichter per Satellit zu verfolgen, atomgetriebene U-Boote lassen sich in tiefen Gewässern nur schwer aufspüren. Mit ihnen erlangt China die Möglichkeit zur Vergeltung, selbst wenn die landgestützten Streitkräfte vernichtet sein sollten. Kernwaffenexperten betrachten die U-Boot-Komponente als schwächstes Glied in Chinas nuklearer Triade, die außerdem bodengestützte Abschussvorrichtungen und Luft-Boden-Waffen umfasst. Auf dem Weg zu einer voll ausgebauten nuklearen Triade wird China seine Fähigkeiten kontinuierlich überprüfen. Es ist also damit zu rechnen, dass es künftig wieder zu größeren Tests kommen wird.
Neben den technischen Aspekten dürften auch geopolitische Motive hinter dem Raketentest stehen. Peking bestreitet, dass der Test als Signal an ein bestimmtes Land gedacht war – eine Behauptung, die nicht ganz unbegründet ist, da ein solcher Test monatelange Vorbereitungen erfordert. Doch selbst bei einem langfristig geplanten Test hat Peking einen gewissen Spielraum hinsichtlich des genauen Startzeitpunkts.
Der Starts erfolgte interessanterweise einige Tage nach Berichten über die Stationierung eines Raketenabwehrsystems vom Typ Iron Dome durch die USA in Japan und nur wenige Stunden, nachdem Australien und Fidschi einen formellen gegenseitigen Verteidigungspakt unterzeichnet hatten. China dürfte wenig erfreut darüber sein, dass die regionale US-Architektur der Raketenabwehr um weitere Ebenen erweitert wird oder Inselstaaten im Pazifik ihre Sicherheitsbeziehungen zu konkurrierenden Streitkräften vertiefen.
Der Test bot Gelegenheit, Unmut auszudrücken, wenn auch nur Peking weiß, ob es den Zeitpunkt bewusst im Hinblick auf diese Ereignisse gewählt hat. Relativ klar scheint, dass Peking angesichts eines zunehmend feindseligen Sicherheitsklimas in der Asien-Pazifik-Region die Notwendigkeit sieht, seine Entschlossenheit gegenüber Washington und dessen regionalen Verbündeten zu demonstrieren.
Auch wenn Chinas Präsident Xi Jinping und US-Präsident Donald Trump bei ihrem Gipfeltreffen im Mai gelobten, die bilateralen Beziehungen zu verbessern, bleibt das Verhältnis zwischen den USA und China weitgehend konfrontativ. Die Spannungen zwischen China und den regionalen Verbündeten der USA verschärfen sich weiter über den Konfliktherden Taiwan, Südchinesisches Meer und Ostchinesisches Meer.
In den vergangenen Monaten ist die Sicherheitslage in der Asien-Pazifik-Region rasant angespannter und volatiler geworden. Nachdem Japans Premierministerin Sanae Takaichi im November 2025 die Verteidigung Taiwans mit dem nationalen Überleben Japans verknüpft hatte, nahm China eine aggressivere diplomatische und militärische Haltung gegenüber Japan ein. Das veranlasste wiederum Tokio dazu, seinen Kurs gegenüber China zu verschärfen und die militärische Integration mit den USA und den Philippinen zu vertiefen.
Auch die Philippinen haben angesichts eskalierender Gebietsstreitigkeiten im Südchinesischen Meer eine härtere diplomatische Gangart gegenüber China gewählt und die militärische Zusammenarbeit mit den USA und Japan verstärkt. Gleichzeitig hat China seine gemeinsamen militärischen Aktivitäten und Übungen mit Russland intensiviert, um dem wachsenden militärischen Engagement der USA und ihrer Verbündeten zu begegnen. Der Gesamttrend deutet auf ein sich verschärfendes Sicherheitsdilemma in der Asien-Pazifik-Region hin.
Aus Sicht Washingtons und seiner regionalen Verbündeten rechtfertigen Chinas Aufrüstung und das Säbelrasseln rund um Taiwan und die ostasiatischen Gewässer stärkere Abschreckungssignale und eine engere militärische Integration der Verbündeten. Aus Pekings Sicht sind seine eigenen regionalen Militäraktivitäten eine gerechtfertigte Reaktion, um den Bemühungen der USA entgegenzuwirken, China einzukreisen, einzudämmen und Taiwan unter Verletzung des Ein-China-Prinzips abzuspalten.
Diese Dynamik dürfte die gegenseitige Bedrohungswahrnehmung verstärken und ein Wettrüsten vorantreiben. Auch wenn Peking, Washington und die US-Verbündeten davon überzeugt wären, dass ihr Handeln defensiv und gerechtfertigt ist, kann ihr einseitiger Fokus auf Abschreckung auf die Gegenseite feindselig wirken. Wenn er nicht durch Diplomatie oder Maßnahmen gegenseitiger Rückversicherung ergänzt wird, kann er die Region durch ein Wettrüsten destabilisieren.
Für Washington und seine Verbündeten im asiatisch-pazifischen Raum liegt die instinktive Reaktion auf Pekings jüngsten Raketentest wahrscheinlich darin, verstärkt auf militärische Abschreckung zu setzen. Sie werden sich jedoch weiterhin in einem Paradoxon wiederfinden: Ihre Bemühungen um mehr Abschreckung veranlassen China dazu, sein offensives Abschreckungsverhalten zu verschärfen, wodurch die Sicherheit in der Region zunehmend untergraben wird.
Hintergrundbild: JL-1 air-launched ballistic missile, Screenshot aus einem Video von China News Service (中国新闻社, CNS), CC BY 4.0, via Wikimedia Commons (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/). Ohne Bearbeitung.